Der verkannte Startrainer

Der FC Barcelona und Luis Enrique trennen sich Saisonende. Beliebt war der Trainer nie. Dabei hat er Historisches erreicht. Von Christoph Söller.

 

Das Medienecho nach der 0:4-Niederlage des FC Barcelona bei Paris Saint-Germain im Achtelfinale der Champions League war riesig. Von einem „Totalschaden“ schrieb die AS und sah eine Mannschaft, die „taktischer, physischer und moralischer Unsinn“ sei. Die Mundo Deportivo schrieb von der „schmerzlichsten Nacht in der jüngeren Vereinsgeschichte“ und in den sozialen Netzwerken machte der Hashtag #enriqueout die Runde. Eine große Mehrheit sieht die Schuld für das blamable Auftreten im Prinzenpark von Paris beim Trainer. Die ganze Mittelmeerstadt war in Aufruhr. Wie konnte es soweit kommen?

 

Luis Enrique hat gleich in seiner ersten Spielzeit mit Barca Historisches erreicht. In der Saison 2014/15 gewann er das Triple, mit einem schnellen, modifizierten aber höchst effektivem Fußball, dem die Topklubs Europas, allen voran Real Madrid, Paris, Bayern München und auch Juventus Turin zum Opfer fielen. Drei Titel im ersten Jahr – das hatte zuvor nur Pep Guardiola geschafft.

 

Titelsammler und Reformer

 

Enrique moderierte gekonnt die Degradierung der Vereinslegende Xavi vom Mannschaftskapitän zum Einwechselspieler und installierte stattdessen Ivan Rakitic im Barca-Mittelfeld. Er integrierte mit Luis Suarez einen echten Mittelstürmer und schuf damit etwas Einmaliges: El Tridente, den Dreizack, bestehend aus Neymar und Lionel Messi auf den Seiten sowie Suarez im Zentrum. Der Mann mit der passenden Rückennummer neun wurde aber nicht nur mit Flanken von den Außenbahnen gefüttert, sondern spielte mit den Edeltechnikern an seiner Seite und machte das Trio wahrlich unbändig. Mit weit über 100 Toren stellten die drei Südamerikaner einen Vereinsrekord auf. Die drei Superstars waren von Defensivaufgaben fast komplett ausgeschlossen, Enrique ließ sie einfach machen. Die Stadt war berauscht. Nach dem blamablen Ausscheiden in der Champions League gegen den FC Bayern zwei Jahre zuvor und einer titellosen Anschlusssaison war Barcelona endlich zurück im europäischen Hochadel.

 

Im zweiten Jahr verteidigten die Katalanen die Meisterschaft und den Pokal. Außerdem gewannen sie den europäischen Supercup sowie den Weltpokal. In dieser Saison triumphierte Enrique mit Barca auch im letzten noch fehlenden Wettbewerb, dem spanischen Supercup. Ähnlich erfolgreich war nur Guardiola. Den Startrainer verehren sie bis heute in Barcelona. Dagegen ist Enrique von großer Dankbarkeit oder gar einem Legendstatus weit entfernt.

Unter Enrique gewinnt Barelona 2015 unter anderem die Champions League. Meisterschaft und Pokalsieg bedeuten das Triple in seiner ersten Saison.

Enriques Vergangenheit hängt ihm bis heute nach

 

Für Guardiola ist Barca bis heute sein Herzensklub, daraus macht er keinen Hehl. Zwischen 2008 bis 2012 stand er nicht nur sportlich, sondern auch politisch voll und ganz hinter dem Verein. Barcas offizielles Vereinsmotto lautet „més que un club“ – „Mehr als ein Verein“. Es ist eine Anspielung darauf, dass der Verein Sammelbecken für die katalanischen Separatisten ist. Guardiola, der sich nicht als Spanier, sondern Katalane sieht, sprach sich mehrmals für die Unabhängigkeit der Region aus, das machte ihn zum heldenhaften Protagonisten.

 

Luis Enrique hingegen ist in Gijon, einer Hafenstadt in Asturien, geboren. Er spricht kein katalanisch, zumindest nicht fließend, und jetzt, in Zeiten, in denen Fans ihren Verein nicht auf Platz eins sehen und sich die Mannschaft in Paris blamiert hat, machen sie ihm das zum Vorwurf. In den 1990er Jahren spielte er fünf Jahre lang für Real Madrid – dem Erzfeind Barcelonas. Seine Zeit in der Hauptstadt haben ihm viele nicht verziehen. In den Augen der Katalanen steht Real für alles, wovon sich die Unabhängigkeitsbewegung frei machen möchte: Zentralspanien, faschistische Vergangenheit, Königstreue.

 

Erst 1996 wechselte Enrique nach Barcelona und spielte acht Jahre für die Katalanen. So richtig warm wurden Fans und Trainer aber nicht. Jetzt zieht sich der 46-jährige zurück. Die Erschöpfung, der Traineralltag, die enorme Erwartungshaltungen haben ihn aufgezehrt. Ähnlich war es bei Guardiola 2012.

 

Typischer Gang über die zweite Mannschaft

 

Dabei schien Enrique wie gemacht für den Verein. Er begann seine Trainerkarriere in der vereinseigenen B-Mannschaft, stieg mit dieser in die Segunda Division auf und erreichte in der zweithöchsten spanischen Liga mit Platz drei die beste Saisonplatzierung in der Geschichte der zweiten Mannschaft. Er wechselte nach Rom, von dort aus zu Celta de Vigo.

 

Nach dem Krebstod Tito Vilanovas und einer titellosen Saison unter Gerado Martino wollte die Vereinsführung Barcelonas wieder Konstanz auf dem Trainerstuhl und machte etwas, was bereits in der Vergangenheit zum Erfolg geführt hatte. Sie holten Enrique zurück, installierten also jemanden, der die Vereinsphilosophie und das Selbstverständnis bereits kannte. Das hatte zuvor schon bei Frank Rijkaard und Guardiola funktioniert.

 

Enrique bemühte sich im Laufe seiner Amtszeit, Talente aus Barcas berühmter Jugendakademie La Masia in seine Mannschaft punktuell zu integrieren, doch seine Entscheidungen zündeten nicht. Sergi Roberto kann auf der Position des Rechtsverteidigers den nach Turin transferierten Dani Alves nur unzureichend ersetzen. Denis Suarez, eigentlich auch aus der eigenen Jugend, wurde aus Villareal zurückgeholt, kommt aber über Kurzeinsätze nicht hinaus. Und Sergi Samper, das vielleicht vielversprechendste Talent aus der eigenen Jugendakademie, wurde nach Granada verliehen, weil ihm Enrique den Sprung ins Profiteam nicht zutraute. Als offenes Geheimnis gilt zudem, dass er mit einigen gestandenen Superstars, allen voran Messi und Suarez, ein distanziertes Verhältnis hat.

 

"Bester Kader" ohne Glanz

 

Angeblich soll Messi als Bedingung für seine eigene Vertragsverlängerung eine stärkere Mannschaft gefordert haben, die um alle Titel mitspielen kann. Die Vereinsführung arbeitete fieberhaft daran, die Verträge von Iniesta, Ivan Rakitic, Suarez und dem deutschen Torwart Marc-André ter Stegen, also den Stützen des Champions-League-Triumphs 2015, zu verlängern.

 

Vor der Saison hatte Enrique behauptet, der aktuelle Kader sei der Beste, den er in Barcelona bislang zur Verfügung hatte. Der Saisonverlauf spiegelt etwas anderes wider. Zwar ist in der Liga alles offen, aber die Gewissheit der eigenen Stärke, die Selbstverständlichkeit des Siegens scheint abhandengekommen zu sein. Der modifizierte Stil, für den Enrique lange gefeiert wurde, scheint nun Teufelszeugs zu sein, eine ungewünschte Revolution. Die Fans sehnen sich nach dem klassischen Kurzpassspiel und eigenen Talenten. Im Camp Nou reicht es nicht, nur zu gewinnen. Das anspruchsvolle Publikum will im eigenen Stadion immer auch Spektakel.

Zwischen 1991 und 1996 spielt Luis Enrique ausgerechnet für Real Madrid.

Kantersiege nach Abschiedsankündigung

 

Nach der Schlappe in Paris habe Enrique viel mit seiner Frau das Spiel 'Eile mit Weile' , am ehesten in Deutschland vergleichbar mit 'Mensch ärgere dich nicht' gespielt und oft gewonnen. Das war seine eigene, ironisch-forsche Art, mit der aus seiner Sicht übertriebenen Kritik umzugehen. Gegen Enriques Geburtsstadt Gijon gewannen die Katalanen im neuen 3-4-3-System locker 6:1. Danach verkündete der Trainer seinen Abschied. In drei kurzen Sätzen, am Ende der üblichen Pressekonferenz. Fast beiläufig erklärte er, er brauche eine Pause. Dann stand er auf und ging.

 

Der Auftritt am Wochenende war der erste nach Enriques Aus auf Raten. Die Mannschaft spielte gegen Celta de Vigo schnell und gewann 5:0. Am Ende waren sogar Louis-Enrique-Sprechchöre im Stadion zu hören. Erst jetzt, bei solchen Gala-Auftritten ihrer Mannschaft, scheinen die Fans zu bemerken, was sie an ihrem Trainer haben. Einen 5:0-Sieg braucht Barca auch im Rückspiel gegen Paris Saint-Germain, um tatsächlich ins Viertelfinale einzuziehen.

 

Im Camp Nou, in dem 98.000 Zuschauer erwartet werden, scheint eine spektakuläre Aufholjagd nicht unmöglich. Dann könnten sie ihrem Trainer, der es trotz Titel und Toren nie so wirklich in die Herzen der Fans geschafft hat, ein Denkmal bauen. Verdient hätte er es schon jetzt. Er ist einer der erfolgreichsten Barca-Trainer aller Zeiten.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0