So war 2017

Was für ein Jahr – gut, so fängt im Grunde jeder Jahresrückblick an, deswegen verzichten wir auf Nostalgie und Folklore. Es war ein Fußballjahr wie jedes andere: verrückt, spaßig, emotional. Hier der etwas andere Jahresrückblick von Christoph Söller.

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Er beginnt einer ersten großen Fairnessdebatte im Februar. Dass Timo Werner (Foto) besser fliegt als jeder NH90-Heli der Bundeswehr, ist spätestens seit dem Spiel gegen Schalke im Dezember 2016 bekannt. Gegen Köln im Februar hebt er schon wieder ab. Red Bull verleiht Flügel. Natürlich kassiert der Arme wieder einen Shitstorm. Derweil bekommt Arjen Robben langsam Panik, in dieser Kategorie den Anschluss zu verlieren. Sein Vorsprung sollte aber noch groß genug sein.

 

Der März ist die Zeit der großen Aufholjagden. Dortmund ballert im Achtelfinale der Champions League Benfica Lissabon mit 4:0 aus dem Stadion. Doch eine andere Mannschaft stiehlt der Borussia die Show. Barcelona gewinnt mit 6:1 gegen Paris und feiert damit das größte Comeback seit Jesus‘ Auferstehung. „Unglaublich, lächerlich und historisch“, schreibt der Independent aus England. Herzliches Beileid allen, die diese magische Nacht nicht erlebt haben. Die Gazetta dello Sport ordnet das Ganze gewohnt sachlich ein: „Bis zum 8. März 2017 war der Fußball eine Sache, die jetzt veraltet ist. Die Grenze des Unmöglichen hat sich nach hinten verschoben. Am Rande des Abgrunds konnte einzig Barca ein solch episches Unternehmen gelingen."

 

Fast schon nebensächlich erscheint da das Alltagsgeschäft in der Bundesliga. Roger-ich-verzichte-auf-Abwehrarbeit-Schmidt wird in Leverkusen entlassen. Als Nachfolger kommt Erfolgsgarant Tayfun Korkut. Der Wechsel entpuppt sich als so wirksam wie Alexander Dobrindts PKW-Maut. Bayer verpasst das internationale Geschäft deutlich.

 

Eher schlecht als recht lief es in der vergangenen Saison auch beim FC Schalke, der ungefähr so viel Plan hatte wie die AfD – gar keinen. Das einzig konstante war, dass die Schalker nicht konstant waren. Die Fans bedankten sich aber dennoch, dass die Mannschaft ihr „auch in dieser Saison so zahlreich hinterhergereist ist.“ Schalkes Trainer Markus Weinzierl, vor der Saison beinahe heilig gesprochen, wird anschließend entlassen. Nach der gefühlt 1904. Trainerentlassung der Vereinsgeschichte entscheidet man sich – mal wieder – für einen völlig neuen Trainertypen. Domenico Tedesco, ehemalige Kreisligalegende vom ASV Aichwald, soll nach einem kurzen Intermezzo in Aue nun alles zum Besseren wenden. Aber weil man bei Schalke immer denkt, es ist Viertel vor Armageddon, darf man auch diesmal wieder gespannt sein, wie viele Runden im Trainerkarussell Tedesco überstehen wird.

 

Besser lief es bei Werder Bremen. Kaum zu glauben, aber an der Weser ging es – zumindest kurzfristig – bergauf. Gegen Ende der Saison scheint Europa plötzlich möglich für Werder. Trainer Nouri hätte nix dagegen, er sei "ja nicht die AfD". Superspruch. Hilft am Ende aber nicht. Werder verpasst die Europa League.

 

Für die hätte sich – obwohl schlechtestes Team der Rückrunde – tatsächlich noch Eintracht Frankfurt qualifizieren können – mit einem Sieg gegen DFB-Pokal-Dauerfinalteilnehmer Borussia Dortmund. Aber „ein typischer Dembélé“ (O-Ton von Sky-Kommentator Fritz von Thurn und Taxis) und ein Elfmeter von Aubameyang bringen Dortmund den Sieg. Und Watzke in Bedrängnis – feuert man tatsächlich den Pokalsiegertrainer Tuchel? Klar – Aki hat die Eier! Wenn konsequent, dann konsequent konsequent.

 

Viel wichtiger aber: Es war das letzte Spiel des alten Fritz, der sich bei seinen Zuschauern gebührend verabschiedet. Als Ersatz kommt Jörg Dahlmann. Sky hat den Fußball wohl tatsächlich nie geliebt.

 

Sonst noch was? Ach ja, Real Madrid verteidigt die Champions League. Mal eben so Geschichte geschrieben.

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"Ich habe nichts gegen Europa, ich bin ja nicht die AfD" - Werders (inzwischen ehemaliger) Trainer Alexander Nouri sorgt im Sommer mit mehreren verbalen Attacken auf die Alternative für Deutschland für klare Worte.

48 Stunden deutsche Ekstase

 

Sommerpause gab es nicht. Erstens war kein Sommer, zweitens keine Pause. Stattdessen U21-Europameisterschaft und Confederations Cup. Und Deutschland rasiert, aber so richtig! Das Ereignis des Jahres findet eigentlich schon vor dem Testturnier in Russland statt: Sandro Wagner wird Nationalspieler! Hoffenheims Elf-Tore-Angreifer glänzte wie sonst nur die Frisur von Sergio Ramos. Eine neue Liebe bahnte sich da zwischen Bundes-Jogi und dem Mann, der sich selbst für den besten deutschen Stürmer hält, an. Als solcher entpuppte sich dann aber Timo „The Bird“ Werner, der mit drei Toren den Goldenen Schuh gewann und damit Cristiano Ronaldo in den Schatten stellte.

 

Nur zwei Tage vor dem Confed-Cup-Triumph hatte der deutsche Nachwuchs sich im Duell gegen die Spanier die europäische U21-Trophäe gesichert, was die Marca wie folgt kommentierte: „Deutschland gewinnt immer, Deutschland regiert im Fußball. 48 Stunden deutsche Ekstase. Man darf gespannt sein, wer diese Mannschaft schlagen kann.“ Und Gary Lineker resümierte: „Titelgewinne für die deutsche U21 und das deutsche Nationalteam im Confed Cup. Aber im Cricket sind die Deutschen scheiße.“ Stimmt.

 

Ansonsten wird die Pause dominiert vom ganz großen Geld. Neymar wechselt im Sommer vom FC Barcelona nach Paris. Auf der Pressekonferenz das übliche Gerede. „Ich bin glücklich hier zu sein...“ Bla bla. Natürlich hat Neymar schon als Kind in PSG-Bettwäsche geschlafen. Rein sportliche Gründe, Geld hat bestimmt keine Rolle gespielt. Und Walter Ulbricht wollte nie eine Mauer bauen.

 

Tatsächlich aber stellt die Ablöse einen neuen Rekord dar: 222 Millionen! Dafür könnte man 34 Mal Sandro Wagner kaufen. Oder 89 Mal Marko Marin. Na dann... Neymar ist, anders als in Barcelona, in Paris der unumstrittene Held, schießt dort ein Tor nach dem anderen - aber er spielt jetzt eben in der fünfstärksten statt der besten Liga.

 

Natürlich erreichte der Transferwahnsinn kurz danach die Bundesliga. Barcelona lockte als Ersatz Ousmane Dembélé aus dem schönen Ruhrgebiet ans hässliche Mittelmeer. Aber nach seinem Streik und Dortmunds fulminantem Saisonstart wurde Dembélé in Dortmund in etwa so sehr vermisst wie Rainer Brüderle bei der FDP.

 

Im Herbst, genauer am 26. September, kam es dann zu der Bundesligasensation schlechthin. Der Hamburger Sportverein war genau ein Jahr lang ohne Trainerentlassung ausgekommen. Ruhe herrschte an der Elbe aber trotzdem nicht, weil Investor Kühne das Plaudern beginnt: „Der HSV ist ein Phänomen, weil die Luschen immer hier hängen bleiben.“ Der Mann hat Ahnung. Und will deshalb den Geldhahn zudrehen. Die etwa 60 Millionen Euro hätte der Unternehmer genauso gut in Schlecker, Air Berlin oder „Toys R Us“ stecken können. Später beschwerte sich Heribert Bruchhagen dann über negative Berichterstattung und Schadenfreude. Ähh… ja, warum auch nicht. Ist schließlich der HSV.

 

Roberts Rebellion

 

Es sollte das sportliche Highlight der noch jungen Champions-League-Saison werden. Das mit viel Geld aufgestockte Paris empfing den FC Bayern. Doch beim Blick auf die Aufstellung stellten sich alle die Frage, ob Kaugummi-Carlo das ernst meinte. Ribery, Robben, Boateng und Hummels auf der Bank – Cathy Hummels ist glatt der Soja-Latte aus der frisch manikürten Hand geflutscht. Natürlich ging es schief. 0:3 – Ancelotti war nur wenige Stunden danach entlassen. So früh in einer Saison hatten die Bayern noch keinen anderen Trainer gefeuert. Nicht Felix Magath, nicht Erich Ribbeck, nicht Mal Jürgen Klinsmann.

 

Dabei ging die Krise schon viel früher los. Robert Lewandowski begann zu rebellieren, seine Mitspieler hätten Schuld daran, dass er im Rennen der Torjäger nur hinter Pierre-Emerick Aubameyang gelandet war. Mimimi… Manuel-Neuer-Ersatz Seven Ullreich war ungefähr genauso zuverlässig wie der Videobeweis und dann beschwerten sich auch noch Thomas Müller, Franck Ribery und Hummels über alles und jeden, und weil auch Neu-Sportdirektor Hasan-ich-weiche-allen-Fragen-aus-Salihamizic sich nicht hinter den Trainer stellte, war die Sache klar. Aber wer von all den genannten ist jetzt eigentlich der Königsmörder?

 

Es übernahm Don Jupp und just wurde alles anders. Aus fünf Punkten Rückstand auf Dortmund wurden innerhalb weniger Wochen zwölf Punkte Vorsprung. Was allerdings auch mit schwächelnden Dortmundern zu tun hatte, die offensiv ungefähr so präzise war wie Franz Beckenbauer, wenn er sagen soll, was er alles unterschrieben hat. Defensiv wirkte Dortmund dagegen so solide wie die Finanzen von Boris Becker.

 

Also geschah das, was immer geschieht, wenn alles halbwegs normal läuft in der Bundesliga: Bayern ist Tabellenführer. Der oft geforderte Umbruch hat funktioniert. Der 65-jährige Hoeneß und der 62-jährige Rummenigge stellten den 72-jährigen Heynckes als Cheftrainer ein und holten anschließend den 75-jährigen Müller-Wohlfahrt als Mannschaftsarzt zurück. Nennt man wohl Pro-Aging.

 

Dafür ist die Schere zwischen Bayern und dem Zweitplatzierten wieder riesig. Um ehrlich zu sein: Von diesen Pfeifen, die sich Bundesligaklubs nennen, hätte sowieso keine den Platz an der Sonne verdient. Oder wie es Hoeneß wphl formulieren würde: „Für Eure scheiß Schere, da seid ihr doch dafür verantwortlich, und nicht wir!“

 

Das spektakulärste Spiel der Saison fand Ende November statt: Es war zweifellos das Derby zwischen Dortmund und Schalke. Da führst Du als Borussia Dortmund 4:0 gegen den Erzrivalen und verdaddelst den Vorsprung innerhalb einer Halbzeit. Da studiert man zehn Semester lang und fällst dann im Drittversuch bei der Bibliotheksführung durch – ungefähr so dürften sich die Dortmunder gefühlt haben. Thomas Tuchel kriegt sich nicht mehr ein vor Lachen.

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Einer ging, einer kam: Thomas Tuchel (links) wurde trotz anhaltenden Erfolgs in Dortmund entlassen, Jupp Heynckes wegen zuvor ausbleibenden Erfolgs in München eingestellt.

Videobeweis der anderen Art

 

Vorhang auf und Trommelwirbel: Der Preis für den unsympathischsten Klubrepräsentanten geht dieses Jahr an: Ralf Rangnick von RB Leipzig! Er Setzte sich knapp durch gegen Aki Watzke und Hasan Ismaik durch. Der Sportdirektor des mit Limonade-Millionen hochgespritzten Klubs wird in Wontorras neuem Fußballtalk von Spiegel-Journalist Rafael Buschmann ziemlich gegrillt. Seine Reaktion: dünnhäutig, arrogant und überheblich.

 

Damit aber noch nicht genug. In der Halbzeitpause des Pokalspiels zwischen den Bayern und Leipzig rannte Rangnick mit gezücktem Smartphone auf Schiedsrichter Felix Zwayer zu, um ihm eine umstrittene Szene nochmal zu zeigen. Damit machte er sich bei den Fußballfans ungefähr so beliebt wie Angela Merkel auf einer Pegida-Demo. Das nächste Mal sollte Salihamidzic einfach dazwischen grätschen. Für irgendwas muss Brazzo ja eingestellt worden sein.

 

Der WM-Skandal

 

Ja gut, äh, sicherlich…. Und dann wäre da noch der DFB-Skandal. Dass bei der Vergabe der WM 2006 alles mit rechten Dingen zuging, entpuppte sich bereits im vergangenen Jahr als Sommermärchen. Nun hatte man beim DFB gehofft, es wächst schnell Gras über die Sache. Ist aber nicht so… Was passierte mit den berühmten 6,7 Millionen Euro? Diese Summe zweigten sich die Verantwortlichen damals aus dem Weltmeisterschaftsetat ab und jetzt, elfeinhalb Jahre später, meldet sich der Fiskus und verlangt 19,2 Millionen Euro, die der DFB an Steuern nachzahlen soll. Der Verband hatte für eine Gala, die es nie gab, 6,7 Millionen Euro als Betriebsausgaben abgesetzt. Das ist DFB. Kannste Dir nicht ausdenken. Man kennt das ja: Da schaut man morgens auf den Kontostand und plötzlich sind 6,7 Millionen Euro weg. Das Kapital ist ein flüchtiges Reh…

 

Richtig gut lief es auch beim 1. FC Köln - nicht! Nach einer geilen Saison legen die Kölner den schlechtesten Saisonstart aller Zeiten hin. Schlechter als der HSV – ja, das geht. Wäre Anthony Modeste nicht verkauft worden, wäre vielleicht vieles anders gekommen. Wäre wäre Fahrradkette, oder wie auch immer… Nach dem Abgang von Sportdirektor Jörg Schmadtke ist die Stimmung in Köln in etwa so gut bei am Set von House of Cards. Peter Stögers Job war irgendwann so sicher wie Roman Bürki im Dortmunder Tor. Also entlässt man nicht nur den erfolgreichsten Sportdirektor, sondern auch – ach komm, was soll’s – den erfolgreichsten Trainer. Et hätt noch emmer joot jejange.

 

Stöger wechselte nach Dortmund, wo man nach acht sieglosen Spielen Peter Bosz entlassen hatte. Schrottwichteln auf der Trainerbank, mitten in der Weihnachtszeit. Andererseits: Stöger wird wohl nicht absteigen und überwintert in der Europa League – wer hätte das gedacht?

 

Es war auch ein bitteres Jahr für einige Nationalteams. Wer darf mit zur WM in Russland? Italien schon mal nicht! Die Alte-Herren-Mannschaft vom Mittelmeer ist diesmal nicht dabei. Aber wer in 180 Minuten kein Tor gegen Schweden schießen kann, hat es vermutlich auch nicht verdient.

 

Goot verdomme – auch Holland ist raus. Unsere Nachbarn im Westen waren in der Quali ungefähr so erfolgreich wie hierzulande die Sondierungsgespräche für Jamaika. Auch die USA haben es nicht geschafft. Trotzdem sind sie natürlich die besten. It’s true. They are the best. Believe me.

 

Dafür dürfen wir uns auf Senegal freuen, Ägypten, Island und Panama. Jetzt muss nur noch Russland ein guter Gastgeber werden. Die Voraussetzungen sind gut: die russischen Architekturkünste sind bekannt und Beckenbauer hat noch keine Sklaven auf den Baustellen gesehen.

 

Dank des Berichts der Fifa-Ethikkommission, dessen Veröffentlichung länger gedauert hat als der Bau der Elbphilharmonie und die Veröffentlichung von Wiz Khalifas „Rolling Papers 2“ zusammen, wissen wir wenigstens, dass die Fifa da keinen Mist gebaut hat. Demnächst spricht Kevin Spacey Harvey Weinstein frei. Und Alice Schwarzer verteidigt Uli Hoeneß. Wer so eine Kommission hat, braucht auch keine Ethik mehr...

 

Blöd nur, dass ausgerechnet jetzt, so kurz vor der Weltmeisterschaft, unangenehme Dopingvorwürfe gegen russische Fußballer laut werden… Die Fifa, bekanntlich die sauberste Institution der Welt, äußert sich einfach nicht zu dieser Problematik. Geile Taktik. Einfach mal die Schnauze halten – Was in der in der Situation von moralischem Verfall zeugt, sollten sich andere Mal zu Herzen nehmen.

 

Mehmet Scholl zum Beispiel, der kritisiert hatte, die Spieler könnten heute „18 Systeme rückwärts laufen und furzen.“ Stellt sich die Frage, wie viele Systeme Scholl kann. Der schimpfte dann über die Wolfs und Tedescos der Bundesliga. Blöd nur, dass ausgerechnet die momentan ziemlich erfolgreich sind. Was genau also meinte Nils Petersen nochmal mit der Verblödung im Fußballgeschäft? Denkt mal drüber nach. In diesem Sinne – Guten Rutsch!

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