"Futsal ist auf einem guten Weg"

Nationaltrainer Paul Schomann sprach mit Spiel, Satz und Tor über die neu geschaffene deutsche Nationalmannschaft, ihre ersten beiden Länderspiele, Reformprozesse und Toni Kroos. Von Markus Schulze und Sebastian Koch

Er geht voran: Paul Schomann ist seit Dezember 2015 der erste deutsche Futsal-Nationaltrainer.

Spiel, Satz und Tor: Herr Schomann, knappe zwei Wochen sind seit den ersten beiden Länderspielen der deutsche Futsal-Nationalmannschaft vergangen. Sie haben vor den Testspielen gegen England (5:3 und 3:3/Anm. d. Red.) davon gesprochen, dass Futsal-Deutschland seine Jungfräulichkeit verliere – mit ein bisschen Abstand: wie war denn das erste Mal?

 

Paul Schomann (65): Sehr gut. Wir haben in beiden Spielen gegen England eine starke, im ersten sogar eine überragende Leistung abgeliefert, und waren von unserer Spielstärke selbst ein wenig überrascht. Die Mannschaft ist ein Stück weit über sich hinausgewachsen. Insbesondere im zweiten Spiel, das die Engländer nach der Niederlage in der ersten Partie mit einer gehörigen Portion Wut gestaltet haben, haben wir es verstanden, dagegenzuhalten und spielerische Akzente zu setzen. Darauf bauen wir nun auf.

 

SSUT: Wie haben Sie die Resonanz auf die in Deutschland neue Art des Hallenfußballs wahrgenommen?

 

P.S.: Die Atmosphäre in der Halle in Hamburg war phantastisch. Die Zuschauer haben die Mannschaft angefeuert und nach vorne getrieben, wie ich es in der Form nicht erwartet hatte. Beide Spiele sind live übertragen und in der Spitze von knapp 500.000 Interessierten verfolgt worden. Das ist eine recht hohe und sehr zufriedenstellende Zahl. Kolleginnen und Kollegen loben mich noch bis heute, dass unsere Leistung sehr gut gewesen ist und wir attraktiv gespielt haben. Wir haben viele Leute auf den Geschmack gebracht – auch jene, die vor den Spielen noch eher distanziert waren.

 

SSUT: Was ist so besonders am Futsal?

 

P.S.: Die Spiele sind in der Regel sehr knapp und mit vielen Torraumszenen. Der Sport ist geprägt von spektakulären Aktionen und einer immens hohen technischen Raffinesse. Dazu kommt, dass Futsal sehr schnell und athletisch ist. Das alles sind Dinge, die der Fan sehen möchte, wenn er sich Hallenfußball anschaut und das haben wir in unseren beiden Spielen auch geboten. Es war eine großartige Werbung für den Sport.

 

SSUT: Im Januar wird es dann auch rechnerisch ernst, wenn es in der Qualifikation zur Europameisterschaft 2018 in Slowenien um die ersten Punkte geht. Wie schätzen Sie die Chancen gegen Lettland, Estland und Armenien ein?

 

P.S.: Alle Gegner kommen aus Osteuropa, in dem Futsal schon seit Jahrzehnten professionell gespielt wird. Die Mannschaften bestehen schon lange und deshalb sind wir krasser Außenseiter. Nichtsdestotrotz möchten wir den Schwung aus den Spielen gegen England mitnehmen und uns gut verkaufen. Die Chancen auf einen Sieg aber sind in der Tat eher gering.

 

SSUT: Wie unterscheidet sich der Hallenfußball vom Futsal?

 

P.S.: In erster Linie fehlt im Futsal das Bandenspiel. Das macht die Sportart ästhetischer und nimmt ihr so ein bisschen den Rumpelcharakter des Hallenfußballs. Der Futsal spiegelt die Feinheiten des Feldfußballs besser wider.

 

SSUT: Hat der Deutsche Fußball-Bund (DFB) Hallenfußball und Futsal lange Zeit verschlafen?

 

P.S.: Nein, das würde ich so nicht sagen. Den traditionellen Hallenfußball gibt es in Deutschland ja schon seit Ende der 1960er-Jahre. Dank der Olympischen Spiele 1972 und dem damit verbundenen Boom an Sporthallenbauten haben wir seitdem jährlich, sowohl im Junioren- als auch im Seniorenbereich, Hallenfußballturniere professionell durchgeführt. Irgendwann schwappte dann der Futsal aus Südamerika nach Europa rüber, aber wir, also der DFB, waren der Meinung, dass wir schon Hallenfußball spielen. Natürlich ist Futsal aber ein völlig anderes Spiel als der hier übliche Hallenfußball. Der größte optische Unterschied zeigt sich ja bereits bei der fehlenden Bande. In der Umstellung sind wir natürlich Spätentwickler, aber man kann nicht sagen, dass der DFB den Hallenfußball im Allgemeinen verschlafen hat. Er hat sich vielleicht schwer damit getan, den traditionellen Hallenfußball umzustellen. Die beiden Spiele gegen England haben aber endgültig gezeigt, dass die Zukunft des in der Halle spielenden Fußballs im Futsal liegt.

 

SSUT: Sie haben einmal gesagt, Futsal sei „die ideale Variante des Hallenfußballs, die den Spielern eine Menge für die Rasensaison“ bringe. Was genau können Spieler im Futsal für die Freiluftsaison lernen?

 

P.S.: In erster Linie wird die Handlungsfähigkeit geschult. Das Spiel auf dem Rasen entwickelt sich doch immer mehr in die Richtung, dass die verteidigende Mannschaft die Räume immer enger macht. Für die Angreifer kommt es darauf an, in diesen engen Räumen durch eine schnelle Handlungsfähigkeit Lösungen zu finden. Außerdem gibt es in der Halle mehr Eins-gegen-eins-Situationen. Eine Futsal-Mannschaft ist chancenlos, wenn sie keine Spieler hat, die diese Duelle gewinnen. Also bildet Futsal auch im technischen Bereich sehr gut aus. Im taktischen Bereich lernen die Akteure, mit vielen Über- beziehungsweise Unterzahlsituationen zurechtzukommen. Das Passspiel ist noch wichtiger als auf dem Rasen. Die Bälle müssen genau in den Fuß gespielt werden, sonst sind sie verloren.

 

SSUT: Welche deutschen Feldfußballspieler bringen Qualitäten mit, die sie auch zu einem guten Futsalspieler machen könnten?

 

P.S.: Da gibt es einige, zum Beispiel Toni Kroos. Er hat eine wahnsinnige Handlungsschnelligkeit, ist ballsicher und verfügt über eine ausgezeichnete Spielübersicht. Die Ruhe und Abgeklärtheit, die er am Ball ausstrahlt, würde ihn im Futsal ebenfalls weit bringen. Natürlich könnten wir auch Manuel Neuer im Tor gebrauchen. Aber auch Sami Khedira wäre ein guter Futsalspieler.

 

SSUT: Was muss in den nächsten Jahren passieren, damit aus dem Futsal-Entwicklungsland Deutschland eine etablierte Futsal-Nation wird?

 

P.S.: Wir brauchen zuallererst eine Basis an Mannschaften. Hier muss eine solide und breite Grundlage geschaffen werden, ohne die es schlicht und ergreifend nicht funktioniert. Natürlich benötigen wir auch eine vernünftige Ligastruktur, das heißt ein pyramidenartiges System, das die Leistungsstärke der einzelnen Mannschaften widerspiegelt und in einer Bundesliga mündet. Die Mannschaften müssen in einem Wettbewerb stehen. Futsalspieler müssen vier bis fünfmal die Woche trainieren und am Wochenende ein Punktspiel absolvieren. In einigen Regionen Deutschlands sind wir diesbezüglich schon auf einem guten Weg, aber längst noch nicht flächendeckend.

 

SSUT: Wie lange dauern solche Reformen?

 

P.S.: Das ist eine Frage, die so pauschal nicht zu beantworten ist. Wir haben den Reformprozess begonnen, aber der ist nicht von heute auf morgen abgeschlossen. Ich gehe davon aus, dass wir mindestens eine Spielergeneration brauchen, um etwas nachhaltig zu etablieren. Die einzelnen Landes- und Regionalverbände beginnen nun, ihre Hallenturniere nach offiziellen Fifa-Futsalregeln durchzuführen, wodurch sicherlich der eine oder andere 18- oder 19-Jährige sich dauerhaft für den Futsal entscheiden wird. Natürlich spielt irgendwann aber auch das Geld eine Rolle. Um Sponsoren auf die Sportart aufmerksam zu machen, müssen auch dahingehend Strukturen geschaffen werden. Das erfordert Kontinuität und Stabilität.

 

SSUT: Wo steht der deutsche Futsal in fünf Jahren?

 

P.S.: Auch das ist schwierig zu prognostizieren. Wir werden uns auf alle Fälle weiterentwickeln und haben das Ziel, uns im europäischen Vergleich nach vorne zu arbeiten. In fünf Jahren werden wir uns europaweit auf dem 20. bis 25. Platz bewegen. Wir werden aber noch lange nicht die Nationen erreichen, in denen Futsal schon seit Jahren oder gar Jahrzehnten professionell oder halbprofessionell gespielt wird – also beispielsweise Spanien, Italien, Portugal oder die osteuropäischen Nationen. Das ist in dieser Zeitspanne utopisch zu erwarten. Das Ziel ist, uefa-weit in der oberen Hälfte der 56 Landesverbände mitzuspielen.    

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