Wie war das mit den Vorurteilen, Herr Lübberding?

Hunderttausende am Brandenburger Tor, Millionen vor den Fernsehgeräten - die deutschen Fans haben den Weltmeistern am Dienstagmorgen einen überwältigen Empfang bereitet. Schade, dass die FAZ das nicht so sieht und einen Skandal herbeisehnt.

 

 

Von Sebastian Koch

 

"Die Siegesfeier am Brandenburger Tor wird zum gigantischen Eigentor. Mit einer üblen Persiflage auf ihren Finalgegner verspielen die deutschen Weltmeister das Image der weltoffenen, toleranten Nation."

 

Bereits die einleitenden Worte des Kommentars "So gehen Gauchos", der am Dienstag in der FAZ-Feuilleton-Online-Ausgabe erschienen ist, dürften jedem Fußball-Fan sauer aufstoßen. Weitere Aussagen wie "sechs Weltmeister blamieren sich in Berlin" als Bildunterschrift oder, dass das "neue Deutschland [...] zum Gespött" wird, sind bezeichnend für den miserablen Kommentar.

 

Die Szene, die für Autor Frank Lübberding so skandaläs ist, spielte sich ab, als Miroslav Klose, Roman Weidenfeller, André Schürrle, Mario Götze, Shkodran Mustafi und Toni Kroos die Bühne am Brandenburger Tor in gebückten Gang erobern und dabei zunächst "So gehen die Gauchos, die Gauchos, die gehen so" singen - wobei die Beschreibung "singen" wohl der größere Skandal darstellt als der Bewegungsakt an sich -, ehe anschließend auf der grünen Fußballbühne aufrecht hüpfend mit der Begleitung "So gehen die Deutschen, die Deutschen, die gehen so" ausgelassen gefeiert wird. Wirklich Skandalös... 

 

Lübberding befürchtet, dass besonders in Argentinien das deutsche Image leiden könnte. Dass es da derzeit weitaus größere Probleme gibt als die Feierei von sechs deutschen Weltmeistern, erwähnt er dabei nicht.

 

Wer verspielt welches Image?


Für Lübberding ist die "üble Persiflage" ein Rückfall in alte Zeiten. In Zeiten, in denen Deutschland im Ausland als weniger tolerant und weniger weltoffen galt als heute. In Zeiten, als vom Sommermärchen 2006 noch nichts zu ahnen war. In Zeiten, als an eine Fanparty wie heute noch nicht zu denken war.

 

In solche Zeiten fühlte sich Lübberding am Morgen also zurückversetzt. Als ein gigantisches Eigentor titulierte er die WM-Party. Dabei erkannte er nicht, dass er dabei selbst der eigentliche Eigentorschütze war.

 

Er selbst kramte alte Vorurteile wieder aus der untersten Schublade. Plötzlich könnte man Attribute wie "weltoffen" oder "tolerant" mit Deutschland, zumindest mit dessen Presse, tatsöchlich nicht mehr verbinden. Liest man den Kommentar, so hat man den Eindruck, dass in Deutschland wieder das Spießbürgertum vorherrscht. Dass alles Perfekt sein muss. Ja, man hat den Eindruck, dass wir uns wieder - oder: noch - in den 1950er-Jahren befinden. Weltoffen ist in der Tat etwas anderes.  

 

Ein Skandal wäre skandalös

 

Nein, dass man auch in Deutschland im Moment des größten sportlichen Triumphes der letzten Jahre mal "fünf gerade sein lassen kann", darauf lässt der Kommentar wirklich nicht schließen.  Aus einer solchen Szene, die sich so auf den Kreisklassenplätzen der Republik wohl jedes Wochenende abspielt, einen Skandal zu machen, wäre der eigentliche Skandal.

 

Und es wäre der von Lübberding befürchtete Rückfall in ein Deutschland, in dem Weltoffenheit, Ausgelassenheit und Toleranz nur wenig Platz haben.

 

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