Politikum Piqué

Der Verteidiger erklärt nach einem neuerlichen (Schein)Skandal seinen Rücktritt aus der spanischen Nationalmannschaft. Die Weltmeisterschaft 2018 in Russland wird sein letztes Turnier mit der Mannschaft sein, die er als überragender Abwehrspieler zu großen Titeln führte. Bei seinem letzten Länderspiel wird Gerard Piqué wohl erst 31 Jahre sein. Sein Rücktritt ist eng mit der politischen Situation Spaniens verbunden. Von Sebastian Koch

Da sind sie also wieder. Die Pfiffe. Jene Pfiffe, die der hochgeschossene Mann im Abwehrzentrum der spanischen Nationalmannschaft schon so oft ertragen hat, ertragen musste. Bislang hat der unbeliebte Defensive, der auch heute Abend wieder den für ihn so typischen Vollbart trägt, sie stets weggesteckt, so unberechtigt sie auch sein mochten. Doch am heutigen Sonntagabend im albanischen Shkoder sind sie auch ihm zu viel.

 

Gérard Pique gehört zu den erfolgreichsten Fußballspielern der Welt. Auf Vereinsebene hat er mit dem FC Barcelona alles gewonnen. Mit vier Champions-League-Titeln ist er gar Rekordsieger dieses Wettbewerbs. Mit der Nationalmannschaft dominierte er zwischen 2009 und 2014 den Weltfußball in einer Art und Weise, die es zuvor noch nie gegeben hatte. Weltmeister 2010, Europameister 2012 - Piqué war in den meisten seiner bisherigen 83 Länderspielen stets ein Eckpfeiler der iberischen Innenverteidigung. Doch geliebt wird er dafür nicht. Wurde er noch nie.

 

Der Grund: Piqué ist Katalane. Er kokettiert öffentlich damit, kämpft für die Unabhängigkeit der wirtschaftlich starken Region rund um seine Geburtsstadt Barcelona. Im September 2014 ließ er sich auf einer katalanischen Unabhängigkeitsparade zusammen mit seinem Sohn Milan in einem katalanischen Trikot fotografieren. Piqué sieht sich selbst nicht unbedingt als Spanier, provoziert gerne, ist für viele Fans das Feindbild im eigenen Lager. Und zwar nicht nur für die Fans, die es im Liga-Alltag mit Real Madrid halten. Piqué gilt außerhalb Kataloniens als Verräter. Als Landesverräter.

 

Bodenblicke und Mittelfinger während der Hymne

 

"Was heute passiert ist, passt zu dem, was in den vergangenen Jahren passiert ist. Ich bin all diese Kritik leid, manche Leute haben mir die Freude genommen, hierher zu kommen. Ich habe keinen Spaß mehr", sagt er nach dem Abpfiff des 2:0 gewonnen Qualifikationsspiels in Albanien und ergänzt noch, dass der Rücktritt "keine spontane Entscheidung" sei. Die Pfiffe waren ein neuerlicher Höhepunkt in einer teilweise abstrusen Debatte um den Ehemann der kolumbianischen Popsängerin Shakira. Die "Akte Piqué" ist dick, die Vorwürfe der Fans grenzen teilweise schon an Mobbing.

 

Heute war es ein Trikot, das den Zorn der spanischen Fans in den sozialen Medien auf den 29 Jahren alten Verteidiger zieht. Angeblich habe er die Ärmel seines Shirts abgeschnitten - genau über der Stelle, wo die spanischen Nationalfarben die Ärmel zieren. Ein absurder Vorwurf, wie sich im weiteren Verlauf der Affäre herausstellt. Der spanische Fußballverband RFEF nimmt seinen Verteidiger in Schutz, twittert ein Bild, das Piqués Trikot vor dem Schnitt zeigt. Auf den Ärmeln sind gar keine spanischen Farben. Piqué habe die langen Ärmel nur aufgerollt, um besser spielen zu können, erklären Funktionäre. Das Kurzarm-Trikot, welches tatsächlich die spanischen Farben an den Ärmeln ziert, hatte Piqué an diesem Abend nie an.



Es ist nicht der erste Vorfall, der beweist, dass die politische Situation Spaniens mehr Einfluss auf den dortigen Fußball hat als so mancher glauben möchte. Bei der Europameisterschaft im Sommer diesen Jahres in Frankreich wurde Piqué vorgeworfen, während der spanischen Hymne beim Spiel gegen Kroatien den Mittelfinger gezeigt zu haben. Piqué dementierte dies sofort - wenn auch sein Dementi nicht unbedingt die Wogen geglättet haben dürfte. "Ich kreuze die Finger während der Hymne. Wir sollten nicht nach Kontroversen suchen, wo es keine gibt."

 

Ebenfalls wird Piqué, der aus seiner Abneigung gegen Real Madrid in der Öffentlichkeit ebenfalls keinen Hehl macht, vorgeworfen, während der Hymne zu oft auf den Boden zu schauen. Ein skurriler Vorwurf, der jedoch zum öffentlichen Umgang mit dem ansonsten sportlich unumstrittenen Abwehrchef passt. 

 

Verband hofft auf Rücktritt vom Rücktritt

 

Der spanische Verband hofft indes, dass Piqué von seinem Rücktritt nach der Weltmeisterschaft in zwei Jahren doch noch zurücktritt. "Wir sollten uns alle ein wenig beruhigen und warten, bis sich die Wogen geglättet haben. Aber ich kann Pique verstehen, der Vorwurf mit dem Trikot ist vollkommen lächerlich", sagt Spaniens Nationaltrainer Julen Lopetegui zu den Vorgängen in Albanien.

 

Dass Piqué nach der Weltmeisterschaft doch noch für die Nationalmannschaft aufläuft, ist aber unwahrscheinlich. Ein Rücktritt vom Rücktritt würde nicht passen zu dem Mann, der seit Jahren zu seinen Meinungen steht und diese gegen alle Widerstände verteidigt. Im Trikot der Nationalmannschaft muss er dies nun bald nicht mehr machen.


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