Schleichender Zerfall

Die 1:2-Niederlage in der Europa League gegen Fenerbahce Istanbul führt abermals vor Augen, was eigentlich schon seit längerem offensichtlich ist: Manchester United, das große United, ist nicht mehr das, was es mal war. Jeder schaut sich den Verfall des Weltklubs an. Die Verantwortlichen, allen voran Star-Trainer José Mourinho haben kein Rezept gegen den Untergang. Von Christoph Söller

Ratlos: José Mourinho ist das Gesicht der Krise Uniteds.

Manchester steht unter Druck. Der Traditionsklub leidet. Jahrzehntelang hatte Manchester United unter Sir Alex Ferguson den Fußball auf der Insel und in Europa dominiert. Aber seit dem Abgang der Gallionsfigur im Jahr 2013 schlittert der Klub von einer Krise in die nächste. Am Donnerstagabend setzte es in der Europa League eine unnötige und unerwartete Niederlage und in der Liga hat man den Anschluss an die Tabellenspitze (wieder einmal) verloren. Acht Punkte stehen die „Roten Teufel“ derzeit hinter Tabellenführer Manchester City.

 

Viel Geld, wenig Ertrag

 

United, das vor einigen Wochen trotz ausbleibender sportlicher Erfolge einen englischen Rekordumsatz von umgerechnet 600 Millionen Euro bekannt gab, hat im Sommer Trainer José Mourinho, den selbsternannten Special One, verpflichtet - und überdies auch viel Geld in klangvolle Namen investiert. Zlatan Ibrahimovic, der nicht nur wegen seiner Torgefahr, sondern auch wegen seines zur Schau gestellten Selbstbewusstseins abseits des Spielfelds für viel Glamour steht, und der mit 105 Millionen Euro Ablöse teuerste Spieler aller Zeiten, Paul Pogba, wurden nach Manchester gelockt. Die Dreiecksbeziehung Mourinho – Ibrahimovic – Pogba sollte den Ruhm vergangener Tage zurück nach Manchester bringen.

 

Doch der bleibt bislang aus. Statt einer Siegesserie bestimmen Eskapaden abseits des Platzes die Nachrichten. Ein Fan hatte versucht, Pogbas Haarschnitt zu kopieren und bekam daraufhin Ärger mit seiner Freundin, wie er über Twitter mitteilte. Pogba antwortete frech: „Wechsel die Freundin, behalte die Frisur“. Was wie ein witziger Nebenkriegsschauplatz ausschaut, ist nur die Spitze des Eisbergs. Der sportliche Niedergang Wayne Rooneys vollzieht sich gerade, und niemand in Manchester weiß, wie mit der Klub-Legende umzugehen ist. Bastian Schweinsteiger, der immerhin die deutsche Nationalmannschaft im Europameisterschafts-Halbfinale noch als Kapitän auf den Platz führte, wurde sang- und klanglos in die zweite Mannschaft abgeschoben - und Ende Oktober überraschend wieder in den Profi-Kader berufen.

 

Mourinho fängt nicht mehr

 

Früher hatte Mourinho seine Mannschaften stets auf seiner Seite. Er habe „eine Art, in die Seelen der Spieler zu kommen“, sagte einst Stürmer Didier Drogba, der beim FC Chelsea unter Mourinho seine beste Karrierezeit hatte. Doch der einstige Menschenfänger scheint seine Wirkung verloren zu haben. Öffentlich machte er Abwehrspieler Luke Shaw für eine Niederlage seines Teams verantwortlich und sprach Neuzugang Henrikh Mkhitaryan die Qualität für Manchester ab. Auf gerade einmal fünf Einsätze bringt es der Armenier, der vor der Saison aus Dortmund gekommen war.

 

Eigentlich war der Start in Manchester für Mourinho, dem portugiesischen Inbegriff eines Exzentrikers, gelungen. Als eine seiner ersten Amtshandlungen ließ er die Überwachungskameras seines unbeliebten Vorgänger Louis van Gaal am Trainingsplatz abmontieren. Mit drei Siegen warder Rekordmeister in die Saison gestartet. Doch seit dem Anfang September verlorenen Stadtderby gegen das von seinem Erzfeind Pep Guardiola trainierte Manchester City (1:3), wirkt Mourinho angeschlagen und die Mannschaft instabil. Ende Oktober geriet die Mannschaft bei Mourinhos ehemaligen Verein, Chelsea London, gar 0:4 unter die Räder.

 

Die peinliche Niederlage in der Europa League – für das Selbstverständnis Uniteds schlimm genug, dass es nicht die ruhmreiche Champions League ist – gegen Fenerbahce Istanbu ist bereits die zweite in der laufenden Gruppenphase. Das Vorrundenaus droht. Es wäre ein Desaster.

 

Am Sonntag müssen Mourinhos Männer um den Anschluss in der Liga kämpfen. Dazu muss der einstige Vorzeigeklub nach Swansea, das derzeit Tabellenvorletzter ist. Verlieren verboten! Und nach der Länderspielpause kommt Mitte November auch noch Arsenal London ins Old Trafford. Es sind harte Zeiten. 

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