Marzenell: "Die Bundesliga muss sich nicht verstecken"

Gerald Marzenell ist Teamchef von Grün-Weiss Mannheim und zieht sportlich eine positive Bilanz der abgelaufenen Saison. Doch auch in seiner Funktion als Liga-Sprecher unterhielt er sich mit uns und verschließt die Augen davor nicht, dass die Vermarktung der Eliteklasse höchstens zweitklassig ist. 

 

 

 

Von Tobias Reith und Sebastian Koch

 

Federico del Bonis für Janko Tipsarevic, Jiri Vesley anstelle von Jürgen Melzer – zwei Spieler unter 23 Jahren ersetzten Routiniers mit langjähriger Bundesliga-Erfahrung. Der Weg, den Bundesligist Grün-Weiss Mannheim vor der Saison eingeschlagen hatte, sprach eine deutlich Sprache: Umbruch statt Stillstand – „Jugend forscht“ statt „Erfahrung und Routine“. Einen Weg, den Teamchef Gerald Marzenell vor dieser Saison vehement verteidigen musste und für den das Mannheimer Urgestein letztendlich auch belohnt wurde. Fast bis zum Schluss hatte Grün-Weiss Chancen auf die sechste Meisterschaft. Als einziges Team trotzten die Quadratestädter dem neuen Meister aus Halle ein Remis ab und landeten am Ende auf dem dritten Platz. Nicht umsonst zeigte sich Marzenell deshalb im Interview mit uns „sehr zufrieden mit der Saison“, die mit „einem großartigen Ergebnis“ zu Ende ging.

 

Dass die Saison an der Spitze mit der Entthronung von Serienmeister Kurhaus Lambertz Aachen endete, überraschte ihn dabei nicht. Es habe vor der Saison gleich „drei bis vier Teams gegeben, die um die Meisterschaft kämpfen“ konnten. Blau-Weiß Halle, zuletzt fünf Mal in Serie Vizemeister, habe da dazugehört und sei in diesem Jahr „an der Reihe“ gewesen. Die Mannschaft hatte in den entscheidenden Situationen die bessere „Tagesform“ und das „Quäntchen Glück“, das man braucht, um den Titel zu gewinnen.

 

Zuschauerzahlen boomen

 

Doch es war nicht nur der sportliche Erfolg, dem Marzenell ein positives Saisonfazit abringen konnte. Der mehrmalige Meistertrainer erfreut sich seit Jahren einem wachsenden Zuschauerzuspruch, den er in seiner Funktion als Liga-Sprecher auch bei allen anderen Bundesligisten verzeichnet. Der Zuschaueraufschwung in diesem Jahr war vor allem darauf zurückzuführen, dass der Deutsche Tennis Bund (DTB) seit diesem Jahr sportliche Standards eingeführt hat, um ein „ausgeglichenes Niveau“ der Bundesligisten zu garantieren. Ein Ende des Zuschaueranstiegs ist laut Marzenell im Übrigen nicht in Sicht – die beiden Aufsteiger, Rot-Weiss Köln und der 1. FC Nürnberg, versprechen breite Fan-Basen, ein „enormes Zuschauerpotenzial“ und dementsprechend große Anlagen.   

 

Nicht zuletzt werden die Zuschauer auch von jenen Top-Spielern angezogen, die wegen ihrer hohen Weltranglisten-Platzierungen nur ein oder zwei Spiele pro Saison in der Bundesliga spielen können. Gerade deshalb möchte Marzenell auf Engagements wie das von Tommy Haas in Mannheim, Philipp Kohlschreiber und Florian Meyer in Aachen oder auch von internationalen Spitzenspieler wie Jarkko Nieminen in Halle oder Andreas Seppi in Erfurt in Zukunft nicht verzichten. Die Top-50-Spieler „machen die Würze“ in einem Bundesligaspiel aus und würden durchschnittlich fast doppelt so viele Zuschauer auf die Tennis-Anlagen locken als bei Spielen ohne deren Beteiligung.

 

Haas auf "einem guten Weg"

 

Auch habe Marzenell bemerkt, dass den Spielern bei Bundesligaspielen die Nähe zu den Fans sehr gefalle. Und schließlich freue sich auch die Jugend, wenn eines ihrer Idole zu einem spontanen Training unter der Woche vorbeischauen würde. In entscheidenden Spielen könnten jene Spitzenspieler zudem für die entscheidenden Matchpunkte sorgen, die in der Endabrechnung ausschlaggebend sind.

 

Nicht zuletzt deshalb habe der Ausfall von Tommy Haas Grün-Weiss Mannheim „sehr schwer getroffen“. Mit Haas, davon ist Marzenell überzeugt, hätte Grün-Weiss auch den Zuschauer-Konkurrenzkampf mit der parallel stattfindenden Fußball-WM an den ersten beiden Spieltagen standhalten können. Mit einem Einsatz des Routiniers wäre wohl auch im Kampf um die Meisterschaft „mehr drin gewesen“.

 

Trotz der anhaltenden Verletzungssorgen ist der Rechtshänder jedoch davon überzeugt, das aktuell bekannteste deutsche Tennisgesicht auch in der nächsten Saison wieder im Training begrüßen zu dürfen. Aktuell sei Haas „auf einem guten Genesungsweg“.

 

Davis Cup und Fed Cup als Vorbild

 

So stark die Bundesliga von den Zuschauerrängen verfolgt wird, so viel „Nachholbedarf“ gibt es auch bei der Berichterstattung in den Massenmedien. Schon von großen ATP-/WTA-Turnieren wird im Schatten von Fußball, Handball oder Basketball kaum berichtet – von der Bundesliga noch weniger. Ein Zustand, den Marzenell möglichst schnell ändern möchte. Zwar lobte der 50 Jahre alte Mannheimer die Berichterstattung von den an Bundesliga-Standorten ansässigen lokalen Medien, stritt allerdings auch nicht die fehlende Beachtung durch das Fernsehen oder größere Sport-Webseiten im Internet ab.

 

Lokal sei die Tennis-Bundesliga „ein absolutes Highlight“, überregional soll sie in den kommenden Jahren auch wieder mehr Beachtung finden. Längerfristig müsse es das Ziel sein, ein ähnliches Arrangement mit Fernsehsendern einzugehen, wie es beispielsweise die Pro7Sat1-Gruppe bei Einzelturnieren eingegangen ist. Der Pro7Sat1-Spartensender „Sat1.Gold“ überträgt seit zwei Jahren ausgewählte ATP- und WTA-Turnier, sowie die kompletten Davis-Cup- und Fed-Cup-Spiele der deutschen Mannschaft. Durch die internationalen Top-Spieler in den Bundesliga-Kadern müsse „sich die Bundesliga vor solchen Veranstaltungen jedenfalls nicht zu verstecken“.

 

Ins Schwärmen gerät der ehemalige Weltranglisten-181., wenn es um die Final-Aussichten der Fed-Cup-Mannschaft geht. Und so räumt der ehemalige Assistenztrainer (1997 bis 2004) der Truppe um Teamchefin Barbara Rittner und die Top-Spielerinnen Angelique Kerber, Andrea Petkovic, Sabine Lisicki oder Doppel-Spezialistin Anna-Lena Grönefeld am 8. und 9. September in Prag „sehr, sehr gute Chancen“ ein, den Fed-Cup zu gewinnen. 

 

 

 

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