"Es gibt in Deutschland durchaus schönere Kabinen als die in Darmstadt"

Darmstadts Florian Jungwirth sprach mit uns über den sportlichen Höheflug der Lilien, Druck im Aufstiegsrennen, die Infrastruktur beim SV 98 und seinen Ex-Trainer Peter Neururer.

Von Markus Schulze und Sebastian Koch

 

Spiel, Satz und Tor: Herr Jungwirth, zunächst einmal bedanken wir uns für die Zeit, die Sie sich für uns nehmen. Blicken wir doch erst einmal aufs Wochenende zurück, welches für den SV 98 wenig erfolgreich war  – es setzte eine 0:2-Niederlage bei Fortuna Düsseldorf.    

Was war los? Warum ist die Serie von 16 ungeschlagenen Spielen ausgerechnet in Düsseldorf gerissen, gegen die auch schon in der Vorrunde verloren wurde?

 

Florian Jungwirth (26): Ich glaube, das Spiel kann man unter der Kategorie „unglückliche Niederlage“ einordnen. Die erste Halbzeit war für mich die mit Abstand beste, die wir in der laufenden Saison gespielt haben. Nur haben wir uns dafür leider nicht belohnt und dann kam es, wie es eben so oft kommt: Vorne haben wir die Großchancen ausgelassen und hinten das Tor bekommen. Wenn man in Düsseldorf hinten liegt, ist es für jede Mannschaft schwer, noch etwas mitzunehmen. Es war unglücklich, aber die Liga ist froh, dass auch wir mal wieder ein Spiel verloren haben (lacht).

 

SSUT: Diese Aussage hätte auch von einem Bayern-Spieler kommen können. Die Serie hat zweifelsohne das Potenzial der Bayern…

 

F.J.: Ja, das kann man so stehenlassen (lacht). Nein quatsch ...

 

SSUT: Bevor wir weiter über das aktuelle Tagesgeschehen rund um Darmstadt 98 sprechen, wollen wir uns erst einmal ein bisschen mit Ihrer Karriere beschäftigen. Vor knapp sechs Jahren haben Sie die deutsche U20 als Kapitän bei der Weltmeisterschaft aufs Feld geführt. Unter anderem mit waren dabei die Bender-Zwillinge, Lewis Holtby, Ron-Robert Zieler und Sebastian Jung mit im Team. Viele aus der Mannschaft sind inzwischen etablierte Bundesliga-Spieler, einige sogar Weltmeister. Blicken Sie nach ihrem Kreuzbandriss, den sie ein knappes Jahr nach der WM erlitten haben, mit etwas Wehmut auf die Werdegänge Ihrer Ex-Kollegen?

 

F.J.: Nein, ganz und gar nicht. Ich bin mit meiner bisherigen Karriere, so wie sie verlaufen ist, zufrieden. Ich habe deshalb nie Wehmut oder Ähnliches verspürt.

 

SSUT: Sie haben in Ihrer Karriere bisher unter den Trainern Peter Pacult, Ralf Loose, Peter Neururer und Dirk Schuster gespielt – allesamt verdiente Zweitliga-Trainer. Die Arbeit mit welchem Trainer hat Ihnen am besten gefallen und hat Sie sportlich am weitesten gebracht?

 

F.J.: Die Frage ist nicht leicht, weil ein Spieler unter jedem Trainer Fortschritte macht und sich weiterentwickelt. Wenn ich aber so gefragt werde, glaube ich, dass ich unter meinem aktuellen Trainer, Dirk Schuster, den größten Leistungssprung gemacht habe. Ich hoffe, dass die sportliche Beziehung noch einige Jahre anhält. Er ist ein klasse Typ.

 

SSUT: Peter Neururer wird ja durch seine Fernsehauftritte gemeinhin immer etwas belächelt, mache halten ihn gar für einen richtigen Fußball-Proleten. Wie viel Sachverstand kann er tatsächlich auf dem Trainingsplatz vorweisen?

 

F.J.: Neururer ist ein toller Trainer, mit sehr viel Sachverstand. Nicht umsonst hat er im deutschen Fußball viele Vereine mit Erfolg trainiert – Bochum hat er sogar mal aus dem Nichts in den Europapokal geführt.

 

SSUT: Tritt er auf dem Trainingsplatz genauso auf wie vor der TV-Kamera?

 

F.J.: Es fällt schwer, das zu glauben, aber er macht das tatsächlich. Neururer ist ein total ehrlicher und authentischer Mensch, wie man ihn heute kaum noch im Profigeschäft findet. Er ist vom Charakter her ein Trainer, den sich jeder Spieler einmal in seiner Karriere wünscht. Leider gibt es aber diese Typen viel zu selten und deshalb ist es ein Privileg, mit ihm trainieren und arbeiten zu dürfen.

"1860 und St. Pauli haben kein Anrecht auf eine Dauerkarte unter den besten fünf."

SSUT: Starke Worte über einen Trainer, der wahrscheinlich wirklich oftmals unterschätzt wird.

Kommen wir auf das Tageseschehen zurück: Wenn man sich die Tabelle der Zweiten Liga anschaut, dann fällt auf, dass diese irgendwie auf dem Kopf steht – Underdogs wie Darmstadt, Karlsruhe oder Heidenheim sind unter den besten Zehn zu finden, große Namen wie Nürnberg, Fürth, München oder St. Pauli haben dagegen teilweise große Probleme. Wie erklären Sie sich, dass die Liga so verrückt spielt und welchen Anteil haben die großen Vereine selbst daran? Wird die Liga unterschätzt?  


F.J.: Ich weiß nicht, ob die, wie Sie sagen, großen Vereine die Liga unterschätzt haben. Ich würde sie auch nicht als solche bezeichnen, weil die Spielklasse Jahr für Jahr beweist, wie ausgeglichen sie doch ist. Die jüngste Vergangenheit hat gezeigt, dass jede der 18 Mannschaften jedes Wochenende seine Hausaufgaben machen und aufpassen muss. Die Klubs in der Zweiten Liga müssen ruhig und besonnen arbeiten. Das Umfeld ist unheimlich wichtig, hier wird die Basis für den sportlichen Erfolg gelegt. Nur weil man zum Beispiel 1860 München oder der FC St. Pauli ist, hat man kein Anrecht auf einen Dauerplatz und den besten fünf. Das muss jedem Klub klar sein, und wenn dem nicht so ist, bekommt man schnell die Quittung dafür. Die Tabelle, so wie sie momentan ausschaut, ist zu diesem Zeitpunkt  der Saison natürlich absolut verdient und gerecht, aber abgerechnet wird nicht jetzt, sondern am Ende.


SSUT: Kommen wir nach Darmstadt zurück: Auf der Vereinshomepage führen Sie das persönliche Gespräch mit Herrn Schuster als einen Hauptgrund auf, weshalb sie Ende August letzten Jahres nach Darmstadt gewechselt sind. Was hat Ihnen an Herrn Schuster und dessen Arbeit besonders imponiert?


F.J.: Der Trainer hat eine klare Spielidee und –philosophie, die er sehr gut vermitteln kann. Es hat ja schon im Sommer 2014, also einige Monate vor meinem Wechsel, erste Anfragen aus Darmstadt gegeben. Ich habe mir daraufhin viele Spiele der Mannschaft angeschaut und mit dem Trainer viele Gespräche geführt, in denen er mir klar und deutlich gesagt hat, was er von mir erwartet und wie er in der Zweiten Liga spielen möchte. Die Gespräche waren, wie ich auch der Webseite schon gesagt habe, der ausschlaggebende Punkt, weshalb ich gesagt habe, ‚Ja, ich mache das‘.


SSUT: Wie würden Sie Dirk Schuster charakterisieren?


F.J.: Er hat in gewisser Weise Ähnlichkeiten mit Neururer. Schuster ist menschlich klasse, versteht es, eine Mannschaft zu führen und lässt uns Spielern die Freiheiten, die wir brauchen. Gleichzeitig verlangt er uns aber auf dem Trainingsplatz alles ab und bringt uns, das zeigt die Tabelle, sportlich unheimlich voran. Das Zusammenspiel zwischen Mannschaft und Trainer klappt momentan perfekt.


SSUT: Hätten Sie sich beim Wechsel nach Darmstadt ausgemalt, dass Sie noch Ende März über einen möglichen Bundesliga-Aufstieg reden? Mit welchen sportlichen Erwartungen sind Sie zu den Lilien gewechselt?


F.J.: Ich bin natürlich mit der Erwartung nach Darmstadt gekommen, dass wir die Meisterschaft holen (lacht)… Nein, Quatsch. Im August letzten Jahres konnte niemand absehen, was für eine tolle Saison wir als Aufsteiger spielen sollten. Ich habe aber in den ersten Spielen gemerkt, dass die Mannschaft Erfolg haben kann, nicht zwingen gegen den Abstieg spielen muss - was als Aufsteiger auch nicht selbstverständlich ist - und es für andere Mannschaften schwierig sein wird, gegen unser Spielsystem zu bestehen. Dass das so gut funktioniert, habe aber natürlich auch ich nicht gedacht. 

Florian Jungwirth wurde am 27. Januar 1989 in Gräfeling im Landkreis München geboren. Der meist im defensiven Mittelfeld eingesetzte Spieler absolvierte zwischen 2004 und 2009 insgesamt 48 Junioren-Länderspiele für den DFB. Für Dynamo Dresden, den VfL Bochum und Darmstadt 98 lief der 26-Jährige bislang in 103 Zweitliga-Spielen auf, in denen er ein Tor erzielen konnte.



Foto: SV Darmstadt 98 

"Ich fühle mich in Darmstadt sehr wohl"

SSUT: „Von den momentanen Voraussetzungen ist es fast unmöglich, dass Darmstadt wieder in der Bundesliga spielen wird“, hat Ihr Trainer Dirk Schuster Ende November in einem Interview mit spox gesagt. Mittlerweile haben wir Ende März und Darmstadt ist immer noch Tabellen-Dritter. Haben sich die Voraussetzungen infrastrukturell inzwischen geändert und ist es mittlerweile möglich, dass Darmstadt Bundesliga spielen kann?

 

F.J.: Es ist nicht meine Aufgabe, das zu bewerten. Schon der Aufstieg in die Zweite Liga vor einem halben Jahr war eine Sensation, nachdem die Mannschaft im Jahr vor dem Zweitligaaufstieg noch gegen den Abstieg in die Viertklassigkeit gekämpft hat. Das darf man nicht vergessen. Der sportliche Erfolg kam gefühlt fünfmal so schnell nach Darmstadt wie eine infrastrukturelle Entwicklung überhaupt funktionieren kann. Das wird der Verein jetzt kontinuierlich aufholen.

 

SSUT: Was fällt Ihnen da spontan ein?

 

F.J.: Naja, es gibt in Deutschland durchaus schönere Umkleidekabinen als die in Darmstadt (lacht).

 

SSUT: Kann in Darmstadt denn inzwischen warm geduscht werden? Auch das hat Herr Schuster im Gespräch mit spox als kleinen Missstand angesprochen: es scheint nicht immer warmes Wasser da zu sein…

 

F.J.: Ach, es kam nur an einem Wochenende mal vor, dass es kein warmes Wasser gegeben hat. (lacht) Das Wasser ist ansonsten immer warm – da muss sich Fußball-Deutschland keine Sorgen um uns machen.

 

SSUT: Da sind wir froh (lacht).         

Ihr Vertrag läuft zum Ende der Saison schon wieder aus. Bisher ist in Bezug auf eine Verlängerung noch nichts bekannt. In welcher Liga werden wir Florian Jungwirth in der kommenden Saison sehen?

 

F.J.: Das ist eine sehr gute Frage, die ich natürlich im Moment nicht beantworten kann! Der Verein hat mir signalisiert, dass er mit mir verlängern wollen würde und deshalb werden wir uns in den nächsten Wochen definitiv zusammensetzen..

 

SSUT: Wir halten aber fest, dass Sie sich vorstellen können, in Darmstadt zu bleiben?

 

F.J.: Auf jeden Fall. Ich fühle mich wohl in Darmstadt und habe mich in der Saison auch sportlich weiterentwickelt.

 

SSUT: Nach der Länderspiel-Pause kommt Ihr Ex-Verein VfL Bochum nach Darmstadt. Bisher haben Sie für Darmstadt noch kein Tor erzielt – wäre das nicht ein geeigneter Gegner und perfekter Zeitpunkt für ihr Premierentor?

 

F.J.: Ja, warum nicht? Ich hätte nichts dagegen, wenn ich dem Bruno (VfL-Keeper Michael Esser wird „Bruno“ genannt/Anm. d. Red.) mal einen reinhaue (lacht).

 

SSUT: Was rechnet sich Darmstadt gegen Bochum aus?

 

F.J.: Das wird ein sehr schweres Spiel. Der VfL ist richtig gut drauf und seit sechs Spielen ungeschlagen. Für Bochum wird es vermutlich die letzte Chance sein, noch einmal nach oben schielen zu dürfen. Es wird ein spannendes und enges Spiel, das wir natürlich gewinnen wollen. Aber das wird nicht einfach werden.

 

SSUT: Ist der Aufstieg innerhalb der Mannschaft inzwischen ein Thema oder sogar ein offizielles Saisonziel? In der Öffentlichkeit stapelt Darmstadt ja nach wie vor tief.

 

F.J.: Nein, das ist weder ein großes Thema noch ein Saisonziel innerhalb der Mannschaft. Wir genießen die Situation und sind gleichzeitig auch erstaunt, wie sich der Erfolg Woche für Woche fortsetzt. Gegenüber den anderen Mannschaften haben wir vielleicht den Vorteil, dass wir nichts mehrmüssen. Wenn wir uns jetzt acht Spieltage vor Schluss selbst unnötig Druck machen würden, wäre das der falsche Weg. Wir nehmen es einfach, wie es kommt.

 

SSUT: Wir stellen unseren Gesprächspartnern zum Abschluss oft eine prognostizierende Frage: Wo sehen Sie den SV 98 in einem Jahr?

 

F.J.: Das ist natürlich eine kluge Frage (lacht). Ich mache es mir jetzt ganz einfach und antworte mit einer Floskel, auch wenn ich dafür dann drei Euro ins Phrasenschwein werfen müsste: Der SV Darmstadt spielt in einem Jahr im deutschen Profifußball (lacht).

 

SSUT: Da lehnen Sie sich jetzt aber ganz gewaltig aus dem Fenster …

 

F.J.: Ja, das ist eine sehr gewagte Aussage.

 

SSUT: Herr Jungwirth, wir bedanken uns für das sehr unterhaltsame Gespräch, das uns sehr viel Spaß gemacht hat. Wir wünschen Ihnen für die letzten acht Spiele alles Gute und viel Erfolg!

 

F.J.: Ich bedanke mich ebenfalls

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