Bilder eines Abstieges - der Zerfall des Hamburger SV

0:3 in Köln - nach neun Spieltagen verbucht Hamburg mehr Platzverweise (drei) als Tore oder Punkte (je zwei). Das Debakel von Köln ist ein neuer Tiefpunkt. Die sportliche Situation der Hanseaten erscheint aussichtsloser denn je, der erste Bundesligaabstieg der Vereinsgeschichte schon nach neun Spieltagen kaum noch zu verhindern. Wie konnte es so weit kommen? Der Zerfall des Vereins, der vor sechs Jahren noch in einem Europapokalhalbfinale gestanden hatte, in Bildern. Von Sebastian Koch

Saison 2008/09: Ein Stück Papier zerstört den Traum vom Triumph

Es ist die Szene, die heute vielleicht für den Beginn des Hamburger Niedergangs steht: Im Rückspiel des Uefa-Cup-Halbfinals, ausgerechnet gegen den Erzrivalen Werder Bremen, verursacht Hamburg-Verteidiger Michael Gravgaard kurz vor Spielende einen Eckball, weil der Ball zuvor über eine Papierkugel sprang. Der Rest ist Geschichte: Bremens Frank Baumann erzielt in der Folge des Eckstoßes das 3:1 - Bremen steht im Uefa-Pokal-Finale, Hamburg mit leeren Händen da.


Sommer 2009: Jol geht, Labbadia übernimmt

Nach nur einem Jahr verlässt Erfolgstrainer Martin Jol in der darauffolgenden Sommerpause die Hamburger, um in seine Heimat in die Niederlande zurückzukehren. Die beiden Halbfinals im Uefa-Pokal und DFB-Pokal sowie ein fünfter Platz in der Bundesliga sind das schwere Erbe, das er seinem Nachfolger Bruno Labbadia hinterlässt.


Saison 2009/10: Labbadia kommt trotz Vorstandsquerelen ins Uefa-Pokal-Halbfinale - und wird entlassen

Neben dem Wechsel auf der Trainerbank stellt sich der Hamburger SV auch auf Funktionärsebene neu auf. Sportdirektor Dietmar Beiersdorfer (links) verliert den monatelangen Machtkampf mit dem Vorstandsvorsitzenden Bernd Hoffmann (mitte) und löst im Juni 2009 seinen Vertrag auf. Sein Posten wird zunächst nicht neu besetzt - auch weil die sportliche Situation dies nicht erfordert: Die Mannschaft spielt unter Labbadia gut, schlägt in den ersten Wochen unter anderem Meister Wolfsburg und die Bayern. Nach sieben Spieltagen ist der HSV Tabellenführer, zur Winterpause immerhin noch Vierter. Die Rückrunde aber verläuft holprig, Labbadia gerät mehr und mehr unter Druck. Nach einer 1:5-Niederlage gegen Hoffenheim kann den Trainer nach 32 Spieltagen auch ein 0:0 im Uefa-Pokal-Halbfinale gegen den FC Fulham nicht retten. Mit dem Neuen an der Seitenlinie, den bisherigen Techniktrainer Ricardo Moniz, verliert Hamburg das Rückspiel im Uefa-Pokal mit 1:2, verpasst dadurch das Finale im eigenen Stadion, und beendet die Saison auf dem siebten Platz. Nach sechs Jahren verpassen die Norddeutschen damit zum ersten Mal wieder den Europapokal. Nach der Saison geht es stetig bergab.


Saison 2010/11: Derby-Blamage, Bayern-Debakel und Vorstands-Chaos

Die Spielzeit beginnt mal wieder mit einem neuen Trainer: Armin Veh ist der Hoffnungsträger an der Elbe. Zudem wird der ehemalige Profi und Publikumsliebling Bastian Reinhardt Sportdirektor. Eine überraschende Lösung, ist der damals 35 Jahre alte ehemalige Abwehrspieler doch ein völliger Neuling auf diesem Gebiet. Bereits im Januar 2010 kam Weltstar Ruud van Nistelrooy nach Hamburg. Die in ihn gesetzten Erwartungen erfüllt er jedoch nur selten und rennt seinem Ruf oft kilometerweit hinterher. Ebenso weit sind die Leistungen der ganzen Mannschaft von den eigenen Ansprüchen entfernt. Zur Winterpause ist Hamburg Neunter, in der Rückrunde gibt es ebenfalls Licht und Schatten. Am 16. Februar blamiert sich die Mannschaft zu Hause im Derby gegen den FC St. Pauli mit 0:1, knappe vier Wochen später setzt es ein 0:6 in München. Veh muss im März 2011 schon wieder gehen, sein bisheriger Ko-Trainer Michael Oenning übernimmt bis zum Saisonende. Außerdem wird auch Vorstandschef Bernd Hoffmann entlassen und durch Carl-Edgar Jarchow ersetzt. Hamburg versinkt zeitweise im personellen Chaos, weil auch Reinhardt wegen der Verpflichtung von Frank Arnesen zur kommenden Saison seinen Sportdirektorposten bereits im Mai wieder aufgibt. Hamburg wird zum Saisonende aber immerhin noch Achter.


Saison 2011/12: Arnesen kommt von Chelsea London, doch Hamburg kämpft gegen den Abstieg

Hamburg ist eine Weltstadt, und der Hamburger SV möchte entsprechend ein Verein von Weltformat sein. So oder so ähnlich dürften die Gedankengänge der Entscheidungsträger im Juni 2011 gewesen sein, als sie den Dänen Frank Arnesen (rechts) als neuen Sportdirektor verpflichten. Dieser kommt immerhin direkt von Chelsea London, jenem neureichen englischen Klub, der seit Jahren national und international für Glanzpunkte sorgt. Passend dazu gelingt es dem Dänen, gleich fünf Spieler aus London mit nach Hamburg zu nehmen. Doch Jacopo Sala, Jeffrey Bruma, Slobodan Rajkovic, Gökhan Töre und Michael Mancienne sind eben noch jung und oft fehlt es ihnen an der nötigen Bundesliga-Tauglichkeit. Hamburg stürzt sportlich ab, Trainer Oenning (links) wird im September 2011 entlassen. Nach interimistischen Lösungen durch Rodolfo Cardoso und Arnesen selbst, übernimmt Torsten Fink den abstiegsbedrohten Nord-Klub. Mit Mühe gelingt Hamburg der Klassenerhalt, der 15. Tabellenplatz bedeutet aber die bis dahin schlechteste Bundesligasaison der Vereinsgeschichte.


August 2012: Der verlorene Sohn kehrt zurück

31. August: Dem HSV, gerade in der ersten Pokalrunde gegen den Karlsruher SC ausgeschieden und mit einer Niederlage in die Bundesliga gestartet, gelingt ein Coup: Rafael van der Vaart kehrt nach vier Jahren in die Hansestadt zurück. Die Erwartungen an den Niederländer, der während seiner ersten Zeit in Hamburg zwischen 2005 und 2008 den Sprung in die erweiterte Weltspitze geschafft hat, sind hoch. Enorm hoch. Der 29 Jahre alte Spielmacher ist mit 13 Millionen Euro der bis dahin teuerste Transfer der Vereinsgeschichte. Der Unternehmer Klaus-Michael Kühne ermöglichte den Wechsel, der die Mannschaft aus dem Abstiegskampf der vergangenen Saison wieder in die internationalen Wettbewerbe führen soll. So lautet zumindest der Plan der Verantwortlichen ...


Saison 2012/13: Zwischen Debakel, Grillfest und europäischen Hoffnungen

Es ist eine merkwürdige Saison, die der HSV spielt. Nach anfänglichen Problemen kämpft sich die Mannschaft von Trainer Fink zur Winterpause noch bis auf den zehnten Platz vor - auch mit Hilfe von van der Vaart, der sich zeitweise sehr gut in die Mannschaft einfindet. Nach der desaströsen Vorsaison wähnt sich Hamburg in Sicherheit - bis das Auswärtsspiel in München ansteht. Die Mannschaft geht sage und schreibe 2:9 (!) unter - die höchste Bundesliganiederlage der ruhmreichen Vereinsgeschichte. Ein Grillfest soll Fans und Anhängerschaft entschädigen. Das Fest wird für den Verein zum PR-Desaster, Sportdirektor Arnesen gerät mehr und mehr unter Druck. Dass er sich bis zum Saisonende hält, verdankt er den teilweise noch respektablen sportlichen Leistungen. Bis zum vorletzten Spieltag hat Hamburg Chancen auf den sechsten Platz, der die Europa League bedeuten würde. Doch am letzten Spieltag verliert der HSV zu Hause gegen Leverkusen und verpasst als Siebter den internationalen Wettbewerb. Es ist bis heute die letzte Saison, die die Hamburger auf einem einstelligen Tabellenplatz beenden.


Hinrunde 2013/14: Arnesen und Fink müssen gehen, Kreutzer und van Marwijk kommen

Das Verpassen der Europa League ist auch das Ende der Ära Arnesen. Der Däne wurde in Hamburg nie glücklich, es ist ein Missverständnis, das beide Seiten frühzeitig beenden. Künftig soll Oliver Kreutzer die Geschäfte des Sportdirektors leiten. Natürlich mit dem Ziel, das Ergebnis der vergangenen Saison zu verbessern. Doch die Spielzeit beginnt katastrophal. Bereits nach fünf Spieltagen und einem 2:6 bei Borussia Dortmund entlässt Kreutzer Trainer Fink. Dem neuen Sportdirektor gelingt danach ein vermeintlicher Coup: die Verpflichtung des ehemaligen niederländischen Nationaltrainers Bert van Marwijk. Der hatte zwar jüngst mit der Elftal die schlechteste Europameisterschaft der Verbandsgeschichte gespielt, die Mannschaft 2010 aber immerhin ins Finale der Weltmeisterschaft geführt. Das sollte doch für den Hamburger SV reichen, schließlich habe die Mannschaft um den niederländischen Nationalspieler van der Vaart genügend Qualität im Kader, lautet der Tenor. Doch die Mannschaft spielt schwach, van Marwijk wirkt oft rat- und hilflos. Im Februar 2014 muss der Niederländer nach einem 2:4 beim Tabellenletzten Eintracht Braunschweig schon wieder gehen.


Rückrunde 2013/2014: Slomka kommt, Magath zögert und pokert, der Abstieg rückt näher

Dass die teiweise sportlich blamablen Leistungen nicht alleine die Aufmerksamkeit auf den HSV ziehen, dafür kann sich die Mannschaft bei einem konfus wirkenden Vorstand bedanken. Sind die Spiele vom vollkommen entzauberten van der Vaart und Ko kaum anzuschauen, gleichen die Vorgänge auf Funktionärsebene einer regelrechten Posse. Mit Sportdirektor Kreutzer ist der Verein allem Anschein nach nicht zufrieden, wird doch öffentlich über die Personalie Felix Magath diskutiert. Sollte dieser auf van Marwijk als Trainer folgen (, der zum Anfang der Diskussionen noch im Amt war), so müsse auch Kreutzer gehen, denn: Magath will alleine herrschen, neben dem Trainer- auch den Sportdirektorposten haben. Nach wochenlangen Verhandlungen sagt die Vereinsikone schließlich ab. Es bleibt: ein angeschlagener Kreutzer, ein blamierter Vorstand und ein Trainer auf Abruf. Dieser folgt, wie bereits geschrieben, im Februar 2014. Mirko Slomka soll den drohenden Abstieg verhindern. Eine schwere Aufgabe, übernimmt der erst eineinhalb Monate zuvor bei Hannover entlassene neue Hoffnungsträger doch eine völlig verunsicherte Mannschaft. Immerhin: Unter Slomka gelingt am Ende der Sprung auf den Relegationsplatz. Angsichts der gezeigten Leistungen eine durchaus schmeichelhafte Chance auf den Klassenverbleib, die sich den Hanseaten im Mai 2014 bietet.


Relegation 2014: Hamburg bleibt drin, weiß aber nicht wirklich, warum

Es sind zwei grauenhafte Spiele, die Hamburg in der Relegation gegen die Spielvereinigung Greuther Fürth zeigt. Am Ende hat der Bundesligadino viel Glück, den ersten Abstieg der Vereinsgeschichte zu verhindern. Einem torlosen Remis zu Hause folgt ein 1:1-Unentschieden in Franken. Der Auswärtstorregel verdankt der HSV den Klassenverbleib, der ausgiebig gefeiert wird. So findet die schlechteste Saison der Vereinsgeschichte mit desaströsen Momenten auf und abseits des Platzes ein glückliches, aber keinesfalls zufriedenstellendes Ende.


Mai 2014: Mitgliederversammlung und die Rückkehr eines alten Bekannten

Die Freude über den Klassenverbleib in letzter Sekunde überstrahlt auf der Mitgliederversammlung am 25. Mai 2014 den Schock über den gerade noch so abgewendeten Super-Gau. So beschließt der Verein mit Rückenwind die Ausgliederung der Lizenzspielerabteilung in eine Aktiengesellschaft. Außerdem stellen sich die Hanseaten personell - mal wieder - neu auf. Dietmar Beiersdorfer (rechts), vor fünf Jahren noch mit großem Brimborium vom Hof gejagt, wird neuer Vorstandschef der HSV Fußball AG. Die in ihn gesetzten Erwartungen sind - auch das mal wieder - hoch, schließlich hatte sich der ehemalige Nationalspieler in den vergangenen beiden Jahren mit solider Arbeit einen hervorragenden Ruf als Sportdirektor bei Zenit St. Petersburg in Russland erworben. Und außerdem sind da ja auch noch die Erinnerungen an jene Zeit zwischen 2002 und 2009, als Beiersdorfer als Sportdirektor für die bislang letzte erfolgreiche Periode in der Hamburger Vereinsgeschichte maßgeblich mitverantwortlich war. Ihm zur Seite steht ab sofort Peter Knäbel (mitte) als Sportdirekor und Nachfolger des glücklosen Kreutzers. Zudem wird Bernhard Peters (links) als neuer Direktor Sport verpflichtet. Die strukturellen Weichen für eine sorgenfreie Saison scheinen also gestellt ...


Hinrunde Saison 2014/15: Schlimmer geht es beim HSV immer

Zu den Veränderungen auf Funktionärsebene kommen auch namhafte Verpflichtungen für die Mannschaft von Trainer Slomka. Der bisherige Leihspieler und Relegationsheld, Pierre-Michel Lasogga, wird gehalten. Zudem kommen unter anderem der damalige Shootingstar und Nationalspieler Nicolai Müller aus Mainz, der gestandene Außenverteidiger Matthias Ostrzolek aus Augsburg, der champions-league-erfahrene Valon Behrami vom SSC Neapel sowie Nationalspieler Lewis Holtby von den Tottenham Hotspur. Doch in Hamburg angekommen, kann kein Neuzugang an seine Leistungen früherer Tage anknüpfen. Insbesondere der alternde Rafael van der Vaart wird zum Sinnbild der nächsten HSV-Krise. Bereits nach drei Spieltagen wird Slomka entlassen und durch Joe Zinnbauer ersetzt. Nach vielen Experimenten mit erfahrenen und großen Trainernamen soll es nun eine interne Lösung richten. Zinnbauer trainierte bis zu seiner Beförderung die eigene U23. Immerhin: Unter seiner Leitung gelingt der Mannschaft das erste Saisontor - da sind aber auch schon fünfeinhalb Spieltage gespielt. Die Hinrunde beenden die Hanseaten angesichts nur neun geschossenen Toren auf einem respektablen 14. Platz.


Rückrunde 2014/15: ... und dann kommt Labbadia

Weit aus dem Fenster lehnt man sich mit der Behauptung nicht, die Rückrunde des Hamburger SV sei einem Bundesligaverein nicht würdig. Pleiten, Pech und Pannen - eine oft gebrauchte Floskel, dem Bundesligadino wird selbst diese in dieser Zeit nicht mehr gerecht. Den vorläufigen Höhepunkt findet die sportliche Talfahrt der Hamburger am 14. Februar 2015: die Mannschaft gerät, wieder einmal in München, 0:8 - in Worten: null zu acht - unter die Räder. Es ist die höchste Bundesliganiederlage und stellt das 2:9 von vor zwei Jahren noch einmal in den Schatten. Ein Grillfest gibt es dieses Mal nicht, dafür aber reihenweise weitere Niederlagen. Am 22. März ist das Experiment mit Zinnbauer nach sechs Pleiten in Serie endgültig gescheitert. Es übernimmt: Peter Knäbel. Der hat zwar als Trainer bisher, von zweijähriger Spielertrainer-Tätigkeit beim schweizerischen Klub FC Winterthur von 1998 bis 2000 abgesehen, keinerlei Erfahrungen, ist allerdings fest entschlossen und davon überzeugt, die Mannschaft in den verbleibenden acht Spielen vor dem Abstieg zu bewahren. Das Intermezzo - wie sollte es in dieser Saison auch anders sein - scheitert. Seine Bilanz: Zwei Spiele, null Tore, null Punkte, sechs Gegentore. Die Mannschaft stürzt auf den letzten Tabellenplatz ab, als sich Knäbel eingesteht, nicht der richtige Mann auf der Bank zu sein. Es kommt: Bruno Labbadia. Der war noch im April 2010 im Halbfinale des Uefa-Pokals stehend entlassen worden und soll als nunmehr vierter Trainer in der laufenden Saison die Hamburger noch retten. Das sportliche Wunder gelingt: Nach zehn Punkten aus den letzten sechs Spielen klettert die Mannschaft auf den Relegationsplatz. 


Relegation 2015: Hamburg unterbietet eigene Relegationsleistung - und bleibt drin

Der Bundesliga-16. liefert im Ende Mai und Anfang Juni 2015 zwei grauenhafte Entscheidungsspiele ab. Sportlich ist der Karlsruher SC über weite Strecken die bessere Mannschaft, einzig das Glück fehlt dem Unterklassigen. Glück, das in den beiden Spielen alleine der HSV aufbraucht. Nach einem 1:1 in Hamburg führt Karlsruhe im Rückspiel bis kurz vor Schluss 1:0. Marcelo Diaz ist es, der einen Freistoß in der Nachspielzeit verwandelt. Direkt. In den Winkel. Ein Traumtor. Dass ausgerechnet Diaz die Hamburger rettet, ist bezeichnend. Vor dem umstrittenen Freistoß, das vorausgegangene Handspiel muss man nicht pfeifen, war der Chilene in Hamburg kaum aufgefallen. Ein No-Name rettet die Hamburger, die in der Verlängerung den 2:1-Siegtreffer schießen. Wieder einmal ist den Norddeutschen mit zwei bescheidenen Leistungen in beiden Relegationsspielen der Klassenverbleib gelungen. Man sei nun Relegationsrekordmeister witzelt das Vereinsumfeld. Immerhin etwas ...


August 2015 bis Februar 2016: Ein Rucksack hält Hamburg in Atem

Es ist eine merkwürdige Geschichte, die das Vereinsumfeld in den Monaten August bis Februar beschäftigt: Sportdirektor Knäbel wird ein Rucksack mit höchstvertraulichen Unterlagen, wie etwa Spielerverträgen oder Scoutingberichten, gestohlen. Am 9. August wird die Tasche im Hamburger Stadtpark gefunden, erst danach stellt Knäbel, der den Verlust nicht bemerkt haben möchte, Strafanzeige. Weshalb der Sportdirektor vertrauliche Papiere in einem Rucksack transportiert und deren Verlust lange nicht gemeldet oder gar bemerkt hatte, bleibt wie so vieles in der Hamburger Rucksackaffäre unklar. Das Rucksack-Gate wirft einmal mehr ein katastrophales Licht auf den angeschlagenen Verein. Im November schließlich gerät die Finderin selbst. eine Altenpflegerin, in Verdacht, den Diebstahl begangen zu haben. Eine Intrige gegen den glücklosen Sportdirektor Knäbel? Ein Missgeschick? Oder doch nur ein ganz normaler Taschendiebstahl? Geklärt wird der Fall nie, die Ermittlungen werden im Februar 2016 eingestellt. Knäbel überlebt die Affäre schwer angeschlagen, hat aber weiterhin das Vertrauen von Beiersdorfer und Ko. 


Saison 2015/16: Es ist ruhig Hamburg

Ja, auch das gibt es: Der Hamburger SV erlebt eine nahezu sorgenfreie Saison. Vor der Spielzeit hatte sich der Verein von Routiniers wie Rafael van der Vaart, seinem bisherigen Kapitän Heiko Westermann oder Nationalspieler Marcell Jansen getrennt. Unter anderem Sven Schipplock, Gotuko Sakai, Albin Ekdal oder Michael Gregoritsch schließen die Lücken. Zwar blamiert sich Hamburg in der ersten Pokalrunde in Jena und kommt am ersten Spieltag in München 0:5 unter die Räder - doch zumindest mit Letzterem hat man ja inzwischen eine gewisse Routine. Hamburg wird am Ende Zehnter, hat mit dem Abstieg nichts zu tun und Bruno Labbadia absolviert als erster Trainer seit Torsten Fink (2011 bis 2013) eine komplette Spielzeit auf der Trainerbank der Hamburger. Bei so viel Heiterkeit gerät fast in den Hintergrund, dass sich der Verein im Mai 2016 doch noch vom glücklos agierenden Peter Knäbel trennt. Dietmar Beiersdorfer besetzt den freigewordenen Posten des Sportdirektors fortan in Personalunion mit dem des Vorstandsvorsitzenden.  


Januar 2015: Kühne steigt offiziell ein

Bereits im Winter war Klaus-Michael Kühne bei den Hamburgern offiziell als Investor eingestiegen. Der Großaktionär und Anteilseigner der Spedition Kühne + Nagel hatte bereits in der Vergangenheit in den Verein investiert und damit unter anderem die Rückholaktion von van der Vaart ermöglicht. Am 22. Januar erwirbt der gebürtige Hamburger 7,5 Prozent der Anteile der HSV Fußball AG. Fortan ist Kühne ein Fixpunkt, wenn es in Diskussionen rund um den Verein geht. Es ist unklar, welche Rolle er genau spielt, und wie viel Macht er im operativen Geschäft besitzt. Mehrere Darlehen bewahren den Verein in der Folgezeit jedoch vor finanziellen Problemen. 


Saison 2016/17: Am Abgrund

Wie so oft in den vergangenen Jahren startet der Verein mit Rückenwind in die Saison. Zurecht, war die vergangene Spielzeit doch ein Beweis dafür, dass Hamburg das Fußballspielen nicht vollkommen verlernt hat. Mit Filip Kostic verpflichtet der Verein im Sommer den teuersten Spieler der Vereinsgeschichte. 14 Millionen überweist Hamburg an den Absteiger VfB Stuttgart für den technisch versierten Serben. Mit Alen Halilovic kommt gar eines der größten Talente Europas an die Elbe. Vom großen FC Barcelona wird der Kroate mit vielen Vorschusslorbeeren ausgeliehen. Es ist alles angerichtet für eine weitere solide Saison im Tabellenmittelfeld, eventuell sogar mit Blick nach oben. Die Realität: nach fünf Spielen ist Hamburg mit nur einem Punkt und zwei Toren Tabellen-16. Kostic und Halilovic enttäuschen, wie die komplette Mannschaft, auf ganzer Linie. Trainer Labbadia muss (mal wieder) seinen Hut nehmen. Seine Entlassung ist unwürdig. Tagelang hält der Vorstand Trainer und Mannschaft hin, setzt Labbadia ausgerechnet vor dem Spiel in München ein Ultimatum. Die Mannschaft zeigt bei der 0:1-Niederlage die beste Saisonleistung, Labbadia rettet diese aber nicht mehr.

 

Markus Gisdol ist der Neue auf der Trainerbank. Seine Bilanz aus den ersten fünf Spielen: drei Platzverweise, ein Punkt, null Tore. Hamburg ist nach neun Spielen Tabellenletzter, hat mit erst zwei Toren bereits vier Punkte Rückstand auf den Relegationsplatz. Im Umfeld spricht man von der größten sportlichen Krise der Vereinsgeschichte.

 


Zukunft

Wohin geht es für die Hamburger? Die momentane Krise ist das Ergebnis vieler falschen Entscheidungen (beispielsweise die erste Labbadia-Entlassung im April 2010), überzogener Erwartungen (beispielsweise in Rafael van der Vaart), mangelnder Kontinuität (nach der Entlassung Labbadias im April 2010 ist Gisdol bereits der elfte Trainer) und einer dilettantischen Außendarstellung (Rucksack-Affäre, das Theater um Magath oder jüngst der Umgang mit Labbadia). 

 

 

Man bekommt den Eindruck, dass das Bundesligagründungsmitglied zu einem untrainierbaren Verein verkommen ist. Der Abstieg scheint kaum noch zu vermeiden. Aber vielleicht ist dies die Chance für einen Neuanfang. Es wäre der x-te in den vergangenen sechs Jahren. Aber es wäre dieses Mal ein richtiger.



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