Renaissance mit fremder Hilfe

Während sich die Ligen auf dem europäischen Festland zur Weihnachtszeit eine kurze Pause gönnen, fiebern die Fans in Großbritannien dem Boxing Day entgegen. Die englische Premier League erfährt derzeit eine lang ersehnte Renaissance. Sie profitiert vom Machern aus dem Ausland. Und von viel Geld. Von Christoph Söller.

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Borussia Dortmunds Sportdirektor Michael Zorc begann gerade die große Langeweile an der Bundesligaspitze zu erklären. Während Jörg Wontorras Fußballtalk auf Sky erklärte er, der Vorsprung der Bayern sei die logische Konsequenz der wirtschaftlichen Stärke. Er verwies auf einen Umsatz, der in München um 250 Millionen Euro höher sei als in Dortmund. In England dagegen gebe es vier bis fünf Vereine mit wirtschaftlicher „Waffengleichheit“ - deswegen sei der Titelkampf dort auch deutlich spannender. Mit dieser einfachen, aber treffsicheren Analyse hat Zorc zweifellos Recht, er übersieht dabei aber eine Tatsache, die zur Ehrenrettung der vermeintlich langweiligen Bundesliga beitragen könnte: nämlich dass auch in der Premier League derzeit eine Mannschaft mit elf Punkten Vorsprung die Liga dominiert. Pep Guardiolas Manchester City spielt derzeit losgelöst vom Rest und marschiert mit großen Schritten Richtung Meisterschaft.

 

Dennoch ist die englische Liga derzeit die interessanteste in Europa, weil sie eine sportliche Renaissance erlebt, die lange auf sich hat warten lassen. Sie lässt sich ablesen an den Resultaten in der Champions League, dem Wettbewerb, in dem sich die Topvereine aus den europäischen Ligen miteinander messen. Die beiden Manchester-Klubs City und United, der FC Liverpool, Chelsea London und die Tottenham Hotspur vertreten die Premier League und mit Ausnahme des FC Chelsea, der punktgleich mit Rom Zweiter in der Gruppe C wurde, schlossen die Vorrunde alle als Gruppensieger ab. Im Mutterland des Fußballs scheint die Liga zu einer Stärke zurückgefunden zu haben, die sie in den vergangenen Jahren verloren hatte.

 

„Drama dahoam“ als letztes Highlight

 

Vor über fünf Jahren, in München, schlug der FC Chelsea die Bayern im Champions-League-Finale trotz drückender bayerischer Überlegenheit und sicherte sich so den silbernen Henkelpott. Was als 'Drama dahoam' in die Münchner Vereinsgeschichte einging, war für den FC Chelsea der bis dato letzte große Auftritt in der Königsklasse. Seitdem hat es kein einziges Team aus England mehr in ein Champions-League-Halbfinale, geschweige denn in ein Endspiel geschafft. Dank astronomisch hoher Fernsehgelder sind die wirtschaftlichen Möglichkeiten riesig, und dennoch standen in den vergangenen fünf Jahren neben Real Madrid und dem FC Barcelona auch Vereine im Finale der Königsklasse, die finanziell schwächer sind als die englischen Topklubs, nämlich Bayern München, Juventus Turin, Borussia Dortmund und Atlético de Madrid. In der Uefa-Fünfjahreswertung rutschte die Premier League hinter die Bundesliga auf Rang drei ab. Und während man hierzulande die Stärke der Bundesliga feierte und schelmisch feststellte, dass Geld allein noch keinen Erfolg bringe, reagierten die Topklubs und der Ligaverband auf der Insel.

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Spieler des FC Chelsea feiern den Champions-League-Titel 2012.

Anders als in der Bundesliga müssen die meisten Premier-League-Vereine ihr Geld nicht selbst erwirtschaften, sie sind in den Händen privater Investoren aus dem Nahen Osten, Russland oder den Vereinigten Staaten. Der ohnehin schon sorglose Umgang mit Geld wurde durch eine im vergangenen Jahr getroffene Regelung nochmals befeuert. Für einen neuen Fernsehvertrag für die Inlandsvermarktung, gültig von 2016 bis 2019, zahlen Sky und BT Sport insgesamt 5,1 Milliarden Pfund – umgerechnet knapp sieben Milliarden Euro. Die finanziellen Spielräume sind gewaltig, sie ermöglichen den Vereinen Spielergehälter zu zahlen, wie sie in der Bundesliga schlichtweg nicht möglich sind. Prompt bekamen deutsche Mannschaften die britische Finanzstärke zu spüren. Von Borussia Dortmund wechselten Ilkay Gündogan (Manchester City) und Henrik Mkhitaryan (Manchester United) in die Premier League, Gladbach verlor Kapitän Granit Xhaka an den FC Arsenal, aus Hoffenheim wechselte Roberto Firmino nach Liverpool und Schalke musste Leory Sané nach Manchester ziehen lassen. In der kommenden Saison wird Leipzigs Naby Keita für Liverpool spielen. Der Anteil der Legionäre liegt bei den fünf Champions-League-Teilnehmern bei über 70 Prozent, bei Arsenal, das dieses Jahr nur in der Europa League vertreten ist, sogar bei über 90 Prozent. Die Premier League begriff sich selbst gerne als „stärkste Liga der Welt“, wie es Ligachef Richard Scudamore ausdrückte. Er sah dabei über das mickrige Abschneiden der englischen Klubs in der Champions League und die spanische Dominanz großzügig hinweg.

 

Ausländisches Wissen zeigt Wirkung

 

In dieser Saison aber sind es gerade die englischen Vereine, die international für Furore sorgen. Denn sie kaufen sich inzwischen nicht nur Spieler aus dem Ausland, sondern auch Expertenwissen ein. Die Trainer aus dem Ausland prägen den Fußball auf der Insel, der lange als physisch stark, taktisch und technisch aber als defizitär galt.

 

Eindrucksvoll stellt das Manchester City unter Beweis. Dort scheint sich Pep Guardiolas anspruchsvolle, aber erfolgreiche Philosophie vom dominanten Fußball zu etablieren. Zum ersten Mal in seiner Trainerkarriere war der Katalane vergangene Saison ohne Titel geblieben. "Bei einem großen Klub wäre ich entlassen worden, ich wäre weg gewesen. Bestimmt!", sagte Guardiola und versprach, es besser zu machen. Bislang hält er Wort. Vergangene Woche schaffte sein Team den 15. Sieg in Folge. Damit hält er jetzt die längsten Siegesserien in den drei stärksten Ligen Europas. Der ehemalige Barca- und Bayerntrainer durfte sich, gespeist mit Fernsehgeldern und großzügigen Zuwendungen aus Abu Dhabi, eine Mannschaft nach seinem Gusto zusammenstellen. Ergebnis: 17 von 18 Spielen gewonnen, souveräner Tabellenführer, in der Transferbilanz steht ein Minus von 155 Millionen Euro. Txiki Begiristain ist der verantwortliche Manager bei City, er ist ein alter Weggefährte Guardioals. Die beiden kennen sich aus gemeinsamen Zeiten beim FC Barcelona, Begiristain lässt seinen Freund fast uneingeschränkt schalten und walten.

 

Doch nicht nur Guardiola in Manchester, auch Jürgen Klopp hinterlässt seine Spuren beim FC Liverpool. Seit zwei Jahren ist der ehemalige Dortmund-Trainer nun an der Anfiel Road, doch er ist weit mehr als nur Trainer. Klopp fungiert als Botschafter, Sympathieträger, Menschenfänger. Er führte Liverpool zurück in die Champions League und lässt einen Fußball spielen, der stark an die erfolgreichen Dortmunder Jahre erinnert. Auch der aktuelle Meister, der FC Chelsea, wird von einem Ausländer, dem Italiener Antonio Conte, trainiert, und nach zuletzt turbulenten Jahren ist nicht nur sportlicher Erfolg, sondern auch Emotionalität und Kontinuität zurückgekehrt an die Stamford Bridge. Sie alle trainierten vor nicht allzu langer Zeit noch in Deutschland oder Italien und auch andere Klubs profitieren von ausländischem Inputs (Tottenham: Mauricio Pochettino, Manchester United: Jose Mourinho, Huddersfield: David Wagner). Erst kürzlich sicherte sich der FC Arsenal die Dienste von Sven Mislintat, bislang Chefscout von Borussia Dortmund. Er hatte unter anderem Ousmane Dembélé und Pierre-Emerick Aubameyang ins Ruhrgebiet geholt, wo er ehrfurchtsvoll Diamantenauge genannt wird. In London bekommt Mislintat eine eigene Scoutingabteilung anvertraut. Wichtiges Know-How in einem hart umkämpften Markt.

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Importschlager: José Mourinho (Manchester United/im Hintergrund) und Jürgen Klopp (FC Liverpool) stehen symbolisch für die zahlreichen ausländischen Trainer in der Premier League.

Der aktuelle englische Klimawandel führt beeindruckend vor Augen, wie rasend schnell sich die Zeiten im hektischen Fußballgeschäft ändern können. Denn dieses Jahr sind es die deutschen Klubs (mit Ausnahme des FC Bayern), die international erschreckend schwach abschneidenen. Seit Wochen wird kontrovers diskutiert, wie stark die Bundesliga wirklich ist. Ihren zweiten Platz im Uefa-Ranking hat sie inzwischen wieder an die Premier League verloren.

 

Der Boxing Day

 

Die genießt in diesen Tagen weltweite mediale Aufmerksamkeit, denn der Boxing Day steht an. Während auf dem Festland das Flutlicht aus bleibt, warten in Großbritannien alle auf den legendären Spieltag am zweiten Weihnachtsfeiertag. Der Boxing Day, wörtlich übersetzt „Geschenkschachteltag“, ist ein alter Brauch auf der Insel, früher erhielten die Bediensteten von ihren Herren an diesem Tag Geschenke aus der „Christmas Box“, daher der Name.

 

Um 13.30 Uhr empfängt Tottenham den FC Southampton, doch das Highlight ist die traditionelle, sechs Spiele umfassende Konferenz am Nachmittag. Danach tritt Liverpool noch gegen das stark abstiegsbedrohte Swansea an. Für den Schwaben Klopp eine besondere Situation: „Wenn an Weihnachten dein normales privates Umfeld komplett runter kommt und keiner mehr auf Wettkampf gebürstet ist, nur du selber sagst: Freunde, ich hab keinen Kopf dafür, unterm Mistelzweig zu küssen oder sonst irgendwas, dann ist das natürlich auch eine Herausforderung.“ Er sei aber nicht nach England gekommen, um an dieser alten Tradition irgendetwas zu ändern. Könnte er auch gar nicht, denn die Begeisterung ist riesig, die Stadien sind seit langem ausverkauft. Die Schwarzmarktpreise steigen exorbitant an, weil Tausende von asiatischen Fans nach London reisen, um ein Spiel vor Ort zu verfolgen. Ein Ergebnis der erfolgreichen Auslandsvermarktung, unter dem die heimischen Fans zu leiden haben.

 

Fans wenden sich ab

 

Überhaupt ist das Verhältnis zwischen dem Produkt Premier League und den Zuschauern nicht zum Besten bestellt. Zwar liegt die Auslastung der Stadien ähnlich wie in der Bundesliga bei über 90 Prozent, doch die Ticketpreise sind, gerade für junge Leute, kaum bezahlbar. Eine Studie der BBC offenbart, dass im Schnitt die Fans für ein Saisonticket der billigsten Kategorie, sprich für die schlechteste Sicht im Stadion, 631 Euro zahlen müssen. Beim aktuellen Tabellenführer Manchester City kostet eine Karte für ein normales Premier-League-Spiel auf der Gegengerade 230 Euro, beim FC Arsenal sind die Preise sogar noch höher.

 

Viele wenden sich also ab vom Stadion, hin zu umliegenden Bars und Pubs und verfolgen die Partien vor dem Fernseher. Die britische Middle- und Upper Class und die vielen Touristen im Stadion sorgen aber nicht für gute Stimmung, sie wollen in aller erster Linie unterhalten werden. Die Gentrifizierung auf den Tribünen bringt zwar Mehreinnahmen bei den Vereinen, sorgt aber für Verdruss bei der Bevölkerung. Selbst Guardiola beklagte schon, es gäbe nicht den „massiven Druck von den Rängen“ wie er ihn aus Spanien und Deutschland kenne.

 

Der Boxing Day könnte eine willkommene, stimmungsvolle Ausnahme sein, ansonsten aber ist Fußball in England längst nicht mehr der Sport der kleinen Leute. Die Premier League mag in ihrer Fernsehvermarktung Vorbild für alle sein, doch den Bezug zur Basis hat sie verloren. Die sportliche Renaissance können die wenigsten vor Ort erleben.

 

Derzeit mag der deutsche Fußball im internationalen Vergleich schwächeln, die Premier League, so scheint es, zieht davon. Aber was Tickets, Stadien, Stimmung und Fannähe angeht, bleibt die Bundesliga das Maß der Dinge.