Völlig losgelöst

Ab 2026 wird die Fußball-Weltmeisterschaft mit 48 anstatt der bisherigen 32 Mannschaften ausgetragen. Die Entscheidung der Fifa hat weitreichende Konsequenzen auf die Fußballkultur. Sie grenzt an einen Wahnsinn. Von Sebastian Koch

Fehlschuss: Gianni Infantino entfernt den Fußball immer weiter von seinen Grundwerten.


Vornherein sei eines festgestellt: An der Entscheidung der Fifa, die Weltmeisterschaft ab 2026 mit 48 Mannschaften auszutragen, ist nicht alles schlecht. Ganz im Gegenteil, die Entscheidung hat einen positiven Aspekt: Sie zeigt, dass der Weltverband, der mächtigste Einzelsportverband der Welt, jegliche Bodenhaftung verloren hat. Spätestens seit dem heutigen Dienstagmorgen müssen auch die - sich sowieso schon in der krassen Minderheit befindenden - letzten Verteidiger der Hohen Fußballherren zu der Erkenntnis gelangt sein, dass die Fifa sich von ihrer Basis, den hundert Millionen Fußballfans in den traditionellen Fußballnationen, bedenklich weit entfernt hat. Eine Weltmeisterschaft mit 48 Teilnehmern - sie ist der definitive Beginn einer neuen Zeitrechnung für den Fußball. Eine Epoche, in der nicht mehr das sportliche, sondern einzig und allein das wirtschaftliche Interesse im Vordergrund der beliebtesten Sportart der Welt steht.

 

In Zukunft werden noch mehr Nationen die Möglichkeit haben, an einer Weltmeisterschaft teilzunehmen. Nationen, die ein Turnier auf ihre ganz bestimmte Art und Weise auch bereichern. Das hat im vergangenen Jahr die Europameisterschaft bewiesen, an der erstmals 24 anstatt 16 Mannschaft partizipierten. Begeistert waren wir von isländischen und nordirischen Fans, die ohne diese Aufstockung den Weg nach Frankreich wohl kaum gefunden hätten. Ein netter Nebenaspekt, der das sportlich lange schwächelnde Niveau jedoch nur auf den ersten Blick kaschierte. Hinzu kommt, dass europäische Mannschaften aus der zweiten oder dritten sportlichen Reihe immer noch konkurrenzfähiger sind als sportliche Hinterbänkler aus Afrika, Asien oder gar Ozeanien.


Mit Humor nehmen? Zur WM-Aufstockung fehlen rationale Pro-Argumente.


Sportlich gefährlich

 

Die Fifa entfernt sich mit dieser Entscheidung von ihren Grundwerten, die sie doch schon seit Jahren mit Füßen tritt und trotzdem immer noch fast wöchentlich aufs Neue beweist 'schlimmer geht immer'. 16 Gruppen soll es ab 2026 geben. Die Mannschaften in der gigantischen Gruppenphase haben fast keinen sportlich Ansporn, schließlich kommen ja zwei der drei Gruppenteilnehmer weiter. 66 Prozent also (bisher waren es deren 50). Ausscheiden für Favoriten? Quasi unmöglich. Der sportliche Wettbewerb verwässert wie selten zuvor. Schlimmer noch: Der neue Modus birgt gefährliche Risiken.

 

Eine der drei Mannschaften wird bereits Tage vor ihren beiden Kontrahenten die Vorrunde abgeschlossen haben. Im letzten Spiel wissen die verbleibenden Auswahlen genau, welches Ergebnis welche tabellarische Konstellation mit sich bringt. Zuletzt war das bei der Weltmeisterschaft 1982 der Fall. Die Schande von Gijon, als sich Deutschland und Österreich zu Ungunsten Algeriens auf ein Untentschieden einigten, führte zur Einführung der parallel laufenden letzten Gruppenspielen. Das wird es zukünftig nicht mehr geben.

 

Um etwaige Absprachen zu vermeiden, soll es deshalb auch in den Gruppenphasen bei Gleichstand bereits ein Elfmeterschießen geben - das Untentschieden wird also abgeschafft. Ein Eingriff in die Fußballkultur historischen Ausmaßes.

 

Warum das alles? Fifa-Präsident Gianni Infantino, der es nach seiner Wahl in Rekordzeit geschafft hat, jegliche Aufbruchstimmung im korrupten Weltverband zunichte zu machen, löst sein Wahlversprechen an sportlich schwächere Nationen ein, ihnen eine Weltmeisterschaft zu ermöglichen. Ganz nebenbei wird es künftig 80 anstatt 64 Spiele geben - die Fifa-Kasse wird es freuen. Das alles geht auf Kosten des sportlichen Wettbewerbs und damit auch der Fans. Getreu Peter Schllings Major Tom schwebt auch die Fifa mittlerweile 'völlig losgelöst von der Erde' in ihrem eigenen Kosmos. Einem Kosmos, den die Fans erst noch entdecken müssen. Er ist Lichtjahre von dieser Erde entfernt.

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