Gegen den Trend?

Erstmals seit 1996 spielt der FC Arsenal nicht in der Champions League. In der ungeliebten Europa League treffen die Londoner auf einen euphorisierten 1. FC Köln. Der aber nach drei Spielen in der Liga Tabellenletzter ist. Von Christoph Söller.

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Symbolbild aus dem Jahr 2012: Kölns Tobias Strobl traf in einem Testspiel auf Londons Lukas Podolski. Beide haben ihren Verein inzwischen verlassen..

Nach über 20 Jahren spielt der FC Arsenal nur in der Europa League, für mehr hat es in der vergangenen Saison nicht gereicht. Zu schwach waren die Leistungen in der Premier League, am Ende wurde es nur Platz fünf. Für die Londoner eine neue Erfahrung. Aber sie steht symptomatisch für den schleichenden Niedergang eines schillernden Vereins. Denn obwohl Arsenal einen stark besetzen Kader hat und aufgrund der Fernsehgelder in England im Geld schwimmen müsste, hat der Verein den Anschluss an die ganz großen Klubs in Europa verloren.

 

Vor 13 Jahren, 2004, konnten die 'Gunners' die letzte nationale Meisterschaft erringen, damals marschierten die Londoner mit Torwart Jens Lehmann gar ungeschlagen zum Titel. Zwei Jahre später zogen sie zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte ins Champions-League-Finale ein, verloren das aber gegen den FC Barcelona.

 

Arsenal war lange Zeit der Inbegriff für schnellen, attraktiven Offensivfußball, es galt als das britische Barcelona, der angenehme Gegenentwurf zum wuchtigen und rationalen FC Chelsea. Das ist lange her. In der jüngsten Vergangenheit gab es zwar schöne Spiele, aber wenig Zählbares. Selbst der diesjährige Triumph im traditionsreichen FA-Cup, dem englischen Pokalwettbewerb, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Arsenal an Strahlkraft und Respekt verloren hat.

 

Alles geht seinen gewohnten Gang

 

Seit 1996 ist der Franzose Arsene Wenger Trainer in London. Er steht für die sportliche und identitäre Krise, in der sich der Verein seit einiger Zeit befindet. Sein Stil, lange gefeiert und bewundert, hat sich abgenutzt. Arsenal hat sich wengertisiert. Der Nimbus der Unantastbarkeit, den Wenger lange genoss, ist weg, der Verein hat Veränderungen dringend nötig, die vergangen 20 Jahre haben bei allen Spuren hinterlassen. Und doch geht alles seinen gewohnten Gang. Nach der enttäuschenden vergangenen Saison, in der der Verein erstmals in Wengers Amtszeit nicht unter den ersten vier landete, sollte in der neuen Spielzeit alles besser werden.

 

Mit Alexandre Lacazette kam aus Lyon ein vielversprechender Neuzugang, zudem konnten die 'Gunners' – etwas überraschend – den Verbleib von Alexis Sanchez verkünden. Und doch hinkt die Mannschaft wieder einmal den eigenen Ansprüchen hinterher. Deutschlands Nationalspieler Mesut Özil schwankt zwischen Genie und Kreisklasse, immer wieder taucht er in Spielen völlig ab, was die Polizei von Stoke sogar zum Anlass nahm, bei Arsenals Niederlage gegen Stoke City via Twitter eine Vermisstenanzeige zu posten. Da Özil nicht eine nennenswerte Aktion zu verzeichnen hatte, schrieb sie am Abend nach der Partie spöttisch, man sei beschäftigt gewesen, eine Person zu suchen, ihr Familienname: Özil. „Haben Sie ihn gesehen?“. Torwart-Legende Petr Cech hat in drei Jahren beim FC Arsenal bereits jetzt mehr Gegentore kassiert als in elf Jahren beim FC Chelsea. Der einstige Anspruch und die aktuellen Leistungsnachweise klaffen weit auseinander.

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Umstrittene Lichtgestalt: Trainer Wenger steht in London unter Druck.

Topfavorit Arsenal

 

Sechs Punkte aus vier Spielen stehen derzeit zu Buche, Ende August gab es eine 0:4-Niederlage gegen Jürgen Klopps Liverpool, bei der die Hauptstädter nicht einen einzigen Torschuss abgaben. Auch dort war Özil einer der schwächsten Akteure, Teamkollege Sanchez brach nach seiner Auswechslung gar in Tränen aus. „Desaströs“ und „absolut inakzeptabel“ nannte Arsene Wenger die Leistung seiner Mannschaft. Doch seine Analysen sind nicht mehr glaubwürdig. Er bat die Anhänger um Geduld und Vertrauen. Das musste er in letzter Zeit immer häufiger tun.

 

Längst haben die beiden Manchester-Klubs, der wiedererstarkte FC Liverpool, Stadtrivale Chelsea und sogar die Tottenham Hotspur den 'Gunners' den Rang abgelaufen. Sie alle dürfen sich in der Champions League mit den besten Europas messen. Arsenal dagegen spielt in dieser Saison donnerstags – in der Europa League. Klar – auch ein europäischer Wettbewerb, unter der Woche, auch abends, mit eigener Musik, nur klingt die mehr nach Kaufhaus als nach royalem Chor.

 

Arsenal traf fast jedes Jahr in der Champions League auf Bayern, manchmal auch auf Dortmund, jetzt heißen die Gegner Köln, Belgrad und Borissow. Und obwohl man natürlich lieber in der großen Königsklasse spielen würde, ist London der Topfavorit auf den „kleinen“ Europapokal. Die 'Gunners' könnten nach Chelsea (2013) und Manchester United (2017) der dritte englische Verein werden, der die Europa League gewinnt.

 

Katerstimmung in Köln

 

Ganz anders ist die Ausgangslage in Köln. Dort könnte die Vorfreude auf die Europa League größer kaum sein. 25 Jahre ist es her, dass die Kölner zuletzt international vertreten waren. Damals hieß der Wettbewerb noch Uefa-Cup, Dänemark war Europameister und Helmut Kohl deutscher Bundeskanzler. Nach Jahren der Auf- und Abstiege, des sportlichen wie personellen Chaos‘ ist Köln ein beruhigter Verein geworden. Es hat sich etwas entwickelt in der Domstadt. Seitdem das Duo Jörg Schmadtke (Sportdirektor) und Peter Stöger (Trainer) die Geschicke des Klubs leiten, haben sich Ruhe und sportliche Erfolge eingestellt. Nun ist der Verein, der von sich selbst gerne behauptet, „spürbar anders“ zu sein, zurück auf der europäischen Bühne. Wer die Bilder nach dem Erreichen der Europa League gesehen hat, weiß, wie sich die Stadt nach diesem Erfolg gesehnt hat. Endlich ist man wieder dort, wo man meint, hinzugehören. In Köln, wo Leidensfähigkeit und Euphorie ganz nah beieinander liegen, fiebern sie dem internationalen Fußball entgegen.

 

Doch ausgerechnet jetzt, wo es gegen den klangvollen FC Arsenal geht, könnte die Ausgangslage kaum ungemütlicher sein. Mit null Punkten aus den ersten drei Spielen starteten die Kölner denkbar schlecht in die Saison, der nach China abgewanderte Anthony Modeste fehlt im Offensivspiel merklich. Mit den Erfolgen der vergangenen Saison wuchs auch die Erwartungshaltung. „Die Jungs müssen defensiv wie offensiv 100 Prozent geben, sodass wir in der Bundesliga bestehen können“, forderte Peter Stöger nach der jüngsten 0:3-Niederlage in Augsburg. Doch genau darin liegt das Problem. Defensiv hat seine Mannschaft bereits sieben Gegentore hinnehmen müssen, offensiv erst ein einziges Tor geschossen. Von der Selbstverständlichkeit des Siegens ist wenig geblieben. Nach dem Rausch kam der Kater. Gegen den kleinen FCA gelang am Samstagnachmittag herzlich wenig, nun geht es am Donnerstagabend gegen den großen FCA. Es ist das erste Belohnungsspiel für die vergangene Spielzeit.

 

Nichts zu verlieren

 

Die Rollen vor dem Duell der kriselnden Klubs sind klar verteilt. Wenger kann Hochglanzfußballer wie Özil, Giroud und Sanchez aufbieten, Stögers Mannschaft dagegen hat kaum Europapokalerfahrung. Und doch sind die Domstädter nicht chancenlos, wenn sie in die britische Hauptstadt reisen. Denn im elitären Emirates-Stadium, wo die Zuschauer eher einem Operettenpublikum gleichen, werden die Kölner von zahlreichen lautstarken Fans aus der Heimat unterstützt. Die ungehemmte Begeisterung ob der Rückkehr auf die europäische Bühne kannte keine Grenzen – das schlug sich auch im Kartenverkauf nieder. Über 20.000 Tickets hätten an Kölner Fans vergeben werden können. Tatsächlich stellt Arsenal nur 2900 zur Verfügung, doch zahlreiche Rheinländer werden ihre Mannschaft in die Stadt begleiten und nicht wenige suchten in den vergangenen Tagen fieberhaft nach einer Möglichkeit, doch noch irgendwie ins Stadion zu kommen.

 

Kölns Fans lechzen nach einer magischen Europapokalnacht unter Fluchtlicht. Damit es dazu auch kommt, muss die Mannschaft über sich hinauswachsen. Es ist ein anderer Wettbewerb als die Bundesliga, die Geißböcke können befreit, ja egentlich beflügelt aufspielen. Denn was genau hat der kleine 1. FC Köln gegen das große Arsenal schon zu verlieren? Ein Sieg würde die Situation in der Domstadt massiv entspannen – und in London dramatisch verschärfen.

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