Julian Nagelsmann: Keine Anzeichen von Prüfungsangst

Julian Nagelsmann ist der jüngste Bundesliga-Trainer aller Zeiten. Wir haben uns den 28-jährigen Landsberger etwas genauer angeschaut und analysiert, warum es bei der TSG 1899 Hoffenheim wieder aufwärts geht. Von Markus Schulze

Julian Nagelsmann kennt sich mit Prüfungen aus. Aktuell absolviert der 28-Jährige die Ausbildung zum Fußballlehrer an der Hennes-Weisweiler-Akademie in Hennef. Themen wie die Regelkunde, Sportmedizin oder Physiologie hat Nagelsmann schon abgelegt. Seine größte Prüfung steht allerdings noch bevor: der Klassenerhalt mit der TSG 1899 Hoffenheim.

 

Nagelsmann kein Superheld

 

„Er ist mit einer besonderen Begabung für diesen Beruf gesegnet“, kündigte Hoffenheims-Manager Alexander Rosen bei der Vorstellung des jüngsten Bundesliga-Trainers aller Zeiten pathetisch an. Worte, die auch problemlos in einem Comic der Marvel-Reihe auftauchen könnten. Worte, die man einem Superhelden zurufen würde, der die Welt retten soll. Zugegebenermaßen, Julian Nagelsmann ist mit seinem spitzbübischen Lächeln, welches man problemlos auch auf eine Packung Kinder-Schokolade drucken könnte, optisch weit entfernt davon ein Superheld zu sein. Dennoch mögen die Worte von Rosen gar nicht so weit hergeholt zu sein.

 

Der Auftrag an Julian Nagelsmann lautet klar und deutlich: Klassenerhalt. Das Risiko ist dabei nicht unerheblich. Ausgerechnet der 28-jährige Bundesliganovize soll das schaffen, woran Markus Gisdol und Huub Stevens grandios gescheitert sind. Sollte das Projekt-Nagelsmann schiefgehen, müsste eines der größten Trainertalente Deutschlands direkt zu Beginn seiner Karriere einen ordentlichen Rückschlag hinnehmen. Ein Uppercut direkt in Runde eins.

 

Doch bisher hat sich der Mut zum Risiko ausbezahlt, die sportliche Bilanz liest sich positiv. Am Mittwoch sicherten sich die Kreichgauer den zweiten Sieg unter der Ägide von Julian Nagelsmann. Damit hat der angehende Fußballlehrer in vier Spielen genauso viele Dreier holen können wie seine zwei Vorgänger gemeinsam.

Julian Nagelsmann bei seiner Vorstellung als neuer Cheftrainer der TSG 1899 Hoffenheim.

Beinahe BWL statt Bundesliga

 

Doch beinahe wäre Fußball-Deutschland nicht in den Genuss von „Baby-Mourinho“, wie Tim Wiese ihn einst getauft hatte, gekommen. Geboren 1987 in Landsberg am Lech durchlief Nagelsmann unter anderem die Jugendmannschaften vom FC Augsburg und TSV 1860 München. Bei der zweiten Mannschaft der Fuggerstädter zog er sich im jugendlichen Alter von 20 Jahren einen Meniskus- und Knorpelschaden zu. Konsequenz: das frühe Karriereende. Sein damaliger Coach Thomas Tuchel, der inzwischen bei Borussia Dortmund an der Seitenlinie steht, nahm Nagelsmann in sein Trainerteam auf und beauftragte ihn, die gegnerischen Mannschaften zu scouten.

 

Dennoch spielte Nagelsmann intensiv mit dem Gedanken, die Fußballbranche endgültig zu verlassen. Der Landsberger studierte BWL bis zum Vordiplom, ehe ein Angebot der Münchener Löwen kam. Bei den Schzigern agierte Nagelsmann als Co-Trainer bei der U17. Eine Saison später folgte der Wechsel zur TSG 1899 Hoffenheim. Von Jahr zu Jahr übernahm Nagelsmann immer höhere Aufgaben und war teilweise sogar als Co-Trainer in der ersten Mannschaft tätig. Die erste Duftmarke setzte er bei den A-Junioren, mit denen er 2014 die Deutsche Meisterschaft holen konnte.

 

Back to the Roots – Hoffenheim schießt wieder Tore

 

Das Nagelsmannsche Erfolgsgen scheint sich nun auch in die DNA der Profis einzunisten. „Es ist wieder eine neue Spielweise, die zu vielen Spielern sehr gut passt. Wir spielen um einiges mutiger, auch flexibler - das brauchen wir in dieser Phase“, begründet Kevin Volland im „Kicker“ den Hoffenheimer Aufschwung unter dem neuen Trainer. Im Gegensatz zum einschläfernden Defensivkonzept von Huub Stevens, das zudem auch nicht von Erfolg gekrönt worden ist, kehren die Kraichgauer wieder zurück zu ihren Wurzeln.

 

Die Mannschaft attackiert den Gegner jetzt deutlich früher und aggressiver, um viele Balleroberungen zu erzwingen. Garniert wird das Konzept von einem schnellen Umschaltspiel und dem Torabschluss am Ende des Angriffs. Die Aufstellung sei dabei immer vom Gegner abhängig, so Nagelsmann gegenüber den vereinseigenen Medien. Gegen den FC Augsburg startete der Tabellensiebzehnte mit einer Viererkette, stellte in der Halbzeit aber um auf drei Innenverteidiger, flankiert von zwei offensiven Außenverteidigern. Der Mut und diese taktische Variabilität wurden am Ende belohnt. Zehn Minuten vor Schluss erzielte Mark Uth den 2:1-Siegtreffer.

Die sportliche Bilanz von Julian Nagelsmann sieht positiv aus: zwei Siege, ein Unentschieden und eine Niederlage.

Hat mit einer Mannschaft, die auf dem vorletzten Tabellenplatz steht, wenig bis gar nichts zu tun“

 

Auch in der Liga findet die Reinkarnation der Hoffenheimer Spielweise viel Anerkennung. „Das hat mit einer Mannschaft, die auf dem vorletzten Tabellenplatz steht und mit der Art und Weise wie Hoffenheim bis vor wenigen Wochen gespielt hat, wenig bis gar nichts zu tun“, lobte Thomas Tuchel die Arbeit seines ehemaligen Schützlings.

 

Nach dem Spiel gegen den FC Augsburg wurde Julian Nagelsmann auf der Pressekonferenz gefragt, was denn schwerer gewesen sei. Die Sportmedizin-Prüfung am Morgen oder die Bundesligapartie am Abend. Die Antwort fiel knapp und klar aus: „Ganz klar, das Spiel.“ Sollte Nagelsmann in den nächsten Wochen genauso weiter arbeiten, dürften beide Prüfungen machbar sein: Fußballlehrer und Klassenerhalt.

(ms). „Er ist mit einer besonderen Begabung für diesen Beruf gesegnet“, kündigte Hoffenheims-Manager Alexander Rosen bei...

Posted by Spiel, Satz und Tor on Donnerstag, 3. März 2016

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