Gekauftes Sommermärchen? Die Suche nach den verschwundenen 6,7 Millionen Euro

Wie der "Spiegel" berichtet, hat sich der DFB den Zuschlag für die Weltmeisterschaft 2006 erkauft. Von Sebastian Koch

Der Fifa-Korruptionsskandal hat nun auch den Deutschen Fußball-Bund (DFB) erreicht. Und das mit voller Wucht. Wie "Spiegel Online" berichtet, habe sich der DFB den Zuschlag für die Ausrichtung der Weltmeisterschaft 2006 "mutmaßlich gekauft".

 

Wie das Magazin berichtet, habe das Bewerbungskomitee "eine schwarze Kasse eingerichtet, die der damalige Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus heimlich mit 10,3 Millionen Schweizer Franken gefüllt hatte - damals 13 Millionen Mark." Demnach seien "allem Anschein nach der Chef des Bewerbungskomitees, Franz Beckenbauer, spätestens seit 2005 der heutige Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, Wolfgang Niersbach, und weitere hochrangige Fußballfunktionäre" in die Existenz einer schwarzen Kasse eingeweiht worden. Laut "Spiegel" sei das Geld dafür eingesetzt worden, "um die vier Stimmen der asiatischen Vertreter im 24-köpfigen Fifa-Exekutivkomitee zu sichern."

Hat das OK unter seiner Leitung die WM 2006 gekauft? Präsident Franz Beckenbauer.

Beweise für die Behauptungen führt der "Spiegel" in seiner Online-Ausgabe nicht auf. Es ist jedoch davon auszugehen, dass diese in der am Samstag erscheinenden Print-Ausgabe folgend werden.


Bereits am Vormittag trat der DFB mit einer Pressemitteilung an die Öffentlichkeit und bezog Stellung zu den - da noch nicht veröffentlichten - Vorwürfen. Der Verband habe demnach Hinweise erhalten, "dass im April 2005 eine Zahlung des Organisationskomitees der WM 2006 in Höhe von 6,7 Millionen Euro an die Fifa geleistet wurde, die möglicherweise nicht dem angegebenen Zweck (Fifa-Kulturprogramm) entsprechend verwendet wurde." Jedoch dementierte der DFB einen Zusammenhang mit der "bereits fünf Jahre zuvor erfolgten Vergabe".

Screenshot der DFB-Pressemitteilung vom 16. Oktober 2015, 11.12 Uhr

Viele Fragen - viele Antworten?

 

Doch die Pressemitteilung warf Fragen auf. Viele Fragen. Und sie bleibt Antworten schuldig. Wichtige Antworten. Beispielsweise auf die drängendenste aller Fragen: Wohin sind die 6,7 Millionen Euro wirklich geflossen? Auch die Fragen, wieso ein Organisationskomitee so viel Geld an die Fifa überweist und warum eigentlich erst zehn Jahre später auffällt, dass die Fifa über die Gelder möglicherweise frei verfügt hat, werden nicht beantwortet.


Der "Spiegel" scheint auf all die Fragen Antworten gefunden zu haben. Ob die dem DFB gefallen, ist zu bezweifeln. Doch sie lassen erahnen, dass dem deutschen Fußball die größte Krise seiner Geschichte bevorsteht.

 

Die Fifa teilte inzwischen mit, die Vorgänge rund um die erhaltenen Millionenzahlungen vom DFB prüfen zu wollen. Kommentieren wolle der Weltverband die Zahlungen nicht und verwies den Fall an  die Audit- und Compliance-Kommission, hieß es in einer Stellungnahme des Verbandes. Jene Kommission ist laut Fifa-Webseite zuständig für "die Vollständigkeit und Verlässlichkeit der finanziellen Rechnungslegung und überprüft im Auftrag des Exekutivkomitees die Berichte der externen Buchprüfer".

Gerät zunehmend in Erklärungsnot: DFB-Präsident Wolfgang Niersbach

Was wusste Niersbach wann?

 

Das ganze Ausmaß der Folgen des Spiegel-Berichts für den DFB kann indes derzeit wohl noch nicht überblickt werden. Tatsache ist, dass der größte nationale Sportverband der Welt plötzlich mittendrin im Korruptions-Sumpf der Fifa angelangt ist. Insbesondere für Präsident Wolfgang Niersbach der viel beschriebene Super-GAU. Als Vize-Präsident und Pressechef des Organisationskomitees der WM 2006 hatte der heutige DFB-Präsident eine führende Rolle inne.

 

In den vergangenen Monaten war Niersbach vermehrt als kommender Uefa- oder gar Fifa-Präsident gehandelt worden, da der amtierende Uefa-Präsident, Michel Platini, wegen Korruptionsverdacht massiv unter Druck geraten war. Nun könnte Niersbach zusammen mit Franz Beckenbauer eventuell selbst ins Fadenkreuz der Ermittlungen geraten.

 

Wie geht es weiter?

 

Für den DFB könnte der 16. Oktober 2015 der vielleicht schwärzeste Tag in der langen Verbandsgeschichte sein. Es ist eine Krise, mutmaßlich sogar eine größere als die des Bundesliga-Manipulationsskandals in den 1970er-Jahren. Es könnte der Tag sein, an dem Deutschlands Fußballverband seine Glaubwürdigkeit endgültig verloren hat.

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