Spiel, Satz und Tor: Herr Arambasic, im DFB-Pokal geht es gegen 1899 Hoffenheim. Wir wissen, dass Sie die Auslosung im Klubhaus verfolgt haben – allerdings ohne Mannschaft. Was war denn da los?   

Kristian Arambasic (Trainer SG Aumund-Vegesack): (lacht) Die Mannschaft ist zu diesem Zeitpunkt auf Mallorca gewesen und saß während der Auslosung am Flughafen. Die Reise ist schon vor Monaten gebucht gewesen, da war noch gar nicht nicht abzusehen, dass wir den Landespokal gewinnen würden. Deshalb war die Mannschaft auf Mallorca und hat die Auslosung irgendwo zwischen Gate und Flugzeug per Live-Stream verfolgt (lacht).   

Wie hat die Mannschaft zwischen Gate und Flugzeug auf das Los reagiert?   

Das Problem in solchen Situationen ist, dass man sich natürlich immer das ganz große Los wünscht, wie Bayern München, Borussia Dortmund, Schalke 04 oder natürlich auch die Nordderbys gegen Werder Bremen oder den Hamburger SV. Wenn man dann Hoffenheim zugelost bekommt, denkt man auf der einen Seite, dass das sicherlich nicht unser Traumlos gewesen ist. Auf der anderen Seite denkt man zur gleichen Zeit aber auch, dass es dennoch auch ein Bundesligist ist, gegen den wir spielen dürfen.
Viele Spieler haben sich deshalb gefreut, einige waren aber auch etwas enttäuscht. Ein Spieler, Daniel Block, hat mit dem FC Oberneuland schon vor drei Jahren gegen Hoffenheim gespielt. Der hat sich natürlich nicht unbedingt nochmal den gleichen Gegner gewünscht.
Es waren im ersten Moment tatsächlich sehr gemischte Gefühle bei uns im Spiel.   

Rehden und Wilhelmshaven sind bei Ihnen in der Nähe. Die beiden Vereine haben mit München bzw. Dortmund den absoluten Jackpot zugelost bekommen. Schauen Sie da jetzt mit etwas Neid rüber?   

Ja, natürlich. Wir sind genau in der Mitte der beiden Vereine, kennen beide Klubs und haben auch schon gegen beide Mannschaften in Testspielen des Öfteren gespielt. Beim letzten Testspiel gegen Rehden habe ich auch mit deren Trainer gesprochen und ihm gesagt: „Mensch, was habt Ihr für ein Glück mit dem Traumlos Bayern.“ Aber so ist das. So ist Pokal, so ist eine Auslosung. Deshalb freuen wir uns trotzdem und sind mit einem Erstligisten hoch zufrieden.

Für den DFB-Pokal müssen Sie sich über den Landespokal qualifizieren. In diesem hat die Mannschaft den FC Oberneuland, den Favoriten schlechthin, geschlagen. Das war ein großer Sieg…

…ja das Stimmt…   

Kam der Pokalerfolg für den Verein völlig überraschend oder haben Sie diesen als Ziel ausgegeben?

Wir wollten so weit wie möglich kommen. Am Ende war die Auslosung so, dass wir von Runde zu Runde eine Leistungsteigerung gebraucht haben und diese auch abgerufen haben. Es passte einfach alles und war wie für uns gemalt. Dennoch waren wir im Finale krasser Außenseiter. Für Oberneuland ging es um die Existenz, es ging für sie um alles. Das war uns klar und das war natürlich auf denen klar. Vom Papier her hatten wir in dem Spiel keine Chance.
Wir haben Oberneuland schon gekannt, haben in den letzten Jahren immer wieder mal gegen sie spielen müssen. Vor zwei Jahren gab es die Begegnung schon einmal im Pokal und wir haben nach einem 1:1-Unentschieden erst im Elfmeterschießen verloren. Auch in der Liga haben wir zweimal sehr knapp mit 2:3 verloren. Es waren also immer sehr knappe Ergebnisse und deshalb haben wir uns vorgenommen, dass sie dieses Mal „fällig“ sind. Von zehn Spielen gewinnt man eines gegen Oberneuland – dass dieses Spiel genau an diesem 20. Mai war, war natürlich klasse.   

Nach dem Pokalsieg gab es ein sensationelles Bild: Sie standen vor der Meng mit einem Megaphon. Ein richtiges Feierbiest also, wie Louis van Gaal es zu sagen pflegte. Wie großen schätzen Sie die Chance ein, dass man auch nach dem Hoffenheim-Spiel Kristian Arambasic als Feierbiest erleben wird?   

(lacht) Ich würde sagen, die Chancen sind weit unter zehn Prozent. Wir sind ein Fünftligist aus Bremen. Die Liga wird auch gerne als „Straßenbahnliga“ bezeichnet, weil die Vereine alle nahe beieinander liegen. Finanziell haben wir so gut wie gar keinen Spielraum und bei uns gibt es nicht einen Spieler, der einen Amateurvertrag besitzt, geschweige denn Geld durch Fußball verdient. Es ist eigentlich unmöglich, dass wir Hoffenheim schlagen werden.
Wenn wir es dann doch irgendwie, mit ganz viel Glück, schaffen sollten, können wir uns alle eine Statur bauen und sagen: „Wir haben etwas Einzigartiges geschafft“. Die Chance ist natürlich sehr gering, aber das Spiel beginnt bei null zu null und Hoffenheim führt noch nicht mit fünf Toren. Wir werden versuchen, so lange wie möglich dagegenzuhalten und werden das Spiel genießen. Für uns ist das ein Festtag.   

Im letzten Jahr gab es das fast schon legendäre Pokalaus von Hoffenheim gegen den Berliner AK. Überlegt man sich als Trainer, beim BAK mal anzurufen und nachzufragen, wie man gegen Hoffenheim bestehen kann oder spielt das gar keine Rolle?   

Der Berliner AK war bei uns natürlich sofort ein Thema…in der Vereinskneipe. Da gibt es nur einen kleinen Unterschied zu unserem Verein. Berlin hat einen Etat von 400.000 Euro und wir einen von knapp 40.000 Euro. Wir haben also, rein von den Rahmenbedingungen, ungefähr ein Zehntel der Möglichkeit des Berliner AK. Der Vergleich zwischen den beiden Vereinen hinkt also sehr.
Den Trainer der Berliner habe ich nicht kontaktiert. Wir bereiten uns natürlich auf so ein Spiel vor, aber in diesem Fall ist nicht der Berliner AK mein Ansprechpartner. Ich habe meine Verbindungen, die ich in Bremen habe, genutzt und habe bei Werder Bremen angefragt, ob uns deren Scouts Videomaterial von den Spielen, bei denen Markus Gisdol Trainer ist, zur Verfügung stellen können. Die Spiele vor Gisdol sind irrelevant, weil er die komplette Mannschaft neu ausgerichtet hat.   

Wie sind die Kontakte zu Werder Bremen zu Stande gekommen?   

Ich selbst bin ein Trainer, der im Bremer Raum mittlerweile kein Unbekannter mehr ist. Aus diesem Grund habe ich zu Werder einen sehr guten Draht und kenne die Trainer und Scouts. Ich habe mich an Thomas Wolter, den Trainer der U23, gewandt und habe gefragt, ob Videos zu den letzten drei Spielen Hoffenheims vorhanden sind. Werder hat uns sofort unterstützt, das war gar kein Problem. So muss ich nicht extra nach Sinsheim fahren und mir Testspiele der Mannschaft anschauen, sondern wir können uns zu Hause vorbereiten    .

Es wird wahrscheinlich auch für Sie als Trainer ein ganz besonderes Spiel werden. Wie stellen Sie die Mannschaft auf das Spiel ein und worauf müssen Sie achten?

Wir werden auf das Spiel ähnlich hinarbeiten wie auf das gegen Oberneuland. Es wird viel im taktischen Bereich besprochen werden, womit man viel spielerische Qualität, die uns im Vergleich mit einem Bundesligisten einfach fehlt, wettmachen kann. 50% der Vorbereitung auf das Spiel wird daher über Taktik laufen und die anderen 50% sind Motivation.
In der Kabine wird es vor dem Spiel krachen, da wird richtig Alarm sein. Unsere Mannschaft lebt sehr von Emotionen. Ich habe Spieler vor dem Spiel gegen Oberneuland zum Weinen gebracht. Das war ein Kick. Danach wurde von Krieg auf dem Platz gesprochen und wir haben die Kurve bekommen. Es war ein Moment vor dem Spiel, den ich und meine Mannschaft auch nicht missen möchten. Auch die Halbzeit war ähnlich emotional nach der Führung und am Ende ist das Fass übergelaufen. So muss das gegen Hoffenheim im Idealfall dann auch sein.   

Halleluja. Was wird dann erst abgehen, wenn Sie Hoffenheim tatsächlich schlagen?   

(lacht) Ich kann da gar nicht dran denken. Es wird ähnlich sein wie gegen Oberneuland, als wir auch nicht gedacht haben, dass wir gewinnen. Deshalb war da auch die Freude so groß, deshalb habe ich mir auch das Megaphon geschnappt – das habe ich erst zum zweiten Mal in drei Jahren gemacht. Das erste Mal, als wir vor zwei Jahren Herbstmeister geworden sind. Was wird passieren, wenn wir gewinnen? Ich werde natürlich wieder das Megaphon nehmen und werde wieder nervös irgendetwas da reinbrüllen (lacht). Das wird ein Moment sein, den kann man ich mir jetzt noch gar nicht vorstellen.   

Das wird also auf jeden Fall eine Gaudi werden.
In der lokalen Tagespresse stand vor einiger Zeit, dass sogar Sie und ihre Spieler sich Tickets für das Spiel kaufen müssen. Warum denn das? Ist der Kartenandrang so groß?   

Wir haben uns darauf geeinigt, dass auch wir, sprich: unsere Familien, die Tickets kaufen müssen und nicht „geschenkt“ bekommen. Das ist aus unserer Sicht vernünftig, weil wir eben nur ein ganz kleiner Verein sind. Der Verein wird die Ticketpreise niedrig ansetzen, damit wirklich jeder Platz verkauft sein wird.   
Man muss bedenken, dass wir mit Werder Bremen einen großen Verein in der direkten Umgebung haben und es für die Menschen hier nicht so etwas Besonders ist, wenn 1899 Hoffenheim oder auch ein anderer Bundesligist in die Region zum Pokalspiel kommt. Deshalb haben wir es hier mit dem Ticketverkauf nicht ganz so leicht, wie in anderen Städten vielleicht und haben aus diesem Grund die Preise so abgesenkt und gesagt, dass wirklich jeder bezahlen muss. Da sind die Familien der Spieler eben auch eingeschlossen und sie werden für das Spiel bezahlen müssen, wie jeder andere Zuschauer auch.
Ein Großteil der Karten ist erst einmal in den freien Verkauf gegangen ist. Natürlich gibt es aber die eine oder andere Karte, die auch für uns geblockt wurde.
Wir werden die Hütte voll bekommen, was bestimmt auch damit zusammenhängt, dass wir uns in den letzten Jahren in Bremen einen guten Ruf und einen guten Namen erspielt haben. Beim Endspiel waren auch schon 2500 Zuschauer da, was für ein Pokalendspiel in Bremen ein Rekord war.   
Die 1200 Stehplatzkarten für das Hoffenheim-Spiel waren bereits nach wenigen Stunden vergriffen und ich kann sagen, dass das Stadion am 3. August ausverkauft sein wird. Auf „ebay“ gibt es sogar für das Spiel schon Schwarzmarktkarten zum doppelten Preis. Das ist zwar nicht gut, zeigt aber, was das Spiel für einen Stellenwert in der Region hat. Und wenn Leute bereit sind, für eine Stehplatzkarte anstatt 10 Euro 20 Euro zu zahlen, zeigt uns das auch, dass der Verein auf dem richtigen Weg ist. Der Boom um den Verein ist Wahnsinn.

Zu dem Boom dürfte sicherlich auch der Medienrummel beigetragen haben, der vor einem solchen Spiel fast zwangsläufig auftritt. Sie waren zum Beispiel schon bei Sky und in mehreren regionalen Radiosendern zu Gast. Kann man sich an einen solches Medieninteresse gewöhnen oder sagen Sie sich: „Einmal im Jahr reicht mir das vollkommen.“?   

Wir haben für dieses Spiel sehr hart gearbeitet und wollen mehr davon. Aus diesem Grund haben wir das bis jetzt absolut genossen und man träumt natürlich davon, dass man eine solche mediale Aufmerksamkeit Tag für Tag bekommt. Wir wissen aber auch, dass diese Aufmerksamkeit nach dem Spiel wieder zurückgehen wird und der Alltag einkehren wird. Wir werden wieder hart daran arbeiten müssen, um den Landespokal zu gewinnen und eben wieder in den DFB-Pokal einziehen werden. Das waren schon unglaubliche Wochen und schöne Momente mit dem Medienrummel und wir genießen im Moment jede Sekunde.   

Sie haben die nächste Saison schon ganz kurz angesprochen – wie läuft die bisherige Vorbereitung und was sind Ihre Ziele für die Liga und den Landespokal?   

Es läuft bisher sehr gut. Der Verein ist seiner Linie treu geblieben und wir haben nicht -, weil wir demnächst irgendwann vom DFB irgendeine Geldsumme bekommen werden – übermäßig viele neue Spieler geholt, sondern setzen auch weiterhin verstärkt auf die Jugend – junge Spieler, die kein Geld wollen, sondern sich einfach auf das Spiel, die Saison und die restliche Mannschaft freuen.   
Wir haben gegen zwei Regionalligisten (vierte Liga/d. Red.) gespielt – gegen den VfB Oldenburg spielen wir jedes Jahr, weil ich mit dem Verein freundschaftlich verbunden bin. Das Spiel ging 3:3 aus. Gegen Rehden, auch ein Regionalligist, haben wir nur ganz knapp 2:3 verloren. Für uns zwei tolle Ergebnisse, die die Entwicklung der Mannschaft bestätigt. Leider haben wir vom finanziellen Rahmen her wohl nicht die Möglichkeiten, uns in der vierten Liga langfristig etablieren zu können. Dennoch: In den letzten drei Jahren sind wir einmal Fünfter und zweimal Dritter geworden und von daher wollen wir in diesem Jahr endlich die Meisterschaft holen.   
Im Pokal haben wir uns vorgenommen, wieder eine gute Rolle zu spielen und mindestens bis ins Halbfinale zu kommen. Wenn wir dann im Halbfinale wären, wollen wir aber natürlich auch wieder ins Endspiel, den Pokal gewinnen und vielleicht ein Erlebnis, wie das gegen Hoffenheim wiederholen.   

Herr Arambasic, wie bedanken uns, dass Sie sich Zeit für uns genommen haben und wünschen Ihnen für das Spiel gegen Hoffenheim und gesamte Saison viel Erfolg. Vielen Dank für das Gespräch!


Die SG Aumund-Vegesack, 1892 gegründet, spielt in der Bremenliga. Seitdem Trainer Kristian Arambasic bei den Bremern vor drei Jahren die sportliche Leitung übernommen hat, entwickelte sich der Verein von einem Klub aus dem Ligamittelfeld zu einem Spitzenteam, das die letzte Saison auf dem dritten Rang beenden konnte.
In der letzten Saison gewann Aumund-Vegesack zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte den Bremen-Pokal. Im Finale setzte sich der Verein mit 4:0 gegen den Seriensieger FC Oberneuland durch, die zuvor fünf Mal in Serie den Pokal gewinnen konnten.
Im DFB-Pokal gastiert 1899 Hoffenheim in Bremen und jener Kristian Arambasic stand "Spiel, Satz und Tor" Rede und Antwort.