“Der Mensch ist das Wichtigste im Verein” - der Aufstieg eines kleinen Dortmunder Vorortklubs

 

Es ist der 28. August 2017 als der Hombrucher Sportverein zum ersten Mal in Fußball-Deutschland auf sich aufmerksam macht. Die U17-Junioren des Dortmunder Vorortklubs schlagen den amtierenden deutschen Meister Bayer 04 Leverkusen mit 1:0. Mohamed Dia wird mit seinem Treffer in der dritten Minute der Nachspielzeit zum umjubelten Held. Der Aufsteiger, dessen erste Herrenmannschaft in der Landesliga spielt, triumphiert über den etablierten Bundesligaklub. Eine Sensation. Ein Sieg, der sich nicht als Eintagsfliege erweisen sollte. Aus Hombruch berichtet Markus Schulze

 

Tobias Nubbemeyer (24) trainiert die U17-Junioren des Hombrucher SV. Seine Jungs haben noch alle Chancen auf den Klassenerhalt.  Foto: Klaus-Peter Ludewig

Knapp ein halbes Jahr später hält der HSV in der Staffel West der B-Junioren-Bundesliga gut mit. Den Klassenerhalt kann die Mannschaft von Trainer Tobias Nubbemeyer aus eigener Kraft erreichen. Einem guten Start mit sensationellen zehn Punkten aus fünf Spielen folgte ein Durchhänger zur Saisonmitte. „Uns war vor der Saison klar, dass wir hinfallen werden. Es ist wichtig für die Reife einer Mannschaft wieder aufzustehen“, erklärt Nubbemeyer.

 

Das Aufstehen ist der Truppe aus dem Dortmunder Süden eindrucksvoll gelungen. Im Jahr 2017 verlor der Aufsteiger lange Zeit kein Spiel. Erst im Stadtderby gegen Borussia Dortmund Anfang April unterlag man mit 0:2. Der Klassenerhalt befindet sich in greifbarer Nähe. Mit aktuell 28 Punkten nach 22 Spieltagen liegt der Hombrucher SV auf dem neunten Tabellenplatz – der Vorsprung auf den ersten Abstiegsrang beträgt zwei Zähler.

 

Der rasante Aufstieg des HSV gleicht einem Märchen. Vor zwei Jahren stieg die Mannschaft noch in die Verbandsliga auf. Statt Abstiegskampf hieß es Durchmarsch – es gelang der direkte Aufstieg in die Bundesliga, wo die Hombrucher nun zum ersten Mal vertreten sind.

 

Das Portal „fussball.de“ schreibt von einem gallischen Dorf in der Bundesliga. Ganz abwegig ist dieser Vergleich nicht. Hombruch ist mit Köln, Leverkusen, Gelsenkirchen, Bochum oder Gladbach umsiedelt von einigen der größten deutschen Fußballmächte – nicht zu vergessen der Stadtrivale Borussia Dortmund. Doch wie schafft man es als gallisches Dorf in die höchste deutsche Spielklasse? Einer der Architekten des Erfolges ist Jürgen Grondziewski. Er gründete 1979 die Jugendabteilung in Hombruch und ist bis heute dort als Kassenwart tätig.

 

Der Mensch ist das Wichtigste“

 

In den Anfangsjahren wollte man lediglich die heimischen Kinder von der Straße abholen, erzählt Grondziewski. Mit der Zeit seien aber die richtigen Leute zum Verein gestoßen, sodass der sportliche Erfolg nicht lange auf sich warten ließ. „Wir wollten die Jugendabteilung so aufstellen, dass wir weiterhin den Breitensport bedienen können, aber auch langsam in die Spitze stoßen können“, erklärt der Kassenwart. „Wir setzten immer auf die richtigen Trainer. Bis heute haben wir in diesem Bereich sehr viel Glück gehabt.“ Zu diesen zählen unter anderem Michael Rummenigge, Christian Wörns, David Siebers, Jörg Keuntje, Holger Bellinghoff, Benjamin Seifert oder auch der aktuelle Trainer der U17-Junioren, Tobias Nubbemeyer.

 

Der Mensch ist das Wichtigste hier im Verein“, fasst dieser die Philosophie der Jugendabteilung in wenigen Worten zusammen. Es ist einer der prägendsten Sätze, der in der knappen Stunde Gesprächszeit fällt. Er macht deutlich, was diesen Verein von anderen Amateurklubs unterscheidet. „Der Verein hatte Glück durch seine Entwicklung tolle Charaktere zu bekommen. Es waren immer Menschen, die sich für den Verein begeistern konnten.“ Es entstand eine enorme Grundharmonie, die sich auch auf die Spieler in den einzelnen Mannschaften überträgt. „Ich bin vor drei Jahren nach Hombruch gekommen“, erzählt Ersan Özcan, Kapitän bei den U17-Junioren. „Kurz zuvor hatte ich eigentlich schon bei Eintracht Dortmund unterschrieben. Ich bin dann allerdings noch einmal hier zum Probetraining vorbeikommen und habe mich sofort wohlgefühlt. Mit den Mitspielern und Trainern hat alles gepasst, sodass ich mich letztendlich für Hombruch entschieden habe.“

Kapitän Ersan Özcan (m., rotes Trikot) träumt von einer Karriere im Profifußball. Mit dem Hombrucher SV kann er in den nächsten Spielen den Klassenerhalt perfekt machen. Foto: Joachim Josephs

 „Jeder Spieler schreibt seine eigene Geschichte“

 

„Ich bezeichne die Jugendabteilung immer als mein eigenes Kind“, blickt Grondziewski stolz auf sein bisheriges Werk zurück. „Wenn man überlegt, was wir bisher erreicht haben, ist das schon toll. Da können einem schon die Tränen kommen.“ Als Grondziewski die Jugendabteilung ins Leben rief, hatte er lediglich einmal acht Kinder zur Verfügung.

 

Inzwischen spielen 363 Kinder und Jugendliche für den HSV. 19 Mannschaften sind für den Spielbetrieb gemeldet. Über 40 Trainer sind angestellt. Es ist die Bilanz einer wahren Erfolgsgeschichte, die jedoch einige Herausforderungen mit sich bringt. Bedingt durch die große Anzahl an Mitgliedern werden die Trainingskapazitäten immer knapper. Eine Fusion mit einem benachbarten Verein soll zusätzliche Möglichkeiten liefern.

 

Grondziewski, der zudem als Fußball-Kreisvorsitzender in Dortmund fungiert, schmiedet bereits die nächsten Pläne für die Zukunft seines „Kindes“: „Unter bestimmten Voraussetzungen können wir auch formell ein Nachwuchsleistungszentrum werden. Das muss ein Ziel für uns sein. Wie lange wir für die Umsetzung brauchen, ist eine andere Sache. Aber sollten wir dies schaffen, wollen wir auch mit unseren Mannschaften in der höchsten Spielklasse des DFB mitmischen.“ Jedoch wolle man dabei nicht den Breitensport vernachlässigen, stellt Grondziewski noch einmal klar. „Wir wollen und werden keine Kinder wegschicken, die bei uns Fußball spielen möchten.“

 

Der bekannteste Sohn der Hombrucher Jugendabteilung ist zweifelsohne Mario Götze. Von 1998 bis 2001 ging der spätere Weltmeister seine ersten Schritte auf dem Ascheplatz, ehe er zum großen Nachbarn Borussia Dortmund wechselte. „Jeder Spieler hier schreibt seine eigene Geschichte“, macht Nubbemeyer aber dennoch deutlich, dass er wenig von der Suche nach dem nächsten Mario Götze in den eigenen Reihen hält. „Es ist natürlich klar, dass hier einige gute Jungs spielen. Ob es einer von ihnen schafft, wissen wir in zehn Jahren.“

 

 „Möchte gerne professionell in einem Nachwuchsleistungszentrum arbeiten“

 

Auch Özcan möchte später einmal in den großen Stadien dieser Welt gegen den Ball treten. „Mein großes Ziel ist es, Profi zu werden. Ich gebe in jedem Spiel und in jeder Trainingseinheit Gas, um mich weiterzuentwickeln.“ Nubbemeyer weiß bereits ebenfalls, in welche Richtung seine Laufbahn schlagen soll. Der 24-Jährige studiert Lehramt mit der Fächerkombination Deutsch und Sport. Seine berufliche Zukunft sieht er jedoch klar im Fußball. „Ich möchte gerne professionell in einem Nachwuchsleistungszentrum arbeiten. Da kann ich das, was ich aktuell nebenberuflich ausübe, hauptberuflich machen.“ Erste Erfahrungen konnte der Lehramtsstudent bereits sammeln. Im vergangenen Jahr absolvierte er bei der TSG 1899 Hoffenheim und dem FC Augsburg ein Praktikum.

 

In der laufenden Bundesliga-Saison hat sein Team noch vier Spiele zu absolvieren. Vier Spiele, in denen es gilt, die entscheidenden Punkte für den Klassenerhalt zu holen. Unter anderem warten mit Arminia Bielefeld und Viktoria Köln noch zwei Gegner, die sich ebenfalls im Abstiegskampf befinden. Es fehlt nicht mehr viel, um das nächste Kapitel im Hombrucher Märchenbuch zu komplettieren. Eigentlich fehlen nur noch ein paar Punkte.

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