Mehr als ein Spiel

Am Sonntagabend stehen sich einmal mehr Real Madrid und der FC Barcelona im El Clasico gegenüber. Vor allem die politische Brisanz steht bei den Begegnungen der beiden schillernden Mannschaften im Vordergrund. Von Christoph Söller.

Es wird ein Spießrutenlauf und sie wissen das. Ein gellendes Pfeifkonzert erwartet sie, da müssen sie durch. Jeder Fehler wird beklatscht, jede misslungene Aktion hämisch bejubelt werden. Es ist alles andere als ein gewöhnliches Auswärtsspiel, das die Spieler des FC Barcelona am Sonntag bestreiten müssen. Denn die Katalanen gastieren im Estadio Santiago Bernabéu.

 

'Das Bernabéu' ist ein imposantes, ein gewaltiges Stadion mit drei steilen Rängen, die in den Himmel der spanischen Hauptstadt ragen und auf denen 81.000 Zuschauer Platz finden. Es ist die Heimstätte des vielleicht klangvollsten Fußballklubs der Welt: Real Madrid. Die Vereinshymne Hala Madrid y nada más – 'Real Madrid und sonst nichts'. Die Botschaft des opernhaften Werkes ist klar: Es gibt nur einen Klub, nur einen Champion! Real Madrid und sonst nichts – das ist das Selbstverständnis des Vereins.

 

El clásico - das Duell zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona, das am Sonntag in der spanischen Hauptstadt ausgetragen wird. Es ist das Aufeinandertreffen des amtierenden Champions-League-Siegers gegen den spanischen Meister und Pokalsieger. Es spielen die vielleicht beiden besten Vereinsmannschaften der Welt, es ist „die Schlacht um Spanien“, wie die Tageszeitung Marca einst titelte.

 

Doch es ist mehr als ein Spiel. Es ist auch die medienwirksame Bühne eines politischen Konflikts. Denn der FC Barcelona verkörpert die Region Katalonien, die die Unabhängigkeit von Spanien anstrebt. Und ausgerechnet Real Madrid steht in den Augen der Barca-Fans für die von ihnen verschmähte spanische Zentralregierung.

 

Barcelona wird in dieser Rivalität eine besondere Rolle zuteil. Weil sie von internationalen Wettbewerben ausgeschlossen ist, bleibt die Existenz einer katalanischen Fußballmannschaft fast unbeachtet. Barca ist stattdessen der Repräsentant der Region. Und so wird aus einem Fußballspiel politische Symbolik: Katalonien gegen Spanien.

Verhärtete Fronten: Katalanische Fußballfans demonstrieren für die eigene Unabhängigkeit.

 

Alter Konflikt

 

Es ist ein alter Konflikt. Bis zu Beginn des 18. Jahrhunderts war Katalonien ein eigenes Königreich. Doch in Folge des Erbfolgekrieges musste es sich der Herrschaft des spanischen Zentralstaats unterwerfen und verlor sämtliche Privilegien einer Selbstbestimmung. Damit begann jene Abneigung der Katalanen gegen Spanien, die bis heute Bestand hat.

 

Später, Anfang des 20. Jahrhunderts, kam es in der stolzen Region nach und nach zu einer Rückbesinnung auf die eigenen historischen und kulturellen Wurzeln. Katalane zu sein, wurde für die Menschen nach und nach wieder wichtig. Als aber 1939 Francisco Franco nach dem drei Jahre dauernden Bürgerkrieg in Spanien endgültig an die Macht gekommen war, ließ er sämtliche Unabhängigkeitsbestrebungen unterdrücken. Neben Katalonien gab es damals auch im Baskenland, also den industrialisierten Regionen des Landes, den stärker werdenden Wunsch, eigenständig zu werden. Doch der Diktator wusste das zu verhindern: Franco agierte radikal, furchteinflößend, er ließ, wenn notwendig, seine Gegner eiskalt exekutieren. Die katalanische Sprache und Kultur wurden verboten.

 

In dieser Zeit wurde der FC Barcelona zum katalanischen Symbol gegen die diktatorische Herrschaft Francos. Die Heimspiele in der katalanischen Hauptstadt wurden zu einem besonderen Event: Im riesigen Camp Nou, der Heimstätte des FC Barcelona, durften die Menschen katalanisch sprechen und sich erlauben, sie selbst zu sein. Barcas Stadion wurde zu einem Ort, der vom Regime nicht kontrolliert werden konnte.

 

Die Geburtsstunde der Feindschaft zwischen Barcelona und Real fällt für viele Beobachter ins Jahr 1943: Real Madrid, der Lieblingsverein des Diktators, hatte sein Heimspiel gegen Barcelona mit 11:1 gewonnen. Doch die Barca-Spieler waren zuvor von der Polizei eindringlich 'gewarnt' worden, die Partie zu gewinnen. Es war von Anfang an ein abgekatertes Spiel – mit Barcelona als Leidtragendem.

 

El clásico war geboren: Das regimetreue Real Madrid gegen die aufständischen Katalanen.

 

Das weiße Ballett

 

In den 1940er-Jahren konnte der Hauptstadtklub keinen nationalen Meistertitel gewinnen. Auch zu Beginn der 1950er-Jahre dominierten andere den Fußball auf der iberischen Halbinsel. Atlético Madrid gewann 1950 und 1951 die Meisterschaft, 1952 und 1953 war der FC Barcelona an der Spitze. Danach aber machte Real Madrid auf sich aufmerksam. Und zwar eindrucksvoll.

 

Präsident Santiago Bernabéu baute ein schlagkräftiges Team um den damaligen Superstar Alfredo Di Stéfano zusammen. Ab 1956 schafften es die Hauptstädter, den Europapokal der Landesmeister viermal in Folge zu gewinnen. Es ist bis heute die erfolgreichste Zeit in der Vereinsgeschichte – das weiße Ballett war geboren. Der Klub hatte somit etwas, was dem Regime unter Franco bis dahin gefehlt hatte: internationale Anerkennung.

 

Nachdem das nationalsozialistische Deutsche Reich und das faschistische Italien unter Benito Mussolini den Zweiten Weltkrieg verloren hatten, war auch der spanische Faschismus international diskreditiert. In Westeuropa hatte Spanien während des Kalten Krieges lediglich Portugal an seiner Seite. Umso willkommener waren da die glorreichen Siege von Real Madrid.

 

Der Diktator starb 1975. Nach dem Tod Francos erhielt Katalonien eine beschränkte Selbstverwaltung zurück. Doch die Unterdrückung der Region war damit noch nicht zu Ende. Im September 2015 berichtete der katalanische Schriftsteller Albert Sánchez Piñol in der Wochenzeitung Die Zeit, dass die spanische Regierung regelmäßig „ein Gesetz gegen die katalanische Sprache und Kultur verabschiedet oder zumindest Politik dagegen“ betreiben würde. Die jüngste Kränkung für die Katalanen: Die Gesetze zur Pädagogik, „die darauf angelegt sind, das katalanische Schulmodell zu zerstören. Wenn nur ein Kind kastilisch (in etwa: hochspanisch/Anm. d. Red.) spricht, müssen die Lehrer die Unterrichtssprache von Katalanisch auf Kastilisch ändern.“ Piñol fragt sich deswegen: „Warum ist Katalonien eigentlich noch in Spanien?"

 

Im Rest des Landes ist die Region an der Grenze zu Frankreich unbeliebt. Viele Spanier sind genervt von den Katalanen. Sie gelten als sparsam und eigen, weil sie eine eigene Sprache sprechen.

Dominant: Real Madrid gewinnt in den 1950er-Jahren fast alles, was es zu gewinnen gibt.

 

Gespaltenes Land

 

Die Unabhängigkeitsbewegung gewann in den vergangenen Jahren wieder an Dynamik. 2015 wurden die Regionalwahlen in Katalonien zu einem quasi-Referendum – soll Katalonien eigenständig werden oder nicht? Dafür haben sich die Konservativen sogar mit den Linken zusammengeschlossen. Es gab faktisch nur ein Wahlkampfthema: die Unabhängigkeit. Ein Referendum wie es Schottland hatte, als es um die Frage ging, ob die Schotten Teil des Vereinigten Königreichs bleiben wollen oder nicht, war das Ziel.

 

Es geht um das Recht auf Selbstbestimmung, sagen die Separatisten. Es wäre ein Rückschritt in längst überwunden geglaubte Kleinstaaterei, sagen die Gegner. Die nach Unabhängigkeit strebenden Parteien haben sich bei der Wahl durchgesetzt. Für sie geht es jetzt darum, die Abspaltung voranzutreiben. Längst sind viele Emotionen im Spiel. Es geht um Stolz, um Ehre, um Identität. Der prominenteste Befürworter der Unabhängigkeitsbewegung: Star-Trainer Pep Guardiola. Der ehemalige Trainer des FC Bayern, durch und durch Katalane, wirkt sonst schüchtern und wortkarg. Doch ein eigenständiges Katalonien ist für ihn eine Frage des Herzens, nicht des Gesetzes: „Es sind viele Leute, die gehört werden wollen. Und wenn es so viele sind, dann gibt es kein Gesetz, das das verhindern kann.“

 

Der zweite Artikel der spanischen Verfassung schreibt die „unauflösliche Einheit der spanischen Nation“ vor. Aber auch das Recht auf Autonomie der „Nationalitäten“ und „Regionen“ – ohne beide Begriffe genauer zu definieren.

 

Spanien ist tief gespalten. Das Land steckt wirtschaftlich nach wie vor in einer Krise. Den Katalanen geht es im Durchschnitt besser als dem Rest des Landes. Tatsächlich hat die Region seit dem Autonomiestatut von 1978 viele Rechte eingeräumt bekommen. Madrid hat der Autonomieregierung einige Kompetenzen, etwa in der Wirtschafts- oder Gesundheitspolitik abgegeben. Das aber reicht den Katalanen nicht. Etwa 20 Prozent des spanischen Bruttoinlandsprodukts stammen aus Katalonien. Die Region kann über ihre Steuereinnahmen jedoch nicht frei verfügen, Finanzpolitik ist Sache der Regierung in Madrid. Das ärgert die Katalanen und hat die Unabhängigkeitsbestrebung verstärkt.

 

Die wirtschaftliche Stärke der Region ist ein Hauptgrund, weshalb die Regierung in Madrid um Ministerpräsident Mariano Rajoy die katalanische Unabhängigkeit verhindern möchte.Katalonien indes gibt sich gerne jetzt schon als eigene, selbstbewusst auftretende Nation. In Berlin, nahe dem Checkpoint Charlie, weht über einem großen Bürogebäude die katalanische Flagge. Hier residiert die 'Vertretung von Katalonien in Deutschland' mit über 200 Mitarbeitern. Es gibt sogar einen 'Regionalminister für auswärtige Angelegenheiten' - eine Provokation in Richtung Madrid. Katalonien begreift sich selbst als Nation und tritt damit in Gegensatz zu dem gesamtstaatlichen Anspruch, den Madrid für sich formuliert.

 

Natürlich gibt es auch innerhalb Kataloniens Zweifler und Gegenstimmen. Die volkswirtschaftlichen und politischen Auswirkungen einer Abspaltung sind nicht absehbar.

 

Der FC Barcelona hat aber ungeachtet aller Rechenspiele und Spekulationen jetzt schon klar Position bezogen: Pro Katalonien. In den vergangenen Jahren provozierte der Verein gerne mit seinen Auswärtstrikots, die rot-gelb gestreift waren. Sie ähnelten stark der katalanischen Flagge. Das offizielle Clubmotto lautet més que un club – „Mehr als ein Verein“. Es ist ein Statement an die Welt: Der FC Barcelona steht für Freiheit und Unabhängigkeit.

 

Sportliche Rivalen, politische Gegner

 

Die Regionalregierung hat als Ziel ausgegeben, noch in diesem Jahr ihre Region und die 7,5 Millionen Katalanen in die Unabhängigkeit zu führen. Die Regierung in Madrid kündigte bereits an, das zu blockieren. Die Fronten sind verhärtet. Die Auseinandersetzung zwischen Zentral- und Autonomieregierung nimmt die Züge eines Grabenkrieges an. Politik wird mit allen Mitteln betrieben. Den Katalanen wurde mit dem Ausschluss des FC Barcelona aus der spanischen Fußballliga gedroht, sollten sie für die Unabhängigkeit stimmen. Doch die Drohung scheint nicht zu wirken. Beim Champions-League-Finale 2015 gegen Juventus Turin in Berlin hatten Barca-Fans katalanische Flaggen ins Olympiastadion geschmuggelt und entsprechende Gesänge angestimmt. Eine Woche zuvor standen sich Barcelona und Athletic Bilbao im Finale um den spanischen Pokal gegenüber. Bilbao liegt im Baskenland, das sich ebenfalls abspalten will. Aus Angst vor Protesten gegen die Regierung wurde die Begegnung von Madrid nach Barcelona verlegt. Als der Marcha Real, die spanische Nationalhymne, vor der Partie gespielt wird, gab es im ganzen Stadion ein hasserfülltes Pfeifkonzert.

 

Dass die Fans des FC Barcelona ihre Abneigung gegen Spanien so offen zur Schau stellen, provoziert Real Madrid und dessen Anhänger. IDer Hauptstadtklub steht für alles, wovon sich Katalonien freimachen möchte: die faschistische Vergangenheit, Zentralspanien, Königstreue. Und so wird der politische Konflikt auch in den Fußball getragen.

 

Deswegen steht den Barca-Spielern ein Spießrutenlauf bevor. Das Santiago Bernabéu wird den ungeliebten Gästen zeigen, was es von ihren Abspaltungsträumen hält. Es geht um alte Rivalitäten, um Geschichte und Politik, die brisanter ist denn je.

 

Das Hinspiel haben die Madrilenen gewinnen können. Nun hat Barca die Gelegenheit, Wiedergutmachung zu betreiben. Für die Anhänger des FC Barcelona ist das Spiel womöglich noch bedeutsamer als für die von Madrid. Die Katalanen haben das Bedürfnis zu jubeln, zu beben, ein gemeinsames Abenteuer zu erleben und dem politischen und sportlichen Feind zu zeigen, wozu ihr Katalonien in der Lage ist.

 

Ausgerechnet im Bernabéu. Ausgerechnet jetzt, da eine katalanische Eigenständigkeit schon bald Realität werden könnte. Es ist eben mehr als nur ein gewöhnliches Fußballspiel.

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