"Deutsches Tennis ist auf einem sehr guten Weg"

Das sagt Gerald Marzenell im Gespräch mit Spiel, Satz und Tor. Der Teamchef von Grün-Weiß Mannheim spricht mit uns über die abgelaufene Bundesliga-Saison und sieht trotz viel Lob noch Luft für Verbesserungen. Aus Mannheim berichten Sebastian Koch und Markus Schulze.

Gerald Marzenell lebt Tennis. Der 52-Jährige ist mit 213 Einsätzen Rekordspieler der Tennis-Bundesliga. Foto: SSUT

Moritz Stöger streckt sich. Den kleinen gelben Filzball erreicht er gerade noch und schlägt ihn zurück über das Netz, wo der ehemalige Profi Björn Phau steht. Es ist ein starkes Training, das Stöger, die deutsche Nummer eins in der U14-Konkurrenz, auf Platz zehn der Anlage beim Tennis-Bundesligaverein Grün-Weiß Mannheim zeigt. Das Training beobachtet Juniorennationaltrainer Gerald Marzenell. Neben seinem Amt als U14-Auswahltrainer übt der 52 Jahre alte Kurpfälzer auch noch das des Teamchefs der ersten Herrenmannschaft des Mannheimer Klubs aus und ist einer der Eckpfeiler des Vereins, der zu den ruhmreichsten und traditionsreichsten in der höchsten Klasse der Tennis-Bundesliga gehört. Mit kleinen Unterbrechungen gehört Mannheim seit mittlerweile 40 Jahren zu den Aushängeschildern im Mannschaftssport des eigentlichen Einzelsports Tennis. Marzenell hat von den vier Jahrzenten 37 Jahre miterlebt – 16 Jahre davon als Spieler, 19 als Teamchef. Meisterschaften, verpasste Titelträume, Abstiege und Aufstiege gehören zu dem großen Erfahrungsschatz des Mannes, der als aktiver Profi im Februar 1988 seinen Karriere-Höhepunkt auf Platz 182 der ATP-Weltrangliste hatte.

 

Längst ist die Liga zu einem Schaulaufen der Tenniselite geworden

 

In der im Sommer abgelaufenen Saison führte er seine Mannschaft, trainiert vom in Mannheim ebenfalls alt-eingessenen Dirk Dier, mal wieder auf einen guten dritten Platz. Er sei sich gar nicht so sicher, erklärt Marzenell, „ob Tennis eine Einzelsportart sei“. Schließlich gäbe es im vermeintlichen Einzelsport genügend Teamelemente. „Natürlich steht in der Regel jeder Spieler alleine auf seiner Feldseite. Doch es gibt auch viele Doppelwettbewerbe sowie die Nationalmannschaft und die Bundesliga.“ In den letzten beiden Punkten stehe das Team und nicht der Einzelspieler im Vordergrund. „Viele Spieler freuen sich, wenn sie auch einmal Punkte für eine Mannschaft gewinnen können“, ist sich Marzenell sicher. Die sieben bis neun Wochen im Sommer, die die Saison der Bundesliga andauert, seien daher eine willkommene Abwechslung für die Akteure, die „sonst 30 Wochen im Jahr alleine durch die Welt reisen“.

 

Der personelle Erfolg der Bundesliga gibt Marzenell Recht. Längst ist die Liga zu einem Schaulaufen der Tenniselite geworden. Weltklasse im Club lautet der Slogan, mit dem die Liga beworben wird. Keine leere Phrase, wenn man bedenkt, dass mit dem Österreicher Dominic Thiem im Sommer die aktuelle Nummer zehn und ehemalige Nummer sieben der Weltrangliste für Mannheim aufschlug. Die langjährige deutsche Nummer eins, Philipp Kohlschreiber, gewann mit Badwerk Gladbach jüngst überraschend die deutsche Mannschaftsmeisterschaft. Darüber hinaus sahen die deutschen Tennisfans die Top-20-Spieler Roberto Bautista-Agut sowie Benoît Paire oder auch den momentan suspendierten Davis-Cup-Spieler Dustin Brown.

 

In Mannheim tummelt sich indes auch der Olympiasieger im Doppel, Marc Lopez. In Rio de Janeiro erfolgreich an der Seite von Rafael Nadal, gehört der spanische Davis-Cup-Spieler in der Quadratestadt ebenfalls schon zum Inventar. Im neunten Jahr stand der Doppelweltmeister von 2012 im Kader von Grün-Weiß – und reiht sich damit in eine lange Liste von Spielern ein, die schon mehrere Jahre für die Mannheimer spielen. „Wir versuchen alles, damit sich unsere Spieler hier wohl fühlen und wissen, dass sie alle gerne nach Mannheim kommen“, schwärmt Marzenell. Die familiäre Atmosphäre im Verein, eine „wunderschöne Anlage“ und die „Zusammenstellung des Kaders“ seien seine Erfolgsgeheimnisse.

Die Tennisanlage in Mannheim gilt als eine der schönsten Deutschlands. Im Durchschnitt besuchen zwischen 2000 und 3000 Zuschauer die Heimspiele von Grün-Weiß Mannheim. Foto: SSUT

Doch die Liga hat Probleme, die sich auch in diesem Sommer wieder gezeigt haben. Das größte: ihre Vermarktung. Die überregionalen Medien schenken der Liga kaum Beachtung. „Lokale Medienberichterstattung haben wir durchaus“, erklärt Marzenell, der auch gewählter Sprecher aller Bundesliga-Vereine ist. „Doch Medien, die 40 Kilometer oder weiter weg von einem Bundesligaverein sind, berichten schon nicht mehr. Die Bundesliga ist daher ein eher lokales Ereignis.“ Auch deshalb wünscht sich Marzenell, dass bald mal wieder Vereine aus München, Hamburg oder Berlin den Aufstieg in die Bundesliga schaffen. „Dann ist die Chance groß, dass wieder mehr überregionale Berichterstattung zustande kommt.“ Immerhin: In diesem Sommer gab es schon Livestreams von größeren Internetanbietern und die Fernsehsender Eurosport und Sport1 befinden sich in Verhandlungen mit dem Ligaverband. „Die Verhandlungen sind noch ein zartes Pflänzchen, das wir sukzessive aufbauen werden.“ Frühestens in zwei Jahren rechnet Marzenell damit, dass Live-Spiele im überregionalen Fernsehen gezeigt werden. „Es wäre schon eine tolle Sache“, blickt er in die nahe Zukunft, „wenn im nächsten Jahr der Südwestrundfunk mehrminütige Zusammenfassungen von Spielen aus Mannheim oder andere überregionale Sendeanstalten aus entsprechend anderen Bundesligastädten zeigen“. Die Chancen dafür stehen nicht schlecht, gibt er Auskunft.

 

Den Vergleich mit dem Fußball scheut Marzenell. „Fußball hat eine Ausnahmestellung in der Berichterstattung. Wir orientieren uns eher an Handball, Basketball und Eishockey.“ Der Deutsche Tennis-Bund ist der an Mitgliedern gemessen drittgrößte Sportverband Deutschlands – nach dem Deutschen Fußball-Bund und dem Deutschen Turner-Bund. In der Berichterstattung über die höchste Liga des Verbandes zeigt sich das jedoch nicht.

 

"Social Media ist ein Aspekt, der alles andere als optimal genutzt wird"

 

Ein Teil der Vermarktung ist inzwischen auch das Social-Media-Verhalten der Vereine. Hier schaut es teilweise noch düsterer aus. Die Rhein-Neckar-Löwen, der amtierende Handballmeister, freut sich auf Facebook über mehr als 130.000 Nutzer. Grün-Weiß Mannheim bedient auf dem sozialen Netzwerk die meisten Nutzer aller Bundesligavereine - mit etwas mehr als 1300 „Daumen“. Doch andere Klubs sind selbst davon meilenweit entfernt. Meister Badwerk Gladbach zählt gerade einmal 350 Fans – und ist damit längst nicht am untersten Rand der Liga. Teilweise kommen Bundesligavereine auf gerade einmal rund 200 Likes. Zum Vergleich: Die Facebookseite des Fußball-A-Ligisten SV Rohrhof aus dem Kreis Mannheim zählt ebenfalls knapp über 200 Fans. „Mit Sicherheit ist auch das ein Aspekt, der alles andere als optimal genutzt wird“, kritisiert Marzenell, schränkt aber gleichzeitig ein: „In vielen Vereinen arbeiten die dafür Zuständigen ehrenamtlich. Auch daran arbeiten wir vereinsübergreifend.“ Es mache keinen Sinn, warnt er, „wenn nur drei oder vier Vereine voranreiten und der Rest zieht nicht mit“. Man möchte es flächendeckend voranbringen und deshalb zählt Ende September auch dieser Punkt zur Tagesordnung auf einer Ligasitzung.

 

Das, was Marzenell am Tennis so schätzt, schränkt den Sport in seiner Vermarktung auch ein Stück weit ein. „Tennis muss man live sehen“, sagt er. Es mache keinen Sinn, ein Spiel mit Kurztexten zu tickern, wie man es etwa im Basketball, Handball oder Eishockey machen könne. Die Ästhetik und Athletik, die der Sport mit sich bringe, sei schon im Fernsehen mitunter schwer zu vermitteln – über das Internet sei das noch schwerer. „Um das live zu erleben, kommen die Leute auf unsere Anlage.“ Zwischen 2000 und 3000 Zuschauer waren es in diesem Sommer bei jedem Heimspiel der Mannheimer – ein zufriedenstellender Wert für Marzenell. Für wenig Geld bekämen die Fans viel geboten, erklärt er. Großer Kampf und der unbedingte Siegeswille seien mitunter fast noch mehr zu finden als auf Einzelturnieren.

 

"Die Spieler gehen auf die Fans zu"

 

Und noch ein großer Pluspunkt: Der Kontakt zu Weltklassespielern auf Bundesligaspielen sei ebenfalls besser als auf der Tour. „Da spielen die Spieler, gewinnen, winken zwei Mal ins Publikum, verschwinden im dunklen Gang und sind quasi schon im Hotel.“ Bei Bundesligaspielen könne man sich mit den Akteuren unterhalten, einen persönlichen Kontakt aufbauen. Die Spieler „halten sich den ganzen Tag auf der Anlage auf und gehen auch auf die Fans zu“, berichtet Marzenell mit leuchtenden Augen. In den vergangenen Jahren war es das langjährige deutsche Aushängeschild, Tommy Haas, der teilweise gar mehr als 4000 Zuschauer auf die Anlage im Mannheimer Stadtteil Feudenheim lockte. Gerade wegen seiner vielen Verletzungspausen war es immer etwas Besonderes, ihn „hautnah spielen zu sehen“. Oft sei es vorgekommen, erinnert sich Marzenell, „dass der Tommy für die 75 Meter vom Center Court in die Umkleide fast eine halbe Stunde gebraucht hat, weil er so viele Autogramme geschrieben und Gespräche mit unseren Fans geführt hat“. Bundesliga sei eben „Tennisweltklasse zum Anfassen“.

 

Bei allen Vermarktungsproblemen sei die Liga deshalb auch ein Symbol dafür, „wie gut es um das deutsche Tennis steht“. Von dieser Meinung rückt Marzenell auch mit Blick auf die Vorgänge im Davis-Cup-Team in den vergangenen Tagen nicht ab. Viel sei „überinterpretiert und medial aufgebauscht worden“, kritisiert er, bevor er auch eingesteht: „Mit Sicherheit hat es zwei oder drei etwas unglückliche Entscheidungen gegeben.“ Dennoch: Das Team sei intakt gewesen, „ansonsten hätte es nicht den Klassenverbleib in der Weltgruppe 1 geschafft.“ Von Neid und Missgunst unter den deutschen Spielern, wie zuletzt oft berichtet, gäbe es keine Spur, versichert er. „Die Spieler sind enger befreundet, als es so mancher Journalist wahrhaben möchte.“ Marzenell ist sich sicher, dass auch über die Suspendierungen des Trios Dustin Brown, Mischa Zverev und Tobias Kamke noch einmal verhandelt wird. „Alle Spieler spielen gerne für den Davis Cup, deshalb gibt es keinen Grund, weshalb sich das nicht lösen könne.“ Schließlich sei es im Interesse aller, dass der Davis Cup mit seiner besten Mannschaft antrete. „Es ist schade, dass die Berichterstattung über den Davis Cup signalisiert, Tennis in Deutschland sei auf dem falschen Weg. Das Gegenteil ist der Fall: Tennis in Deutschland war lange nicht mehr auf einem so guten Weg.“

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