Tradition trifft Tradition - Dortmund hilft Waldhof Mannheim mit Benefizspiel

Der SV Waldhof Mannheim ist schon seit langer Zeit von der Bildfläche des deutschen Profifußballs verschwunden. Nach finanziellen Problemen und mehreren Lizenzentzügen hat sich der Verein inzwischen in der Regionalliga Südwest etabliert. Am Dienstag gastierte Borussia Dortmund in der Quadratestadt, um etwas Geld in die klammen Kassen zu spülen. "Spiel, Satz und Tor" war live vor Ort dabei.



Aus Mannheim berichten Markus Schulze und Sebastian Koch


Sepp Herberger, Christian Wörns, Jürgen Kohler oder Maurizio Gaudino - alle vier Ex-Nationalspieler haben eines gemeinsam: Im Verlauf ihrer langen und glorreichen Karrieren haben sie sich einen Namen beim SV Waldhof Mannheim gemacht. Bei jenem Verein, der vor allem in den Achtzigern deutschlandweit für Furore gesorgt hat. 


Unvergessen ist Kult-Trainer Klaus "Schlappi" Schlappner, der mit seinem legendären Pepitahut die "Waldhofer Buben" fast in den UEFA-Cup geführt hatte. Inzwischen sind die sportlichen Glanzzeiten beim Mannheimer Traditionsverein vorbei. Führungskrisen im Präsidium und dazu erhebliche finanzielle Probleme leiteten die sportliche Talfahrt ein. Nach mehreren Linzenzentzügen hat sich der SVW mittlerweile in der Regionalliga Südwest etabliert - irgendwo im tristen Mittelfeld. 


Die Tage, in denen regelmäßig nationale Fußballgrößen in Mannheim gastierten, sind vorbei, die finanziellen Mittel beschrönkt. Da passt es, dass dem SV Waldhof noch etliche Altschulden plagen und große Sprünge deshalb kaum möglich sind. Um zumindest einen Teil dieser Schulden zu tilgen, versprach Jürgen Klopp dem Verein vor vier Jahren, ein Freundschaftsspiel in Mannheim zu bestreiten, dessen Erlösen komplett an die Blau-Schwarzen gehen sollten.


Heißer Empfang für Klopp & Co.


Am gestrigen Dienstag hatte das jahrelange Warten nun ein Ende - der BVB gastierte im Carl-Benz-Stadion, das Hoffenheim im ersten Bundesliga-Halbjahr noch als Bundesliga-Heimspielstadion diente. Auf Dortmunder Seite war, wie angekündigt und versprochen, fast die komplette erste Garnitur dabei. Für die Weltmeister Roman Weidenfeller, Kevin Großkreutz, Erik Durm und Matthias Ginter stellte das Spiel eine willkommene Möglichkeit dar, den Trainingsrückstand aufzuholen und noch einmal Spielpraxis sammeln zu können. 


Die Mannheimer bescherten den Borussen einen feurigen Empfang - und zwar nicht nur auf den Platz. Bei der Ankunft des Mannschaftsbusses wurde das Team mit zwei brennenden Mülltonen und einer spektakulären Pyrotechnik-Choreographie empfangen. Der Hintergrund dieser Aktion geht ebenfalls auf Klopp zurück, der sich vor Jahren mit Freude an "brennende Mülltonnen am Straßenrand" bei Spielen während seiner aktiven Zeit zurückerinnerte.


Vor dem Spiel verabschiedeten sich die Waldhof-Fans mit einer ebenfalls ergreifenden Choreographie von Walter Pradt. Die Mannheimer Torwartikone verstarb am vergangenen Sonntag nach langer und schwerer Krankheit im Alter von 65 Jahren. Über 300 Erst- und Zweitligaspiele absolvierte Pradt für den Waldhof und erzielte dabei zwölf Treffer. Nur Hans-Jörg Butt erzielte im deutschen Profifußball mehr Tore als Torwart (26). 


Dortmund überlegen, Mannheim verkauft sich teuer


Nach einer Gedenkminute pfiff Schiedsrichter Markus Schmidt das Mannheimer Fußballfest an. Etwas enttäuschend - mit 21.327 Zuschauer war das Stadion nicht ausverkauft. Der Stimmung auf den Rängen tat dies allerdings keinen Abbruch und auch das Spiel entwickelte sich von Beginn an in die erwartete Richtung. Nach einer schönen Kombination über die rechte Seite scheiterte Großkreutz am starken Dennis Broll im Mannheimer Tor. Keine Minute später durfte sich der Keeper erneut auszeichnen, als er einen Ball von Milos Jojic gerade noch entschärfen konnte. Knappe 20 Minuten waren da gespielt. 


Die größte Möglichkeit auf die Führung hatte dann sogar der Gastgeber. Nach einem bundesligatauglichen Konter landete ein Schuss von Steffen Straub jedoch knapp über dem Gehäuse. Nach etwas mehr als einer halben Stunde war es dann Ciro Immobile, der die Führung für den Favoriten markierte. Nach einem Traumpass von Henrikh Mkhitaryan umkurvte der Italiener Broll im höchsten Tempo und hatte keine Mühe, den Ball ins leere Tor einzuschieben.


Im zweiten Abschnitt nutzten beide Trainer ihre Wechselkontingente komplett aus.  So kamen unter anderem auch Pierre-Emerick Aubameyang und Marco Reus zu ihren Einsatzminuten, was sich spürbar auf das Tempo der Offensive auswirkte. Dennoch waren es erneut die Waldhöfer, die zunächst die größeren Chancen hatten. Khaled Mesfin, Yannick Haag und Morris Nag verfehlten das Ziel nur knapp oder trafen die Latte. Zwischen allen drei Chancen verstrichen gerade einmal zwei Minuten. Die Borussia kam in den letzten 20 Minuten durch Pascal Stenzel, Marco Reus und Ufuk Özbek doch noch zu weiteren Treffern.


"Hätten wir uns den einen oder anderen Spieler nicht leisten können."


Der Viertligist verkaufte sich trotz der 0:4-Niederlage teuer und dürfte beim Publikum einigen Eindruck hinterlassen und Eigenwerbung betrieben haben, So war es auch nicht verwunderlich, dass sich Waldhof-Trainer Kenan Kocak auf der anschließenden Pressekonferenz gut gelaunt präsentierte und nicht müde wurde, zu betonen, wie wichtig die Partie für den Verein gewesen ist. Der BVB könne "gar nicht wissen, wie sehr uns dieses Spiel gut getan hat", betonte der 33-Jährige und gestand ein, dass sich der Verein "ohne dieses Spiel den einen oder anderen Spieler" nicht hätte leisten können. Umso mehr freute sich Klopp, den Mannheimern geholfen zu haben Nicht zuletzt auch deshalb, weil sich der Meistertrainer in Mannheim sehr wohl gefühlt hatte und die Anhänger trotz mancher beleidigenden Fansgesänge für die entstandene "Wettkampf-Atmosphäre" ausdrücklich lobte.


Dortmund am Freitag mit Weidenfeller - Ginter auf der Sechs?


Für den SV Waldhof geht es nun zurück in den Regionalliga-Alltag. Bei der TuS Koblenz geht es am Sonntag um wichtige Punkte. Die Borussia muss sogar schon am Freitag beim FC Augsburg ran, Gut möglich, dass dann Ginter im defensiven Mittelfeld agieren darf, wo er in den Augen Klopps "ein starken Spiel" absolviert hatte. Aller Voraussicht nach wird auch Weidenfeller auf die Bundesliga-Bühne zurückkehren. Wie es um den Gesundheitszustand von Adrian Ramos und Mats Hummels steht, vermochte der Dortmunder Coach nicht zu sagen.


Zum Abschluss ließ es sich Klopp nicht nehmen, den zahlreichen Mannheimer Fans noch Hoffnung auf eine rosige Zukunft zu machen. In seinen Augen habe der Verein das Potenzial, "einen ähnlichen Weg zurück ins Profigeschäft zu gehen wie Darmstadt 98". Die Lilien stehen, nach Jahren der Dritt- und Viertklassigkeit, aktuell in der zweiten Bundesliga auf dem dritten Tabellenplatz. Ein Weg, den der SVW nur allzu gerne einschlagen würde...




Kommentar schreiben

Kommentare: 0