Zwei Welten

Wenn am Sonntag Real Madrid auf Athletic Bilbao trifft, könnte die Begegnung gegensätzlicher kaum sein. Die Begegnung steht für das innenpolitisch zerissene Spanien. Gastbeitrag von Christoph Söller

Regionaler Patriotismus trifft auf Weltstar: Bereits im Februar 2013 kam es auf dem Platz zum Duell zwischen Oscar de Marcos und Cristiano Ronaldo. Beide Spieler stehen auch am Sonntag wieder im Kader.

Real, nach acht Spieltagen Tabellenzweiter, ist – wie immer – Favorit in dieser Begegnung. Für die Hauptstädter mag es ein gewöhnliches Ligaspiel sein. Athletic Bilbao aber ist alles andere als ein gewöhnlicher Klub. Er repräsentiert das Baskenland, eine Grenzregion zwischen Frankreich und Spanien und dessen separatistischen Bestrebungen. Das Gebiet steht im Spannungsfeld von baskischem, französischem und spanischem Nationalismus. Knapp drei Millionen Menschen leben im Baskenland, ein Großteil davon in der im Norden Spaniens liegenden ‚Autonomen Gemeinschaft Baskenland‘.

 

Blutiger Unabhängigkeitskampf

Ein Drittel von ihnen spricht baskisch. Viele davon fordern die Loslösung von Spanien. Die Basken wollen eigenständig sein. Aufgrund ihrer Sprache, ihrer Kultur und ihrer Mentalität fühlen sie sich zu Spanien nicht zugehörig. Deswegen ist Bilbao gegen Madrid kein gewöhnliches Ligaspiel, sondern auch die medienwirksame Bühne für ein politisches und gesellschaftliches Streitthema. Der Rekordmeister aus der Hauptstadt verkörpert in den Augen der leidenschaftlichen Bilbao-Fans die ungeliebte spanische Zentralregierung. Die Basken gelten als eigenwillig. Unabhängigkeitspläne gibt es seit vielen Jahren. Damit stehen sie nicht alleine da. Auch Katalonien, die Region um Barcelona, möchte sich abspalten. Die separatistischen Bestrebungen der Basken aber sind hierzulande in den Medien nicht so präsent wie die der Katalanen. Bereits 2008 beschloss das baskische Parlament eine Volksbefragung, in der sich die baskische Bevölkerung zur Konfliktlösung äußerte. Die Regierung in Madrid erklärte das Referendum für verfassungswidrig.

 

Der Kampf für die Unabhängigkeit – nicht immer erfolgt er friedlich. Die linksradikale Terrorgruppe Euskadi Ta Askatsuna (Eta) verübt seit Ende der 1960er Jahre Anschläge, um die baskische Unabhängigkeit zu erzwingen. Über 800 Menschen verloren dabei bereits ihr Leben - und die Basken erhebliche Sympathien. In den vergangenen Jahren ist es zwar ruhig geworden um die Terroristen, doch die Tageszeitung 'Die Welt' berichtete erst kürzlich über Arnaldo Otegi, einen baskischen Politiker der Partei „Batasuna“. Die war in Spanien 2003 verboten worden, weil sie der Eta nahe stand. Otegi, mehrmals wegen seiner Verbindungen zur Eta verhaftet und verurteilt, ist nun zurück auf der politischen Bühne und hat nur ein Ziel: die Unabhängigkeit. „Wir Basken müssen dem katalanischen Beispiel folgen und eine zweite separatistische Front gegen den Zentralstaat bilden.“



Athletic als baskisches Identifikationssymbol

Die Unabhängigkeitsbewegung soll wieder an Dynamik gewinnen. Die Ablehnung der Bilbao-Anhänger gegen Spanien kommt auch im Fußball immer wieder zum Ausdruck. Im Mai 2015 traf Athletic im Pokalfinale auf Barcelona. Aus Angst vor Demonstrationen gegen die Regierung, wurde die Partie von Madrid nach Barcelona verlegt. Als vor dem Spiel die spanische Nationalhymne gespielt wurde, gab es ein gellendes Pfeifkonzert im ganzen Stadion. Die Besonderheit von Athletic Bilbao ist aber nicht nur, dass Teile der Fans die spanische Regierung ablehnen, sondern auch, dass der Klub den baskischen Nationalstolz tatsächlich vorlebt. Seit Jahrzehnten schon verfolgt der Verein die Politik, dass nur Spieler aus den baskischen Provinzen auflaufen dürfen. Das steht im krassen Gegensatz zu Real Madrid, das seinem erfolgsverwöhnten Publikum für gewöhnlich jedes Jahr mindestens einen neuen internationalen Superstar präsentiert.

 

Das baskische Konzept, es wirkt aus der Zeit gefallen. Man stelle sich vor, für Eintracht Frankfurt dürften nur Spieler aus Hessen auflaufen. Doch trotz der konservativen Transferpolitik kann Bilbao immer wieder Achtungserfolge erzielen. Mit Madrid und Barcelona ist Bilbao der einzige Klub in Spanien, der als Gründungsmitglied noch nie aus der höchsten Liga abgestiegen ist. Der spanische Pokal konnte immerhin 24 Mal gewonnen werden. Eine Bestmarke, die erst 2009 vom FC Barcelona übertroffen wurde. Und seit 2010 ist der Klub auch wieder regelmäßig in den internationalen Pokalwettbewerben vertreten, erreichte 2012 das Europa-League-Finale (0:3 gegen Atlético Madrid). Zuletzt beendete Athletic Bilbao, das stets in rot-weiß-gestreiften Trikots aufläuft, die Saison auf dem fünften Platz. Nach acht Spieltagen in LaLiga steht Bilbao derzeit auf Rang sechs.

Sprungbrett für Weltkarrieren

Ein Großteil der Spieler kommt aus dem eigenen Nachwuchsbereich oder wird in jungen Karrierejahren von baskischen Vereinen gekauft. Entsprechend groß ist die Identifikation der Spieler mit dem Klub. Die großen Talente kann der der Verein dennoch nicht immer halten. Etwa Javier Martinez (Foto), den die Bayern im August 2012 für 40 Millionen Euro aus Bilbao in die bayerische Landeshauptstadt lockten - bis heute der teuerste Bundesliga-Neuzugang aller Zeiten. Oder Torwartlegende Andoni Zubizarreta, der in den 1980er Jahren zu Barcelona wechselte und später sogar Sportdirektor der Katalanen war. Der französische Baske Bixente Lizarazu wechselte aus Bilbao 1997 ebenfalls zum FC Bayern München und wurde im Jahr darauf mit Frankreich Weltmeister.

 

Am Sonntag gastiert Bilbao im Estadio Santiago Bernabeau in Madrid. Viele Bezeichnungen verbindet man mit Real: Die Galaktischen, das weiße Ballett, die Königlichen. Bilbao wirkt dagegen wie ein Zwerg. Die Rollen sind klar verteilt. Die Gäste sind nur Außenseiter. Doch sie können mehr gewinnen als Real. Es geht nicht nur um drei Punkte. Für die Spieler von Athletic Bilbao geht es auch um die die stolze baskische Ehre. Das macht ein eigentlich gewöhnliches Ligaspiel zu einem Besonderen.

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