"Es geht nur noch um Geld, Geld und nochmal Geld"

Die Idee ist eigentlich zu grotesk, um sie schriftlich auszuführen. Die Verantwortlichen der Regionalliga Südwest planen, in der kommenden Saison die chinesische U20-Nationalmannschaft außer Konkurrenz in den Spielbetrieb zu integrieren. Deutschlandweit hat dieses Vorhaben für viel Diskussionsstoff gesorgt. Mit einem offenen Brief an den DFB-Vizepräsidenten Ronny Zimmerman haben zwölf Fanverbände in der vergangenen Woche noch einmal gegen diesen Vorschlag protestiert. Zu diesen Fanverbänden gehört auch PRO Waldhof, der Fandachverband von Waldhof Mannheim. Im Interview mit Spiel, Satz und Tor erklärt Vorstandsmitglied Achim Schröder die Hintergründe des offenen Briefes. Aus Mannheim berichtet Markus Schulze

Waldhof Mannheim ist für seine Fanszene national bekannt - gemeinsam mit anderen Fanverbänden der Regionalliga Südwest stehen sie dem Vorhaben, eine chinesische U20-Nationalmannschaft zu intergrieren, sehr kritisch gegenüber. Foto: By Cryptorebel (Own work) [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], via Wikimedia Commons

 

Achim Schröder, Sie sind im Vorstand von PRO Waldhof, dem Fandachverband von Waldhof Mannheim. In der vergangenen Woche haben Sie gemeinsam mit elf anderen Fanverbänden der Regionalliga Südwest einen offenen Brief an Ronny Zimmermann, den Vizepräsidenten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), verfasst. Was war der Auslöser?

 

Der Hintergrund ist der Plan des DFB beziehungsweise der Regionalliga Südwest, die chinesische U20-Nationalmannschaft außer Konkurrenz in der Liga mitspielen zu lassen.

 

Was genau haben Sie angeprangert?

 

Am allerwichtigsten ist uns der Aspekt der sportlichen Wertigkeit der Regionalliga Südwest. Diese hat bereits durch die Relegationsspiele um den Aufstieg in die Dritte Liga enorm an Wert verloren. Durch die Integration einer externen Mannschaft wird die Liga noch weiter entwertet. Das ist ein Schlag ins Gesicht für Spieler, Verantwortliche und natürlich auch für uns Fans. Der zweite Punkt sind die versprochenen 15000 Euro, die ein Verein für ein Spiel gegen die chinesische Auswahl als Entschädigung erhält. Das Geld ist unserer Ansicht nach ein Witz. Kostenmäßig käme das überhaupt nicht hin. Auch wenn der DFB jetzt anbietet, dass man weitere Zuschläge beantragen kann. Das wurde im Vorfeld komischerweise so nicht kommuniziert, aber auf einmal scheint es zu gehen. Aber das soll nicht der Hauptpunkt unseres Briefes sein. Selbst für eine Summe von 100.000 Euro hätten wir dagegen plädiert. Dazu sehen wir auch in der Mehrbelastung der Spieler ein Problem.

 

Zudem kritisieren Sie in dem Brief die Auswahl Chinas als Kooperationspartner.

 

Vom DFB wird aktuell das Thema Völkerverständigung groß ausgerufen. Wieso muss man das ausgerechnet mit China machen? Das hinterfragen wir stark. Die Menschenrechtsfrage in China ist durchaus prekär, das zeigen viele Berichte von Amnesty International. Wenn man zudem betrachtet, dass die Deutsche Fußball-Liga in diesem Jahr zufällig einen Deal über 250 Millionen Euro mit einem chinesischen Staatsunternehmen abgeschlossen hat, hat die Geschichte schon ein Geschmäckle. Wenn der DFB unbedingt jemand fördern möchte, hätte es auch Entwicklungsländer gegeben, die davon mehr profitieren.

 

Ein weiterer Punkt ist die mangelnde Transparenz.

 

Richtig. Beim DFB wird ja groß getönt, dass alle davon profitieren. Da hätten wir gerne mehr Details dazu, weil uns nicht so genau bewusst ist, wo bei diesem Vorhaben so viele Vorteile liegen. Dazu wird behauptet, dass der DFB nichts daran verdiene. Wenn dem so ist, kann man die Verträge auch offenlegen. Das ist einfach die fehlende Transparenz, die wir anprangern. Da wird irgendetwas im kleinen Kämmerchen ausgeklügelt und dann soll auf einmal jeder mitmachen.

 

Der Brief wurde von insgesamt zwölf Fanverbänden unterzeichnet – wie kommt der Plan der Eingliederung einer chinesischen Mannschaft dort an?

 

Es ist ja gerade schon bezeichnend, dass der Brief von verschiedensten Fanszenen unterschiedlicher Vereine, die sich nicht unbedingt nahestehen oder freundschaftlich verbunden sind, unterzeichnet worden ist. Das zeigt doch, welche breite Masse hinter dem Anliegen steht. Auch in der Mannheimer Fanszene steht man fast ausnahmslos hinter diesem Brief. Die meisten Menschen haben gedacht, es wäre der erste April, als sie zum ersten Mal von den Plänen gelesen haben. Aber auch in den Medien kam der Plan der Eingliederung einer externen Mannschaft überhaupt nicht gut an. Da gab es teils heftige Kommentare, auch in überregionalen Medien. Das zeigt auch, dass dies nicht nur ein typisches Anliegen der Fanszene ist, sondern auch die breite Mehrheit gegen diesen Vorschlag ist.

Zur Person

Achim Schröder ist seit 2012 bei PRO Waldhof und dort im Vorstand tätig. Gemeinsam mit elf anderen Fanverbänden hat sich PRO Waldhof in einem offenen Brief deutlich gegen den Plan ausgesprochen, eine chinesische U20-Nationalmannschaft in die Regionalliga Südwest zu integrieren.

Was ging Ihnen denn durch den Kopf, als Sie zum ersten Mal von den Plänen gelesen haben?

 

Der erste Gedanke war ein großes „Wie bitte?“. (lacht) Die ganze Situation in der Regionalliga Südwest ist für einen Fan ja schon so deprimierend genug. Wenn dann so etwas noch um die Ecke kommt, ist man erst einmal sprachlos. Selbst erste Diskussionen mit anderen Fans haben verhältnismäßig lange gedauert, weil jeder gedacht hat, das könne nicht ernst gemeint sein. Da hat bei mir große Fassungslosigkeit geherrscht. Das ist wirklich ein Witz.

 

Bisher hat sich nur Waldhof Mannheim deutlich gegen das Vorhaben positioniert. Sind Sie da von anderen Vereinen enttäuscht, gerade von den Traditionsvereinen?

 

Definitiv. Es gibt aber auch andere Beispiele. So hat sich zum Beispiel Detlev Höhne, Aufsichtsrat von Mainz 05, im Wiesbadener Kurier geäußert und den Plan als „faszinierend falsche und faszinierend seelenlose Entscheidung” bezeichnet. Aber da muss man auch sagen, dass Mainz als Bundesligaklub durchaus ein gewisses Standing verfügt und sich durchaus auch mal kritisch gegenüber dem DFB äußern kann. Vielleicht fehlt dieser Mut den anderen Regionalligavereinen. Aber vielleicht hofft der durchschnittliche Regionalligaklub ja noch auf irgendwelche zusätzliche Einnahmen. Ich halte das aber auch für sehr utopisch, dass sich die Chinesen für irgendeinen Viertligisten interessieren. Man muss einfach schauen, dass sich eine Lobby aus verschiedenen Traditionsvereinen bildet – gerne auch ligenübergreifend. Ohne Gegenwind wird sich beim DFB nichts tun.

 

Kam denn schon irgendeine Rückmeldung auf den Brief?

 

Null – in gar keiner Form. Da sieht man aber auch, wie ernst unser Anliegen genommen wird.

 

Wie bewerten Sie die Richtung, in der sich der Fußball entwickelt?

 

Ich finde das total schlimm. Der Sport gerät immer mehr aus den Augen. Es geht nur noch um monetäre Sachen. Das Besondere am Fußball ist doch, dass er die breite Mehrheit der Bevölkerung abholt und mitnimmt. Diese Bodenständigkeit geht aktuell immer mehr verloren. Es geht nur noch um Geld, Geld und nochmal Geld. Der Sport entfernt sich einfach immer weiter von der Basis und die Herrschaften vom DFB interessiert das überhaupt nicht. Da gelangen wir aktuell an einen Scheideweg. Die Funktionäre müssen sich fragen, was sie überhaupt wollen. Wenn sie einen elitären Hochbezahlsport haben wollen, befinden sie sich aktuell auf dem besten Weg. Aber dadurch verlieren sie auch die Basis des Sports und damit miteingehend auch Emotionen und Stimmung – und das macht den Fußball doch eigentlich aus.

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