Eine spannende Aufgabe

Am Samstagnachmittag empfangen die Bayern zum Bundesligaspitzenspiel 1899 Hoffenheim. Die Begegnung ist auch das Duell der beiden Trainer, die ihre Mannschaften runderneuert haben. Von Markus Schulze und Sebastian Koch

Jubelt Hoffenheims Trainer Julian Nagelsmann auch in München?

Julian Nagelsmann schmunzelt, als er am Donnerstagvormittag zur Spieltagspressekonferenz antritt. Im Presseraum des Trainingszentrums der TSG Hoffenheim versammeln sich in der Regel nur regionale Zeitungen, Fernseh- oder Radiosender. An diesem Donnerstag ist das jedoch anders. Die Sitzplätze in Zuzenhausen sind alle belegt. Sogar ein Journalist aus Kroatien hat den Weg in den beschaulichen Kraichgau gefunden.

 

Aus der Abstiegszone nach oben geführt

 

Diese ungewohnte mediale Aufmerksamkeit ist die Belohnung für die vergangenen Resultate der TSG Hoffenheim. Am Samstagmittag steht das Topspiel beim FC Bayern München an. Der Drittplatzierte fährt zum Tabellenführer. Dreht man die Uhr um ein Jahr zurück, erlebt man Hoffenheim in sportlich düsteren Zeiten. Mit sechs Punkten nach neun Spielen befand sich die Elf des damaligen Trainers Markus Gisdol auf dem direkten Weg in die Zweitklassigkeit. Gisdol musste gehen, doch auch Nachfolger Huub Stevens gelang es nicht, die nötigen Punkte einzufahren. Der Niederländer musste aufgrund gesundheitlicher Probleme zurücktreten. Der damalige A-Jugend-Trainer Julian Nagelsmann, der eigentlich erst im Sommer übernehmen sollte, nahm sich der anspruchsvollen Aufgabe an, den Abstieg noch abzuwenden. Ein Himmelfahrtskommando, lautete der breite Tenor. Doch Nagelsmann bestand die Reifeprüfung. Mehr noch: Es war der Startpunkt für eine rasante Entwicklung.

 

Die vergangenen Jahre in Hoffenheim seien geprägt gewesen von schnellem Umschaltspiel, sagt der Shootingstar unter den Bundesligatrainern. Das Spiel der Hoffenheimer hat sich unter der Leitung des 29-Jährigen geändert. Neben schnellen Gegenangriffen gelingt es seiner Mannschaft auch bei eigenem Ballbesitz Chancen zu kreieren. Ein wichtiger Faktor, der dazu beigetragen hat, war die Arbeit mit der Dreierkette. „Wir haben einen Schritt in der Interpretation der Dreierkette gemacht“, bilanziert Nagelsmann. Dies gelte sowohl für den offensiven als auch für den defensiven Bereich.

 

Um das spielerische Konzept umzusetzen, haben sich die Sinsheimer im Sommer klug verstärkt. Alle Neuzugänge passen perfekt in das System des Trainers und haben sich gut integriert. Kerem Demirbay und Lukas Rupp setzen im Mittelfeld die richtigen Impulse, Kevin Vogt und Benjamin Hübner sorgen in der Innenverteidigung für die nötige Ordnung. Sandro Wagner hat mit bereits vier Saisontreffern seinen Torriecher aus Darmstädter Zeiten auch in Hoffenheim unter Beweis gestellt. Die Erfolgsquote bei den Neuzugängen ist für Hoffenheimer Verhältnisse außergewöhnlich hoch. Lediglich Hübner hatte leichte Startschwierigkeiten, befindet sich seit den vergangenen fünf Pflichtspielen aber im Startaufgebot. Mit fünf Siegen in Folge fährt die Truppe von Julian Nagelsmann mit einer großen Portion Selbstvertrauen zum deutschen Branchenprimus. „Ich verlange von meiner Mannschaft, dass sie Mut beweist“, gibt der gebürtige Landsberger die Devise für das Spitzenspiel des zehnten Spieltags aus. Taktisch wollte der jüngste Cheftrainer der Bundesligageschichte auf der abschließenden Pressekonferenz nicht zu viel preisgeben. „Wir brauchen mehr als 30 Prozent Ballbesitz, um den Bayern gefährlich zu werden. Jeder weiß, dass die Münchner zu den besten drei Mannschaften gehören, wenn sie den Ball haben. Als Trainer überlegt man natürlich, was man dagegen machen kann.“

Nachdenklich: Bayern-Trainer Carlo Ancelotti hat Respekt vor Hoffenheim.

In der Allianz-Arena treffen die zwei Trainer aufeinander, die aktuell den besten Punkteschnitt aller vorweisen können. Bayern-Trainer Carlo Ancelotti sammelte in neun Partien durchschnittlich 2,56 Zähler, bei Nagelsmann sind es seit Amtsantritt 1,83. Das Gefühl einer Bundesliganiederlage ist für beide Mannschaften fast schon ein Relikt vergangener Tage. Hoffenheim ist in diese Saison mit fünf Siegen und vier Remis gestartet, bei den Bayern sind es sieben Siege und zwei Unentschieden.

 

Unter Nagelsmann mausert sich Hoffenheim vom Abstiegskandidat und Dorfverein zu einer Spitzenmannschaft. Eine, die auf Dauer auch den Bayern gefährlich wird? Für eine derart gewagte Prognose ist die Saison noch zu jung, doch das Momentum spricht dafür. Und der Rekordmeister hat die Kraichgauer auf dem Zettel. „Es ist eine gute Mannschaft mit hoher individueller Qualität. Das wird eine spannende Aufgabe“, zollt etwa Ancelotti Respekt. Die Mannschaft müsse in ihrer besten Verfassung sein, um im eigenen Stadion gegen Hoffenheim zu bestehen, fordert der Italiener. „Sie haben gut gespielt, eine gute Organisation, viel Intensität und Tempo in ihrem Spiel.“

 

Noch kein Sieg gegen die Bayern

 

Das Spiel seiner Mannschaft hat sich seit Saisonbeginn ebenfalls verändert. Seit Ancelotti den zu Manchester City abgewanderten Pep Guardiola ersetzt hat, zeigen die Münchner einen schnelleren Fußball. Weg von elend langen Ballstaffeten im Mittelfeld, setzen auch sie neuerdings auf ein schnelles Umschaltspiel. Vier Kontertore erzielte der Tabellenführer bereits - drei mehr als in der kompletten Vorsaison.

 

Beruhigen kann Ancelotti vielleicht auch ein Blick auf die Statistik. Noch keines der 16 Bundesliga gegen Hoffenheim haben die Bayern verloren, in der vergangenen Saison gab es einen 2:0- und einen 2:1-Sieg. Und dennoch: Die Begegnung ist ein absolutes Spitzenspiel. Eines, das es in dieser Konstellation zuletzt im Dezember 2008 gegeben hat. Als Aufsteiger und Tabellenführer war Hoffenheim damals nach München gekommen, wo die Mannschaft erst in der Nachspielzeit den entscheidenden Treffer zur 1:2-Niederlage hinnehmen musste.

 

Ein Punktgewinn der Kraichgauer käme momentan keiner Sensation gleich. Es wäre, wenn überhaupt, eine kleine Überraschung. Und in Zukunft? Da sollte sich Nagelsmann an den großen Medienrummel im kleinen Presseraum in Zuzenhausen schnell gewöhnen.

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