Tuchels offene Rechnung

Das Spitzenspiel zwischen Dortmund und München am Samstagabend ist nicht nur für Fans und Spieler ein besonderes. Der Stachel der Niederlage im Pokalfinale sitzt beim Dortmunder Trainer noch tief. Von Christoph Söller.

Thomas Tuchels konkrete Vorbereitung auf die Saison 2016/17 begann bereits am 21. Mai dieses Jahres, vermutlich irgendwann gegen zwei Uhr morgens. Dortmund hatte gerade das Pokalfinale gegen die Bayern verloren. Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke verabschiedete den scheidenden Mats Hummels mit warmen Worten, außerdem war klar, dass Ilkay Gündogan den Verein verlassen wird. Die Niedergeschlagenheit im Verein war groß: Wieder waren die Bayern den einen Schritt besser. Das Pokalfinale war das vierte verlorene Endspiel in Folge. Angeblich versprach die Vereinsführung noch in dieser Nacht dem Trainer vier bis fünf neue Spieler seiner Wahl.

 

Tatsächlich begann das zweite Tuchel-Jahr in Dortmund mit einer Transferoffensive. Über 100 Millionen Euro hat die Borussia vor dieser Saison investiert. Neben gestandenen Profis wie André Schürrle, Mario Götze und Marc Bartra kamen auch vielversprechende Talente wie Mikel Merino, Moussa Dembélé und Emre Mor ins Ruhrgebiet, um die Qualität des Kaders in der Breite zu verstärken. Die Schwarz-Gelben richteten sich auf eine lange Saison mit drei Wettbewerben ein, in denen sie so lange wie möglich vertreten sein wollen. Mehr noch: Auch wenn die Verantwortlichen dies dementieren würden, war Dortmunds Transferoffensive auch ein Zeichen an die Liga, insbesondere an die Bayern. Seht her, wir haben neue finanzielle Möglichkeiten. Wir haben neue Ansprüche.

 

Niederlage als Ansporn

 

Diese Ansprüche formulierte Tuchel unbewusst bereits in jener für die Borussia so frustrierenden Pokalnacht von Berlin. In einem hochklassigen Endspiel hatte Dortmund den Münchnern 120 Minuten lang aufopferungsvolle Paroli geboten, erspielte sich immer wieder Torchancen und unterlag am Ende dennoch im Elfmeterschießen. Wieder ging ein Titel an die Bayern, wieder standen die Ruhrgebietler trotz starker Saison mit leeren Händen da. Doch anstatt die Mannschaft zu loben, aufzubauen, stolz auf einen großen Pokalabend zu sein, wählte Tuchel kritische Worte. Seiner Mannschaft habe es an "Mut, an Selbstvertrauen, an Überzeugung, an Schärfe" gemangelt. Hier gab sich jemand nicht damit zufrieden, den Bayern auf Augenhöhe begegnet zu sein. Tuchel will mehr.

 

Die Begegnung am Samstagabend ist das erste ernsthafte Aufeinandertreffen der beiden nach der schicksalhaften Pokalnacht in Berlin. Bereits vor der Saison trafen die Klubs im Supercup aufeinander, aber sowohl in München als auch in Dortmund wissen sie, dass dieses Spiel wenig Aussagekraft hatte, Zu schwach und unbedeutend ist der Pokal.

 

Tuchels Bewunderung für Guardiola und Ancelotti

 

Auf der Trainerbank der Münchner sitzt, anders als im Pokalfinale, nicht mehr Pep Guardiola. Der Katalane, der die Bayern auf höchstem spielerischem Niveau etablierte, dem aber in München trotzdem nur wenige eine Träne nachweinen, ist nach Manchester weitergezogen. Carlo Ancelotti, ein eher stoischer Vertreter seiner Zunft, leitet nun die Geschicke an der Säbener Straße. Taktisch nicht so brilliant, ist er bei Spielern und Fans dennoch beliebter als sein Vorgänger. Der Italiener gilt als Pragmatiker. Er verfolgt keine bestimmte Spielphilosophie, zumindest nicht so manisch wie Guardiola. Tatsächlich könnte das geistige Erbe des Katalanen Tuchel antreten. Denn es ist der Dortmunder Fußballlehrer, der auf Ballbesitzfußball und Kontrolle setzt und so die Zufälle in einem Spiel auf ein Minimum reduzieren möchte.

 

Tuchel beklagte nach dem verlorenen Pokalfinale, seine Mannschaft habe taktisch nicht sauber genug verteidigt, um höhere Balleroberungen zu haben. Der Nachfolger von Jürgen Klopp fordert von seiner Mannschaft viel. Gerne verändert er die taktische Ausrichtung während eines Spiels. Das hat er sich von Guardiola, von dessen Fähigkeiten er schwärmt, abgeschaut. Tuchels Problem: Ancelotti lässt sich von diesem taktischem Geplänkel des Gegners nicht beeindrucken. Im Gegenteil: Tuchels Vorbild Guardiola unterlag mit den Bayern 2014  gegen das von Ancelotti trainierte Real Madrid zwei Mal deutlich und schied im Halbfinale der Champions League aus.

 

Und so wird das Spiel zwischen Dortmund und Bayern auch das intellektuelle Treffen zweier völlig unterschiedlicher Trainer. Auf Dortmunder Seite ein ehrgeiziger, extrem akribischer Coach, ein Fußball-Nerd. Auf der anderen Seite Ancelotti. Ein Mann von Welt, ruhig, besonnen, gnadenlos erfolgreich. Tuchel weiß um die Trainerqualitäten seines Gegenübers. "Es ist eine Auszeichung für die Bundesliga, dass Ancelotti hier ist. Er wird auch mich auf ein neues Niveau bringen", sagte er zu Saisonbeginn.

 

Spannendes Meisterschaftsrennen?

 

Die Bayern, obgleich sie in dieser Saison noch nicht den Glanz der vergangenen Spielzeiten versprühen, sind Favorit. Doch dank der Dortmunder Transferoffensive hat man das Gefühl, dass die qualitative Diskrepanz der beiden Mannschaften geschrumpft ist. Erstmals seit 2012 hat die Borussia wieder die personelle Qualität, den Bayern über den Zeitraum einer ganzen Saison Paroli zu bieten. Ein Sieg der Dortmunder bringt eine langersehnte Spannung ins Meisterschaftsrennen.

 

Die Frage wird sein, ob Tuchel aus der Niederlage im Pokalfinale gelernt hat, und er seiner Mannschaft vermitteln kann, mehr Mut, Selbstvertrauen, Überzeugung und Schärfe auf den Platz zu bringen. Die Nacht des 21. Mai könnte ein Wendepunkt gewesen sein. Tuchel hasst das Verlieren. Er wird seine Schlüsse gezogen haben. Ob die personelle Erneuerung und Tuchels Ehrgeiz ausreichen, um die Münchner zu schlagen und der Liga zu beweisen, dass der scheinbar übermächtige FC Bayern auch national nicht unantastbar ist, wird sich zeigen. Die Chance dazu scheint größer zu sein als noch vor einem halben Jahr, damals im Mai in Berlin.

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