"Von Fußballeuphorie weit entfernt"

Markus Harm, ZDF-Experte für Sportpolitik, berichtet momentan vom Confederations Cup in Russland. Im Interview mit Spiel, Satz und Tor zieht er eine durchwachsene Zwischenbilanz des Turniers. Während er die Gastfreundschaft der Russen lobt, kritisiert er die schlechte politische Stimmung im Land. Scharfe Kritik übt Harm an der Fifa und Präsident Gianni Infantino. Von Sebastian Koch und Markus Schulze.

Spiel, Satz und Tor: Herr Harm, die ersten beiden Gruppenspieltage des Confederations Cup sind gespielt. Wie fällt Ihr bisheriges Turnierfazit aus?

 

Markus Harm (39): Die deutsche Mannschaft kann wirklich sehr zufrieden sein. In den Spielen gegen Australien (3:2) und Chile (1:1) haben sich junge Spieler gezeigt und erste Erfahrungen gesammelt. Genau das hatte Joachim Löw beabsichtigt. Das Turnier an sich ist allerdings nicht so positiv zu bewerten. Die Stadien sind nicht voll, es herrscht keine Begeisterung außerhalb der Stadien und die russische Haltung ist noch lange nicht weltmeisterschaftsreif.

 

SSUT: Was genau verstehen Sie unter der „russischen Haltung“?

 

M.H.: Die russische Regierung hat mögliche Demokratiebewegungen rund um das Turnier unterbunden. Es ist ein Demonstrationsverbot für das Zeit während des Turniers ausgesprochen worden und der Oppositionelle Alexej Nawalny wurde für die Tage des Confed Cups inhaftiert. Die Pressefreiheit ist eingeschränkt. Wir dürfen beispielsweise über das Geschehen abseits der Stadien, vor allem in Städten, in denen nicht gespielt wird, nicht berichten. In Verbindung mit drastischen Sicherheitsvorkehrungen sind das sind alles Punkte, die sehr negativ in das Gesamtbild dieses Turniers fallen.

 

SSUT: Auf diese Themen werden wir im Verlauf des Gesprächs noch einmal zurückkommen, bleiben allerdings noch bei einem sportlichen Aspekt, dem Videobeweis. Wie fällt ihr dahingehendes Fazit aus?

 

M.H.: Wann immer der Videobeweis eingesetzt wurde, hat er zur richtigen Entscheidung geführt. Allerdings muss die Fifa noch an der Umsetzung arbeiten. Die Kommunikation auf dem Feld zwischen Schiedsrichtern und Spielern ist verbesserungswürdig und auch die Zuschauer im Stadion bleiben lange im Unklaren darüber, was auf dem Feld vor sich geht. Während des Spiels Kamerun gegen Chile (0:2) wussten die Zuschauer im Stadion nicht, was in der Minute passierte, in der sich der Schiedsrichter mit seinen Videoassistenten besprochen hat. Auch die Spieler selbst schienen etwas ratlos. Beim deutschen Spiel in Sotchi gegen Australien war zumindest über eine Einblendung auf der Leinwand sichtbar, dass der Videoschiedsrichter zum Einsatz kommt. Das muss zur Regel werden, ansonsten sind Spieler, Zuschauer und Reporter vollkommen uninformiert. Alles in allem ist es aber der richtige Schritt gewesen, technische Hilfe im Spiel zuzulassen.

 

SSUT: Wie bewerten die Fifa-Verantwortlichen die ersten Videobeweise?

 

M.H.: Die sind selbstverständlich begeistert. (lacht). Natürlich ist ihnen bewusst, dass noch nicht alles perfekt ist. Der Videobeweis wird aber auch bei der Weltmeisterschaft in einem Jahr zum Einsatz kommen und bis dahin will die Fifa zumindest versuchen, auch die letzten Irritationen auszumerzen.

 

SSUT: Sie sind momentan in Russland, wir erwischen Sie in Sankt Petersburg. Wie ist die Stimmung im russischen Volk? Gibt es Anzeichen für eine Fußballbegeisterung?

 

M.H.: Überhaupt nicht, jedenfalls nicht in Sankt Petersburg. Die Stadt ist zwar voll mit Touristen, es sind gerade die Weißen Nächte. Die Sonne geht fast gar nicht unter, wir haben hier nur zwei Stunden Dunkelheit. Es herrscht ein hervorragendes Ambiente – aber von den Touristen geht niemand in das Stadion und auch die Einwohner Sankt Petersburgs sind nicht in Fußballfeierlaune. Weder sieht man Fans noch hört man Schlachtenbummler oder Fangesänge.

 

SSUT: Dementsprechend ist also auch noch keine Rede von einer Vorfreude auf die Weltmeisterschaft in einem Jahr?

 

M.H.: Nein. In Sankt Petersburg gibt es zwar einen Stadion-Protzbau, für den sich aber niemand interessiert. Natürlich könnte man es positiv deuten und sagen, die Leute sparen ihr Geld für die Weltmeisterschaft in einem Jahr auf. Aber das ist positiv gedacht. Zum einen sind die Russen einfach kein Fußballvolk, da stehen andere Sportarten in der Prioritätenliste höher, und zum anderen fehlt es an Euphorie, weil ausländische Fans nicht nach Russland gekommen sind.

SSUT: Fifa-Präsident Gianni Infantino hat in seiner Eröffnungsrede davon gesprochen, dass sich Russland während des Confederations Cup als ein „gastfreundliches Land“ präsentieren wird. Wie präsentiert sich Russland denn bisher?

 

M.H.: Die Russen selbst freuen sich, dass zumindest ausländische Journalisten wie wir vom ZDF im Land sind und geben sich große Mühe. Die Volunteers leisten gute Arbeit, die Menschen auf den Straßen sind uns gegenüber unwahrscheinlich freundlich und offen. Sie geben sich größte Mühe, mit uns ins Gespräch zu kommen und sprechen auch englisch. Die Gastfreundlichkeit ist also vorhanden, von Fußballeuphorie sind die Russen aber weit entfernt.

 

SSUT: Sie haben während der Eröffnungsfeier ein Foto mit einem lachenden Infantino neben dem russischen Präsidenten Wladimir Putin getwittert und dazu geschrieben „So sieht es wohl aus, wenn Fußball und Politik laut Fifa nicht vermischt werden dürfen“ (siehe Tweet oben, Anm. d. Red.). Wie strikt ist in diesen Tagen und in einem Jahr die Trennung zwischen Sport und Politik?

 

M.H.: Die Fifa betont diese Trennung immer wieder, wenn man beispielsweise Fragen zum Demonstrationsverbot, zu den eingeschränkten journalistischen Akkreditierungen, zur Homophobie oder sonstigen politischen Themen stellt. Es heißt dann, die Fifa sei nur für den Fußball und das Turnier zuständig und habe nichts mit der Politik zu tun. Das stimmt in gewisser Weise ja auch. Natürlich sind die Fifa-Verantwortlichen nicht für die russische Politik zuständig – aber sie könnten Zeichen setzen. Sie können auch Druck ausüben und die politische Situation kommentieren. Das macht aber niemand. Kein Gianni Infantino und auch keine anderen Funktionäre.

 

SSUT: Kann man damit in Zukunft noch rechnen?

 

M.H.: Nein, das glaube ich nicht. Ich habe kürzlich mit Reinhard Grindel (Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, Anm. d. Red.), der ja auch im Fifa-Council (früher Exekutivkomitee, Anm. d. Red.) sitzt, versucht, über politische Themen zu sprechen. Er hat sich darauf beschränkt zu sagen, dass die politische Situation im nächsten Jahr besser werden müsse und das Meinungsfreiheit sowie Demonstrationsfreiheit gelten müssten. Meine Nachfrage, weshalb erst im nächsten Jahr und nicht jetzt schon, wollte er ‚nicht kommentieren‘. Man merkt also eine Zurückhaltung, wenn es um politische Themen geht. Und mit ‚Zurückhaltung‘ ist das noch sehr positiv ausgedrückt.



SSUT: Im Vorfeld des Turniers ist viel über die Beschneidung der Pressefreiheit diskutiert worden, eine ziemlich bekannte deutsche Boulevardzeitung drohte sogar mit einem Boykott der Berichterstattung über den Confederations Cup. Wie erleben Sie den Arbeitsalltag in Russland?

 

M.H.: Das war für zwei Tage eine riesengroße Schlagzeile der Bild-Zeitung. (lacht). Natürlich sind auch sie mit einem großen Aufgebot nach Russland gereist und berichtet vor Ort. Das wurde damals ziemlich aufgebauscht. Der Arbeitsalltag ist vollkommen in Ordnung und ich kann frei arbeiten. Natürlich bewege ich mich jetzt aber nur in Sankt Petersburg und kann nicht sagen, wie es beispielsweise in Nowosibirsk ist. Ich kann auch nicht beschreiben, wie es ist, wenn ich versuchen würde, mich mit Alexej Nawalny zu treffen. In der Stadt aber kann ich mich frei bewegen und mich auch mit den Menschen auf der Straße unterhalten. Dahingehend herrschen keine Einschränkungen oder Repressionen. Aber nochmals: Ich kann nicht sagen, wie es wäre, wenn ich ein kritisches Interview mit Nawalny oder anderen Oppositionellen führen und veröffentlichen würde. Darauf, so denke ich, wird dann schon vom Staat geachtet.

 

SSUT: Inwieweit kann man die Angst vor Terroranschlägen spüren? Ein Thema, das in diesen Tagen ja nicht nur in Russland präsent ist.

 

M.H.: Angst ist ein sehr starkes Wort. Es ist eine Anspannung zu spüren. Das hat man vor allem beim Spiel am Mittwoch in Moskau (Russland gegen Portugal 0:1, Anm. d. Red.) erlebt oder beim Eröffnungsspiel, als Putin zu Gast im Stadion war und die Insel, auf der das Stadion steht, rigoros abgeriegelt worden war. Der Respekt vor Anschlägen ist da, die Sicherheitsvorkehrungen sind enorm hoch und die Auflagen für die Fans ebenfalls ungewöhnlich. Es ist das erste Turnier überhaupt, bei dem jeder Fan eine persönliche Fanakkreditierung hat und alles personalisiert ist. Die Fans müssen beim Eintritt in das Stadion ein- und nach dem Spiel auch wieder auschecken. Die Verantwortlichen möchten genau wissen, ob ein Fan im Stadion gewesen und auch wieder rausgekommen ist. Das sorgt für lange Schlangen an den Kontrollen. Selbst die Fifa-Verantwortlichen sind gegen dieses Kontrollsystem, aber die Russen lassen sich nicht davon abbringen. Die Sicherheitsaspekte stechen also schon sehr ins Auge.

 

SSUT: Haben die strengen Sicherheitsvorschriften Auswirkungen auf die Zuschauerzahlen?

 

M.H.: Sie haben insofern Auswirkungen, dass Fans zu spät auf ihre Plätze kommen. Ich glaube auch, dass die Sicherheitslage viele ausländische Zuschauer abschreckt. Dazu kommt der sportliche Aspekt – das Turnier ist einfach nicht so relevant. Man muss einiges in Kauf nehmen, um seine Mannschaft zu sehen, was sich für viele einfach nicht rentiert. Das wird bei der Weltmeisterschaft anders sein, weil das Turnier prestigeträchtiger ist. Aber Fans müssen sich auf jeden Fall auf sehr viel Wartezeit einstellen.

Zur Person:

Markus Harm ist 39 Jahre alt. Für das ZDF arbeitet und berichtet er als Experte für Sportpolitik.

 

Quelle: ZDF, Markus Harm

SSUT: Damit schließen wir den Confed Cup ab und wenden uns der Fifa beziehungsweise der Weltmeisterschaft 2022 in Katar zu. Aufgrund der diplomatischen Krise auf der arabischen Halbinsel ist das Turnier jüngst wieder vermehrt in die Schlagzeilen gekommen. Wie reagiert die Fifa auf die Krise?

 

M.H.: Die Verantwortlichen versuchen das Thema relativ kleinzuhalten, weil sie sich erst einmal auf den Confed Cup und die Weltmeisterschaft 2018 konzentrieren und die Turniere  ja auch nicht ganz sorgenfrei durchgeführt werden können. Man möchte sich zu dem Katar-Thema nicht äußern. Ich habe demnächst ein Interview mit dem Sicherheitschef der Fifa und darf auch keine Fragen dazu stellen. Man merkt, wie dünnhäutig die Fifa mit der Problematik umgeht. Im Hintergrund wird daran gearbeitet und Fifa-Funktionäre treffen sich auch bereits mit Funktionären des katarischen Organisationskomitees. Intern steht das Thema also weit oben auf der Agenda, man möchte sich in der Öffentlichkeit aber nicht zu äußern. Das zeigt, wie schwierig die Situation ist.

 

SSUT: DFB-Präsident Grindel hat in einem Interview mit der „Welt“ sehr vage einen möglichen Boykott angedeutet. Man wolle kein Turnier in einem Land spielen, dass den Terror aktiv unterstützt. Wie reagiert man bei der Fifa auf eine solche Aussage?

 

M.H.: Auch hier glaube ich, dass Reinhard Grindel vor allem die Schlagzeile und weniger der Inhalt seiner Aussage gereizt hat. Er ist sehr medienpräsent und in dieser Aussage war viel heiße Luft enthalten. Kein Verband würde Grindel bei einem Boykott unterstützen oder dem DFB gar folgen. Und auch der DFB hätte nicht den Mut, eine Weltmeisterschaft aus politischen Gründen zu boykottieren. Das ist utopisch und wird nicht geschehen.

 

SSUT: Wird das Turnier in Katar gespielt oder gibt es noch eine Neuvergabe?

 

M.H.: Das Turnier wird in Katar gespielt, alle andere Gedankengänge sind nahezu aussichtslos. Die Organisation ist bereits angelaufen, die Verträge sind unterschrieben. Die Verlegung in den Winter ist auch beschlossen. Es ist fast aussichtslos zu glauben, dass noch einmal ernsthaft über eine Neuvergabe diskutiert werden wird. Die einzige Möglichkeit, die ich überhaupt sehe, wäre, dass der politische Druck auf Katar dermaßen wächst und sich der komplette Mittlere Osten vom Emirat abwendet. Dann müsste neu verhandelt werden. Die Fifa wird Katar diese Weltmeisterschaft auf eigenes Betreiben hin aber nicht mehr wegnehmen. Ausgeschlossen.

DFB-Präsident Reinhard Grindel (links) mit Fifa-Chef Gianni Infantino.

SSUT: Fifa-Präsident Gianni Infantino hat in seiner Eröffnungsrede auf dem Kongress in Manama/Bahrein davon gesprochen, dass die Fifa keine Diktatur sondern eine Demokratie sei. Was hat sich denn seit Infantinos Amtsantritt im vergangenen Jahr im Vergleich zu Sepp Blatter geändert?

 

M.H.: (lacht). Gute Frage. De facto hat sich nichts verändert, außer dass der Präsident nun eben nicht mehr Blatter sondern Infantino heißt. Infantino setzt genau das um, was zuvor Blatter auch umgesetzt hat. Das heißt, er führt die Fifa autokratisch, schart Leute um sich, die ihm hörig sind und es gibt mehr als nur Gerüchte, dass Infantino bei Wahlen diverser Funktionäre geholfen hat, sie in ihre Ämter zu heben, darunter mächtige Kontinentalverbandschefs, die nun in Infantinos Schuld und Abhängigkeit stehen.

 

SSUT: Gibt es denn auch Unterschiede zu Blatter?

 

M.H.: Ja. Infantino ist jünger als Blatter, kommt aus einem anderen kleinen Schweizer Örtchen als Blatter und spricht noch mehr Sprachen fließend. 


SSUT: Was hat das für Konsequenzen für die Fifa?

 

M.H.: Die Fifa ist der größte und wichtigste Sportverband der Welt. Das System Fußball leidet darunter, dass die Fifa ein so schlechtes Image hat. Und das Problem ist, dass Infantino dieses schlechte Image nicht aufpoliert. Infantino bringt den Fußball nicht zusammen, er reformiert die Fifa nicht. Jedes Land auf der Welt spielt Fußball. Jedes Volk auf der Welt liebt Fußball. Die Fifa könnte so viel Positives bewegen. Aber sie schafft es nicht. Und das hängt vor allem mit ihren Präsidenten zusammen.

 

SSUT: Zu dieser Stimmung passt, dass die Fifa Anfang Mai ihre beiden internen Chefkontrolleure Cornel Borbely und Hans-Joachim Eckert geschasst hat. Das Council hat die beiden kritischen Ermittler nicht mehr für eine Wiederwahl vorgeschlagen. Mitglied dieses Councils ist auch Reinhard Grindel, der im Nachhinein von einer „schwierigen Entscheidung“ sprach. Warum hat er sich aber trotzdem gegen die beiden Kontrolleure entschieden – die Abstimmung viel einstimmig aus –, und was sagt das über Grindels Rolle in der Fifa aus?

 

M.H.: Es sind ja nicht nur Eckert und Borbely, die nicht mehr wiedergewählt worden, sondern insgesamt zwölf Personen von unabhängig arbeitenden internen Kontrollgremien. Das bedeutet, dass viele Demokraten weg sind und der Führungsstil in der Fifa noch autokratischer wird. Niemand lehnt sich mehr gegen Infantino auf, der mit leichtesten Tricks alle demokratischen Strukturen im Verband beseitigt. Das sagt auch reichlich über das Council und die Rolle Grindels in der Fifa aus. Er versucht in öffentlichen Interviews zwar immer wieder den Eindruck zu erwecken, sich gegen diese anti-demokratische Entwicklung zu wehren, aber man muss daran zweifeln, dass die Council-Mitglieder überhaupt irgendeine Stimme oder ein Mitspracherecht gegenüber Infantino haben. Letztendlich legt sich niemand mit ihm an – auch nicht Grindel.

 

SSUT: Abschließende Frage: Wo steht die Fifa in fünf Jahren?

 

M.H.: Es wird sich in den kommenden fünf Jahren nicht viel verändern. Infantino wird 2020 als Präsident wiedergewählt werden, da bin ich mir sicher. Wenn jemand überhaupt etwas verändern kann, dann sind das staatliche und unabhängige Justizbehörden. Es ermitteln momentan ja schon amerikanische, schweizerische und neuerdings auch französische Behörden. Das ist der einzige Weg – die Fifa selbst wird sich nicht reformieren.

Euch hat das Interview gefallen? Dann unterstützt uns doch mit einem Like auf unserer Facebookseite. Wir freuen uns :)

Kommentar schreiben

Kommentare: 0