"Es wird keinen Ausverkauf geben"

Reiner Calmund ist ein Unikat. Unter seiner Führung etablierte sich Bayer 04 Leverkusen in der nationalen Spitze und auch international sorgte der Werksklub für Schlagzeilen. Calmund stieg mit seiner herzlichen Art und dem einen oder anderen lockeren Spruch zu einer der beliebtesten deutschen Fußball-Persönlichkeiten auf. In unserem Interview spricht "Calli" über Bayer Leverkusen, die anstehende Champions-League-Saison und den englischen Transferwahnsinn. Von Markus Schulze und Sebastian Koch

Spiel, Satz und Tor: Herr Calmund, zunächst einmal vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für uns nehmen. Vor wenigen Tagen hat das Transferfenster geschlossen. Wie fällt Ihre Transfer-Bilanz für die gesamte Bundesliga aus? Hat die Liga an Qualität gewonnen oder verloren?

 

Reiner Calmund (66): Natürlich hat die Liga an Qualität gewonnen: Spieler wie Arturo Vidal, Douglas Costa oder Chicharito sind ein Gewinn für den deutschen Fußball. Ebenso wohl auch Charles Aranguiz. Schade, dass sich Vidals chilenischer Landsmann bei Bayer 04 gleich so schwer verletzt hat. Aber alle vier erschließen auch ein Stück weit den amerikanischen Markt.

 

SSUT: Wie schwer wiegen die Abgänge von Kevin De Brunye und Bastian Schweinsteiger?

 

R.C.: Mit De Bruyne haben wir immerhin den „Fußballer des Jahres“ verloren, das ist für mich aber der einzig nennenswerte sportliche Verlust. Bei Schweinsteiger ist es eher der Typ, der fehlen wird. Er hat immerhin eine ganze Profi-Generation geprägt, die im vergangenen Jahr Weltmeister wurde.

Ich freue mich aber, dass ein junger Spieler wie Julian Draxler der Liga erhalten bleibt. Er hat in Wolfsburg nun die Chance, zu beweisen, dass er mehr ist als ein Talent. Spieler wie Mario Götze, Thomas Müller Robert Lewandowski und auch Ilkay Gündogan sind auch geblieben – nein, die Bundesliga hat sicherlich nicht an Qualität verloren.

"Dieses Angebot konnte Bayer nicht ausschlagen"

SSUT: Ihr ehemaliger Verein, Bayer Leverkusen, musste die Abgänge von Gonzalo Castro, Heung-Min Son, Stefan Reinartz und das Karriereende von Simon Rolfes kompensieren. Können Jonathan Tah, Kevin Kampl oder Javier Hernandez diese Lücken eins zu eins schließen?

 

R.C.: Natürlich. Bayer ist in der Spitze mit Aranguiz und Chicharito stärker geworden und in der Breite gut aufgestellt. Wenn ich auch der Meinung bin, man hätte in der Innenverteidigung aufgrund der großen Belastung - Bundesliga, Champions League, DFB Pokal, Nationalmannschaft - noch etwas machen können. Da haben die Verantwortlichen anders entschieden, wir werden sehen, ob und wie es sich auswirkt.

 

SSUT: Für Furore hat der Verkauf von Son gesorgt. Für 30 Millionen Euro wurde der Südkoreaner zu den Tottenham Hotspurs transferiert. Ist er aus sportlicher Sicht eine solche Summe wirklich wert oder hat Rudi Völler einfach nur clever verhandelt?

 

R.C.: Dieses Angebot konnte Bayer nicht ausschlagen. Wir hatten in den vergangenen 20 Jahren viele Welt-Stars bei Bayer: Jorginho, Lucio. Emerson, Zé Roberto oder auch Michael Ballack. Alle wurden teuer verkauft. Aber an die Son-Ablöse konnten wir nicht annähernd denken. 30 Millionen Euro für einen Spieler, der zwar gut ist, aber kein Weltklasse-Niveau besitzt. Außerdem hat er in meinen Augen auch nicht die Persönlichkeit, eine Mannschaft zu führen. Wer in der Woche eines so wichtigen Spiels, wie Bayer es gegen Lazio Rom seinerzeit hatte, um die Freigabe bittet, der hat meines Erachtens nach den Knall nicht gehört. So etwas kannst du nicht bringen. Gratulation an Bayer 04 für diesen Deal.


Zur Person:

Reiner Calmund wurde am 23. November 1948 im rheinländischen Brühl geboren. Als Manager führte er Bayer Leverkusen in die nationale Spitze. Zu seinen größten sportlichen Erfolgen zählt der Gewinn des UEFA-Cups 1988. Im Juni 2004 beendete "Calli" sein Engagement in Leverkusen. Heute schreibt der 66-Jährige Kolumnen für Zeitungen und ist zudem gern gesehener Gast in zahlreichen TV-Sendungen.

 

 

Foto: Copyright: S. Pick

"Es wird mit Sicherheit keinen Ausverkauf geben"

SSUT: Das Transferfenster wurde nicht nur im Fall von Son von wahnsinnigen Ablösesummen aus England geprägt, dabei tritt der berüchtigte TV-Vertrag erst in der kommenden Saison in Kraft. Auf was muss sich der deutsche Fußballfan im Sommer 2016 einstellen und wie kann die Bundesliga einen völligen Ausverkauf entgehen?

 

R.C.: Die Premier League kassiert in der nächsten Saison rund 3,2 Milliarden Euro. Das ist ein gigantischer Betrag. Dabei sollte man nicht vergessen, dass die englischen Vereine aktuell schon 2,2 Milliarden Euro einnehmen, also das dreifache TV-Geld wie die Bundesliga. Dazu kommen die wesentlich höheren Zuschauer-Einnahmen auf der Insel. Aber trotz der finanziellen Benachteiligung waren unsere Klubs sportlich erfolgreicher. In der UEFA-5-Jahreswertung sind Bayern München (Platz 2), Borussia Dortmund (10), Schalke 04 (13) und Leverkusen (15) zum Großteil besser platziert als Chelsea (4), Manchester City (17) und Manchester United (20).

Es wird mit Sicherheit keinen Ausverkauf geben. Trotzdem dürfen wir uns von dem aktuellen Stand nicht blenden lassen. Was ist zu tun? Die Bundesliga wird die ausgezeichnete Nachwuchsarbeit und das Scouting weiter perfektionieren. Darüber hinaus muss sich die Deutsche Fußball Liga mit seinen Vereinen Gedanken machen, wo man in den Bereichen TV-Vermarktung, Zuschauer-Einnahmen und der 50:1-Regel den finanziellen Vorsprung der Premier League verkleinern kann.

Bayern München wird sich beispielsweise von den Attacken der englischen Spitzenklubs nicht einschüchtern lassen. Die Einnahmen von ihren strategischen Partnern kompensieren das niedrige TV-Geld.

 

SSUT: Kommen wir noch einmal auf Bayer zu sprechen. In der Champions League trifft die Mannschaft auf den FC Barcelona, AS Rom und BATE Borissow. Was ist für Leverkusen in dieser Gruppe drin?

 

R.C.: Wenn du Barcelona in der Gruppe hast, kann es nur um den zweiten Platz gehen. Und wenn da der Gegner AS Rom heißt, kannst du auch schon mal Dritter werden. Umso wichtiger ist es, gegen BATE – übrigens auch eine Werkself – sechs Punkte zu holen. Mit zehn Punkten, so meine Hochrechnung, bist du im Achtelfinale. Das wird aber verdammt schwer. Denn AS Rom ist sicherlich stärker als Lazio Rom, gegen die Bayer in der Qualifikation gespielt hat.

"Dortmund ist kein Meisterschaftskandidat. Noch nicht."

SSUT: Die Mannschaft von Bayer ist eine der jüngsten der Bundesliga und überzeugt dennoch mit fast konstant gutem und attraktivem Fußball. Kann sich Leverkusen mit dieser Mannschaft über Jahre hinweg mindestens als Nummer drei im deutschen Fußball etablieren?


R.C.: Wenn wir davon ausgehen, dass Bayern München der „geborene“ Favorit auf den Titel ist und in den kommenden Jahren auch bleiben wird, geht es für Teams wie Wolfsburg, Schalke, Dortmund, Mönchengladbach und Leverkusen nur um die Plätze dahinter. Da kann man Zweiter werden - wenn es richtig gut läuft. Du kannst aber auch nach hinten in die Euro League durchgereicht werden. Denn ebenso klar ist: Von hinten kommt immer irgendein Team wie zuletzt Augsburg oder Mainz und Frankfurt, das oben ran schnuppert. Also: Dauerhaft mindestens unter den besten Dreien wäre überragend, ist aber fast nicht machbar. Jedes Jahr die Qualifikation für einen europäischen Wettbewerb ist für diesen Kader aber ein Muss.

 

SSUT: In den ersten Wochen ist besonders Julian Brandt aus der Mannschaft herausgestochen. Sehen Sie in ihm schon einen Kandidaten für die Nationalmannschaft?


R.C.: Für wen soll er spielen? Für Mario Götze? Für Thomas Müller? Oder für Mesut Özil? Nein, lasst die Kirche im Dorf. Er spielt in der U21, damit hat er schon einen Jahrgang übersprungen. In der Mannschaft kann er reifen und sich weiter über den Verein anbieten. Nach der EM in Frankreich kann ihn Joachim Löw mal einladen und oben schnuppern lassen. Wichtig ist, dass er sich bei Bayer gegen diese starke Konkurrenz behauptet und seine Spielanteile bekommt. Dann kommt der Rest irgendwann von selbst. Aber niemand tut ihm einen Gefallen damit, wenn er ihn zu früh in die Nationalelf jubelt.

 

SSUT: Zum Abschluss möchten wir noch einmal auf die Bundesliga zu sprechen kommen. Thomas Tuchel hat in Dortmund einen Traumstart erlebt. Ist die Borussia schon wieder ein Kandidat für die Meisterschaft?


R.C: Immer langsam mit den jungen Pferden. Die Dortmunder haben zwar einen furiosen Saisonstart hingelegt und uns alle mit Tempofußball begeistert, doch jetzt muss man erst einmal die schweren Spiele gegen Leverkusen und Bayern abwarten. Thomas Tuchel ist ein absoluter Top-Trainer und akribischer Arbeiter, der eine Mannschaft formen kann. Aber ob er aus der Borussia direkt wieder einen Bayern-Gegner formt? Das wage ich zu bezweifeln. Die Borussia wird vorne mitspielen, davon bin ich überzeugt. Das ist ja auch eine gute und teure Mannschaft. Aber Meisterkandidat? Das glaube ich nicht. Noch nicht!

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