"Ich muss der 'Sun' dankbar sein"

Teil 2 von 2: Urs Meier hat in seiner langen Karriere alle Höhen und Tiefen eines Schiedsrichters erlebt. Packenden Weltmeisterschaftsspielen und einem Champions-League-Finale stehen Morddrohungen und sogar mehrere Tage Polizeischutz gegenüber. Mit Spiel, Satz und Tor sprach der Schweizer über seine Anfaänge als Schiedsrichter, den Videobeweis, die Wahrnehmung der Schiedsrichter in der Öffentlichkeit und sein neues Buch. Von Sebastian Koch und Markus Schulze

SSUT-Buchtipp:

Schiedsrichter zu sein ist ein harter, oft ein undankbarer Job. Urs Meier machte ihn in 883 Spielen, mit einer beispiellos souveränen Art, einer reichen Gestik und dem Bestreben, sich stets verbessern zu wollen. Dadurch erlangte er die Hochachtung von Spielern und Fans.

Mit seinen Entscheidungen als Schiedsrichter aber war nicht jeder einverstanden: Von „rumänischen Hexen verflucht“ galt er bei der Boulevardpresse, weil er wegen einer Fehlentscheidung bei einem Qualifikationsspiel zur Fußball-EM 2004 zwischen Dänemark und Rumänien bei den rumänischen Fans in Ungnade fiel. Wochenlang stand er unter Polizeischutz – englische Fans machten Jagd auf ihn, weil er im EM-Viertelfinale 2004 ein Tor von Sol Campbell nicht anerkannte. 

Mit seiner Autobiografie bietet Urs Meier nun Einblicke in die Seele eines Schiedsrichters – des manchmal einsamsten Mannes auf dem ganzen Platz. Er schildert seine Philosophie des Spiels, des Fairplays, blickt in die Zukunft des Fußballs und des Schiedsrichtertums und macht plausibel, warum der Fußball eine Blaupause für viele Lebensbereiche sein kann. 

Text: Delius Klasing Verlag

ISBN: 978-3-667-10444-1

256 Seiten

Spiel,, Satz und Tor: Sie haben ein Buch geschrieben, Herr Meier. Ein Kapitel beschäftigt sich mit der Frage „Wie weit geht die Fairness?“. In der Bundesliga haben wir in den vergangenen Wochen eine Fairness-Debatte um den Umgang mit scheinbar verletzten Spielern erlebt. Insbesondere der Ausgleich der Hoffenheimer beim Spiel gegen Köln in letzter Minute hat die Gemüter erhitzt, als Hoffenheim den Ball nicht raus gespielt hat, obwohl ein Kölner Spieler auf dem Boden lag. War das fair? Und was bedeutet überhaupt Fairness?

 

Urs Meier (57): Auch das mit dem „Ball-raus-spielen“ bei Verletzungen ist ein hausgemachtes Problem. Zu meiner Zeit war noch klar geregelt, dass der Schiedsrichter das Spiel unterbricht oder eben nicht unterbricht. Diese Entscheidungen haben die Schiedsrichter in den vergangenen Jahren Stück für Stück den Spielern übertragen, was ein Unding ist. Mehr noch: Das ist ein ganz großer Quatsch. In den meisten Fällen muss das Spiel gar nicht unterbrochen werden, weil die Verletzung nicht schlimm ist. Dann hat der Spieler eben einen Schlag aufs Schienbein bekommen. Ja und? Wir spielen Fußball. Das tut etwas weh. Aber deswegen muss ich das Spiel doch nicht unterbrechen. In den meisten Fällen ist das eine taktische Verletzung, weil die Spieler wissen, dass das Spiel und ein Konter dann unterbrochen wird. Ist das fair? Wir müssen wieder zu dem Punkt zurückkommen, an dem der Schiedsrichter - und nicht die Spieler - entscheidet, ob das Spiel unterbrochen wird. Ein Spiel wird unterbrochen, wenn eine wirklich schwere Verletzung vorliegt, wie zum Beispiel eine Kopfverletzung. Aber doch nicht bei einem einfachen Schlag aufs Schienbein. Wenn das Bein gebrochen ist … ja, gut … dann unterbreche ich wahrscheinlich auch. Aber das mache ich als Schiedsrichter, die Entscheidung darf ich doch nicht auf Spieler übertragen. Sollen sie doch da liegen mit ihrem kleinen Schlag aufs Schienbein. Dann tut es eben mal eine halbe Minute weh. Ist doch egal. Sie werden sich schon rühren, wenn es schlimmer ist. Und wenn nicht, werden sie ganz schnell wieder aufstehen.

 

SSUT: In Bezug auf die angesprochene Szene …

 

U.M.: ... fand ich es richtig, dass Hoffenheim weitergespielt hat. 

 

SSUT: Warum haben Sie das Buch geschrieben? Was wollen Sie damit erreichen?

 

U.M.: Mir wurde die Möglichkeit eingeräumt, ein Kapitel zur Professionalisierung der Schiedsrichter zu schreiben. Das war der Hauptgrund und ist ein ganz großes Anliegen von mir. Der Druck dafür muss von außen und durch die Öffentlichkeit kommen, ansonsten tut sich da nichts. Und dann gibt es natürlich noch ein paar schöne Fußballgeschichten dahinter, die ich in meiner langen Karriere erlebt habe.

 

SSUT: Was sind das für Geschichten?

 

U.M.: Schlussendlich spiegelt das Buch die Karriere eines Schiedsrichters wider, mit all ihren Höhen und Tiefen.

"Schiedsrichter sind die Bauern des Fußballspiels"

SSUT: Sie beginnen das Buch mit der provokanten Frage, ob „starke Schiedsrichter überhaupt erwünscht sind“. Warum glauben Sie, dass sie das nicht sind? Das ist ja eine durchaus überraschende Suggestion, die diese Frage impliziert.

 

U.M.: Natürlich ist das eine ketzerische Frage. Aber ich stelle sie mir schon lange. Will man wirklich starke Schiedsrichter? Ich selbst bin so oft von Verbänden, insbesondere der Fifa und Uefa, persönlich enttäuscht worden, weshalb ich mittlerweile glaube, dass starke Schiedsrichter gar nicht erwünscht sind. Es wird zwar immer davon geredet, dass man sie haben möchte – getan wird dafür aber nichts. Starke Schiedsrichter sind eben starke Persönlichkeiten. Starke Persönlichkeiten muss man richtig führen. Das ist nicht einfach und wirft neue Probleme auf. Deshalb frage ich mich, ob man diese starken Persönlichkeiten als Schiedsrichter überhaupt möchte.

 

SSUT: Da sind wir wieder bei der Stellung der Schiedsrichter …

 

U.M.: …genau. Ich sage immer, die Schiedsrichter sind im „Schachspiel Fußball“ die Bauern. Wenn es irgendwo ein Problem gibt, heißt es immer, der Schiedsrichter sei schuld. Opfern wir eben mal einen Bauern, gibt ja genug davon. Ist doch egal, ob der nochmal pfeift oder nicht. Zack, du bist nicht bei diesem und jenem Turnier dabei. Zack, der Schiedsrichter ist verantwortlich, dass wir absteigen. Und dann beginnen auch die Schiedsrichter nachzudenken. Was passiert, wenn ich mal so einen Fehler mache? Werde ich dann auch weggeschickt? Versinke ich dann auch in der Versenkung?

 

SSUT: Hatten Sie auch mal solche Ängste?

 

U.M.: Nein, ich hatte solche Ängste nie, weil ich aber auch eine starke Persönlichkeit habe und weiß, was ich kann. Ich weiß aber auch, dass viele Kollegen diese Persönlichkeit nicht haben. Auch mich haben die Verbände versucht zu manipulieren. Bei der Europameisterschaft 2000 beispielsweise als ich einen Elfmeter gegen England gepfiffen habe. Ich habe mich entschieden, auf den Punkt gezeigt, bin hingelaufen und dort stehen geblieben. Richtig stehengeblieben. So wie ich das immer gemacht habe. Und wenn die Spieler zu mir gekommen sind, bin ich immer noch stehen geblieben. Ich bin im wahrsten Sinne des Wortes zu meiner Entscheidung gestanden und habe den Spielern signalisiert ‚Bis hierhin und nicht weiter‘. Nach dem Spiel hat mir die Schiedsrichter-Kommission, vor allem ein Engländer, gesagt, ich dürfe das so nicht machen. Ich müsse vor den Spielern weglaufen. Weglaufen, habe ich gefragt. Ich bin 23 Jahre lang nicht weggelaufen. Und ich werde auch jetzt nicht weglaufen. Ich laufe nicht weg. Wenn du wegläufst, wirst du verfolgt, habe ich erklärt. Die Kommission war Widerspruch nicht gewohnt. Jetzt widerspricht ihnen jemand. Ich habe Persönlichkeit gezeigt. Das war aber nicht gewünscht. In meiner Generation gab es relativ viele wirklich starke Schiedsrichter. Ich erinnere nur an Markus Merk oder Pierluigi Collina. Glaubt irgendjemand, Collina wäre weggelaufen oder hätte sich verbiegen lassen?

 

SSUT: Diese Schiedsrichtertypen fehlen heute?

 

U.M.: Sie fehlen nicht, aber sie sind weniger geworden. Ein Howard Webb ist auch jemand, der sich nicht verbiegen lässt. Auch er eckt an und ist in gewissen Kreisen nicht sehr beliebt. Webb hat während der Weltmeisterschaft 2014 die Forderungen der Fifa an die Schiedsrichter nicht erfüllt – weil sie falsch waren. Er hat im Achtelfinalspiel Brasilien gegen Chile sogar die ersten 14 Minuten lang versucht, die Fifa-Forderungen zu erfüllen. Und dann hat man richtig gemerkt, wie er zu sich selbst gesagt hat, dass das Blödsinn sei und er zu seiner eigenen Linie zurückgekehrt ist. Das war auch gut so. Aber vielen in der Fifa hat das nicht gefallen. Er hat sich der Fifa widersetzt und den Verband vorgeführt. Es war die beste Schiedsrichter-Leistung im ganzen Turnier, weil Webb Persönlichkeit gezeigt und so gepfiffen hat, wie er es wollte. War das erwünscht? Ich wage es zu bezweifeln. Auch ein Cakir ist eine unglaublich starke Persönlichkeit.

Disput mit Folgen: Urs Meier erklärt dem damaligen Kapitän der englischen Nationalmannschaft, David Beckham (Nummer 7), weshalb er einem englischen Tor kurz vor Spielende im Europameisterschafts-Viertelfinale gegen Portugal die Anerkennung verweigert. Nachdem England das Spiel anschließend im Elfmeterschießen verliert, spitzt sich die Lage für Meier dramatisch zu.

"Ich war einen Tag länger auf der Titelseite der Sun als David Beckham"

SSUT: In Ihrem Buch beschreiben Sie unter anderem auch noch „Die Schwierigkeit, neutral zu sein“ und berichten von einer „Überraschung am Billardtisch“ – wir können das Buch unseren Lesern wirklich sehr empfehlen, möchten zum Schluss aber noch einmal auf Ihr Karriereende zu sprechen kommen. Das hat viel mit dem Viertelfinalspiel der Europameisterschaft 2004 zwischen Portugal und England zu tun. Sie haben ein Tor für England nicht gegeben, weshalb die Briten dann ausgeschieden sind. Anschließend standen Sie unter Polizeischutz. Wie blicken Sie heute auf diese Zeit zurück?

 

U.M.: Das war wirklich keine schöne Zeit. In England wurde eine Kampagne gegen mich gestartet. Ich habe es vier Tage in Folge auf die Titelseite der „Sun“ geschafft – einen Tag mehr als David Beckham (lacht). Ich wurde massiv bedroht und mein Haus mit einer englischen Flagge bekleidet. Im zweiten Weltkrieg wurden damit Ziele für Bomber gekennzeichnet. Die Polizei hat das als massive Drohung eingestuft und mich an einen geheimen Ort gebracht. Ich durfte in dieser Zeit meine Familie nicht sehen und nicht sprechen. Das war schlimm, zumal der Entscheid, das Tor nicht zu geben, richtig gewesen ist. Es war also noch nicht einmal eine Fehlentscheidung. Und trotzdem wurde diese Kampagne von England aus gegen mich gefahren. Die Uefa-Verantwortlichen haben mich in dieser Zeit auch nicht unterstützt, weil sie es schlussendlich auch unterschätzt hatten. Sie haben falsch reagiert, und das hat mir wahnsinnig wehgetan. Ich habe gemerkt, dass der Verband seine Angestellten nicht schützt. 

 

SSUT: Wie bitter war diese Erkenntnis?

 

U.M.: Ich habe das als den bittersten Moment in der ganzen Affäre wahrgenommen. Der Schiedsrichter ist die rechte Hand des Verbandes – und wird von diesem nicht geschützt. Da sind wir wieder bei den Bauern auf dem Schachbrett.

 

SSUT: Wie ist heute Ihr Verhältnis zur „Sun“?

 

U.M.: (lacht). Heute bin ich der 'Sun' dankbar dafür, was sie getan hat. Das klingt kurios, aber sie hat mir wahnsinnig geholfen.

 

SSUT: Wie denn das?

 

U.M.: Das ist jetzt natürlich ganz amüsant, zum konkreten Zeitpunkt war es das aber nicht. Das muss ich immer wieder unterstreichen. Aber ich habe durch diese Geschichte weltweit eine ungeheure Popularität erlangt. Ich habe eine richtige Entscheidung getroffen, und werde dennoch als Staatsfeind behandelt. Das ist natürlich eine Geschichte mit Potenzial (lacht). Ich habe der 'Sun' wahrscheinlich auch meine Anstellung beim ZDF zu verdanken. Wer weiß, ob das ZDF ohne die Geschichte auf mich gekommen wäre. Über das ZDF bin ich dann über Jahre im deutschen Fernsehen zu sehen gewesen und bekannt geworden. Auch davon profitiere ich noch heute. Ich bin dank der 'Sun' einer der wenigen Schiedsrichter, die auch nach ihrer Karriere noch präsent sind. Diese Karriere nach der Karriere wäre ohne die 'Sun' nicht möglich gewesen. Die haben mal so richtig die PR-Trommel für mich gerührt (lacht). Vielen Dank dafür.

 

SSUT: Aber wie konkret war die Gefahr in den besagten Tagen wirklich?

 

U.M.: Das ist schwer zu sagen. Die Polizei hat sie als „sehr konkret“ eingestuft. Beamte haben mich aus dem Flugzeug begleitet und in eine Tiefgarage gebracht. Auf halber Strecke haben wir dann den Wagen gewechselt. Die Polizei hat mich für eineinhalb Wochen an einen geheimen Ort in den Schweizer Jura gebracht. Das war keine angenehme Situation. Auch nicht für mein Umfeld. Ich hatte ein Geschäft, das unter bewaffneten Polizeischutz gestanden hat. Meine Angestellten waren in einer Bedrohungslage. Ich mache da heute paar Scherze drüber, aber wenn man wirklich mal in dieser Situation ist, dann macht man sich natürlich Gedanken. Es hätte ja nur einen einzigen Verrückten gebraucht, der durchgedreht wäre. Schlussendlich ist nichts passiert, deshalb kann ich jetzt auch mit einem gewissen Galgenhumor drauf zurückschauen.

 

SSUT: Herr Meier, wir bedanken uns für das sehr interessante Interview, das vielen Lesern mal wieder einen Blick auf den Fußball aus einer ganz speziellen Perspektive verschafft.

 

U.M.: Gerne.

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