Schieflage

Mitten hinein in die besinnliche Zeit zwischen Weihnachten und Silvester platzen irre Transfergerüchte aus China. Stars wie Wayne Rooney und Angel Di Maria sollen mit viel Geld ins Reich der Mitte gelockt werden. Symptomatisch für eine Fußballwelt, die immer heftiger ins Wanken gerät. Von Christoph Söller.

Objekt der Begierde: Nicht nur bei den Gerüchten um Wayne Rooney fehlen vielen Fußballnostalgikern die Worte.

Seit dem Weihnachtsfest erreichen die europäischen Spitzenvereine täglich neue Meldungen aus China. Die Angebote sind dabei jedoch alles andere als gewöhnliche Transferspekulationen. Denn die Chinesen steigen mit Summen in den Markt ein, die einem den Atem stocken lassen.

 

China, das wird nun auch den letzten Zweiflern bewusst, will im Fußballgeschäft aufholen. Ehemalige Superstars und alternde Startrainer sind bereits im Reich der Mitte. Ihre Pionierarbeit wird ihnen mit viel Geld versüßt. Bestes Beispiel: Der Brasilianer Oscar wechselte kürzlich vom FC Chelsea nach Shanghai - für eine Ablösesumme von über 70 Millionen Euro. Das allein ist schon eine gigantische Summe. Noch erstaunlicher aber wird der Transfer mit einem Blick auf Oscars künftiges Gehalt:  470.000 Euro  – wöchentlich. Der Lohndurchschnitt in Oscars Heimatland Brasilien liegt bei 260 Euro – monatlich.

 

Gigantische Jahresgehälter

 

Derweil erlebt Wayne Rooney, Englands einstiger Ikone, bei Manchester United gerade seinen sportlichen Niedergang. Nun hat wohl auch er schmackhafte Angebote aus China bekommen. Chinesische Klubs locken Rooney mit einem Wochengehalt von 820.000 Euro. Das entspräche einem Jahressalär von 40 Millionen Euro.

 

Das System hat groteske Züge angenommen. Stimmen die Zahlen aus China tatsächlich, würde Rooney mehr verdienen als Cristiano Ronaldo. Lange Zeit waren es die Vereinigten Staaten, die für alternde Stars als das Ziel dienten, in dem sie bei üppigen Gehältern ihre mehr oder weniger klangvolle Karrieren ausklingen ließen. Die von chinesischen Klubs umworbenen Spieler sind jedoch nicht ausschließlich jenseits der 30 Jahre. Oscar und Angel Di Maria spielen nach wie vor auf höchstem europäischen Niveau.

 

"Götterdämmerung naht" 

 

Doch die Summen, die aus der Volksrepublik nach Europa schwappen, sind nur eine Symptomatik dessen, was Fußballnostalgiker schon lange Zeit bemängeln: Gehälter und Ablösesummen sind in Sphären vorgedrungen, die nicht mehr greif- und begreifbar sind. Dabei sind (zu) hohe Vergütungen und Ablösen nicht durch chinesische Klubs ausgelöst worden. Erst im Sommer zahlte Manchester United für den Franzosen Paul Pogba 105 Millionen Euro an Juventus Turin. Nie zuvor hatte ein Klub derart viel Geld für einen Spieler bezahlt. Doch durch die Angebote aus dem Reich der Mitte bekommt der Transferwahnsinn eine neue Qualität.

 

Peter Sloterdijk sprach mit der Wochenzeitung Die Zeit über zynischen Fußball und merkte an: „Was mich frappiert, ist die Großzügigkeit seitens der Zuschauer, die nichts dabei finden, junge Männer in die Sphäre von zweistelligen Millionengehältern davonschweben zu lassen, und das ohne jedes Ressentiment. Dass man Sportlern Einkünfte gönnt, die denen von Oligarchen entsprechen – ist das nicht merkwürdig?“ Der sportbegeisterte Philosoph prophezeit: „Die Götterdämmerung kommt.“ 


Wie lange machen Fans das ausufernde Millionengeschäft Fußball noch mit?


Wie sich die Ablösen und Gehälter moralisch rechtfertigen lassen, ist eine komplexe Frage. Aber dass das Prinzip Fußball trotzdem noch funktioniert, ist unstrittig. Fußball verläuft antizyklisch. Das Geschäft zeigt sich unbeeindruckt von dem, was in der Welt passiert. In Spanien war in den Arenen nichts zu sehen von einer Wirtschafts- und Finanzkrise. In England sind die Stadien trotz horrender Ticketpreise voll. Und auch hierzulande herrscht seit der Weltmeisterschaft 2006 eine scheinbar ungebremste Fußballbegeisterung. Gerade wenn es den Leuten schlecht geht, wenn die Welt im Chaos zu versinken droht, lassen sich Menschen durch Fußball ablenken. Brot und Spiele – ein 2000 Jahre altes Prinzip.

 

Fußballwelt gerät ins Wanken

 

Doch sobald man sich tiefer mit dem Thema beschäftigt, beginnt die scheinbar heile Fußballwelt auf auf Seiten ihrer Fans zu bröckeln. Die Fans merken, dass es nicht gut ist, wenn die schönste Nebensache der Welt sich immer mehr in einem eigenen Universum bewegt. Die  gigantischen Gehälter müssen finanziert werden. Sie bekommen das zu spüren. Eine Karte für das Champions-League-Achtelfinale zwischen Barcelona und Paris? 280 Euro. Im obersten Rang wohlgemerkt, weit weg vom Spielgeschehen auf dem Rasen. Ein Trikot des FC Bayern? 99,95 Euro.

 

Die Kollegen vom Fußballmagazin 11Freunde prophezeiten im November „den Untergang des Fußballs“. Tatsächlich deuten Indizien schon heute auf den beginnenden Untergang hin: Im Herbst 2016 verkaufte der deutsche Rekordmeister beim Heimspiel gegen Ingolstadt erstmals seit dem Umzug in die Alianz-Arena im Juni 2006 noch Karten an der Abendkasse. Im fußballbegeisterten Mainz waren beim Europa-League-Spiel gegen St. Etienne, einem durchaus attraktiven Gegner, noch zahlreiche Plätze frei. Bei Bastian Schweinsteigers letztem Spiel für die Nationalmannschaft wurden mehrere Tausend Karten nicht verkauft. Und auf Dortmunds Südtribüne wurde die Internationalisierungsstrategie der Vereinsführung per Transparent kritisiert: „Watzke: Viele Worte, keine Taten – Identitätsverlust auf Raten“.

 

Verzerrte Wahrnehmungen 

 

Aus der Fußballbranche selbst wird den Niedergang niemand bestätigen. Die Verantwortlichen reden ihr eigenes Geschäft nicht kaputt. Und trotzdem ist eine Entfremdung zwischen Fans und Fußball nicht zu leugnen. Das liegt auch daran, dass der sportliche Wettbewerb kaum noch funktioniert. Jene finanzstarken Vereine, die sich die hohen Gehälter und Ablösesummen leisten, machen die Titel seit Jahren unter sich aus. Die Finanzstärke und die sportlichen Erfolge sind in den vergangenen zehn Jahren deckungsgleich. Überraschungen? Fehlanzeige. Die bislang letzte im Europapokal gab es 2004, als der FC Porto die Champions League gewann. Es war die Sensation, nach der heute viele lechzen. Allein, es fehlt der Glaube an eine Wiederholung.

 

Und es gibt auch bereits drastische Reaktionen seitens der Fans auf diese Entfremdung. Als Zeichen gegen die zunehmenden Kommerzialisierung gründen enttäuschte Anhänger ihre eigenen Vereine. Als 2005 RedBull Austria Salzburg übernahm, sahen die Anhänger des Klubs, wie sich Stück für Stück alles veränderte. Auf die Vereinsgeschichte wurde keine Rücksicht genommen, das Wappen verändert, ebenso wie die Vereinsfarben. Es war von nun an der Klub von Dietrich Mateschitz, dem mächtigen Unternehmenschef, aber nicht mehr das Austria Salzburg, wie es die Fans kannten.


Also gründeten sie den SV Austria Salzburg neu. Ähnliche Projekte gibt es in England - und auch in Deutschland. Enttäuschte Fans des Hamburger SV gründeten unter anderem wegen der "Abschaffung sämtlicher Mitbestimmung" und des "Verkaufs des HSV an Investoren" zur Saison 2015/16 den HFC Falke.

 

Düstere Zukunftsprognosen

 

Auch die mediale Fundamentalkritik am System Fußball nimmt zu. Die jüngsten Enthüllungen des Nachrichtenmagazins Der Spiegel über raffgierige Spielerberater dient als Beleg hierfür. Es geht dabei darum, die Missstände beim Namen zu nennen. 

 

Der Fußball steht vor einer Zeitenwende. Wie radikal sie ausfallen wird, ist unklar. Dass die Berichterstattung aber auch im nächsten Jahr von spektakulären Transfers und unfassbaren Zahlen geprägt sein wird, daran besteht keinen Zweifel. Der Wahnsinn wird weitergehen. Ein Ende ist nicht in Sicht.

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