Sehnsucht nach Erfolg

Einst galt der FC Valencia als eine der besten Adressen im europäischen Vereinsfußball. Doch nach gewonnen Meisterschaften, einem Uefa-Pokalsieg und zwei Champions-League-Finals zu Beginn des Jahrtausends, herrscht im Verein mittlerweile sportliche Tristesse. Von Christoph Söller.

Das Spiel ist gerade einmal sechs Minuten alt, da nimmt das Unglück seinen Lauf. Neymar dribbelt sich durch die gegnerische Hälfte, vier Verteidiger gegen drei Angreifer. Die Zuschauer im Stadion werden lauter. Neymar spielt in den Strafraum auf Luis Suarez, der aus rechter Position eiskalt abschließt. Kollektiver Jubel! Barcelona führt. Es ist Anfang Februar 2016. Halbfinale in der Copa del Rey, dem spanischen Vereinspokal. Der FC Valencia ist zu Gast in der katalanischen Hauptstadt. Es wird ein schmerzhafter Abend für die Gäste. Das Gegentor war das erste von insgesamt sieben. Valencia geht im Camp Nou unter.

 

Shkodran Mustafi, deutscher Weltmeister und Kapitän der Gäste, sieht schon in der ersten Halbzeit wegen einer Notbremse gegen Lionel Messi die rote Karte. Messi erzielt an diesem Abend drei Tore,  Suarez gar vier. Das Ergebnis hätte noch höher ausfallen können, Valencia ist mit dem 0:7 gut bedient. Im Camp Nou ist man bester Laune. Doch die Arena ist bei weitem nicht ausverkauft. Das ist sie fast nie, wenn der FC Valencia zu Gast ist. Die Gäste haben an Attraktivität verloren. Ein Publikumsmagnet ist Valencia schon lange nicht mehr. Der Glanz vergangener Tage ist erloschen.

 

Zwei Champions-League-Finals in Folge

 

Valencia ist zu diesem Zeitpunkt eine typische Mittelfeld-Mannschaft. Mit fünf Siegen, zehn Remis und sieben Niederlagen ist der Klub neun Zähler entfernt von einem Platz, der für die Teilnahme an der Europa League berechtigt. Valencia ist versunken im Niemandsland der Liga. Nur wenige Wochen zuvor war Gary Neville als neuer Cheftrainer vorgestellt worden. Jener Neville, der als Spieler mit Manchester United acht englische Meisterschaften gewonnen hatte und einst als bester Rechtsverteidiger der Welt galt. Große Hoffnungen hatte man in Valencia mit dem Briten personifiziert. Mit ihm, dem ehemaligen Weltklassespieler, sollte auch der Verein wieder an altes Weltklasseniveau anknüpfen. Es kam alles ganz anders.

 

Ende Mai 2001 spielte Valencia noch im Champions-League-Finale im ehrwürdigen Mailänder Giuseppe-Meazza-Stadion. Über 74.000 Zuschauer sehen dort ein furioses Endspiel gegen Bayern München. Es ist kurz vor Mitternacht, als die Entscheidung fällt. Zwei Stunden lang hatten sich die Mannschaften zuvor aufgerieben, in 120 Minuten jeweils ein Tor geschossen. Elfmeterschießen. Die Lotterie muss her. Es steht 6:5 für die Bayern. Mauricio Pellegrino muss für Valencia treffen. Links unten. Kahn taucht ab, er lenkt den Ball mit der Hand um den Pfosten. „Kaaaaahn, die Bayern!“, schreit Kommentator Marcel Reif in die Fernsehmikrophone. Kahn läuft los, die Bayernspieler auch, auf der Bank hat Uli Hoeneß Tränen in den Augen. München gewinnt nach großem Kampf und dramatischem Showdown die Champions League. Der FC Valencia geht leer aus. Es ist die zweite Finalniederlage in Folge. Bereits 2000 war die begehrteste europäische Trophäe zum Greifen nah. Doch die Ostspanier scheiterten an Real Madrid. Frust machte sich breit. Doch Valencia erholt sich zunächst schnell.

Bayern-Torwart Oliver Kahn hält im Champions-League-Finale 2001 im Elfmeterschießen den Versuch von Valencias Zlatko Zahovic.

Die „Fledermäuse“, wie die Spieler in Valencia wegen des Vereinswappens genannt werden, gewinnen 2002 die Meisterschaft. Der Klub war zu einer der besten spanischen Adressen geworden. Ein weiterer Titelgewinn folgt im Jahr 2004. Es sollte für zehn Jahre die letzte Meisterschaft eines Klubs sein, der nicht FC Barcelona oder Real Madrid heißt. Im gleichen Jahr gewinnt die Mannschaft endlich einen europäischen Titel. Dank eines 2:0-Sieges im Finale gegen Olympique de Marseille darf sich der Klub Uefa-Pokal-Sieger nennen.

 

Personalchaos und Immobilienkrise

 

Unter Unai Emery erreicht Valencia dreimal in Folge Platz drei und ist, nach Barca und Real, die dritte Macht im spanischen Fußball. Doch 2012 macht der Klub zuletzt international auf sich aufmerksam, als er das Halbfinale der Europa League erreicht, dort aber am späteren Pokalsieger Atlético Madrid scheitert. Am Ende der selben Saison wird bekannt gegeben, dass Emerys Vertrag nicht verlängert wird. Mauricio Pellegrino wird neuer Cheftrainer. Jener Pellegrino, der 2001 im Finale von Mailand an Kahn gescheitert war. Die Besetzung erweist sich als großer Fehler. Bereits im Dezember, nach nicht einmal einem halben Jahr, wird Pellegrino wegen anhaltender Erfolglosigkeit entlassen. Von da an nimmt das Personalkurssell Fahrt auf.

 

Im April 2013 geben die Präsidenten Manuel Llorente und José Antonio Garcia Moreno ihre Rücktritte bekannt. Der Nachfolger Pellegrinos auf der Trainerbank, Ernesto Valverde, wird nach Abschluss der Saison entlassen, weil Valencia nur Platz fünf erreicht und damit die Qualifikation zur Königsklasse verpasst. Es geht drunter und drüber. Ein neues Stadion soll her, 320 Millionen Euro will der Verein durch den Verkauf des alten Stadiongeländes einnehmen. Doch die Finanz- und Immobilienkrise macht Valencia einen Strich durch die Rechnung. Es findet sich kein Käufer, die gesamte Kalkulation ist obsolet. Der Bau der neuen Arena muss unterbrochen werden. Und auch die sportlichen Erfolge bleiben aus, das Geld wird knapp. Trainer werden in beängstigender Regelmäßigkeit ausgetauscht, wichtige Spieler verkauft oder verliehen wie etwa Juan Bernat (wechselte zu Bayern München) oder Nicolas Otamendi (Manchester City) und auf einer riesigen Generalversammlung mit knapp 8000 Mitgliedern wird der Verkauf des Vereins an einen ausländischen Investor erörtert.

 

Der wichtigste Protagonist beim FC Valencia heißt jetzt Peter Lim, seines Zeichens singapurischer Geschäftsmann, Besitzer des Klubs und der Mann, der nun alles entscheidet. Lim ist mehr als umstritten. Er zeigt sich selten in der Öffentlichkeit, gilt als scheu und skrupellos. Im Mai 2014 kauft er den Verein, der wegen des stockenden Stadionbaus und des teuren Kaders in den finanziellen Ruin zu schlittern droht und dringend Geld benötigt. Ein dreistelliger Millionenkredit von Lim rettet Valencia, dafür hält der Mann aus Singapur jetzt 70,4 Prozent der Anteile. Lim hat endlich seinen eigenen europäischen Verein, nachdem bereits 2010 ein Versuch gescheitert war, den FC Liverpool zu übernehmen. Doch wie so oft treibt die Übernahme einen Keil zwischen Fans und Verein. Nur wenige in Valencia sehen in Lim einen Heilsbringer. Diese wenigen aber hoffen, durch das ausländische Geld an alte Zeiten anzuknüpfen. Doch die Sehnsucht nach glanzvolleren Tagen hat sich bisher nicht erfüllt.

Erfolglos: Gary Neville ist ein Gesicht des sportlichen Niedergangs des FC Valencia.

Stadionumzug zum Vereinsjubiläum

 

Lims Fußballsachverstand hält sich in Grenzen. Im Wesentlichen vertraut er Jorge Mendes, einem portugiesischem Spielerberater, zu dessen Kundenstamm auch Stars wie Pepe, Angel di Maria, David de Gea oder Cristiano Ronaldo zählen. Er gilt als vielleicht einflussreichster Berater im Weltfußball. Gleich zu Beginn ihres Wirkens investieren Lim und Mendes 50 Millionen Euro in fünf neue Spieler. 2015 landen die Fledermäuse auf Platz vier, was zur Teilnahme an der Champions League berechtigt. Euphorisiert vom internationalen Geschäft, gibt Valencia nochmals über 140 Millionen Euro für neue Spieler aus. Doch in einer Gruppe mit Zenit St. Petersburg, KAA Gent und Olympique Lyon scheidet Valencia sang und klanglos aus und belegt in der Liga am Ende auch nur den elften Platz. Der Kaderplanung Lims und Mendes‘ fehlt jegliche Linie, ein klares sportliches Konzept ist nicht zu erkennen.

 

Es gibt Gerüchte in Valencia, Jorge Mendes nutze den Verein nur als Schaufenster für seine Spieler, die er teuer verkaufen möchte. Angeblich hätte er das auch in La Coruna und Saragossa gemacht – beide spielen heute nur noch in der zweitklassigen Segunda Division. Die Personalie Gary Neville steht symbolisch für den Niedergang eines Klubs, der lange Zeit die stärkste Liga der Welt mitgeprägt hatte. Neville gilt als persönlicher Freund Lims. Die beiden hatten sich – Jahre bevor Neville Trainer wurde – auf einer Werbetour von Manchester United kennengelernt und sind seitdem in Kontakt geblieben. Als es unter Neville eine Niederlage nach der anderen gab und Valencia in den Abstiegskampf geriet, widersetzte sich Lim den üblichen Branchengesetzen und hielt schützend seine Hand über den Trainer. Erst Ende März des vergangenen Jahres trennte sich der Klub von Neville. Da stand Valencia gerade auf Platz 14. In 17 Ligaspielen gab es nur drei Siege. Dabei sollte Valencia nach eigenem Verständnis eigentlich unter den ersten vier der Liga vertreten sein. Auf den Fallas, einem Festival, bei dem Pappmaché und Pappfiguren von den Einwohnern der Stadt verbrannt werden, damit aus deren Asche symbolisch etwas Besseres entstehen kann, werden auch Masken von Neville und Klubbesitzer Lim verbrannt. Stadt und Verein, sie scheinen längst nicht mehr eins zu sein.

 

In jener Nacht im Camp Nou, in der Valencia vom FC Barcelona deklassiert wird, wirken Neville und seine Spieler ratlos. Was früher ein Spitzenspiel war, endet in einem 0:7-Debakel für Valencia. Das war vor allem deswegen erschreckend, weil Valencia in jener Saison über einen konkurrenzfähigen Kader verfügte. Mit Mustafi steht ein Weltmeister als Abwehrchef auf dem Platz, im Mittelfeld mit Andre Gomes einer der begehrtesten Mittelfeldspieler der Liga und mit Paco Alcacer einen treffsicheren Stürmer in den eigenen Reihen. Doch die Stars flüchten. Mustafi hat es inzwischen zum FC Arsenal gezogen, Gomez und Alcacer spielen heute für Barcelona. Zuvor verließen auch schon David Villa und David Silva den Verein. Längst haben sich der FC Sevilla und Atlético Madrid hinter Barcelona und Real Madrid eingereiht. Sie sind es, die den europäischen Fußball prägen und sich an den finanziellen Futtertrögen der Uefa satt essen.

 

Die sportliche Erfolglosigkeit, das dauernd kreisende Personalkarusell und die seltsamen Methoden von Lim haben die Reputation des Klubs, der zu Beginn des Jahrtausends zweimal im Champions-League-Finale stand, arg beschädigt. Das neue Stadion ist bis heute nicht fertig. Die Mannschaft muss weiterhin im traditionsreichen, aber maroden Estadio Mestalla spielen. In Spaniens drittgrößter Stadt lechzen sie nach neuen Erfolgen. Seit Lims Übernahme im Mai 2014 hat sich noch kein nachhaltiger sportlicher Erfolg eingestellt. Anspruch und Wirklichkeit klaffen weit auseinander. 2019 soll das neue Stadion eingeweiht werden. Im gleichen Jahr wird der stolze Traditionsklub 100 Jahre alt. Ein runder Geburtstag in einer neuen Arena – positive Schlagzeilen sind in Aussicht. Bis dahin aber droht wohl Tristesse.

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