Peinliche Posse

Borussia Dortmund trennt sich von Thomas Tuchel. Obwohl die Entlassung alles andere als überraschend kommt, wirft sie Fragen auf. Hans-Joachim Watzke muss sich erklären und aufpassen, dass ihm die Affäre Tuchel nicht gefährlich wird. Sebastian Koch kommentiert.

Bundesligavereine trennen sich von ihren Trainern. Seit Jahrzehnten ist das Gang und Gäbe. In München. In Bremen. Auf Schalke. Oder in Berlin. Meist sind es sportliche Gründe, die die Verantwortlichen zur vermeintlich letzten Rettungstat animieren. Dabei sind die Definitionen von „sportlichen Gründen“ unterschiedlich, abhängig vom vereinseigenen Anspruch. Für die einen Vereine wäre bereits ein fünfter Tabellenplatz ein solcher Grund, andere Mannschaften hoffen, mit neuen Impulsen durch einen personellen Neuanfang auf dem Trainerstuhl, dem Tabellenmittelfeld zu entrinnen, und wieder andere Klubs kämpfen im Abstiegskampf um das blanke sportliche Überleben.

 

Auf Borussia Dortmund trifft nichts dergleichen zu. Und dennoch haben sich die Verantwortlichen um Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und Sportdirektor Michael Zorc am heutigen Dienstag von Trainer Thomas Tuchel getrennt. Am Wochenende gewann dieser noch den DFB-Pokal, eine Woche zuvor machte die Mannschaft, die im vergangenen Sommer einen der größten Umbrüche der jüngeren Vereinsgeschichte kompensieren musste, als Tabellendritter die direkte Champions-League-Qualifikation perfekt. Und im April schied die Borussia nach – angesichts der Umstände – respektablen Leistungen im Champions-League-Viertelfinale aus. In 68 Bundesligaspielen an der Dortmunder Seitenlinie heimste der Geschasste im Schnitt 2,09 Punkte pro Spiel ein. Zum Vergleich: Die Dortmunder Trainerikonen Jürgen Klopp (1,91) und Ottmar Hitzfeld (1,85) liegen als Zweiter und Dritter in diesem Ranking gemessen am Punkteschnitt deutlich hinter Tuchel.

 

Doch all das half Tuchel nicht, um einer Hetzjagd zu erliegen, wie sie so in Dortmund lange als eigentlich undenkbar galt. Natürlich ist Tuchel nicht der erste Bundesligatrainer, der weniger aus sportlichen als aus persönlichen Gründen freigestellt wurde – man denke an Jens Keller auf Schalke. Doch der Fall Tuchel wiegt schwerer und könnte Hetzjagdführer Watzke in Bedrängnis bringen. Der Geschäftsführer ging in den vergangenen Wochen öffentlich und zu ungeeignetsten Zeitpunkten auf Distanz zu seinem Cheftrainer – in einer Art und Weise, die selbst im angesprochenen Fall Keller bei dem ungeliebten Reviernachbarn nicht zu beobachten war. Watzke verspielte in der Affäre Tuchel Sympathien. In ganz Fußballdeutschland. Aber vor allem im eigenen Verein. Sympathien, die kurioserweise dem, man muss ihn seit heute so bezeichnen, ehemaligen Trainer Tuchel zuflogen. Der akribische Fußballbesessene, der Unnahbare, der, der den Verein Borussia Dortmund angeblich nie verstanden haben sollte, wuchs in den Wochen der Jagd menschlich über sich hinaus. Als Psychologe. Als Trainer. Als Fanliebling.

 

Einen in der ganzen Mannschaft beliebten Trainer zu finden, ist wohl ein Ding der Unmöglichkeit. Äußerungen und öffentlich verbale Angriffe, wie die von Kapitän Marcel Schmelzer nach dem Pokalfinale, zeugen vor allem davon, dass Tuchel bereits vor dem Saisonfinale faktisch entlassen worden war – allen peinlichen Parolen von Watzke und Co. („Wir werden uns nach dem Pokalfinale zusammensetzen und die Situation analysieren“) zum Trotz. Ein Schmierentheater, das Tuchel klug zu seinen Gunsten nutzte. Er ist der Gewinner, der alleinige Gewinner in einer Posse, die mit „Echter Liebe“ nichts zu tun hat.

 

Watzke obliegt es nun, den Wechsel auf der Trainerbank zu moderieren, der dem Verein knapp drei Millionen Euro Abfindung für Tuchel - manche sprechen gar von Schweigegeld - kostet. Er muss erklären, weshalb er wohl lieber auf Lucien Favre setzt. Der Schweizer erwies sich bei seinen bisherigen Bundesligastationen in Berlin und Mönchengladbach ebenfalls als sportlicher Glücksgriff mit schwierigerem Charakter, also vergleichbar mit seinem vermutlichen Vorgänger. Es drängt sich der Verdacht auf, dass die Gründe der Trennung im rein persönlichen Bereich zu finden sind. Das wäre nicht im Sinne des Vereins. Ob es zumindest in Watzkes Sinne war, wird sich erst an der sportlichen Entwicklung in den kommenden Monaten zeigen.

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