"Der Fußball hat ein Problem mit Psychologie"

Steffen Kirchner zählt zu den profiliertesten deutschen sportpsychologischen Beratern und Mentaltrainern. Mit Spiel, Satz und Tor unterhielt er sich über Holger Badstuber, Daniel Ginczek und Angelique Kerber. Von Markus Schulze und Sebastian Koch

Spiel, Satz und Tor: Wird die Arbeit eines Sportpsychologen in Fällen wie denen von Holger Badstuber und Daniel Ginczek in Anspruch genommen?

 

Steffen Kirchner: Ich weiß in diesen beiden Fällen nicht, ob ein Mentalcoach oder Sportpsychologe in Anspruch genommen wird. Auf mich ist jedenfalls keiner von den Beiden zugekommen (lacht). Es ist leider selten, dass die Initiative hierfür von den Vereinen ausgeht, sondern meistens ist das eine reine Privatsache der Spieler beziehungsweise ihrer Berater.       

Bei Holger Badstuber ist das insofern anders, weil Bayern München als einziger Verein in der Bundesliga in dieser Richtung selbst aktiv wird. Deshalb kann ich mir gut vorstellen, dass bei Badstuber ein Sportpsychologe von Seiten des Vereins herangezogen wird. Aber dass das von Vereinsseite geschieht, stellt in Deutschland leider eine Ausnahme dar.

 

SSUT: Wie wichtig ist eine sportpsychologische Betreuung in solchen Fällen?

 

S.K.: Sehr wichtig. Eine körperliche Verletzung geht oft auch mit einer Verletzung der Psyche einher. Gerade bei Badstuber und Ginczek, die sich schon mehrfach schwere Verletzungen zugezogen haben, entstehen mit Sicherheit auch gewisse psychische Blockaden, die behandelt werden sollten. Der Satz „Die Zeit heilt alle Wunden“ ist eine große Lüge. Die Zeit heilt nicht alle Wunden, besonders nicht die, die von außen nicht sichtbar sind. Mit jeder neuen schweren Verletzung kommen beim Spieler neue und intensivere Ängste auf. Das sind Ängste vor neuen Verletzungen, das sind Ängste vor dem nächsten Zweikampf und das sind natürlich auch Existenzängste. Daran muss ein Sportpsychologe arbeiten.

 

SSUT: Warum wird dann das Angebot einer sportpsychologischen Betreuung in solchen Fällen von Vereinen selten angenommen und nicht verpflichtend für Spieler eingeführt?

 

S.K.: Es gibt seit Robert Enke eine positive Tendenz, das muss man schon sagen. Allerdings bewegen wir uns immer noch auf einem sehr schwachen Niveau. Das hat auch damit zu tun, dass jegliches Thema und Problem mit Psychologie in unserer Gesellschaft oftmals noch als eine persönliche Schwäche aufgefasst wird. Besonders im Fußball, also da, wo der Mann noch Mann sein kann, wie es immer so schön heißt, möchte man sich ungern „auf die Couch“ legen. Da muss man die Vereine auch ein bisschen insofern in Schutz nehmen, als dass auch die Bereitschaft der Spieler, psychologische Betreuung in Anspruch zu nehmen, nicht immer da ist.                               

Ganz interessant ist, dass wir dieses Problem in anderen Sportarten in der Form nicht haben. Wir haben also nicht nur ein gesellschaftliches Problem, sondern vor allem auch ein sportartspezifisches Problem. Psychologie spielt in den Köpfen der Fußballer und Fußballtrainer noch immer nicht die Rolle, die sie in anderen Sportarten spielt. In der Leichtathletik, im Gewichtheben, im Tennis, beim Skispringen oder beim Ski Alpin – da wird sehr viel mehr mit Psychologen gearbeitet. Generell lässt sich erkennen, dass Einzelsportler das Angebot viel öfter wahrnehmen als Mannschaftssportler.

 

SSUT: Worauf ist das zurückzuführen?

 

S.K.: Da spielen vor allem die Faktoren Zeit und Training eine Rolle. Ein Mentaltraining muss in den Trainingsplan eingearbeitet werden und nimmt natürlich entsprechend Zeit in Anspruch. Fußballtrainer unterschätzen den Trainingsaspekt der Psychologie oft, weil sie es aber auch schon in der Trainerausbildung nicht ausreichend vermittelt bekommen, solche Dinge in ihre Trainingsgestaltung einzubauen. Im Fußball herrschen da noch immense Berührungsängste und Vorbehalte – sei es von Spielern, den Trainern oder auch den Funktionären. Da muss man einfach noch mehr Aufklärungsarbeit leisten.

 


Zur Person:

Steffen Kirchner zählt zu den gefragtesten Rednern und Coaches von Leistungssportlern und Profiteams in Deutschland. Die Tennisspielerin Sabine Lisicki, die Eishockeymannschaft Kölner Haie und der Fußballer Niclas Füllkrug gehörten unter anderen zu seinen Schützlingen sowie die Deutsche Turner-Nationalmannschaft um Fabian Hambüchen vor und während der Olympischen Sommerspiele 2012 in London. Kirchner kommt selbst aus dem Spitzensport – als Manager und als Spieler in der Tennis-Bundesliga. 

 

Foto: PS:PR


SSUT: Wie hat man sich das momentane Innenleben eines Sportlers bei Holger Badstuber und Daniel Ginczek vorzustellen?

 

S.K.: Das ist individuell verschieden, weshalb ich explizit darauf keine Antwort geben kann. Prinzipiell habe ich vorhin bereits Ängste aufgezählt, die sich entwickeln können. Die beiden haben sich schon so häufig verletzt, dass da auch Zweifel aufkommen können. Zweifel an der eigenen Konstitution. Zweifel, ob der Körper wirklich für Leistungssport geschaffen ist. Andere Sportler stecken Verletzungen leichter weg, wobei ich mir das bei einer solchen Misere, wie sie Badstuber und Ginczek in den vergangenen Jahren wiederfahren ist, nur schwer vorstellen kann. In solchen Situationen ist es einfach von Nöten, jemanden von außen zu haben, der einem auf dem Weg zurück in den Sportler-Alltag psychologisch professionell unterstützt.

 

SSUT: Freude am Sport ist immer noch ein großer Grund, warum man diesen praktiziert. Wie kann man sicherstellen, dass dieser Grund in der Leidenszeit nicht verloren geht?

 

S.K.: Sehr wichtig ist in dieser Zeit ein Ausgleich, der von den Gedanken an die Verletzung ablenkt. Dem Sportler wird klar gemacht, dass es auch noch andere Sachen im Leben gibt außer Sport und Sprunggelenk oder Kreuzbänder. Ich verweise hier immer wieder gerne auf Robert Harting, der während seiner Verletzungszeit gereist ist und die Zeit auf diese Weise genutzt hat, um mal eine völlig andere Seite seines Lebens zu nutzen. Er hat in dieser Zeit Dinge getan, die er als verletzungsfreier Sportler nicht tun konnte. Sportler dürfen in der Reha auch mal an andere Dinge denken außer an die Wiedergenesung. So kann die Freude auf das Comeback die Qualen der Reha übersteigen.           

Ein zweiter Weg ist, dass sich der Sportler ein konkretes Ziel setzt. Damit kann er sich der Sportler die oft aufkommende Frage ‚Warum mache ich das überhaupt?‘ und ‚Warum quäle ich mich hier in der Reha?‘ beantworten. Motivation entsteht nur, wenn ich ein langfristiges Ziel vor Augen habe. Ich kann mich nicht motivieren, etwas zu tun, wenn ich nicht weiß, wofür ich das mache. Das gilt im Übrigen nicht nur für Sportler. Der Lebensplan muss permanent überarbeitet werden und darf nicht stagnieren.

 

SSUT: Wie groß ist die Gefahr von seelischen Krankheiten in der Reha?

 

S.K.: Auch das ist wieder von Sportler zu Sportler verschieden. Ein Burn-Out in der Reha ist unwahrscheinlich, da das ja aus einer Belastungssituation resultiert. Eher ist es eine Depression, die aufkommen kann. Mangelnde Bewegung, keine Spiele, wenig Kontakt zur Mannschaft – das kann zu einer Depression führen. Zudem geht eine medizinische Behandlung oftmals auch über Kortison, einem Stoff, der traurig macht. Das kann schnell dazu führen, dass Selbstzweifel aufkommen. In der Verletzungszeit verliert ein Sportler auch leicht die Selbstidentifikation oder das Selbstvertrauen. Wenn einem Menschen der Fußball alles bedeutet hat – und diese Fußballwelt bricht weg, weil zum Beispiel eine schwere Verletzung aufgetreten ist, dann liegt die Frage nahe: Wofür lebe ich eigentlich? Deshalb ist dieser sich immer ändernde Lebensplan wichtig. Der muss bei Sportlern auch über sportliche Ziele hinausgehen. Geschieht das nicht, ist ein Sportler prädestiniert für eine Depression. 

 

SSUT: Welchen Einfluss haben Aktionen der Fans bzw. der Mannschaft auf das Gemüt des Sportlers? Helfen T-Shirts für Holger Badstuber oder diverse Nachrichten über Social-Media-Kanäle dem Sportler wirklich?

 

S.K.: So etwas ist psychologisch gar nicht hoch genug einzuschätzen. Menschen sehnen sich nach Verbundenheit und wollen sich nicht alleine fühlen. Das Gefühl zu haben, ein Teil eines Vereins oder einer Mannschaft zu sein und dass Menschen auch dann bei mir sind, wenn ich keine Leistung bringe, ist das wichtigste Gefühl, dass es in dieser Zeit gibt. Solche Aktionen motivieren ungemein und geben dem verletzten Spieler Kraft für die schweren Wochen im Krankenhaus und in der Reha. Wenn der Verein, die Mannschaft und die Fans zu mir stehen, entsteht noch ein ganz wichtiges Gefühl: Dankbarkeit. Und auch Dankbarkeit hilft bei der Motivation. Man möchte den Menschen für die Unterstützung danken, am liebsten mit Leistung auf dem Platz.

 

SSUT: Kann man einem Sportler damit auch die Angst vor einem neuerlichen Rückschlag nehmen?

 

S.K.: Nein, das kann mit solchen Aktionen nicht geschehen. Solche Aktionen können dabei helfen, die Angst zu managen, aber sie können sie nicht nehmen.

 


SSUT-Buchtipp:

Der Motivationshype ist allgegenwärtig. Kaum eine Postkarte kommt ohne Motivationsspruch aus. Jeder arbeitet heute an der eigenen Motivation oder der anderer, ohne im Grunde etwas davon zu verstehen. Dass dabei viel Halbwissen in die Welt hinausposaunt wird, wundert nicht. 

Es ist Steffen Kirchner ein Anliegen, zu zeigen, warum die Motivationsversprechen der Tschakka-alles-ist-möglich-Bewegung eine tickende Zeitbombe sind und oftmals deutlich mehr Schaden anrichten als Nutzen bieten. Vereinzelt rechnet Kirchner in Totmotiviert? mit denjenigen Personen ab, die die gefährlichen Motivationslügen verbreiten. Seine Intention ist es jedoch nicht, die Motivationsbranche zu beschimpfen, sondern Grundlagen und Wahrheiten zu liefern, um die Tschakka-Spreu vom Weizen zu trennen. Gleichzeitig gibt er dem Leser konkrete Alternativen und Lösungsansätze an die Hand, die dazu dienen, die persönliche Leistungsfreude tatsächlich positiv zu beeinflussen.

 

Text: PS:PR


SSUT: Wir schließen damit den Fußball-Block ab und schauen noch einmal auf das deutsche Damen-Tennis. Angelique Kerber hat vor wenigen Wochen die Australian Open gewonnen. Welche psychologischen und mentalen Auswirkungen hat ein solcher Triumph?

 

S.K.: Solche Erfolge sind psychologisch gesehen immer ein zweischneidiges Schwert. Natürlich ist ein großer Titel eine wahnsinnige Selbstwirksamkeitserfahrung. Angelique Kerber hat in den zwei Wochen in Melbourne die Erfahrung gemacht, selbst eine große Wirkung erzielen zu können, dass sie Dinge erreichen und große Titel gewinnen kann. Das ist ein unheimlicher Selbstvertrauenszuwachs. Selbstvertrauen ist wie ein mentaler Muskel. Wenn sie in Zukunft in einer Drucksituation steht, ist der Selbstvertrauens-Muskel stärker und trainierter als zuvor. Das erhöht natürlich die Wahrscheinlichkeit für weitere Siege und Titel.  

Auf der anderen Seite ist die Fallhöhe natürlich auch entsprechend groß. Wenn man die Höhe eines Berges definiert, dann definiert man automatisch auch die Tiefe eines Tales. Angelique Kerber hat einen Grand-Slam-Titel gewonnen – hat also sozusagen einen Achttausender bestiegen. Aber am Gipfel dieses Berges wird der Druck größer, die eigene Erwartungshaltung, die Erwartungshaltung des unmittelbaren Umfeldes und natürlich auch die der Öffentlichkeit. Angelique Kerber ist mit den Fragen konfrontiert, ob sie noch einen Grand-Slam-Titel gewinnen kann und gleichzeitig wird mit jedem Erfolg der ganz große Coup selbstverständlicher. Diese Entwicklung erfordert eine ganze Reihe neuer mentaler Kräfte, die sie erst noch erlernen und trainieren muss. Es gab in der Vergangenheit schon etliche Sportler, die nach großen Triumphen ganz schnell wieder in der Versenkung verschwunden sind, weil sie die mentalen Fähigkeiten nicht hatten, mit dem Druck umzugehen.

 

SSUT: Sie kommen selbst aus dem Tennis, haben auch professionell gespielt. Man beobachtet häufig, dass ein Satz 6:1 gewonnen wird und der nächste 1:6 verloren geht. Wie ist eine solche Schwankung zu erklären?

 

S.K.: Das kann zig verschiedene Gründe haben. Wenn man diese Frage auf einen ganz einfachen Nenner bekommen würde, hätte man einen Nobelpreis verdient (lacht). Es gibt nicht nur die Angst vor dem Verlieren, sondern auch die Angst vor dem Gewinnen. Und so gibt es Sportler, die im ersten Satz überragend spielen und im zweiten Satz aber anfangen, darüber nachzudenken, wie gut sie eigentlich sind. Unterbewusst wird ihnen klar, dass wenn sie so weiter spielen, sie in der nächsten Runde stehen, wenn sie so weiter spielen. Und mit der Leistung können sie auch die überstehen. Und die übernächste auch. Und irgendwann ist man in Gedanken im Finale. Und das gewinnt man auch. Der Fokus verschiebt sich also vom aktuellen Spiel auf die Tage danach.           

Um bei ihrem Beispiel zu bleiben: Im ersten Satz hat der Spieler nichts gedacht. Jedenfalls nichts in die Richtung, die ich eben beschrieben habe. Man spielt einfach und schlägt Winner. Es läuft quasi wie von selbst. Dann kommt die Pause zwischen den Sätzen und nach der Pause spielt mental ein völlig anderer Spieler als im ersten Satz.         

Genauso kann man sich totloben: „Mensch, du spielst heute aber eine überragende Vorhand. Und die Quote beim ersten Aufschlag ist so gut wie noch nie.“ In dem Moment, in dem ein Spieler über solche Dinge nachdenkt, beginnt der Prozess der Bewertung und er kann nicht mehr befreit und optimal spielen. Auch in einer solchen Situation können Zukunftsängste wieder eine Rolle spielen. Vielleicht hat man den ersten Satz schon öfter mit 6:1 gewonnen und dann verliert man im zweiten Satz gleich den Aufschlag und es kommen schlechte Erinnerungen an das letzte Mal hoch, als man den zweiten Satz mit 0:6 verloren hat. Solche Fälle hatte ich oft, dass Sportler quasi nur auf den Leistungseinbruch warten. Angelique Kerber hat am Rande eines Fed-Cup-Spiels gegen Russland einmal gesagt, es wäre viel einfacher, mit einem Rückstand in den zweiten Satz zu gehen als mit einer Führung. Das ist eine klare Aussage der mentalen Fokussierung. Man hat in Melbourne im Januar hervorragend gesehen, welche mentalen Fortschritte sie gemacht hat.     

           

SSUT: Wer also weniger nachdenkt, hat größere Chance zu gewinnen?

 

S.K.: (lacht) Günther Bosch, der ehemalige Trainer von Boris Becker, hat einmal den schönen Satz gesagt: „Für einen guten Tennisspieler ist es von großem Vorteil, wenn er nicht allzu intelligent ist.“ (lacht) Intelligente, neugierige Spieler und Spielerinnen, wie zum Beispiel Andrea Petkovic, machen sich wahnsinnig viele Gedanken – nicht nur während des Spiels sondern auch abseits des Platzes. Das ist prinzipiell lobenswert, führt aber natürlich auch zu Problemen, beispielsweise in Formkrisen oder Verletzungspausen. Das bedeutet aber nicht, dass alle guten Tennisspieler blöd sind oder sich keine Gedanken machen. Ganz im Gegenteil: Nur im Umgang mit diesen Gedanken unterscheiden sie sich. Roger Federer schafft es seit Jahren, auf allerhöchstem Niveau zu spielen, weil er sich mental auf einem unglaublich hohen Niveau befindet. Das unterscheidet ihn von vielen anderen Spielern in der Weltspitze. 

Steffen Kirchner Motivationstrainer und Mentalcoach zählt zu den profiliertesten deutschen Sportpsychologen und...

Posted by Spiel, Satz und Tor on Dienstag, 23. Februar 2016

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