WM 2006: Chronik eines Scherbenhaufens

Im Sommer 2006 verändert die Weltmeisterschaft das Bild des Deutschen in der ganzen Welt: Feierwütig. Gastfreundlich. Weltoffen. Die gesellschaftliche Wirkung des Sommermärchens ist unbestritten, der Weg dorthin jedoch von Tag zu Tag mehr. Die Chronik eines Scherbenhaufen, der den größten nationalen Sportverband der Welt vor gewaltige Probleme stellt. Von Sebastian Koch

1996 bis 1998 - Werben für eine Idee

Dem damaligen Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Egidius Braun (rechts), gelingt es 1996, den damaligen Präsidenten des FC Bayern München und Teamchef der Weltmeistermannschaft von 1990, Franz Beckenbauer (links), als WM-Botschafter und Chef des Organisationskomitees zu gewinnen. Auf einem DFB-Workshop am 25. September 1998 werben die beiden in Leverkusen für eine deutsche Bewerbung für die Weltmeisterschaft 2006.

Juli 2000 - Der Zuschlag, eine merkwürdige Stimmenthaltung und das Ehrenamt

Neben dem DFB setzt sich auch die deutsche Politik um den fußballbegeisterten amtierenden Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) für die Weltmeisterschaft ein. Schröder und Beckenbauer treten weltweit als Botschafter auf, um das Turnier zum zweiten Mal nach 1974 nach Deutschland zu holen. Einen Tag vor der Vergabe Anfang Juli 2000 sind beide sichtlich optimistisch.

Geschafft: Am 6. Juli 2000 setzt sich die DFB-Bewerbung im dritten Wahlgang mit einer Stimme Vorsprung gegen die des südafrikanischen Verbandes durch. Bei der Abstimmung enthält sich das neuseeländische Exekutivmitglied Charles Dempsey - bis heute aus unbekannten Gründen. Bei Stimmengleichheit hätte Fifa-Präsident Sepp Blatter wohl der afrikanischen Bewerbung den Zuschlag erteilt. Zum Organisationskomitee zählen neben Beckenbauer unter anderem auch die Beckenbauer-Vertrauten Horst R. Schmidt (l.) und Fedor Radmann (2. v.r.) sowie der spätere DFB-Generalsekretär und -Präsident Wolfgang Niersbach (r.) als Pressesprecher und Vize-Chef.

'Die Welt zu Gast bei Freunden': Unter diesem Motto organisiert der DFB die Weltmeisterschaft. Franz Beckenbauer wird offiziell Chef des Organisationskomitee. "Natürlich mache ich das ehrenamtlich", erklärt er bei seiner Vorstellung im Jahr 2000.

Juli/August 2004 - Sportlicher Neuanfang

Nach einer abermals desaströsen Europameisterschaft mit dem Vorrundenaus in Portugal treten im Sommer 2004 Teamchef Rudi Völler und Bundestrainer Michael Skibbe nach vier Jahren zurück. Der DFB präsentiert überraschend Jürgen Klinsmann als neuen Bundestrainer. Ihm assistieren Joachim Löw und Torwarttrainer Andreas Köpke. Oliver Bierhoff wird künftig in der neu geschaffenen Position des Nationalmannschafts-Managers die organisatorischen Geschicke der Mannschaft leiten. Das Quartett tritt mit dem Ziel an, im eigenen Land den Titel zu gewinnen.

9. Juni 2006 - Das Turnier beginnt

In einem stimmungsvollen Eröffnungsspiel gewinnt die deutsche Mannschaft, hier mit Tim Borowski, das Eröffnungsspiel gegen Costa Rica 4:2. Es ist nicht nur der Beginn eines sportlichen Sommermärchens ...

Juni und Juli 2006 - Stimmung und Party auf allen Straßen

... Millionen von Fans auf den neugeschaffenen Fanmeilen tragen die deutsche Mannschaft auf den dritten Platz. Wie hier beim Empfang nach dem Turnier sorgen die deutschen Fans für die stimmungsvollste Weltmeisterschaft aller Zeiten und legen das Image des Deutschen als disziplinversessen, verstockt und introvertiert völlig ab. Die vier Turnierwochen verändern die Wahrnehmung Deutschlands im Ausland gewaltig und nachhaltig.

2006 bis 2015 - Dunkle Vorahnungen hinter vorgehaltener Hand

Immer wieder gibt es Ansätze von Verdachtsmomenten der Korruption in Bezug auf die Vergabe der WM 2006. Besonders vereinzelte Aussagen des mittlerweile immer umstritteneren Fifa-Präsidenten Sepp Blatter und das nach wie vor ungeklärte Verhalten des neuseeländischen Exektuivmitglieds bei der Abstimmung sorgen für Spekulationen. Auch das Schweigen des DFB in den vielen Skandalen, die der Schweizer Präsident in seiner Amtszeit aussitzt, sorgt in vielen Kreisen für Erstaunen, Unverständnis und Spekulationen. Dennoch: So wirklich will niemand an das gekaufte Sommermärchen glauben oder etwas davon hören. Bis zum Herbst 2015 ...

Oktober 2015 - "Das gekaufte Sommermärchen"

Der 'Spiegel' wartet mit einer Geschichte auf, die den DFB in seinen Grundfesten erschüttert. Insbesondere der mittlerweile zum Verbandspräsidenten aufgestiegene Wolfgang Niersbach gerät zunächst in das Fadenkreuz von Journalisten und Staatsanwaltschaft. Auf einem Geheimpapier, das dem Nachrichtenmagazin vorliegt, soll ein handschriftlicher Vermerk beweisen, dass unter Kenntnis Niersbachs der damalige Adidas-Chef ...

... und 2009 verstorbene Robert Louis-Dreyfus dem Verband im Frühjahr 2000 umgerechnet rund 6,7 Millionen Euro spendete. Diese sollte, laut 'Spiegel', zum Stimmenkauf verwendet worden sein und taucht in der von Niersbach unterzeichneten Steuererklärung des Verbandes nicht auf.

 

Von einem unter anderem auf Beckenbauer und dessen ehemaligen Managers, Robert Schwan, laufendem Konto, flossen im Sommer 2002  sechs Millionen Schweizer Franken auf das Konto einer Schweizer Anwaltskanzlei. Von dort wurde das Geld nach Katar an eine Firma weitergeleitet, die offenkundig Mohamed Bin Hammam gehört, damals Mitglied der Fifa-Exekutive und -Finanzkommission. Schließlich überwies Louis-Dreyfus zehn Millionen Franken auf das Schweizer Konto. Mit sechs Millionen wurde Beckenbauer bezahlt, vier Millionen gingen wieder nach Katar.

Unter anderem soll auch das bereits im Jahr 2012 wegen Korruption lebenslang gesperrte katarische Exekutivmitglied Mohamed bin Hammam gekauft worden sein. Mit dem Geld sei darüberhinaus auch Sepp Blatters Wahlkampf 2002 unterstützt worden.

 

Franz Beckenbauer gerät als OK-Chef zwar immer mehr ins Zwiellicht, ist wegen seines schon lange erfolgten Rückzugs von allen Ämtern jedoch erst einmal nicht im Zentrum der Berichterstattung. Die bezieht sich vor allem auf Niersbach, der in die Offensive gehen möchte...

Auf einer obskuren Pressekonferenz versucht der angeschlagenen Präsident sich am 22. Oktober aus der Schusslinie zu bringen. Seine oft gebrauchte Floskel "Daran kann ich mich nicht erinnern" wird zum Internethit, die Pressekonferenz für Niersbach zum Desaster.

November 2015 bis September 2016 - Rücktritte, Nachtreten, Freshfields-Bericht

Nach einer wochenlangen Hängepartie, in der sich Niersbach besonders Angriffen seines Amtsvorgängers und Intimfeindes, Theo Zwanziger, ausgesetzt sieht, tritt er am 9. November 2015 von seinem Amt zurück. Nach wie vor sind die Geldflüsse aus dem Jahr 2000 nicht geklärt und viele Fragen offen. Der scheidende Präsident betont bei seinem Rücktritt, dass er sich in den ihm im OK „zugeteilten Bereichen Marketing, Medien, Akkreditierungen und Veranstaltungsorganisation“ nichts vorzuwerfen habe. Für Zwanziger ist indes "klar, dass es eine schwarze Kasse gegeben hat".

 

Der medienaffine Franz Beckenbauer ist in diesen Wochen und Monaten im Übrigen fast untergetaucht. Lange wartet man auf eine Reaktion der Lichtgestalt des deutschen Fußballs, die erst mehrere Tage nach dem Spiegel-Bericht erscheint. Beckenbauer lässt in einer Erklärung mitteilen, dass er sich keiner Schuld bewusst sei.

 

Im Februar 2016 tritt der DFB-Generalsekretär und enge Niersbach-Vertraute, Helmut Sandrock, zurück. Offiziell wegen gesundheitlichen Problemen zurückgetreten, wird auch ihm vorgeworfen, wie Niersbach viel früher als bekannt von den Geldflüssen rund um Beckenbauer, bin Hammam und Louis-Dreyfus gewusst zu haben. Sandrock war als Turnierdirektor ebenfalls Teil des Organisationskomitees.

 

Der am 4. März präsentierte Bericht der vom DFB beauftragten Wirtschaftskanzlei Freshfields zu den Geldflüssen liefert keine neuen stichhaltigen Beweise. Jedoch belastet er Beckenbauer und Niersbach schwer.

Dezember 2015 - Die Fifa versinkt im Sumpf

Der Korruptionssumpf beim Weltverband wird immer tiefer - und der DFB gerät immer weiter in den Strudel aus Lügen, Schuldzuweisungen und Machtspielen. Sepp Blatter, jahrelanger Patron und Gesicht des Skandals, tritt - frisch im Amt bestätigt - zurück. Kurz vor Weihnachten gibt er eine ähnlich skurille Pressekonferenz wie Niersbach. Doch auch nach dessen Rücktritt kommt der Weltverband nicht zur Ruhe und die Schlinge um den DFB und insbesondere Beckenbauer zieht sich immer weiter zu.

September 2016 - Das Ehrenamt war gar kein Ehrenamt

Wieder ist es der 'Spiegel', der Beckenbauer in diesen Tag scharf angreift. Dieser habe seine Komitee-Tätigkeiten keinesfalls ehrenamtlich ausgeübt, wie dieser vor 16 Jahren behauptet hatte. Für seine Werbetätigkeiten für einen der Weltmeisterschafts-Sponsoren, dem Tippspielanbieter Oddset, soll Beckenbauer aus Verbandskassen 5,5 Millionen Euro erhalten halten. Dies hat zwar mit den wohl gekauften Stimmen nichts zu tun, fügt dem Image von Person und Verband jedoch wieder schweren Schaden zu.

 

DFB-Präsident Reinhard Grindel hat am Rande des Uefa-Kongresses am vergangenen Mittwoch die jüngsten Vorgänge scharf verurteilt und unter anderem von einer "Täuschung der Öffentlichkeit" gesprochen. Erstmals geht der DFB damit öffentlich auf Distanz zu Beckenbauer und weiteren Verantwortlichen des Organisationskomitees.

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