Fußball ist beliebter als Tischtennis

Kevin Stotz war mit erst 27 Jahren bereits knapp eineinhalb Jahren Ko-Trainer von Felix Magath - in China. Mit uns unterhielt er sich über diese Zeit, seinen Cheftrainer und über Kritik am Trainerausbildungssystem des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Aus Heidelberg berichten Markus Schulze und Sebastian Koch.

Spiel, Satz und Tor: Herr Stotz, Sie sind vor 27 Jahren im badischen Eppelheim geboren, eine Gemeinde mit knapp 15.000 Einwohnern. Bis vor wenigen Wochen waren Sie beim chinesischen Erstligisten Shandong Luneng Ko-Trainer unter Felix Magath. Wie kommt man aus dem beschaulichen Eppelheim ins große China?

 

Kevin Stotz (27): Das ist doch der logische Schritt. (lacht). Nein, im Ernst. Das ist eine längere Geschichte. Eppelheim ist meine Heimatstadt. Dort habe ich bis zu meinem 15. Lebensjahr selbst und danach auch in der Jugendabteilung vom SV Sandhausen fußballgespielt. Allerdings haben mich in dieser Zeit auch immer wieder Verletzungen geplagt. Vom Kopf her war ich zwar immer professionell eingestellt, aber irgendwann befand ich mich nur noch auf einem Durchschnittsniveau. Das hat mich nicht zufriedengestellt. Irgendwann hatte ich die Möglichkeit bei der TSG 1899 Hoffenheim einzusteigen.

 

SSUT: Was haben Sie dort gemacht?

 

K.S.: Ich habe dort bei den Profis im Bereich Scouting und Videoanalyse angefangen. Aber ich habe schnell gemerkt, dass ich eigentlich auf den Platz zurückwollte. Da kam mir die Möglichkeit, eine Nachwuchsmannschaft zu trainieren sehr entgegen. In der Zwischenzeit hatte ich Felix kennengelernt und es war relativ schnell klar, dass wir beide zukünftig zusammenarbeiten wollen. Als er beim FC Fulham tätig war, habe ich für mehrere Wochen bei ihm hospitiert und ihn etwas näher kennengelernt. Nach seinem Engagement in England hat es allerdings noch knapp zwei Jahre gedauert, bis Felix einen neuen Job hatte.

 

SSUT: Zwei Jahre sind eine lange Zeit – wie haben Sie diese überbrückt?

 

K.S.: Christian Nerlinger hat sich in diesem Zeitraum selbstständig gemacht und eine Spielerberateragentur eröffnet. Mit ihm habe ich anderthalb Jahre zusammengearbeitet und ihm beim Aufbau seiner Firma unterstützt. Unter anderem habe ich Sebastian Rudy zu ihm vermittelt, der ja heute beim FC Bayern spielt. Das war auf jeden Fall eine gute Erfahrung für mich. Ich hatte quasi alles gesehen: Profibereich, Nachwuchsbereich oder auch die Aufgaben im Hintergrund. Irgendwann kam dann der Anruf der Felix und ich erfuhr von seiner Aufgabe in China. Mit ihm wäre ich wahrscheinlich überall hingegangen.

SSUT: Wie fielen die Reaktionen im Familien – und Freundeskreis aus?

 

K.S.: Ich habe den Job in China erst einmal eine lange Zeit für mich behalten. Auch meinen Eltern habe ich erst zwei, drei Tage vor der offiziellen Bekanntgabe Bescheid geben. Aber sie und viele andere Menschen aus meinem Umfeld haben sich über die Möglichkeit gefreut. Natürlich kommt der Faktor „räumliche Distanz“ dazu, der besonders bei meiner Familie eine Rolle gespielt hat. Aber alles in allem waren es eigentlich nur positive Reaktionen. Es ist wohl ziemlich einmalig, dass man als so junger Mensch mit so einem Trainer auf diesem Niveau zusammenarbeiten darf.

 

SSUT: Hatten Sie Bedenken?

 

K.S.: Ich komme aus dem Raum Heidelberg und habe hier 25 Jahre meines Lebens verbracht. Da geht es das erste Mal weg von zu Hause und dann gleich nach China. Das ist natürlich schon ein großer Schritt. In China ist alles größer mit komplett anderen Dimensionen. Mir wurde im Vorfeld gesagt, dass die Chinesen wenig bis kaum Englisch sprechen würden. Dies ist auch wirklich der Fall. Das hat es auf und neben dem Platz schwieriger gemacht. Man musste quasi immer mit einem Dolmetscher arbeiten. Für Felix und mich war das schon ungewohnt.

 

SSUT: Wie sieht es dann mit sozialen Kontakten außerhalb des Fußballs aus?

 

K.S.: Das ist natürlich auch schwierig. Über 90 Prozent der Zeit war man als Team innerhalb des Klubgeländes unterwegs. Auch außerhalb hat man immer mit den gleichen Menschen zu tun gehabt. Glücklicherweise hat unser Dolmetscher in Mannheim studiert und war zudem auch noch sehr jung. Mit ihm habe ich mich gut verstanden. Aber ansonsten war es natürlich schwierig, andere Menschen kennenzulernen.

 

SSUT: Insgesamt waren Sie knapp 18 Monate in China. Wie fällt das sportliche Fazit dieser Zeit aus?

 

K.S.: Es war für mich der absolut richtige Schritt. Nur wenige Menschen können behaupten, so jung in einem solchen Bereich gearbeitet zu haben. Als wir damals angekommen sind, befand sich der Verein auf dem letzten Tabellenplatz. Wir haben dann eine starke Rückrunde gespielt, den Klassenerhalt geschafft und in der Champions League das Viertelfinale erreicht. Das war natürlich sensationell. Meine erste Trainerstation im Trainerbereich und dann auch gleich in der Champions League. Auch wenn es nur die asiatische Ausgabe war, ist das schon etwas sehr Besonderes. Im ersten Jahr haben Felix und ich quasi alles alleine gemacht, was ich auch besser so fand. In der darauffolgenden Saison wurde das Trainerteam dann größer. Wir waren über einen langen Zeitraum unter den ersten drei Mannschaften der Liga. Fünf Spieltage vor Saisonende haben Felix und ich dann unsere Zusammenarbeit beendet. Das Team hat leider noch die Champions-League-Qualifikation verspielt. Aber alles in allem habe ich anderthalb Jahre mit Felix Magath zusammengearbeitet, was eine riesige Erfahrung für mich gewesen ist. Dazu habe ich auch noch internationale Spitzenspieler wie Graziano Pellè oder Papiss Demba Cissé trainiert.

 

SSUT: Bei all den Aufgaben im Verein, bekommt man da eigentlich noch etwas von Land und Leute mit?

 

K.S.: Wir haben in China ja auch Länderspielpausen. Diese habe ich genutzt, um in Asien ein bisschen etwas zu sehen. So habe ich viele Länder und auch andere Kulturen kennengelernt. Das waren auch immer schöne Erlebnisse. Aber irgendwie ist man auch froh, endlich wieder zu Hause zu sein.

 

SSUT: Was genau waren denn Ihre Aufgaben unter der Leitung von Felix Magath?

 

K.S.: Im ersten Jahr habe ich ziemlich viel machen dürfen. Wir mussten zu Beginn erst einmal Strukturen in den Verein bringen und viel Organisationsarbeit leisten. Dazu kommen natürlich noch typische Co-Trainer-Aufgaben. Ich habe mich viel um die Trainingsarbeit, Videoanalyse aber auch um den athletischen Bereich gekümmert. Also so ziemlich alles, was man sich vorstellen kann.

 

SSUT: Was haben Sie persönlich von Felix Magath lernen können?

 

K.S.: Einer der größten Stärken von Felix ist das Einschätzen von Spielern. Er weiß Bescheid über die Stärken und Schwächen seiner Schützlinge. So gelingt es ihm, immer jemanden aus dem Hut zu zaubern, den man eigentlich nicht auf der Rechnung hatte. Bestes Beispiel aus der vergangenen Saison. Da hat er einen Spieler eingewechselt, der in seinem ganzen Laufbahn noch kein Tor in der Liga erzielt hatte. Letztendlich hat er in seinem ersten Spiel einen Doppelpack erzielt. Da muss man einfach ein Näschen dafür haben. Das kann man nicht lernen. Man lernt aber jeden Tag alleine durch die ganzen Gespräche beziehungsweise Abläufe immer etwas dazu. Da konnte ich schon einiges mitnehmen.

 

SSUT: Welche weiteren Trainer haben Sie bereits in Ihrer noch jungen Laufbahn kennengelernt?

 

K.S.: Vor kurzem war ich in Nürnberg und habe da bisschen zugeschaut. Dazu war ich vor drei Jahren bei Hertha BSC und habe dort bei Trainer Pal Dardai hospitiert. Auch er ist ein richtig harter Trainer, der seine Spieler richtig rannimmt. Obwohl Pal auch noch zur jungen Trainergeneration gehört, unterscheidet sich sein Training nicht so groß von dem von Felix. Über ihn wird ja immer gesagt, dass er bereits zur alten Schule gehöre, was ich übertrieben finde.

SSUT: Gibt es ein besonderes Erlebnis aus Ihrer Zeit in China, an das Sie sich gerne zurückerinnern?

 

K.S.: Es gibt eine Geschichte, an die ich mich sehr gerne zurückerinnere. (lacht) Felix hat für diese Saison eine Laufbahn auf dem Vereinsgelände errichten lassen. Diese war allerdings nicht eben, sondern hatte teilweise schöne Steigungen zu bieten. Das Schöne oder eben auch nicht so Schöne bei Felix ist, dass weder Spieler noch sein eigenes Trainerteam wissen, was als Nächstes kommt. (lacht) Irgendwann gab es dann einen Lauf auf besagter Bahn. Ich lief vorne weg und der Rest des Teams hinterher. Wir sind einige Zeit unterwegs gewesen und ich wusste nicht, wie lange das noch gehen würde. Nach 39 Minuten habe ich mal auf meine Uhr geschaut. Es war richtig anstrengend, die Zeiten haben sich dennoch noch auf einem guten Niveau bewegt. Felix stand draußen und ruft mir dann zu: „Kevin, das meiste hast du jetzt geschafft.“ (lacht) Da überlegt man sich schon, ob jetzt noch weitere vierzig Minuten anstehen.

 

SSUT: Wir würden Sie das sportliche Niveau in China einschätzen?

 

K.S.: Das werde ich natürlich oft gefragt. Es ist schwer zu vergleichen. Aber wenn man hier in der Heimat wieder ein paar Spiele gesehen hat, muss man zugeben, dass in Deutschland ein ganz anderes Tempo herrscht. Natürlich muss man differenzieren. In China sind viele internationale Topstars aktiv, die in der Bundesliga spielen könnten beziehungsweise das auch schon getan haben. Die chinesischen Nationalspieler könnten vielleicht noch in der Zweiten Bundesliga mithalten. Aber sie sind auch eher die Ausnahme. Den Großteil der einheimischen Spieler könnte man in der dritte oder vierte Liga ansiedeln. Das ist hart, aber durchaus eine realistische Einschätzung. Wenn man sieht, dass die U20 schon seit längerer Zeit gegen deutsche Regionalligamannschaften spielt und teilweise sieben Tore kassiert, sagt das schon einiges aus.

 

SSUT: Wie sehen die Strukturen in China aus – auch was die Trainingsbedingungen angeht?

 

K.S.: Ich kann da jetzt nur für unseren Verein sprechen. Das Trainingsgelände war unglaublich. Wir hatten sieben Plätze, ein eigenes Fitnessstudio mit Schwimmbad und dazu noch die modernsten medizinischen Geräte. Das kenne ich so nicht einmal aus Hoffenheim. Allerdings muss man sagen, dass zum Zeitpunkt unserer Ankunft die meisten Geräte zum größten Teil unbenutzt dastanden. Wir mussten den Chinesen beibringen, wie und wann man diese benutzt.

 

SSUT: Welche Rolle spielt die Politik im Sport?

 

K.S.: Es ist ja allseits bekannt, dass der Staatschef Xi Jinping ein großer Fußballfan ist. Daher wird viel in diesen Sport investiert und man hat durchaus große Ziele. Es wurde ja gesagt, dass man 2030 gerne Weltmeister werden möchte. Das ist absolutes Wunschdenken. China ist zwar ein großes Land mit viel Potential, aber so eine Entwicklung klappt nicht von heute auf morgen. So etwas braucht Zeit. Die Ziele dort sind groß, aber man muss sich ja nur die aktuelle Weltmeisterschaftsqualifikation anschauen, in der China mal wieder gescheitert ist. Man setzt sich nicht mal gegen die asiatischen Mannschaften durch. Aber auf der anderen Seite möchte man gleich Weltmeister werden. Das ist ziemlich utopisch. Es wird wichtig sein, dass man zukünftig mehr in den Nachwuchsbereich investiert. Das ist einfach die Basis.

 

SSUT: Stichwort Nachwuchs – wie sieht dort aktuell die Arbeit aus? Investiert man in diesen Bereich oder geht das ganz Geld nur an die Profis?

 

K.S.: Man kann durchaus sagen, dass sich etwas bewegt. Unsere Nachwuchsakademie kann man quasi als eigene Stadt bezeichnen. Si ist extrem groß. Allein die Akademie hat über zwanzig Fußballplätze gehabt. Da waren Schulen, Restaurants, Krankenhäuser und noch mehr dabei. Bei uns waren zudem zwei, drei internationale Trainer im Nachwuchsbereich angestellt, unter anderem aus Portugal. Aber ich kenne auch den technischen Direktor aus Shanghai, einer der Top-Vereine in China. Er hat mir gesagt, dass man dort im Nachwuchsbereich nur auf einheimische Kräfte setzt. Das sei von ganz oben vorgegeben. Das bestätigt auch meinen Eindruck. Man möchte schon Erfahrungen von internationalen Trainern sammeln, aber letztendlich wollen die Chinesen ihren Daumen am Ende immer drauf haben.

 

SSUT: Man lässt sich also wenig reinreden?

 

K.S.: Man will sich schon etwas abschauen, aber die Chinesen sind dann schnell der Meinung, dass sie bereits alles wissen. Das ist eigentlich unerklärlich – auch in Sachen Spielertransfers. Wir haben Wünsche an die Verantwortlichen gerichtet, aber letztendlich haben wir die Spieler bekommen, die die Chinesen gewollt haben. Und ich kenne niemanden aus China, der mehr Ahnung hat als Felix Magath. Das macht die Arbeit für Ausländer natürlich nochmal etwas schwieriger.

 

SSUT: Welche Rolle spielt denn der Fußball in Chinas Gesellschaft?

 

K.S.: Fußball ist in China Nationalsport Nummer eins. Das habe ich so auch nicht gewusst - sogar vor Tischtennis. Das hat mich auch sehr überrascht. Die Fans unseres Vereins sind auch absolut fußballverrückt. Als wir damals gekommen sind, hatte der Klub einen Zuschauerschnitt von etwa 20.000 Fans pro Spiel. Der hat sich aber nochmal deutlich gesteigert. In der vergangenen Spielzeit sind durchschnittlich 35.000 Menschen ins Stadion gekommen. Auch die Spieler genießen im Land einen besonderen Status. Sind sind eigentlich überall bekannt und die Fans wollen Selfies und Autogramme. Natürlich spielt da auch der chinesische Staatschef eine große Rolle. Aber die Kinder geraten jetzt bereits deutlich früher mit dem Sport in Berührung. Man geht mehr an die Schulen und bietet dort Fußball-AGs an.

 

SSUT: Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen dem Fußball in China und dem in Deutschland?

 

K.S.: Es stehen elf Mann auf dem Platz. (lacht) Nein, das ist schwierig zu beantworten. Ich würde da eher mehr Unterschiede sehen.

 

SSUT: Wo liegen denn die größten Unterschiede?

 

K.S.: Wenn man einen chinesischen Spieler neben einen internationalen Akteur stellt, sieht man sofort, dass es vor allem im körperlichen Bereich sehr große Defizite gibt. Da können die Chinesen gar nichts dafür, weil es einfach genetisch bedingt ist. Aber man kann schon sehen, dass sie da ordentlich hinterhinken. Ebenso im Bereich Kondition, der ja ein großer Ansatz von Felix Magath ist. Da kann man einiges erreichen, was man auch an den Analysen der Laufwerte feststellen kann. Im Vergleich zu den Laufwerten der Bundesliga ist da noch ordentlich Luft nach oben. Da ist ein Punkt, an den wir angesetzt haben und es freut uns sehr, dass wir da nachweisbar Fortschritte erreicht haben.

 

SSUT: In ihrer Mannschaft waren unter anderem internationale Spieler wie Graziano Pellè, Gil oder Papiss Demba Cissé, die vom großen Geld nach China gelockt worden sind. Wie groß ist für diese die Umstellung gewesen?

 

K.S.: Es ist auf jeden Fall nicht einfach gewesen. Unser Ort ist zwar eine Millionenstadt, bietet aber für junge Leute aus dem Ausland sehr wenig. Das Geld hat natürlich gelockt, aber ich würde jetzt nicht sagen, dass sie sich absolut wohl fühlen. Hätten Sie die Wahl gehabt, wären sie wahrscheinlich auch viel lieber in Shanghai gelandet.

 

SSUT: Wie geht es für Sie weiter?

 

K.S.: Leider hänge ich mit meinen Trainerlizenzen noch etwas hinterher. Aktuell besitze ich die B-Lizenz und da ich ja die vergangenen Monate größtenteils in China verbracht habe, konnte ich erstmal keinen weiteren Trainerschein erwerben. Da finde ich es schade, dass man seitens des DFB sehr wenig Unterstützung erhält, um sich weiterzubilden. Ich war im letzten Jahr für eine längere Zeit in Deutschland, aber es war nicht möglich, einen Lehrgang zu besuchen. Es zieht sich so alles in die Länge. Ich habe inzwischen einen Termin für den November 2018 bekommen. Aber natürlich möchte ich jetzt so lange wie möglich auf höchstem Niveau weiterarbeiten und meine Lizenzen machen. Ich will auf jeden Fall im Profibereich arbeiten. Einen Cheftrainerposten kann ich mir auch vorstellen, muss aber nicht unbedingt sein.

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