"Katar wird seinen Kurs fortsetzen"

Der Meinung ist Dieter Meinhold, ehemaliger Sportdirektor der Qatar Stars League, wenn man ihn auf Einbürgerungen zu sportlichen Zwecken anspricht. Der 60-Jährige redete aber auch in Bezug auf das Klima, die WM-Vergabe und seine Haltung zu Sepp Blatter Klartext und regt mit eindeutig doppeldeutigen Aussagen sehr zum Nachdenken an...

Von Markus Schulze und Sebastian Koch


Spiel, Satz und Tor: Herr Meinhold, zunächst einmal vielen Dank für die Zeit, die Sie sich für uns genommen haben. Sie waren zwischen 2007 und 2009 Sportdirektor der Qatar Stars League. Können Sie unseren Lesern kurz erzählen, wie Ihre Arbeit in dem Emirat ausgesehen hat?

Dieter Meinhold (60): Ich war damals Teil eines Expertenteams mit Fußball-Spezialisten aus der ganzen Welt. Als Teil dessen war ich als „Sports Director“ für zehn bis zwölf Mitarbeiter verantwortlich. Diese Manager kamen ebenfalls nicht aus Katar und wurden geschult, in die Vereine der Stars League einzusteigen und dort wiederum einheimischen Managern entsprechende Strukturen anzulernen. Neben meinem Aufgabengebiet gab es auch noch Kollegen, die diese in Bezug auf „Administration“ (Verwaltung), „Communication“ (Pressearbeit), „Rights and Licences“ (Lizenzisierungen) und Marketing geschult haben. Ich war für das Sportliche und das Sportmanagment zuständig.     
Das alles war dazu da, um in Katar eine Fußball-Liga mit professionellen Strukturen zu gründen. Eine Liga, die sich an der englischen Premier League oder der deutschen Bundesliga (DFL) orientiert. Das war im Übrigen noch nicht mal explizit mit Hinblick auf die WM-Vergabe, die ja zu meinen Anfängen noch gar nicht abzusehen war, sondern auf Grund einer Auflage der AFC (asiatisches Pendant zur UEFA/Anm. d. Red). Der damalige Vorsitzende der AFC, Mohammed bin Hammam, hatte gefordert, dass alle AFC-Mitgliedsverbände eine eigene Profiliga gründen müssen.                
Für mich war das ein temporärer Auftrag über zwei Jahre. Ich hatte auch die Möglichkeit, das Engagement auf ein drittes Jahr auszuweiten, aus familiären Gründen war das aber nicht möglich.
Es war ein großes Abenteuer und eine Pionierarbeit ganz besonderer Art. Wir hatten am Anfang noch nicht mal ein Büro, von Arbeitsverträgen ganz zu schweigen. Zwischenzeitlich hat es auch mal drei oder vier Monate gar kein Geld gegeben. „Inschallah tomorrow, my friend“ (So Gott will/Anm. d. Red), war dann eine gängige Ausrede (lacht). Mit sehr vielen juristischen und politischen Hürden haben wir es dann letztendlich geschafft, die Liga doch zu gründen.  
Das Leben in Katar war aber nicht allein wegen der klimatischen Verhältnisse im Sommer nicht ganz einfach – dem Projekt lagen politische Interessen und dement-sprechende Machtansprüche zugrunde. Man darf auch die Augen davor nicht verschließen, dass in Katar ein totalitäres Regime herrscht. Plötzlich tun sich Möglichkeiten auf, andere Wege dagegen werden rigoros verschlossen. Und natürlich bist du immer noch ein Ausländer und als solcher auch Gastarbeiter – zwar auf hohem Niveau, aber eben doch nur Gehilfe mit eingeschränkten Rechten.


SSUT: Wie hat sich der Status eines Gastarbeiters auf ihren persönlichen Arbeitsalltag ausgewirkt?


D.M.: Wir haben mit den katarischen Kollegen zusammengearbeitet, die am Ende zwar das Sagen, aber nicht immer die Kompetenzen, im Sinne von entsprechenden Fachwissen, hatten.


SSUT: Wie ist Katar damals auf Sie gekommen? Wie kam der Kontakt zustande?


D.M.: Ich war damals seit mehr als 25 Jahren in mehreren Führungspositionen im Profi-Sport tätig  und habe mir in dieser Zeit natürlich auch ein gewisses Netzwerk aufbauen können. Irgendwann hat mir dann ein damals befreundeter Kollege aus dem Marketing erzählt, dass er nach Katar gehen und mit einem Team das Ligasystem aufbauen wolle. Er selbst war ausschließlich auf Marketing spezialisiert und suchte noch einen Mann für den sportlichen Part, der sich mit allen Facetten in diesem Spezialgebiet auskennt. Deshalb hat er mich gefragt, ob ich mir das vorstellen könnte – da musste ich nicht lange überlegen. Ein Auslands-projekt mit ein bisschen Spannung, was will man mehr?                      
Ich bin dann zwei- oder dreimal nach Katar geflogen, um ein wenig Gespür für dieses kleine Land und die Menschen zu bekommen. Das Ganze hat super funktioniert und die entsprechenden Stellen haben mir schnell ein Angebot unterbreitet. Es war ein Resultat aus gutem Netzwerk, Kompetenz und vielleicht etwas Glück, zur rechten Zeit am rechten Ort gewesen zu sein.


SSUT: Wir haben in Deutschland beim Begriff „Ligabetrieb“ natürlich sofort die Bundesliga und die entsprechenden Ligen darunter vor Augen. Wie muss man sich den Ligabetrieb in Katar vorstellen und wie hat die Bevölkerung die Liga angenommen?


D.M.: Wir haben sofort festgestellt, dass die Katari mit europäischen Sportstrukturen wenig anfangen konnten. Es war sogar schwierig, erst einmal einen Spielplan mit Hin- und Rückrunde zu erstellen, diesen den verantwortlichen Personen zu erklären und schmackhaft zu machen.     
Das liegt aber auch am Land Katar im Allgemeinen. Das Emirat ist vielleicht so groß wie Nordhessen, mit einem Auto ist man da in unter drei Stunden quer durchgefahren. Außer der Hauptstadt Doha ist da quasi nichts, wenn man von ein paar kleinen Siedlungen absieht. Insgesamt gab es damals vielleicht zehn Kilometer Autobahn – wenn überhaupt. Das ist eine völlig andere Kultur und die wirkt sich natürlich auf die sportlichen Vorstellungen und Anforderungen an eine Liga aus.   
Wir in Deutschland und Europa sind ligatechnisch verwöhnt. Für uns ist es zum Beispiel selbstverständlich, dass jeder Verein sein eigenes Stadion hat. In Katar gab es seinerzeit außer dem Stadion in Doha mit guter Infrastruktur nur noch zwei kleinere im Umland. Es war normal, dass an einem Spieltag nacheinander drei Partien in einem Stadion in Doha stattfanden. Da war es dann natürlich schwierig, den Fangedanken bei Heimspielen zu begründen.

"Der Katari ist ein sehr weltoffener und interessierter Mensch"

SSUT: Wie gehen die Trainer mit solchen Situationen um? Heimspiele sind doch psychologisch wichtig und spielen für die Spielvorbereitung auch eine gewisse Rolle.

 

D.M.: Die Spielvorbereitungen an sich müssen die Trainer bereits vor dem Spieltag abgeschlossen haben. Nicht selten kam es vor, dass der Verband einen Verein anruft, und für dessen Spiel die Anstoß-Zeit kurzfristig verändert hat. Ein professioneller Trainer aus dem Ausland wird da natürlich irgendwann verrückt (lacht). Auch die sportliche Presselandschaft, wie wir sie kennen, gab es so nicht bzw. musste sich erst noch entwickeln. Dass zum Beispiel ein Spieler vor einem Spieltag der Presse Rede und Antwort steht, daran war zunächst nicht zu denken. Oder dass Zeitungen Gewinnspiele für Erstliga-Spiele veranstalten und diese auch promoten, das gab es nicht. Das waren ganz andere Abläufe als in Europa, wo die Bundesliga oder die Premier League fester Bestandteil unseres Alltages sind.    
Natürlich ist das auch wieder eine Mentalitätsfrage. Der Katari an sich ist ein sehr weltoffener und sehr interessierter Mensch, der gerne reist und sich informiert. Sportkulturell ist Katar aber noch am Anfang  Das alles muss erst noch aufgebaut und entwickelt werden. Jedes Spiel wird live von Al-Jazeera übertragen, was dazu führt, dass sich viele Einheimische fragen, warum sie ins Stadion gehen sollen.

 

SSUT: Das ist auch ein Problem, das wir neulich ja auch bei der Handball-WM beobachten konnten – die Stadien sind halbleer.

 

D.M.: Ja natürlich. Es ist nicht so, dass sich die Katari die Spiele nicht anschauen. In ihren Villen läuft an Spieltagen von früh bis spät der Fernseher mit den Spielen der Qatar Stars League.  Sie fragen sich aber, warum sie ins Stadion gehen sollten. Und wenn sie doch mal in die Arenen gehen, sitzen sie oft nicht vorne auf der Tribüne, sondern in ihren VIP-Logen auf Plüschsesseln. Da können sie ihren Tee trinken, werden alle fünf Minuten von einem Kellner bedient und bekommen alles, was das Herz begehrt. Das ist natürlich auch eine Form von Live-Unterhaltung in Fußballstadien. Auch wenn das Spiel an sich eher als Untermalung und Zusatz des Stadionbesuchs gilt und nicht – so wie bei uns – der eigentliche Grund für den Besuch ist. Das muss sich alles erst noch entwickeln.

 

SSUT: Das ist eine sportliche Kultur, die wir uns hier in Mittel- und Südeuropa gar nicht wirklich vorstellen können…

 

D.M.: Nein, das kann man sich hierzulande kaum vorstellen. Aber das Land befindet sich eben sport-kulturell wirklich noch in den Kinderschuhen.

 

SSUT: Wie hat man Sie in Katar aufgenommen?

 

D.M.: Ich glaube, der schlimmste Fehler, den wir hätten machen können, wäre, als Deutscher da hinzufahren und zu meinen, wir seien die, die ihnen jetzt mit unserem Know-How und in „Hau-Ruck- Manier“ unsere Sportkultur beibringen bzw. einführen. Man braucht Gefühl. Gefühl für das Land, Gefühl für die Menschen und Gefühl für die Beziehung zwischen den Menschen und dem Sport. Wären wir da als Besserwisser hingereist und hätten von vornherein diese Mentalität mit einem Hammer aufgebrochen, wären wir wohl auf starke Ablehnung getroffen. Ein Sprichwort in Katar besagt: „Ihr habt die Uhr, wir haben die Zeit“. So wird da gelebt, und das muss man auch respektieren.

Es mag durchaus sein, dass wir aus Europa sportkulturell in vielen Bereichen mehr Kompetenzen aufweisen als die Katari. Aber es ist eine Form von Respekt, deren Kultur und Vorstellungen nicht als falsch abzustempeln. Das wäre vermessen und stünde uns auch gar nicht zu. Wir müssen uns dieser Kultur anpassen und ein bisschen Geduld haben.

 

SSUT: Wir können uns vorstellen, dass auch die Bevölkerungsstruktur eine gewisse Hürde dabei ist, eine Sportkultur nach westlichen Vorstellungen zu entwickeln.

 

D.M.: Das ist völlig richtig. Momentan leben knapp 2,2 Millionen Menschen in Katar, von denen aber 1,8 bis 1,9 Millionen Gastarbeiter sind, die in Dienstleistungs-bereichen und im Baugewerbe arbeiten. Darüber lesen wir ja immer wieder erschreckende Berichte. Sprich: Es leben nur knapp 300.000 „Original-Katari“ in Katar. Von diesen sind wiederum knapp 53 Prozent Frauen und Kinder. 

Wenn man, vor dem Hintergrund der bescheidenen Rolle der Frau in der arabischen Welt, das alles abzieht, haben wir einen verschwindend geringen Anteil von Männern, die eine Schlüsselrolle in der Wirtschaft oder im Sport besetzen können. Das führt wiederum dazu, dass weitere Spezialisten aus dem Ausland ins Land geholt werden müssen. Es ist aber nicht so, dass diese ausländische Manager dann frei arbeiten und ihre Vorstellungen frei entfalten können – die Katari haben ihre Version der „50+1“-Regel entwickelt. Manager bekommen immer einen Katari formal als Assistenten an die Seite gesetzt. Ob der für den Posten qualifiziert ist, ist dabei erst einmal nebensächlich. Er hat die Aufgabe, die Interessen seines Landes, seiner Kultur zu wahren.  
Katar hat also immer den Schlüssel in der eigenen Hand. Das würde ich wahrscheinlich genauso machen, doch dies ist nicht immer entwicklungs-förderlich. 

Dieter Meinhold gehört zu den profiliertesten deutschen Sport-Funktionären. Unter anderem war der 60-Jährige 1989 Geschäftsführer des OK für die Tischtennis-WM in Dortmund, fungierte in der Saison 1994/95 als Manager des damaligen Fußball-Bundesligisten Karlsruher SC und war von 2003 bis 2006 Vorstandsmitglied beim VfL Bochum. Zwischen 2007 und 2009 hatte Meinhold als Sportdirektor maßgeblichen Anteil an der Gründung der "Qatar Stars League".  

 

Quelle: Dieter Meinhold

SSUT: Wir haben jetzt sehr viel über das Land und die Kultur Katars gesprochen und wollen noch einmal auf das Sportliche kommen. Bei der kürzlich stattgefundenen Handball-WM blieb unter anderem das Bild hängen, dass das Nationalteam Katars fast ausschließlich aus internationalen, nicht in Katar geborenen, Spielern bestand. Es stellt sich natürlich dann zwangsläufig die Frage - droht dem Fußball 2022 eine ähnliche katarische Weltauswahl wie den Handballern?


D.M.: Ich bin mit den Einwanderungsregeln Katars nicht vertraut. Laut FIFA-Statuten aber darf man, wenn man den katarischen Pass besitzt, noch kein Pflichtspiel für die A-Nationalmannschaft eines anderen Landes absolviert haben. Die Regularien der FIFA sind in der Beziehung strenger als die des IHF (Handball-Weltverband), der ja nur eine Zeit von mindestens drei Jahren ohne Länderspiel vorschreibt.              
Die Katari haben diese Regelung im Handball knallhart ausgenutzt und damit für ihren Sport einiges erreicht. Und auch das hat seinen Grund – wenn man sich die Weltkarte anschaut, ist das reiche Katar ein Gebiet, das man leicht übersieht und nicht wahrnimmt. Durch die scheinbar unbegrenzten finanziellen Möglichkeiten, die Katar hat, haben sie erkannt, dass viel Aufmerksamkeit durch den Sport gewonnen werden kann. Der Sport ist ein gesellschaftspolitisches Zugpferd, das dem Land auf der einen Seite internationale Aufmerksamkeit verschafft und die Einheimischen auf der anderen Seite sehr stolz machen kann. Den Einheimischen ist es egal, wie viele Katari tatsächlich in ihrer Nationalmannschaft spielen – es geht um den Nationalstolz und den Stolz auf die „Marke Katar“. Und es ist ganz sicher, dass Katar diesen sportlichen Kurs fortsetzen und auch für 2022 versuchen wird, die Regularien der FIFA so weit auszureizen, wie es bis dahin dann eventuell möglich sein wird.


SSUT: Zählen Sie zu einer Fortsetzung des sportlichen Kurses auch das Bemühen um die Ausrichtung weiter sportlicher Großereignisse?


D.M.: Natürlich. Welche Länder sind denn heute noch dazu im Stande, Olympische Spiele oder eine Fußball-WM problemlos auszurichten? Man muss doch nur mal nach Deutschland schauen. Wir hätten vielleicht die finanziellen und infrastrukturellen Mittel – aber bei uns verbietet es in schöner Regelmäßigkeit die Bevölkerung, die sich in Bürgerentscheiden gegen eine Bewerbung ausspricht. Andere Länder schrecken vor der finanziellen Seite und den damit verbundenen Knebelverträgen von FIFA und IOC zurück. Das muss Katar nicht. Da entscheidet der Emir, dass sich Katar bewirbt, und dann geschieht das.

    

SSUT: Welche Rolle spielen dabei die klimatischen Verhältnisse?

           

D.M.: Von Oktober bis April ist das problemlos. Da herrscht ein tolles Klima an der Doha Bay. Die restlichen Monate sind das Problem. Ich habe zum Teil bis zu 55 Grad erlebt. Da flüchtet man von einer Klimaanlage zur nächsten. Irgendwann helfen in diesen Monaten dann aber auch keine gekühlten Stadien mehr. Das ist Irrsinn! Meiner Meinung nach kann die Fußball-WM nicht in den Sommermonaten ausgetragen werden. 

"Der Vergabeprozess zeichnete sich nicht gerade durch Transparenz aus"

SSUT: Kommen wir noch einmal auf die Teamzusammensetzung zurück. In der belgischen zweiten Liga sorgt ein Team für Furore, dass die Tageszeitung "Die Zeit" kürzlich als „Farmteam“ für den katarischen Fußball bezeichnet hatte - der KAS Eupen. Das Team ist Teil der Aspire Academy for Sports Excellance (AASE) - wofür steht dieser Ausdruck und was sind die Motive hinter der Akademie?

 

D.M.: Im Moment sind die Regularien der FIFA eben noch so, dass es für Katar schwierig ist, gute Fußballer einzubürgern. Wie wir vorhin schon geklärt haben, dürfen diese zum Zeitpunkt der Einbürgerung noch kein A-Pflichtländerspiel für eine andere Nation bestritten haben. Was macht also der Katari? Der sichtet talentierte jugendliche Spieler, zumeist zwölf- bis 14-Jährige aus Afrika im Rahmen eines „Trainee-Programms“ und fördert deren Talent. Das alles, muss man dazu sagen, geschieht mit Wissen der FIFA und unter der Obhut von Herrn Blatter, der ja auch gerne mal zum Emir fliegt und mit diesem gemeinsam eine Tasse Tee trinkt (lacht). Jene talentierten Spieler werden nach Katar gebracht und unter besten Bedingungen in dieser AASE ausgebildet. Wenn sich zeigt, dass sie dem Emirat sportlich weiterhelfen können, bekommen sie einen Pass. Das es ist legitim und so lange dem kein Riegel vorgeschoben wird, wofür nebenbei auch die juristische Grundlage fehlt, wird Katar einen Teufel tun und dieses Programm stoppen.      

Katar wird alles dafür tun, um 2022 eine Nationalmannschaft stellen zu können, die die Gruppenphase übersteht. Und da das noch mehr als sieben Jahre sind, wird sich schon eine schlagkräftige Truppe zusammenstellen lassen.

 

SSUT: Sie gehen also davon aus, dass Katar 2022 mindestens das Achtelfinale erreichen wird?

 

D.M.: Im Fußball gibt es kein Drehbuch, deshalb ist es schwierig, so weit in die Zukunft zu blicken. Das hängt von so vielen Faktoren ab. Man weiß nie, wie die Gruppenauslosung ausschauen wird – vielleicht kann man ja da noch ein bisschen Einfluss nehmen (lacht), man weiß ja nie... Es ist vieles möglich. Und wenn Katar die Gruppenphase übersteht, wäre das schon ein toller Erfolg für so ein kleines Land.

 

SSUT: Als die WM im Dezember 2010 nach Katar vergeben wurde, galt das als Sensation. Wie haben Sie die Entscheidung erlebt?

 

D.M.: Als Erstes habe ich mich für die Leute und meine Freunde, die ich in Katar nach wie vor habe, gefreut. Die waren so stolz, da musste man sich mit ihnen freuen. Dennoch habe natürlich auch ich mir über die Vergabe Gedanken gemacht. Da kann man natürlich viel spekulieren, wie so etwas zustande kommen kann. Es wurde ja auch genug spekuliert und ich habe dann mitspekuliert (lacht).

 

SSUT: Was haben Sie denn spekuliert?

 

D.M.: Sagen wir es mal so, um es ein bisschen vornehm auszudrücken: Es kam sehr überraschend und der Vergabeprozess zeichnete sich nicht gerade durch Transparenz aus.

 

SSUT: Nicht zuletzt durch die WM-Vergabe wurde natürlich auch ein genauerer Blick auf die Baustellen und die Menschenrechtslage im Emirat geworfen. Tote Bauarbeiter, sklavenartige Zustände – wie stehen Sie dazu?

 

D.M.: Es ist leider eine Tatsache, dass die Berichte so auch stimmen und das dort alles wirklich geschieht. Ich selbst habe die Bauarbeiter gesehen und mich auch mal mit einigen unterhalten können. Es gab welche, die mir mein Auto waschen wollten, damit sie sich ein bisschen was dazuverdienen können. Die Leute haben im Monat tatsächlich nur 100 bis 150 Euro zur Verfügung. Dazu kommen Anreisestrapazen, wenn sie zum Beispiel aus Sri Lanka, Bangladesch oder den Philippinen kommen. In Katar werden ihnen dann die Pässe abgenommen. Das alles ist eine moderne Art des Schleppertums. Agenturen verdienen ihr Geld an den armen Menschen, die ein oder zwei Jahre ohne Urlaub durcharbeiten müssen.

Gewohnt wird in Sammelunterkünften, die ich leider nicht gesehen, sondern nur von Ihnen gehört habe. Klimaanlagen gibt es dort nicht, und wie heiß es werden kann, hatte ich vorhin schon angesprochen. Gearbeitet wird an sechs Tagen pro Woche, die Anreise zur Baustelle erfolgt per Bus. Es ist eine Spur von modernem Rassismus, der dort betrieben wird. Ich muss aber auch sagen, dass Katar in der Beziehung noch relativ gemäßigt ist – Kuwait oder Saudi-Arabien sind noch extremer, meiner Meinung nach.

 

SSUT: Inwieweit konnten Sie eventuell helfen, auch wenn Sie vorhin ja gesagt hatten, dass Sie selbst als Gastarbeiter in dem Land tätig waren?

 

D.M.: Wir wollten natürlich trotzdem helfen und haben im Zuge unserer Marketing-Kampagne für die Liga ein Programm gründen wollen, um die Stadien zu füllen. Da hat es sich natürlich angeboten, die Bauarbeiter zu erfreuen und ihnen ein Besuch im Stadion zu ermöglichen. Das hatten wir uns so gedacht – und haben die Rechnung ohne unsere katarischen Freunde gemacht! Die haben die Nase gerümpft, und es fielen sinngemäß die Aussagen, dass man neben „diese Leute“ doch keine Katari setzen könne. Es ist … schon speziell und eben tatsächlich auch so, wie es in den Medien oft dargestellt wird. Von diesem Standpunkt aus ist die Vergabe im Übrigen sogar ein Glücksfall, weil nur deshalb die Welt auf die Zustände überhaupt erst aufmerksam gemacht wurde.          
Aber auch in Sotschi und Brasilien war es nicht anders und ich weiß nicht, ob da schon alle Arbeiter ihr Geld bekommen haben. Nur da wurde das nicht ganz so thematisiert wie in Katar. Soziale Probleme gibt es überall auf der Welt und die Verträge von FIFA und IOC tun ihr Übriges.

"Glaube, dass am Ende wieder alles mit Geld geregelt werden wird."

SSUT: In diesem Zusammenhang gibt es natürlich auch Diskussionen um Sepp Blatter. Am 29. Mai 2015 wird der Präsident der FIFA neu gewählt. Neben Blatter gelten auch Luis Figo und Michel van Praag als halbwegs aussichtsreiche Kandidaten. Beide sind Blatter-Gegner, die UEFA an sich sieht die WM in Katar sowieso kritisch. Könnten Sie sich vorstellen, dass man in Katar vor einer Ablösung Blatters Angst hätte, weil dann die Vergabe eventuell doch noch einmal neu überdacht werden würde?

 

D.M.: Sagen wir es mal so – die Vergabe muss so oder so neu überdacht werden. Ohne Blatter stehen die Chancen, dass das transparenter abläuft, sicherlich besser. Die ehemaligen Mit-Bewerber (USA und Australien/Anm. d. Red.) stehen natürlich schon in den Startlöchern, wenn eine Änderung der Vergabe im Raum stehen würde. Es war ganz klar, dass die WM für den Sommer 2022 ausgeschrieben wurde. Wenn das Turnier jetzt in den Winter verlegt werden würde, könnte ich mir vorstellen, dass die alten Bewerber protestieren, weil die Ausschreibung eben für den Sommer galt. Das große Problem sind die Schadensersatzforderungen, die eingeklagt werden würden. Am Ende glaube ich, dass das alles wieder mit Geld geregelt werden wird.

 

SSUT: Was meinen sie mit „alles“?

 

D.M.: Naja, ich könnte mir durchaus vorstellen, dass die Katari versuchen werden, ihre Mit-Bewerber mit Geld ruhigzustellen, damit sie ihre WM ausrichten können.
Um aber zur Ausgangsfrage zurückzukehren: Ich glaube, ohne Blatter wäre dieser Prozess transparenter. Aber Blatter hat sich natürlich über Jahre hinweg Seilschaften aufgebaut und ein Netzwerk errichtet – ob das in der internen Kommunikation bei der FIFA selbst oder in der externen Arbeit ist – und dadurch seine Position so zementiert, dass es schwierig sein wird, ihn abzuwählen. Es wird eben oft vergessen, dass jeder Verband nur eine Stimme hat.

 

SSUT: Zum Abschluss noch eine hypothetische Frage: Wem würden Sie Ihre Stimme geben, wenn sie bei der Präsidentschaftswahl stimmberechtigt wären?

 

D.M.: Ich muss gestehen, dass ich mich mit Herrn Figo, Herr von Praag und dem libanesischen Prinzen als Kandidaten noch nicht in der Form befasst habe, als dass ich jetzt hier eine klare Entscheidung treffen könnte. Aber ich glaube, ich würde einen dieser Drei wählen und nicht Herrn Blatter. Es täte dem Fußball gut, wenn Herr Blatter abgewählt werden würde.

 

SSUT: Das ist doch ein Abschlussstatement, das wir jetzt einfach mal so stehen lassen.

Herr Meinhold, wir bedanken uns nochmal für die Zeit, die Sie sich für uns genommen haben.

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