"Wir Schweizer haben es euch Deutschen gegönnt"

Im zweiten Teil unseres Gesprächs äußerte sich Urs Meier zu einem drohenden WM-Boykott in Russland, den Erfolgen des FC Basel in der Europa League und verrät uns, warum die schweizerische Meisterschaft trotz des international erfolgreichen Serien-Meisters Basel dennoch spannender ist als die deutsche Bundesliga. 

 

 

(ms/seko). Spiel, Satz und Tor: Gleich zu Beginn eine provokante Frage: Können Sie sich als Schweizer über den deutschen WM-Titel freuen?

 

Urs Meier: (lacht). Ja, natürlich. Ich war im Stadion und habe mich sehr gefreut. (lacht). Ich habe immer Mühe, wenn eine Mannschaft durch einen geschenkten Elfmeter oder einem Abseitstor gewinnt oder unglücklich ausscheidet. Und darum habe ich mich sehr für die deutsche Mannschaft gefreut, die sich den Titel über das ganze Turnier hinweg sportlich verdient hat.

Und die Zeit, dass sich die Deutschen und Schweizer nicht mögen, ist, glaube ich, spätestens seit der fantastischen WM 2006 vorbei. Es gibt natürlich immer noch Ausnahmen, aber im Großen und Ganzen haben wir Schweizer es den Deutschen doch sehr gegönnt (lacht).

 

SSUT: (lacht). Das freut uns doch zu hören. Die Schweiz ist dagegen im Achtelfinale gegen den späteren Vize-Weltmeister Argentinien unglücklich ausgeschieden. Sie wurden danach im ZDF-Studio von ihren Kollegen Oliver Welke und Oliver Kahn noch ein bisschen gequält. Zwischendurch hatten wir fast schon Sorge, dass Sie über das Terrassengeländer flüchten. (Meier lacht) Wie fällt Ihr Fazit für die „Nati“ aus?

 

U.M.: Es ist jedes Turnier das gleiche. 2006 sind wir unglücklich ausgeschieden, 2008 auch und 2010 auch wieder. Ich war natürlich fast immer auch auf Sendung.und musste ins Studio…(lacht). 2012 waren wir nicht dabei, wären aber wahrscheinlich auch wieder in der Verlängerung oder im Elfmeterschießen ausgeschieden. Das unglückliche Ausscheiden ist beinahe schon eine schweizerische Tradition.

Es war gegen Argentinien in der 118. Minute wieder genau dieser einen Fehler zu viel. Die Brasilianer haben die Schweizer mit „Hola“ bei jedem Ballkontakt gepusht und am Ende haben die Schweizer dann vielleicht selbst gedacht „Wow, jetzt spielen wir bisschen Tiki-Taka oder brasilianisch“. Und dann gab es eben genau wieder diesen Fehler und wir standen mit leeren Händen da. Unterm Strich haben wir erneut nur das Minimalziel Achtelfinale erreicht und das eigentliche Ziel Viertelfinale verpasst.

 

SSUT: Der Kader der Schweizer hat aber durchaus Potenzial und so können Sie doch darauf hoffen, dass es mal wieder für etwas mehr als das Achtelfinale reicht, oder?

 

U.M.: Ja. Ganz klar. Beim nächsten Turnier greifen wir wieder an.

 

SSUT: Nach der WM ist vor der WM. In vier Jahren geht es nach Russland, wohin wir in diesen Tagen im Zusammenhang mit Ukraine-Krise mit Sorge blicken. Einige deutsche Politiker haben sich bereits für einen WM-Boykott ausgesprochen. Halten Sie das für sinnvoll oder für noch zu früh?

 

U.M.: Schlussendlich haben wir im Moment ein Sommerloch, das gefüllt werden muss. Vier Jahre sind noch eine lange Zeit. Natürlich bin ich gespannt, wie sich die Situation in Russland und der Ukraine weiterentwickelt. Da ich ein Optimist bin, gehe ich davon aus, dass sich das in den nächsten Monaten oder Jahren regeln wird und die WM ausgetragen werden kann. Es müssen aber Voraussetzungen geschaffen werden, die das möglich machen.

 

SSUT: Über die WM haben wir jetzt genug gesprochen. Wenn wir aber schon einmal die Möglichkeit haben, mit einem Schweizer zu sprechen, wollen wir den schweizerischen Klubfußball natürlich nicht ganz außen vor lassen.

Der FC Basel hat in den letzten beiden Europa-League-Spielzeiten durchaus für Furore gesorgt. Im letzten Jahr schied die Mannschaft auf dramatische Art und Weise im Viertelfinale gegen den FC Valencia aus (3:0, 0:5 nach Verlängerung/d. Red.), vor zwei Jahren stand Basel sogar im Halbfinale. Hand aufs Herz: Wann bejubelt die Schweiz den ersten Europokal-Titel?

 

U.M.: (lacht). Da müssen wir realistisch bleiben und uns eingestehen, dass wir davon noch sehr viel weiter weg sind, als es die Ergebnisse vermuten lassen. Wir müssen schauen, wo das Geld ist und wohin es fließt. Basel war vom Budget vor zwei Jahren auf in Europa Platz 99 und im letzten Jahr auch nicht sehr viel höher. Finanziell ist das zur europäischen Spitze einfach eine viel zu hohe Hürde, um von internationalen Titeln träumen zu dürfen. Natürlich ist im Fußball immer alles möglich und eine tolle Mannschaft kann es mit einem Lauf immer wieder trotz begrenzter finanzieller Mittel sehr weit schaffen. Das stimmt schon. Dazu benötigt es aber auch etwas Glück bei der Auslosung und in den Spielen. Ein Europacup-Titel für die Schweiz? Ich bin nicht sicher, ob ich das noch erleben werde.

 

SSUT: Der FC Basel ist so was wie der FC Bayern der Schweiz. In den letzten sieben Jahren gewann das Team sechs Meisterschaften. Das hört sich relativ langweilig an. Warum sollte man also dennoch einen Blick auf die Super League werfen?

 

U.M.: Erstens, weil es nicht langweilig ist. Zumindest selten. Weil die Basler eben im Europacup so engagiert sind, schwächeln sie auch oft in Liga. Da fehlt die Konzentration auf die Meisterschaft und die Punkteausbeute aus den letzten Jahren war nicht so berauschend, dass man sagen könnte, sie wären durchmarschiert.

Zweitens haben wir eine Liga mit nur zehn Mannschaften, was seine Vorteile hat. Jedes Team spielt viermal gegen die Anderen. Dadurch gibt es viel mehr Derbys oder Spitzenspiele. Es gäbe in der Schweiz nicht nur zwei Mal das Spiel Bayern München gegen Borussia Dortmund, sondern vier Mal. Das ist natürlich in der Schweiz möglich, weil das nicht so ein großes Land ist. In Deutschland wäre das rein geographisch nur schwer umzusetzen. Aber der Vorteil ist, dass man gegen die direkten Konkurrenten zum Teil neun oder mehr Punkt holen kann. Wenn ich auf das Team über mir in der Tabelle beispielsweise sieben Punkte Rückstand habe, ist das in Deutschland schon eine Menge. In der Schweiz weißt du, dass du noch zweimal gegen die Mannschaft spielst. Da kannst du sechs Punkte gutmachen. Das macht die Meisterschaft in der Schweiz sehr spannend.

Drittens ist der Kampf gegen den Abstieg auch immer recht eng. Und durch die kleine Liga kann man so schnell so viele Plätze gutmachen und kämpft plötzlich nicht mehr gegen den Abstieg, sondern um die Europa League.

Die Meisterschaft in der Schweiz ist sehr attraktiv und wird auch immer besser von den Zuschauern angenommen. Wir liegen zuschauertechnisch in Europa auf dem zehnten Platz. Und zwar nach absoluten Zahlen, nicht nach dem prozentualen Anteil. Das ist für so ein kleines Land wie die Schweiz ja eigentlich phänomenal.

 

SSUT: Fast die halbe schweizerische Nationalmannschaft spielt ja in der Bundesliga. Von Josip Drmic über Ricardo Rodriguez und Diego Benaglio zu Xherdan Shaqiri haben viele Nationalspieler den Sprung über den Bodensee gewagt und sind mittlerweile gestandene Bundesliga-Profis, meistens sogar Stammspieler und Leistungsträger. Wer könnte der nächste Schweizer in Deutschland werden? Auf wen müssen wir achten?

 

U.M.: Allen voran habe ich da Fabian Frei vom FC Basel im Blick. Und auch in den U-Nationalmannschaften gibt es noch einige hoffnungsvolle Talente. Die schweizerischen Spieler sind im Vergleich zu anderen Nationen nach wie vor sehr preiswert zu haben, bringen aber mindestens genauso gute Leistungen wie teurere Profis aus größeren Ländern.

Des Weiteren ist die Bundesliga natürlich in den letzten Jahren eine sehr attraktive Spielklasse geworden. Und die meisten Schweizer wachsen mit der Bundesliga als Hauptliga auf, sodass viele Spieler davon träumen, mal in Deutschland spielen zu dürfen.

 

SSUT: Die letzte Frage dreht sich um Sie ganz persönlich – was macht Urs Meier jetzt in der Zeit nach der WM? Bleiben Sie uns im ZDF als Experte erhalten und wie sehen Ihre Zukunftspläne aus?

 

U.M.: Das ZDF hat ja leider die Rechte für die Qualifikationsspiele zur EM verloren, sodass wir nur noch ganz wenige Freundschaftsspiele haben werden. DFB-Pokal sind wir auch draußen und Bundesliga haben wir auch fast nicht. Was wir haben, ist die Champions League. Da haben wir in den letzten Jahren allerdings ohne einen Schiedsrichter-Experten gearbeitet. Ob das geändert wird, weiß ich nicht oder ist mir jedenfalls bis jetzt nicht bekannt. Mein Vertrag ist nach der WM ausgelaufen, sodass ich im Moment in der Warteschleife hänge. Das ist aber ganz normal, seit 2006 haben wir immer Verträge von Turnier zu Turnier abgeschlossen. Wir werden uns auf jeden Fall zusammensetzen und schauen, was wir bei der EM 2016 in Frankreich auf die Beine stellen. Ich bin also sozusagen im Moment auf dem Transfermarkt, wenn man so will (lacht).

Ich kann nur von mir aus sagen, dass ich mich beim Sender sehr wohlfühle und sehr professionell gearbeitet wird. Die Chemie mit Welke und Kahn stimmt ebenfalls und wenn das ZDF für 2016 anfragt, werde ich wahrscheinlich auch wieder „Ja“ sagen. Aber bis dahin bin ich mit meinen Vorträge vor allem in Deutschland, der Schweiz und Österreich unterwegs und dies als einer der Top 100 Speakers in Europa.

 

SSUT: Herr Meier, wir würden uns freuen, wenn Sie uns als TV-Experte erhalten bleiben. Es ist ja doch immer etwas anderes, auch mal eine Schiedsrichter-Stimme zu einzelnen Szenen zu hören und wenn die dann auch noch so Klartext redet wie in Brasilien ist das auch noch unterhaltsam und aufklärend.

Jetzt bedanken wir uns erst einmal für die Zeit, die Sie sich genommen haben. Es war ein sehr interessantes Interview mit viel Inhalt und klaren Meinungen.

 

U.M.: Wir haben über Fußball gesprochen - da können wir uns gerne auch drei Stunden unterhalten, oder? (lacht)

 

SSUT: Von uns aus gerne! Vielen Dank, Herr Meier!

 

 

 

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