"Mit Projekten gegen Regimes und nicht mehr zeitgemäße Traditionen auflehnen" 

Der Gründer der Initiative Deutscher Fußball Botschafter, Roland Bischof, sprach mit uns über sein Projekt, deutsche Entwicklungshelfer im Ausland und das Verhältnis des DFBs zu seiner Stiftung.

Von Sebastian Koch und Markus Schulze


Spiel, Satz und Tor: Herr Bischof, zunächst einmal vielen Dank für die Zeit, die Sie sich für uns genommen haben. Sie sind Gründer der Initiative Deutscher Fußball Botschafter – können Sie unseren Lesern kurz beschreiben, was es mit dieser Initiative auf sich hat und wie diese zustande gekommen ist?


Roland Bischof (49): Die Initiative ist aus einem ganz privaten Motiv entstanden: Ich bin sehr viel im Ausland unterwegs, und treffe dort viele Deutsche. Mit der Zeit habe ich beobachtet, dass man sich bei manchen fremdschämen muss, bei anderen wiederum freut man sich über Projekte, die mit deren Hilfe betrieben werden.         

Jeder Deutsche im Ausland vertritt auf seine Art unser Land und ist damit auch für das Image und das Ansehen Deutschlands in der Welt mitverantwortlich. Die Initiative Deutscher Fußball Botschafter will Leute ehren, die mit Hilfe des Fußballs mit dafür verantwortlich sind, dass unser Land im Rest der Welt ein so hohes Ansehen genießt und die viele Dinge tun, die die Öffentlichkeit teilweise gar nicht auf dem Radar haben.


SSUT: Wie gelangen Fußballer und Trainer denn auf das Radar der Deutschen Fußball Botschafter? Welche Kriterien müssen dafür erfüllt werden?


R.B.: Die Sportler, die bei uns auf dem Radar sind, müssen im Ausland für etwas stehen, was nachhaltig und sinnvoll ist. Wir möchten die Arbeit von Spielern und Trainern würdigen, die oftmals ehrenamtlich oder ohne festes Gehalt arbeiten und soziale Projekte unterstützen, die in einem Land mit Hilfe des Fußballs etwas bewegen. Das ist der Grundgedanke hinter dem Ganzen.            

Es geht nicht nur darum, ob ein Spieler möglichst gut Fußballspielen kann und Unmengen an Pokalen gewonnen hat. Zwar kann der sportliche Erfolg unter Umständen natürlich auch ein Kriterium sein, doch das Hauptaugenmerk liegt auf anderen Dingen: Wie ist die gesellschaftliche Verankerung? Wie ist die Bereitschaft abseits des Fußballplatzes? Wird der Fußball positiv für ein nachhaltiges Projekt eingesetzt, vielleicht auch, um gesellschaftliche und soziale Probleme zu überwinden? Das sind die bestimmenden Fragen, die die Jury bei der Auswahl der Nominierungen leiten.


SSUT: In welchen Kategorien werden die Preise verliehen?


R.B.: Wir haben drei Kategorien: zunächst den Hauptpreis als „Deutscher Fußballbotschafter“, über den wir uns ja gleich noch unterhalten werden; den Ehrenpreis, den wir vergeben können, aber nicht müssen – beide Preisträger werden von einer Jury unter dem Vorsitz von kicker-Herausgeber Reiner Holzschuh gewählt. Des Weiteren haben wir noch den Publikumspreis. Hier entscheidet das Publikum in einer ab diesem Montag startenden Online-Befragung über den  Spieler, der als (Fußball-)„Botschafter“ am meisten zum positiven Image Deutschlands im Ausland beiträgt – auf und neben dem Platz...


SSUT: Wer wurde in den vergangenen beiden Jahren geehrt?


R.B.: Vor zwei Jahren haben wir Holger Obermann als ersten Deutschen Fußball Botschafter ausgezeichnet. Er hat über 30 Jahre lang phantastische Arbeit im sportlichen und sozialen Bereich geleistet, zumeist in Krisen- und Entwicklungsgebieten in Südost-Asien und Afrika. Im letzten Jahr wurde Monika Staab ausgezeichnet, die sich in muslimischen Ländern sehr für den Mädchen- und Frauenfußball einsetzt. In diesem Bereich packt sie große soziale Missstände an und versucht diese zu beseitigen.           

Den Ehrenpreis haben wir bisher nur vor zwei Jahren an Dettmar Cramer vergeben. Er war in über 90 Ländern fußballerisch aktiv und hat den deutschen Fußball dabei in beeindruckender Manier repräsentiert. Vom Publikum wurden bisher Sami Khedira und André Schürrle ausgezeichnet.


SSUT: Welche der Projekte, die Sie bislang kennengelernt haben, hat Sie am meisten beeindruckt?


R.B.: Das ist natürlich schwierig (lacht). Ich habe in den letzten Jahren so viele und so tolle Projekte gesehen, dass es mir schwerfällt, ein Ranking zu erstellen. Ich finde die Arbeit von Herrn Obermann sehr bemerkenswert. Er ist in den nächsten Wochen im Übrigen wieder in Nepal unterwegs, um dort zwei Sportplätze zu eröffnen. Das Projekt in der Nähe von Kathmandu wurde durch seinen Awardgewinn und seinem Preisgeld angestoßen und wird mittlerweile u.a. von der FIFA, der UEFA und der Franz Beckenbauer-Stiftung mitgetragen.

Ganz beeindruckend fand ich auch ein Projekt in Jerusalem, bei dem es darum geht, jüdische und muslimische Kinder zusammenzubringen und dabei über den Fußball versucht wird, Vorurteile abzubauen. Die Kinder spielen in gemischten Mannschaften und es ist besonders wichtig, dass sich aus diesen Teams wiederum Trainer und Jugendleiter entwickeln, die diese Einstellung übernehmen und weitergeben.

Aber ich möchte die beiden Projekte nicht über die anderen stellen. Ich könnte auch noch über Tätigkeiten in Jamaika oder in Slums in Namibia und auf den Philippinen berichten. das würde nur den zeitlichen Rahmen etwas sprengen (lacht).

Roland Bischof wurde am 21. Juni 1965 in West-Berlin geboren. Der Sponsoringexperte betreut heute weltweit mehr als 400 Projekte und gründete im Jahr 2011 die "Initiative Deutscher Fußball Botschafter". Darüber hinaus berät er u.a. Torsten Frings, Jermaine Jones und Sebastian Rode.

 


Foto: Initiative Deutscher Fußball Botschafter

Klinsmann, Nees und Krautzun für Botschafterpreis 2015 nominiert


SSUT: Kommen wir auf die diesjährige Verleihung zu sprechen. Für den Botschafterpreis 2015 sind Michael Nees, Eckhard Krautzun und Jürgen Klinsmann nominiert. Bevor wir zu den einzelnen Nominierten kommen, wollen wir wissen, ob es zwischen den Dreien vielleicht auch Gemeinsamkeiten gibt, die sie für die Nominierung berechtigt haben?


R.B.: Die Gemeinsamkeit ist, dass sie in ihren Ländern etwas bewegen. Die Bereiche, in denen sie das machen, sind dabei sehr unterschiedlich.


SSUT: Der bekannteste Name ist zweifelsohne Jürgen Klinsmann. Wie hat er sich für die Nominierung qualifiziert?


R.B.: Er hat in Amerika durch sein bescheidenes Auftreten, seine glaubwürdige und authentische Art ein Interesse für Fußball geweckt, das so nicht absehbar war. Man glaubt ihm einfach, wenn er sagt, er wolle in dem Land etwas bewegen. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass er seit 17 Jahren in Amerika lebt. Klinsmann ist als Deutscher nach Amerika gezogen und hat es durch seine positive Ausstrahlung und sein Engagement geschafft, dass in den Staaten zeitweise eine regelrechte Fußballmanie ausgebrochen ist. Während der vergangenen WM gab es in der USA, ähnlich wie im Übrigen auch 2006 in Deutschland, ein völlig neues Wir-Gefühl. Obendrein hat er dabei auch dem Fußball – sowohl im Ansehen der Bevölkerung als auch im Sportlichen – zu einem wahnsinnigen Boom verholfen.     

Ich habe das miterlebt und kann auch ein bisschen aus Erfahrung sprechen, weil ich ja unter anderem auch Torsten Frings berate, der seine Karriere 2013 in Toronto beendet hat. Was sich in den letzten zwei Jahren fußballerisch in den Staaten getan hat, ist toll. Wer hätte gedacht, dass ein amerikanischer Präsident in seinem Flieger ein Fußball-WM-Spiel Amerikas live anschaut und das dann auch noch in die Öffentlichkeit trägt? Das hat es früher nicht gegeben und daran hat Klinsmann einen ganz großen Anteil.


SSUT: Der zweite Nominierte ist Michael Nees. Er ist technischer Direktor und U21-Trainer des israelischen Fußballverbandes. Warum wurde gerade er nominiert und was macht ihn so besonders?


R.B.: Die Arbeit von Nees ist sehr speziell und alles andere als einfach. In Israel herrschen, nicht nur politisch, schwierige Bedingungen. Nees, der übrigens auch schon in Südafrika gearbeitet hat, will etwas aufbauen und konzentriert sich deshalb besonders auch auf den Nachwuchs im israelischen Fußball.  

Die Jury hat bewegt, wie Nees in diesem hochexplosiven Land an seine Arbeit herangeht. Er versucht, die Politik und die übrigen negativen Einflüsse vom Sport abzugrenzen. ‚Auf dem Platz sind wir alle gleich‘, pflegt er immer zu sagen und das ist auch das Leitmotiv seiner Arbeit. Er will den jungen Leuten auf dem Fußballplatz eine eigene Identität verleihen und ihnen einen Nationalstolz geben, ohne dass sich die Jungen und Mädchen aber untereinander gleich wieder die Köpfe einschlagen. Das ist eine Arbeit, die sicherlich nicht einfach und phasenweise wahrscheinlich auch unheimlich schwierig ist.


SSUT: Der dritte Nominierte ist Eckhard Krautzun, einer der verdientesten deutschen Trainer „im Exil“. Was spricht für seine Nominierung und warum hätte er den Preis verdient?


R.B.: Bevor ich darauf eingehe, möchte ich noch sagen, dass die meisten Trainer ja nicht nur in einem Land aktiv waren. Auch bei der Nominierung wird deshalb nicht nur die eine Station berücksichtigt, sondern die gesamte Vita.            

Krautzun bringt man im Moment natürlich vor allem mit dem chinesischen Fußball in Verbindung, vergisst dabei aber, dass er auch in vielen anderen Ländern sehr erfolgreich gearbeitet hat – vielleicht nicht immer sportlich, aber durch sein Engagement über den Sport hinaus.

Zuletzt war er in China tätig und wird noch heute, obwohl er offiziell seit 2007 dort nicht mehr beschäftigt ist, immer wieder als Berater konsultiert. Er macht das meist ehrenamtlich und verfolgt bei seinen Beratungen keinerlei eigene Interessen. Das ist in China ja ein keineswegs alltägliches Vorgehen.  

Wir waren einmal mit ihm zusammen an einer chinesischen Schule und haben vor Ort miterlebt, wie er auch vor den Schülern Dinge offen anspricht und dadurch ein Bewusstsein bei den jungen Menschen schult. Er bewegt etwas. Das bekomme ich bei Gesprächen im Land mit. Und natürlich hat das auch positive Signale für die deutsche Wirtschaft in Südost-Asien gegeben, gerade in China. 

DFB verweigert bisher die Zusammenarbeit


SSUT: Wenn Sie nach knapp drei Jahren eine kleine Zwischenbilanz ziehen – was hat die Initiative für die Reputation des deutschen Fußballs im Ausland geschafft und welchen Stellenwert hat die Initiative innerhalb des DFBs?


R.B.: Lassen Sie mich erst einmal auf die Reputation des deutschen Fußballs durch die Initiative zu sprechen kommen. Die Idee entstammte ja einer einfachen Überlegung und war relativ spontan. Das Konzept geht auf, allerdings hat mich die Geschwindigkeit des Erfolgs doch überrascht. Sehr schnell habe ich sehr viel positives Feedback aus dem In- und Ausland bekommen und bin auf große Begeisterung gestoßen. Das einzige Problem ist nach wie vor die finanzielle Seite – ich muss die Stiftung nahezu gänzlich aus eigener Tasche tragen. An dieser Stelle möchte ich deshalb auch meinen Dank für die große Unterstützung an Sach- und Dienstleistungen unserer Partner aussprechen – ohne diese wäre ein so großes Projekt nicht möglich.


SSUT: Ergeben sich durch die Privatfinanzierung auch Vorteile?   


R.B.: Sicherlich! Die Privatfinanzierung gibt mir natürlich auch eine gewisse Freiheit. Ich habe dadurch in vielen Ländern viel schneller, viel intensiver bemerkt und erfahren, wie wichtig es ist, Leute mit sozialen Engagement zu unterstützen und zu würdigen. Dabei geht es gar nicht um die Leute und Namen an sich, sondern um die Arbeit und die Projekte, die sie betreiben. Das sind teilweise Projekte, mit denen sich Leute gegen bestehende Regimes auflehnen und Jahrhunderte alte, nicht mehr zeitgemäße Tradition aufbrechen. Ich verweise da zum Beispiel gerne auf Monika Staab, die die Rolle der Frau in der arabischen Welt durch den Sport stärken will. Solche Beispiele zeigen, dass es wichtig ist, dass man Projekte und die Menschen dahinter durch Aufmerksamkeit und Öffentlichkeitsarbeit unterstützt.


SSUT: Jetzt haben wir den DFB ein bisschen außen vor gelassen. Wie steht denn der Verband zu der Stiftung?


R.B.: Wir haben dem DFB in der Gründungszeit der Stiftung unsere Zusammenarbeit angeboten. Das ist damals vielleicht etwas untergegangen, weil es in der Zeit war, als Wolfgang Niersbach Dr. Theo Zwanziger als Präsidenten abgelöst und es da natürlich noch ganz andere organisatorische Sachen zu klären gegeben hat. Seitdem lag das Angebot auf dem Tisch. Nach knapp zwei Jahren haben wir erneut miteinander über eine Kooperation gesprochen. Irgendwann ist dann eine unbegründete Absage vom DFB gekommen. Sehr schade, wie ich finde, da der DFB ja selbst hervorragende Arbeit im Ausland leistet und zahlreiche Engagements unserer vorgeschlagenen Trainer auch unterstützt. Seitdem gab es aber keine neuen Gespräche in die Richtung, auch wenn der Kontakt an sich vorhanden und auch gut ist.         

Der Verband wird seine Gründe für die Absage haben. Aber wir sind natürlich jederzeit gesprächsbereit.


SSUT: Welche Gründe mutmaßen sie?


R.B.: Da müssen Sie den DFB fragen. Ich weiß es nicht. Von uns aus ist die Gesprächsbereitschaft definitiv da.


SSUT: Das glauben wir.         

Zum Abschluss noch ein Blick in die Zukunft: Was können wir von der Initiative Deutscher Fußball Botschafter noch erwarten?


R.B.: Ich hoffe, dass man da noch einiges erwarten darf. Wir haben vor kurzem einen Förderklub eingerichtet, über den uns auch kleinere Unternehmen finanziell unterstützen können. Für uns ist jeder Euro wichtig, weil die Initiative eben im Moment fast ausschließlich von mir getragen wird. Auf Dauer kann das natürlich keine Lösung sein und wir benötigen deshalb neben der Unterstützung auf Sachleistungsebene auch finanzielle Mittel für die gute Idee. Zwar kooperieren wir mit großen Namen, wie etwa dem Goethe-Institut, dem kicker oder dem Auswärtigen Amt, aber eben nicht auf finanzieller Basis. Das muss man immer bedenken.

In Kürze wollen wir anfangen, noch mehr in die sozialen Projekte vor Ort zu investieren. Mit einem Projekt in Los Angeles und in Israel fangen wir an – einfach, um noch mehr Aufmerksamkeit zu generieren. Es geht dabei nicht ausschließlich um finanzielle Investitionen, sondern auch um Hilfe im technischen oder kommunikativen Bereich. Hierbei kooperieren wir mit startnext, einer Plattform für Crowdfunding.      


SSUT: Herr Bischof, vielen Dank für die Zeit, die Sie sich für uns genommen haben. Wir hoffen, dass wir von dem Projekt in Zukunft noch eine Menge hören werden und dass sich der DFB vielleicht doch zu einer Zusammenarbeit entschließt. Vielen Dank! 

Info:

Im Interview wurde es angesprochen, wir wollen auf diesem Wege noch einmal darauf aufmerksam machen. Die Initiative Deutscher Fußball Botschafter ist froh über finanzielle Unterstützung und benötigt diese auf Dauer dringend.

Bei Interesse wird darum gebeten, sich unter konatkt@fussballbotschafter.de oder telefonisch unter 030/280078-70 zu melden.

Weitere Informationen zur Stiftung, den Preisträgern und den Nominierungskriterien sind auf der Webseite zu finden.

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