"Unsere Trainerausbildung ist auf einem sehr hohen Niveau"

SSUT hat sich Frank Wormuth unterhalten. Der Chef-Ausbilder der deutschen Fußballtrainer sprach mit uns über seine Arbeit, Torsten Frings, Erfolgsdruck im Jugendfußball und die deutsche U20-Nationalmannschaft, die er Ende Mai als Nationaltrainer bei der WM in Neuseeland betreut.

Von Markus Schulze und Sebastian Koch

 

Spiel, Satz und Tor: Herr Wormuth, Sie sind der Chef-Ausbilder der deutschen Fußballtrainer. Ende März erhielt die nächste Generation der Fußball-Lehrer die Lizenz von Ihnen. Was waren die Inhalte der Ausbildung?

 

Frank Wormuth (54): Wir konzentrieren uns in der Ausbildung auf unterschiedliche Kompetenzen, wie zum Beispiel die Fachkenntnisse in Vermittlung und Weitergabe von Trainingsinhalten oder das Ausdrucksvermögen, was für einen Trainer von entscheidender Bedeutung ist. Ein angehender Fußballtrainer muss darüber hinaus seine soziale Kompetenz beweisen, die im Umgang mit Spielern, Assistenten und natürlich den Medien unerlässlich ist. Das ist ein Paket, auf dem schlussendlich die Führungskompetenz eines Trainers basiert.
Ein anderes Paket basiert vor allem auf der persönlichen Stärke des Trainers. Hier spielt die Psychologie, insbesondere die Fragen „Wer bin ich?“ und „Wie agiere ich in wochenlangen Drucksituationen?“, die einen Trainer über kurz oder lang ja zwangsläufig heimsuchen, eine große Rolle.    
Kurzum kann man also sagen, dass die Ausbildung an der Hennes-Weisweiler-Akademie auf drei Pfeilern steht: Fußball-Lehre, Trainingswissenschaft und Sportpsychologie.

 

SSUT: Der bekannteste Absolvent des abgelaufenen Kurses ist zweifelsohne Torsten Frings. Langjähriger Bundesliga- und Nationalspieler, Meister und Pokalsieger, Vize-Welt- und Europameister - ein gestandener Ex-Profi. Macht sich eine solche Erfahrung als Spieler im Kurs im Vergleich zu anderen Teilnehmern bemerkbar?

 

F.W.: Auf jeden Fall! Das ist auch unser Ziel. In jedem Kurs fallen auf einen Platz drei Bewerbungen. Bei der Auswahl müssen wir deshalb gezielt darauf achten, dass wir unterschiedliche Typen aufnehmen und ausbilden, weil wir auch drei verschiedene Zielgruppen bedienen müssen: Cheftrainer – Trainer der Leistungszentren - Verbandstrainer.

Deshalb ist es gut, wenn beispielsweise ein Torsten Frings von seinen Erfahrungen als Spieler im Umgang mit Trainern berichten kann. Andere Teilnehmer sind seit Jahren bereits im Jugendbereich aktiv und bringen dadurch ihre Erfahrungen ein. So wird ein breites Spektrum abgedeckt und gewährleistet, dass es immer wieder einen Meinungsaustausch gibt und neue Reizpunkte gesetzt werden. Der Kurs muss ein wissens-heterogener Lehrgang sein, damit die Ausbildung funktioniert.

 

SSUT: Warum müssen Ex-Profis, die mindestens sieben Jahre im höchsten Leistungsbereich gespielt haben, keine B-Lizenz machen, die ja eigentlich die Grundlage für die A-Lizenz bildet?

 

F.W.: Das hat traditionelle Gründe – der Verband war immer der Meinung, Kandidaten, die sieben Jahre als Profi aktiv waren, etwas Gutes zu tun und ihnen die erste Lizenz zu ersparen. Ich sage ganz ehrlich, dass ich von dieser Regelung nichts halte, weil man mit dieser Einstiegslizenz den ersten Überblick über die Trainertätigkeit erhält. Gerade in diesem Teil wird eine ganz fundamentale Basis geschaffen und Ex-Profis, die auch die B-Lizenz gemacht haben, wie zum Beispiel Mehmet Scholl, sind darüber froh.

Die übersprungene Lizenz wird heute zwar in gewisser Weise kompensiert, weil die Ex-Profis vor Antritt der Elite-Jugend-Lizenz, also die Lizenz vor der A-Lizenz, an den Stützpunkten zusätzliche Stunden machen müssen – aber ganz kann auch das die B-Lizenz nicht ersetzen.


Der Weg zum Star-Trainer ist lang - die Fußball-Lehrer müssen eine Menge Lehrgänge durchlaufen und Lizenzen erwerben.

 

 

Bild: Frank Wormuth

"Müssen weitere Herausforderungen in der Ausbildung meistern"

SSUT:  „Die besten Pädagogen gehören in den Jugendbereich“, hatten Sie einmal in einem Interview  gesagt. Wäre es möglich, dass diesbezüglich auch die Trainerausbildung in Deutschland in den kommenden Jahren umstrukturiert wird? Könnte es bald eine Trennung der Lehrgänge geben – sprich: einen Lehrgang für Nachwuchsleistungszentren und einen anderen für den professionellen Fußball-Bereich?

 

F.W.: Diese Trennung gibt es im Prinzip schon heute: Die Elite-Jugend-Lizenz ist ja eine Jugendtrainer-Lizenz. Und erst wenn man diese erfolgreich abgeschlossen hat, wird man in der Regel für die A-Lizenz zugelassen. Alle Trainer müssen also über die Jugendbereiche gehen.    
So schaut das deutsche Modell aus. In der UEFA gibt es auch noch einen anderen Weg, in dem man nur über den Seniorenbereich zum Fußballlehrer-Schein kommt.
Der DFB ist richtigerweise aber der Auffassung, dass die Jugend die Basis bildet und deshalb jeder A-Trainer auch befähigt sein muss, Jugendfußball zu lehren und mit den Jugendlichen arbeiten zu können. Bei uns ist der Weg zum Fußball-Lehrer nur über die Elite-Jugend-Lizenz möglich. Das ist einzigartig in Europa.          

 

SSUT: Wie schauen andere Länder auf diese Regelung? Sie sitzen unter anderem auch in der UEFA-Ausbildungskommission.

 

F.W.: Andere Verbände sehen das kritisch und ich führe in der Kommission immer wieder Streitgespräche mit meinen Kollegen über das Modell. Der Weg über den Jugend- zum Profifußball ist meiner Meinung nach der einzig richtige. Aber das liegt natürlich im Auge des Betrachters.
Um aber auf die Ursprungsfrage zurückzukommen: Die Trainerausbildung in Deutschland ist durch den verpflichtenden und nicht wahlweisen Lizenzweg schon zweigeteilt.

 

SSUT: Auf welchem Niveau sehen Sie das deutsche Trainerwesen? Welchen Ruf genießen deutsche Fußballlehrer im Ausland oder auch bei Ihren Kommissions-Kollegen?

 

F.W.: Unsere Ausbildung genießt, trotz der Meinungsverschiedenheiten über den Weg zum Ziel, einen sehr guten Ruf und ein hohes Ansehen. Wir betreiben zum Beispiel in der höchsten Lizenz, der Fußball-Lehrer-Lizenz, im Vergleich zu anderen Ländern einen viel größeren Aufwand in der Ausbildung und das schlägt sich im Ansehen im Ausland nieder. Ich sehe allerdings selbst noch einige Herausforderungen in unserer Toplizenzausbildung, die wir meistern müssen.

 

SSUT: Welche Herausforderungen sind das?

 

F.W.: Die größte Herausforderung dieser sogenannten UEFA-Pro-Lizenz sehe ich bei der Individualisierung der Ausbildung. Momentan fällt auf einen Ausbilder eine große Anzahl an Trainer. Mein Ziel ist es, dass jeder auszubildende Trainer individuell ausgebildet wird – das sogenannte „Eins-zu-Eins-Prinzip“. Logischerweise lernen die Kandidaten bei dieser Individualisierung am meisten. Diesem Schritt müsste aber zunächst einmal die Hauptamtlichkeit der Ausbilder vorangehen. Momentan haben wir nur Ausbilder, die das im Nebenberuf machen. Das muss sich ändern, um dieser Herausforderung gerecht werden zu können.     
Nicht falsch verstehen: Auch das jetzige Ausbildungsprinzip an der Hennes-Weisweiler-Akademie ist schon sehr individuell und zeugt von hoher Intensität und Professionalität. Es geht aber immer noch ein bisschen besser…

 

SSUT: Sie haben sich auch einmal kritisch zum Leistungsdruck, der bereits im Jugendfußball anfängt, geäußert und auch da ein Umdenken gefordert. Wie genau müsste dieses Umdenken aussehen?

 

F.W.: Ich habe da aus eigener Erfahrung gesprochen, weil ich mitbekomme, welchen Druck meine beiden Söhne bereits im Jugendfußball erleben. Die Schule nimmt immer mehr Zeit weg, die Freizeit wird geringer und die Lust am Sport – egal, ob Fußball, Handball oder was auch immer – nimmt ab. Das ist eine gefährliche Entwicklung, an der aber auch wir Trainer nicht ganz unschuldig sind. Wir haben viele hauptamtliche Jugendtrainer in den Nachwuchsleistungszentren, die den ganzen Tag nichts anderes machen als Fußball. Und auch die bekommen Leistungsdruck von Verbänden oder Vereinen, die neben einer guten fußballerischen Ausbildung natürlich auch Titel im Jugendbereich einfordern. Diesen Druck geben viele Trainer an die Jugendlichen weiter. Letztlich wird an diesen jungen Spielern dann von allen Seiten gezogen: von Seiten der Trainer, von Seiten der Lehrer und leider auch von Seiten der Eltern. Das ist ein Teufelskreis, den wir durchbrechen müssen. Wir müssen es schaffen, das Tempo zu drosseln, dabei aber unsere hohe Qualität im Jugendfußball nicht zu verlieren.

 

SSUT: Welche Rolle spielen dabei Spielerberater, die bereits Fußballer in jungen Jahren versuchen zu verpflichten?

 

F.W.: Auch das ist eine Sache, die in letzter Zeit besorgniserregende Ausmaße angenommen hat. Ich möchte aber die Spielerberater nicht alleine in die Schuld nehmen. Junge Spieler werden von Vereinen verpflichtet und ein Jahr später wieder aussortiert, nur weil sie sich in der kurzen Zeit nicht entwickelt haben. In den Jugendmannschaften herrscht teilweise ein Kommen und Gehen, das für die Jugendlichen nicht gut sein kann. Die Jungs müssen irgendwie aufgefangen, ja vielleicht ab und zu sogar geschützt werden. Das ist ein ganz großes Problem, bei dem auch schon Psychologen zum Einsatz kommen müssen. Der Druck auf die jungen Fußballer ist in den frühsten Jugendjahren einfach zu hoch. Das muss schnellstmöglich verändert werden.

Frank Wormuth ist Leiter der DFB-Fußballlehrerausbilder an der "Hennes-Weisweiler-Akademie". Im Januar 2008 löste er Erich Rutemöller in dieser Funktion ab. Zudem bekleidet der 54 Jahre alte gebürtige Berliner seit 2010 den Posten des U20-Nationaltrainers.

"Wollen aus Neuseeland nicht mit leeren Händen zurückkehren"

SSUT: Damit wollen wir es in Sachen Trainerwesen erst einmal belassen und uns zur U20-Nationalmannschaft zuwenden, deren Trainer sie auch sind. Ende Mai wird in Neuseeland die Weltmeisterschaft ausgetragen, bei der ihre Mannschaft in der Gruppenphase auf interessante Gegner trifft: Fidschi, Usbekistan und Honduras. Wie bereitet sich das Trainerteam auf solche Exoten vor?

 

F.W.: Fidschi ist mit Sicherheit ein Exot, Honduras würde ich nicht als solchen bezeichnen. Aber wir müssen erst einmal unsere eigene Mannschaft zusammenstellen, was schwer genug sein wird. Ansonsten vertrauen wir natürlich auf die Video-Analysen.     
Gleich im ersten Spiel treffen wir auf die Fidschi-Inseln, von denen wir natürlich nicht allzu viele sportliche Informationen haben. Fidschi ist die große Unbekannte in der Gruppe. Wir wissen, dass sich das Team seit zwei Jahren auf das Turnier vorbereitet und ein australischer Nationaltrainer die Mannschaft unterstützt. Die Vorbereitung auf das Spiel ist mit Sicherheit nicht ganz einfach. Die Vorbereitung auf die nächsten Spiele wird dann natürlich auch auf den Turnierverlauf ein Stück basieren – das ist ein normaler Prozess.

 

SSUT: Im Kader könnten unter anderem auch Marc Stendera und Davie Selke stehen, die bereits im letzten Jahr die U19-Europameisterschaft gefeiert haben. Inwieweit kann eine solche Erfahrung helfen?

 

F.W.: Solche Turniererfahrungen sind sehr hilfreich, besonders im Jugendbereich. Es ist etwas völlig anderes, ob du mit deiner Mannschaft nur am Wochenende spielst, oder alle drei Tage auf dem Platz stehen musst. Auch das Innenleben einer Mannschaft ist in einem Turnier ein völlig anderes als in der Meisterschaft. Da hilft es, wenn man auf turniererfahrene Spieler zurückgreifen kann, die den ganzen Prozess schon einmal durchlebt haben.

 

SSUT: Für Sie wird es die erste WM als DFB-Trainer sein. Sie haben ein sehr gutes Verhältnis zu Jogi Löw, der ganz gut weiß, wie man eine WM gewinnen kann. Haben Sie sich schon ein paar Ratschläge geholt?

 

F.W.: (lacht). Natürlich habe ich mich mit Jogi ausgetauscht und mir ein paar Ratschläge geholt. Wenn ich das nicht machen würde, wäre ich ja blöd. Ich habe mit ihm aber nicht detailliert über sportliche Fragen diskutiert, sondern vielmehr über das Zusammenleben mit den Spielern über eine – hoffentlich – lange Zeit. Der Umgang mit den Spielern, das Miteinander abseits des Platzes und soziale Interaktionen zeichnen Jogis Arbeit aus.

 

SSUT: 1981 hat die letzte deutsche U20 einen WM-Titel geholt, damals unter anderem mit Michael Zorc und Rüdiger Vollborn. Ist es nach 34 Jahren nicht mal wieder an der Zeit für eine deutsche U20-Weltmeisterschaftsmannschaft?

 

F.W.: Ich hätte nichts dagegen (lacht). Wir fliegen natürlich nach Neuseeland, um nicht mit leeren Händen zurückzukommen.

 

SSUT: Dabei wünschen wir Ihnen und Ihren Jungs viel Erfolg. Wir bedanken uns für das Interview und die Zeit, die Sie sich für uns genommen haben, Herr Wormuth.

 

F.W.: Ich bedanke mich ebenfalls.

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