Watzke hat sich Schlamassel selbst zuzuschreiben

Dortmunds Geschäftsführer Hans Joachim Watzke wird eine Rechtfertigungsstrategie brauchen. Tuchels Entlassung machen ihm spätestens jetzt viele zum Vorwurf. Erst recht nach diesem Derby. Von Christoph Söller

 

Foto: By Валерий Дед - Ballspiel-Verein Borussia 1909 e. V. Dortmund, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=54251130

Minutenlang hallten die Gesänge durch das Dortmunder Stadion. Die Südtribüne feierte lautstark sich und ihre Mannschaft. Die Spieler in schwarz-gelb marschierten entkräftet aber stolz zu ihren treuen Fans und blickten in ein spektakuläres Fahnenmeer. Die Borussia hatte in einer fulminanten zweiten Hälfte einen Drei-Tore-Rückstand aufgeholt und am Ende ein Unentschieden erkämpft, das sich wie ein Sieg anfühlte. Es ist der 14. September 2008, der vierte Spieltag einer noch jungen Saison. Neven Subotic und Alexander Frei sind die gefeierten Torschützen auf Seiten des BVB.  Jürgen Klopp ist erst seit wenigen Wochen im Amt. Es ist die fulminante Initialzündung einer Liebesbeziehung, die sieben Jahre lang Bestand haben wird. In der Rückschau ist dieses 3:3 im Derby gegen den FC Schalke neben dem Malaga-Spiel in der Champions League und dem 5:2 im Pokalfinale gegen die Bayern das sportliche und emotionale Highlight der Klopp-Ära.

 

Heute, neun Jahre später, gab es im Revierderby wieder eine spektakuläre Aufholjagd. Wieder in Dortmund, diesmal wurden sogar vier Tore aufgeholt, doch das Spektakel gelang den Schalkern und die Dortmunder sind die Leidtragenden. Die Parallelen zwischen diesen Derbys sind offensichtlich. Damals wie heute standen bei beiden Vereinen neue Trainer an den Seitenlinien. 2008 wurde die Schalker Mannschaft von einem Holländer gecoacht, Fred Rutten, er wird noch in der selben Saison wegen anhaltender Erfolglosigkeit entlassen. Die Dortmunder, das ist bekannt, haben mit Klopp einen jungen, ehrgeizigen Trainer, der ihnen zu einer ungeahnten Renaissance verhelfen wird. 2017 ist es genau anders herum. Mit Domenico Tedesco scheinen die Schalker – endlich – den richtigen Trainer gefunden zu haben. In Dortmund allerdings fragen sich inzwischen viele, ob der Holländer Peter Bosz tatsächlich der richtige Mann ist.

 



"Das darf nicht passieren"


BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke ist ein großes Risiko eingegangen. Die Entlassung des zwar charakterlich schwierigen, aber sportlich erfolgreichen Thomas Tuchel schien anfangs die richtige Entscheidung gewesen zu sein. Die Borussia begann spektakulär, Bosz‘ Spielidee schien den kloppschen Angriffsfußball und das von Tuchel etablierte Ballbesitzspiel perfekt zu vereinen. Doch das neue System wurde schnell entschlüsselt, seit Wochen ist der BVB sieglos, sowohl in der Liga als auch in der Champions League. Dabei sind nicht nur die Ergebnisse besorgniserregend, sondern auch die Art und Weise, wie die Spiele aus der Hand gegeben werden.

 

 

Das Derby gegen den FC Schalke steht sinnbildblich für den bisherigen Dortmunder Saisonverlauf. Einer torreichen, formidablen Anfangsphase folgte ein unerklärlicher Absturz. Die erste Hälfte erlebten die Dortmunder Fans wie im Rausch – spielerisch, läuferisch, kämpferisch passte eins zum anderen. Ein Derby als Wende – es hätte so schön sein können. Doch nach dem Rausch kam der Kater. In der zweiten Halbzeit sahen die 80.000 im Dortmunder Stadion zwei völlig andere Mannschaften. Die Borussia verspielte einen Vier-Tore-Vorsprung und offenbarte somit ihr ganzes Dilemma. Seit Oktober gelingt dieser verunsicherten Mannschaft spielerisch wie moralisch nichts mehr. Zur Freude der Schalker, denn deren Aufholjagd wird in die Vereinsgeschichte eingehen. Die Geschichte des Revierderbys, von dem mancher schon sagte, es habe doch längst an Prestige und Bedeutung verloren, hat ein weiteres Kapitel hinzubekommen. Dieses Spiel sei „schwer zu analysieren und zu verkraften“, gestand Bosz. Es war eine Partie, die jetzt schon legendär ist. Während die Gefühlslage bei den Schalkern kaum besser sein könnte, spürt der Dortmunder Trainer „nur Enttäuschung, das darf nicht passieren.“

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Die Sorgenfalten könnten bei Hans-Joachim Watzke, Geschäftsführer von Borussia Dortmund, aktuell kaum größer sein.

Die Spiel- und Ergebniskrise bringt nicht nur den ratlos wirkenden Peter Bosz in Bedrängnis, sondern auch Watzke selbst, denn er wird sich nun erklären müssen.
Vor wenigen Wochen wurden er und der Trainer noch gefeiert. Führungsriege und Mannschaft schienen alles richtig gemacht zu haben. Jetzt fordern die Fans die Entlassung Bosz‘ und auch Watzkes Nimbus hat gelitten. So schnell kann es gehen im harten Profialltag. Gestern „Hosianna“, heute „Kreuzigt ihn“.

 

Die Liste der Vorwürfe gegen den Trainer ist lang: Lasches Training, fehlende Flexibilität, Beratungsresistent. Dass Bosz tatsächlich seinen Zwei-Jahres-Vertrag erfüllen wird, gilt als unwahrscheinlich. Das Achtelfinale in der Champions League wurde bereits verspielt, in der Bundesliga dümpelt die Borussia inzwischen im Mittelfeld und im Pokalwettbewerb wartet im Dezember der FC Bayern.


Dabei stellt sich längst die Frage der Alternativen. Wer könnte Peter Bosz ersetzen? Sollte Watzke sich für die Entlassung Bosz‘ entscheiden, muss er darauf eine veritable Antwort finden. Julian Nagelsmann, die interessanteste Lösung,  ist in Hoffenheim fest gebunden und wäre – wenn überhaupt – erst im Sommer zu haben. Bliebe als möglicher Kandidat noch Lucien Favre, der eigentlich schon vor der Saison als Wunschkandidat galt. Moment ist der Schweizer in Nizza unter Vertrag, doch wie lange noch ist ungewiss. An eine lange Beziehung mit Bosz wie damals mit Klopp glaubt inzwischen keiner mehr. Nicht nach diesem Derby.  Auf Schalke dagegen hat Domenico Tedesco nichts zu befürchten. Trainerdiskussion in Dortmund und Ruhe in Gelsenkirchen – auch das war in den vergangenen Jahren immer anders. Diesen Schlamassel aber hat sich Watzke selbst zuzuschreiben.