"Die Verbalisierung eines Fußballspiels" - Hoffenheimer Geschwisterpaar kommentiert für Blinde

Spiel, Satz und Tor hat die Blindenreporter Rebekka und David Wilke bei ihrer Arbeit begleitet. Beide kommentieren bei der TSG 1899 Hoffenheim speziell für Sehbehinderte. Ein interessanter Einblick hinter die Kulissen. Von Markus Schulze

Es ist eine zerfahrene Bundesligapartie zwischen der TSG 1899 Hoffenheim und dem Hamburger SV. 88 Minuten sind gespielt, die Fans warten weiterhin auf den ersten Treffer. Ein letzter Konter der Hanseaten rollt noch einmal an. Sven Schipplock legt den Ball uneigennützig für Pierre-Michel Lasogga auf, der nur noch ins leere Tor einschieben muss. Der Fanblock der Hamburger bebt. Selten hatten deren Anhänger in der Vergangenheit einen solch einen schönen Spielzug ihrer Mannschaft gesehen. Acht Personen unter den 30 000 Zuschauern im Stadion konnten ihn aber nicht bestaunen. Sie können vom Spiel gar nichts sehen. Es liegt nicht am Platz. Und es liegt auch nicht daran, dass vor ihnen der scheinbar obligatorische Riese sitzt. Sie sind blind.

 

Trotz ihres Handicaps befinden sich diese acht Menschen im Block U der Wirsol Rhein-Neckar-Arena immer auf Ballhöhe und wissen sofort, dass ein Tor gefallen ist. Dafür verantwortlich sind die Geschwister Rebekka und David Wilke. Beide sind ehrenamtliche Blindenreporter und kommentieren in Hoffenheim speziell für Sehbehinderte.

 

Rebekka ist das Urgestein der Hoffenheimer Blindenreporter. Die 33-jährige Journalistin kommentiert seit der Fertigstellung der Sinsheimer Arena im Jahr 2009 für den badischen Bundesligaklub. Im Lauf der Jahre haben ihre Partner stets gewechselt. „Irgendwann war niemand mehr verfügbar. Dann hat meine Schwester mich einfach gefragt, ob ich Lust hätte. Da habe ich spontan zugestimmt“, erklärt David, der nunmehr seit vier Spielzeiten am Mikrofon sitzt.

 

DFL unterstützt die Blindenreporter

 

Inzwischen gehören Blindenreporter in den Stadien der ersten und zweiten Bundesliga zum festen Repertoire. Die Deutsche Fußball Liga (DFL) kümmert sich darum, dass genügend Plätze für  Sehbehinderte zur Verfügung stehen. Dazu unterstützt die DFL auch die Blindenreporter. Einmal im Jahr gibt es ein Seminar für die Kommentatoren. Mittels Fallbeispielen und Sensibiliserungsmaßnahmen versucht man die Qualität der Reportage stetig auf ein höheres Niveau zu bringen. Die Kosten teilen sich Verein und DFL untereinander auf.

 

Auch in der Freizeit gebe es Möglichkeiten, sich weiter zu verbessern, führt Rebekka fort. "Manchmal treffen wir uns mit anderen Blindenreportern und zocken ein bisschen an Playstation. Nebenbei kommentieren wir das Geschehen dann", fügt David mit einem Schmunzeln hinzu. "Das macht dann noch mehr Spaß."










Rebekka und David Wilke kommentieren in Hoffenheim speziell für Sehbehinderte


Foto: SSUT

Vorbereitung beginnt weit vor dem Anpfif


Der Arbeitsalltag beginnt für die beiden bereits weit vor dem Spiel. „Die meisten Spieler kennen wir natürlich. Aber wir bereiten uns schon zu Hause vor und lesen, was in der Woche alles vorgefallen ist“, erläutert Rebekka. Im Stadion angekommen, geht es dann direkt an die Mannschaftsaufstellungen. Rebekka kramt im Presseraum der Wirsol Rhein-Neckar-Arena einen Zettel aus ihrer Tasche und vergleicht die offiziellen Aufstellungen mit ihren Prognosen. Dabei liegt sie fast komplett richtig. Lediglich Sebastian Rudy und Mark Uth wären ihrer Prognose nach in der Startaufstellung. Am Ende sollten stattdessen Pirmin Schwegler und Adam Szalai spielen.


Danach geht es für die beiden zu den Sehbehinderten, um die „Hörgeräte“ zu überreichen. Bis vor ein paar Jahren saßen Rebekka und David noch regelmäßig bei den Blinden und haben von dort aus über das Spiel berichtet. Inzwischen haben die beiden Reporter einen Platz auf der Pressetribüne. „Das ist auch besser so. Dort sehen wir einfach viel mehr vom Spielgeschehen und können somit besser kommentieren“, sieht David die Vorteile am neuen Sitzplatz. Im Block U werden die beiden von Gisela Hartmann begrüßt. Die Heidelbergerin unterstützt sowohl das Geschwisterpaar als auch die Sehbehinderten in den Zuschauerrängen.


Nach einem kleinen Plausch mit den Blinden erhalten diese ihre zigarettenschachtelgroßen Empfänger. An diesem sind Kopfhörer befestigt, mit denen die Sehbehinderten das Spiel verfolgen können. Der Kommentar kommt über Funk direkt von der Pressetribüne. Eine kleine Antenne verstärkt das Signal, sodass die Verbindung stets bestehen bleibt.


Bereits beim Einlaufen wird klar, dass dies kein gewöhnlicher Kommentar wird“


Kurz vor Spielbeginn haben sich die beiden Blindenreporter auf ihrem Platz auf der Pressetribüne eingefunden. „Zehn Minuten vor Anpfiff starten wir unsere Übertragung und informieren unsere Zuhörer über die Aufstellungen sowie Ausgangslage des Spiels“, erklärt David den Ablaufplan. Währenddessen ist seine Schwester schon am Mikrofon im Einsatz. Bereits beim Einlaufen der beiden Mannschaften wird klar, dass dies kein gewöhnlicher Kommentar eines Bundesligaspiels wird.


Rebekka beschreibt die Szenen bis ins kleinste Detail und lässt keine Einzelheit aus. „Die Mannschaften laufen entlang der Mittellinie und stellen sich gleich parallel zur Seitenlinie auf. Die Gesichter zeigen in Richtung Haupttribüne.“ Auch das Design der Trikots wird den Hörern so nah wie möglich gebracht.


Der Unterschied eines Blindenkommentars im Vergleich zu einem Radiokommentar ist gewaltig. Es sei sehr wichtig immer auf Ballhöhe zu sein, erklärt David. Dabei achte man darauf, viele Verortungen in den Kommentar einfließen zu lassen. Begriffe, wie „halblinks“ oder „an der Mittellinie“ seien elementar für eine gute Reportage. Nur so werde gewährleistet, dass sich die Sehbehinderten stets orientieren können.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Udo Hartmann (r.) im Gespräch mit SSUT-Redakteur Markus Schulze

 

Foto: SSUT

Eine kognitive Meisterleistung“


Das Spiel verläuft schleppend, sehr schleppend. Ein TV-Kommentator könnte jetzt das ein oder andere mal schweigen oder eine banale Zahl aus dem Reich der Statistiken einbringen. Nicht so bei Rebekka und David. Beide reden ununterbrochen. Ein Wasserfall an Worten rauscht aus ihren Mündern. Jeder Spielzug muss in seiner Exaktheit beschrieben werden. Wo befindet sich der Ball gerade? Welcher Spieler hat den Ball gespielt? Wohin geht der nächste Pass?


Eine kognitive Meisterleistung, aber physisch extrem anstrengend. Versprecher können da schon einmal vorkommen. Um diese Fehlerquote so gering wie möglich zu halten, wechseln sich die beiden Ludwigsburger nach jeweils 15 Minuten ab. Dies sei auch die maximale Grenze, macht Rebekka deutlich. „Nach einer Viertelstunde freue ich mich, wenn David übernimmt. In der Pause kann man sich mental wieder sammeln.“

 

"Der Blindenkommentar in Deutschland ist auf einem hohen Niveau"


Der Kommentar in Hoffenheim ist auf einem hohen Niveau. Das bestätigt auch Udo Hartmann. Der 49-Jährige verfolgt das Spiel im Block U und attestiert den beiden Geschwistern „eine gute Leistung“. Hartmann ist einer der beiden Mitgliederbeauftragten des Fanclubs „Sehhunde“, ein Fußball-Fanclub für Blinde und Sehbehinderte. Die „Sehhunde“ engagieren sich unter anderem für eine stetige qualitative Weiterentwicklung des Blindenkommentars. Im Zuge dessen ist sogar ein Leitfaden für die Reporter entstanden.

 

 

„Das Niveau in der Bundesliga ist dank der Schulungen auf einem recht hohen Niveau. Durchweg, in ganz Deutschland“, zeigt sich Hartmann, der selbst auch sehbehindert ist, zufrieden mit der aktuellen Situation. Er muss es wissen. Der Maintaler zieht während der Saison „durch die Stadien im Lande“. Die Woche zuvor sei er noch beim Spiel des FSV Mainz 05 gegen Borussia Dortmund gewesen, berichtet er. Demnächst stehe die Partie des FC Bayern München in Frankfurt auf dem Plan.

 

 

Seine Worte klingen ganz selbstverständlich. So selbstverständlich wie die Reisepläne eines Fußballfans, der ohne Einschränkungen lebt. Mit Sicherheit ein großer Verdienst der Blindenreporter in den deutschen Stadien.

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