FREIBURG GEGEN LEIPZIG - DAS DUELL DER GEGENSÄTZE

Das Freitagabendspiel des zwölften Spieltags lautet SC Freiburg gegen RB Leipzig. Beide haben es im vergangenen Jahr aus der zweiten Liga ins Oberhaus geschafft. Der Aufstieg ist aber auch das einzige, was die beiden Klubs gemeinsam haben. Von Christoph Söller

Im Moment ist in Freiburg alles in Ordnung. Beim Sportclub ist man nach elf Spieltagen glücklich über 15 Punkte und Platz zehn. Ein gelungener Saisonstart. Die Verantwortlichen im Breisgau wissen, dass aufgrund ihrer geringen wirtschaftlichen Möglichkeiten jede Spielzeit, die sie in der Bundesliga verbringen, eine besondere ist.

 

Freiburgs Trainer Christian Streich macht aus den gegebenen Möglichkeiten das Beste. Mit jungen Talenten und viel Fleiß versucht er, der Abstiegsgefahr zu entgehen. Er ist das Gesicht des SC Freiburg, dem kleinen sympathischen Verein aus dem beschaulichen Breisgau. Streich wurde, nachdem er höchst erfolgreich als Jugendtrainer für Freiburg arbeitete, im Dezember 2011 Cheftrainer des SC und hat seitdem einiges mitgemacht: nicht mehr für möglich gehaltener Klassenerhalt, Europa League, Abstieg, Wiederaufstieg. Dabei verkörperte er stets das, wofür der gesamte Verein steht: Bodenständigkeit, Fleiß, Demut. Deswegen ist der 51-jährige so beliebt – nicht nur in Freiburg.

 

Der SCF ist ein kleiner Verein, mit einem kleinen Stadion und geringen finanziellen Mitteln. Dennoch hat sich Freiburg es zum Ziel gesetzt, nachhaltig unter den besten 20 Klubs in Deutschland vertreten zu sein.

 

Die Pläne des Gegners scheinen dagegen geradezu visionär. Gegensätzlicher zum SC Freiburg könnte RB Leipzig gar nicht sein. Das weiß auch Jochen Saier, Sportvortand des SC Freiburg. „RB Leipzig ist ein Standort, der in den nächsten Jahren nicht absteigen oder gegen den Abstieg kämpfen wird. Was das Konstrukt RB Leipzig angeht, muss man aus unserer Perspektive natürlich auch kritisch darauf schauen.“

 

Mit dem Verein aus Sachsen wird in erster Linie der Brauseherstelle Red Bull assoziiert. Offiziell steht die Abkürzung RB für „Rasenballsport“, aber nur, weil Sponsoren laut DFB-Reglement nicht im Vereinsnamen auftauchen dürfen.

 

Neureich und Attraktiv

 

Aufgrund der Tatsache, dass der neureiche Aufsteiger ansehnlichen Fußball spielt und die Sehnsucht nach einem potenten Bayern-Rivalen im Land groß ist, scheinen sich neutrale Zuschauer schnell mit den Sachsen abgefunden zu haben. Unter vielen Fans aber ist RB Leipzig (noch) ein unbeliebter Retortenklub.

 

Ralf Rangnick, der Leipziger Sportdirektor, wird wie kaum ein anderer mit RB in Verbindung gebracht. Er ist der vorausschauende Macher, der mächtige Mann, der den Erfolg planen soll. Ralph Hasenhüttl, seit dieser Saison Trainer des Aufsteigers, kam mit der Referenz eines Aufstiegs und eines geglückten Klassenerhalts aus Ingolstadt nach Leipzig.

 

Red Bull hat mit Leipzig ein Ziel: langfristig wollen die „Bullen“ neben den Bayern das zweite Flaggschiff im deutschen Fußball werden. Dafür braucht man Geld. Und Red Bull hat viel davon. Erst im vergangenen Jahr erzielte das Unternehmen einen Rekordumsatz von 5,9 Milliarden Euro. Ein Teil davon fließt in den Fußballstandort Leipzig.

 

Schon jetzt ist der Personaletat für die Lizenzspieler und das Trainerteam mit 50 Millionen Euro doppelt so hoch wie der des SC Freiburg. Und sollte Leipzig sich in dieser Saison für einen internationalen Wettbewerb qualifizieren, würden neben den Mitteln des mächtigen Hauptsponsors auch noch die Erträge aus den Fernsehverträgen dazukommen, die sich an den sportlichen Erfolg koppeln und die TV-Gelder aus der Champions League oder der Europa League, die von der Uefa verteilt werden.

 

Keine Bindung zur Stadt Leipzig

 

Leipzig ist nicht der erste Klub in Deutschland, der mit ungewöhnlichen Finanzierungskonzepten für Aufmerksamkeit sorgt. Auch die TSG 1899 Hoffenheim sah sich nach ihrem Aufstieg ins Oberhaus 2008 aus den Fanszenen des Landes massiven Anfeindungen ausgesetzt, weil Mäzen Dietmar Hopp viel Geld für den sportlichen Erfolg in die Hand nahm.

 

Geld, das sich die TSG nicht wie andere Vereine erarbeiten musste (durch sportliche Erfolge oder Sponsorensuche), sondern das der großzügige Gönner einfach hatte. Anders als Hopp in Hoffenheim hat Red Bull aber keinerlei regionalen oder emotionalen Bezug zu Leipzig. Der Standort scheint nach klaren Marketinggesichtspunkten ausgewählt worden zu sein: der Osten war eine Fußball-Diaspora, Leipzig eine schöne Großstadt, in der noch dazu eine WM-Arena ungenutzt herumstand. Der ideale Standort, um das Projekt in die Tat umzusetzen.

 

Es begann 2009 in der fünftklassigen Oberliga Nordost. Seitdem kennt der Verein nur eine Richtung: die nach oben. Sieben Jahre nach der Vereinsgründung hat RB Leipzig ein erstes Zwischenziel erreicht: die Erstklassigkeit. Für diese Zeit stehen in der Transferbilanz des Vereins Kosten von über 100 Millionen Euro. Nur die Bayern liegen noch darüber.

 

RB hat in den vergangenen Jahren aber nicht nur in Beine, sondern auch in Steine investiert. Der Aufsteiger besitzt ein gigantisches Trainingsgelände, von dem die meisten anderen Bundesligisten nur träumen können. Und erst letztes Jahr ist ein Nachwuchsleistungszentrum für über 30 Millionen Euro entstanden.

 

Mit dem Geld, das Red Bull zur Verfügung stellt, wird nicht Monopoly gespielt. Die Investitionen in die Infrastruktur haben eine klare Linie, es wurden keine überteuerten Stars gekauft. Bis vor kurzem gab es bei RB Leipzig eine selbst auferlegte Obergrenze. Kein Leipziger Profi durfte mehr als drei Millionen Euro verdienen.

 

Das klingt bescheiden für Fußball-Verhältnisse. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass es ohnehin nur ein halbes Dutzend Erstligisten gibt, die diese Schallmauer durchbrechen. Die meisten Klubs, dazu gehört auch der SC Freiburg, können sich Gehälter wie sie RB zahlt, nicht leisten. Ein Beispiel: Hasenhüttls ehemaliger Arbeitgeber, der FC Ingolstadt, hat eine Gehaltsgrenze von 600.000 Euro – gerade mal ein Fünftel dessen, was in Leipzig gezahlt wird. Erst kürzlich aber hat Leipzigs Sportdirektor Ralf Rangnick verlauten lassen, dass die Obergrenze nicht für die nächsten Jahre gelte. In den kommenden Jahren sollen die Gehälter kontinuierlich erhöht werden.

 

Der geringe finanzielle Spielraum der kleineren Klubs dagegen sorgt dafür, dass diese ihre großen Talente nicht halten können. Freiburg hat zahlreiche Spieler an finanzstärkere Klubs abgeben müssen, darunter zum Beispiel Dennis Aogo (ging von Freiburg zum Hamburger SV), Daniel Schwaab und Ömer Toprak (gingen beide nach Leverkusen), oder Matthias Ginter und Roman Bürki (beide Borussia Dortmund).

 

Während Freiburg in lästiger Regelmäßigkeit junge Talente abgeben muss, kann Leipzig sie sich Dank des Geldes von Red Bull kaufen. Für insgesamt 25 Millionen Euro wurden Timo Werner (kam vom VfB Stuttgart), Oliver Burke (von Nottingham Forest) und Naby Keita (von Schwesterverein RB Salzburg) vor dieser Saison nach Leipzig geholt. Mit durchschlagendem Erfolg: Leipzig ist Tabellenführer, mit drei Punkten Vorsprung auf die Bayern und sechs auf Borussia Dortmund. Geld verleiht Flügel.

 

Die Spielstätte der Freitagabendpartie wird das Freiburger Schwarzwald-Stadion sein. Nicht einmal 25.000 Zuschauer finden darin Platz. Karten gibt’s für unter zehn Euro an der Stadionkasse, die meisten Besucher kommen mit dem Fahrrad. Weil die dringend notwendige Modernisierung nicht wirtschaftlich ist, soll bald ein neues Stadion an einem anderen Standort in Freiburg gebaut werden.

 

RB Leipzig nutzt für seine Heimspiele das Zentralstadion, eine moderne Arena, die knapp 43.000 Zuschauern Platz bietet. Der Verein ist auch hier auf Langfristigkeit aus. Für 20 Jahre hat er das Stadion und die Namensrechte gemietet. Das Zentralstadion heißt jetzt Red-Bull-Arena.

 

Keine Einmischung geduldet

 

Die Mannschaft und das Stadion sind beliebt. Zumindest in Leipzig. Nur Mitglieder hat der Verein keine. Als einziger Fußballklub in Deutschland gibt RB Leipzig seinen Anhängern nicht die Möglichkeit, ein stimmberechtigtes Mitglied zu werden. Nachdem der DFB im Zuge der Lizenzvergabe Druck gemacht hatte, diesen Mangel in der Vereinsstruktur zu ändern, hat RB nun die Möglichkeit geschaffen, Fördermitglied zu werden. Aber von Mitsprache bleiben die Fans ausgeschlossen. 17 stimmberechtigte Mitglieder hat der Verein und etwa 300 Förderer. Eine Zweiklasseneinteilung, die vom DFB geduldet wird.

 

Aber RB braucht keine Mitglieder. Der Verein ist auf Mitgliedsbeiträge gar nicht angewiesen. Und reinreden lassen will er sich sowieso nicht.

 

Wenn am Freitagabend Freiburg auf Leipzig trifft, dann ist das ein Duell der Gegensätze. Der kleine Verein aus dem Breisgau gegen den Klub der unbegrenzten Möglichkeiten. Möglicherweise wird sich Christian Streich eine Taktik, einen Matchplan ausgedacht haben, um die Leipziger zu bezwingen.

 

Eine Leipziger Niederlage wäre aber nur eine kleine Unebenheit in einem Plan, der voll aufzugehen scheint. RB Leipzig will mehr als nur die Erstklassigkeit. Das hat inzwischen auch der FC Bayern erkannt. Uli Hoeneß hat mit ersten Sticheleien in Richtung Leipzig schon begonnen. In der Bundesliga ist das eine besondere Form von Wertschätzung. "Wie ich den Herrn Mateschitz (Chef der Red Bull GmbH, Anm. d. Red.) kenne, wird er, wenn es an Weihnachten notwendig ist, noch ein paar Milliönchen drauflegen. Insofern ist es schon mittelfristig ein gefährlicher Gegner.“ Hoeneß könnte Recht behalten.

 

RB Leipzig will den Bayern gefährlich werden, will das zweite Flaggschiff im deutschen Fußball werden. Das war von Anfang an der Plan. Seit sieben Jahren wird an der Verwirklichung gearbeitet. Koste es, was es wolle.

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