Ist Stuttgart wirklich schöner als Berlin?

Der Kommentar zur Diskussion um das "Spiel um Platz drei": Bondscoach Louis van Gaal ächzt, Arjen Robben kann "der dritte Platz gestohlen" bleiben und für Brasilien ist das Turnier auch schon beendet. Was also soll das Spiel, dass als "kleines Finale" nur von der FIFA künstlich und aus Eigennutz aufgebauscht wird?

 

 

Von Sebastian Koch

 

Louis van Gaal ist bekannt für seine eher unkonventionellen Vorschläge, wenn es darum geht, das Fußballspiel zu revolutionieren. Mal wollte er das Elfmeterschießen abschaffen. Ein anderes Mal sollten in der Verlängerung die Mannschaften alle fünf Minuten um einen Spieler reduziert werden. Und überhaupt, ist nur der van-Gaal`sche-Fußball der wahre Fußball. 

 

Doch in diesen Stunden nimmt sich der extrovertierte "Tulpengeneral" einem Thema an, das es wirklich wert ist, zu diskutieren. Der ehemalige Bayern-Coach wettert gegen das Spiel um Platz drei - das "kleine Finale", wie es so schön und falsch bezeichnet wird. Es gehört abgeschafft und sei ein Spiel ohne sportlichen Reiz, so der Tenor des Bondscoach. Van Gaal hat damit absolut Recht. 

 

Schaukampf zweier angeschlagener Stiere


Das "kleine Finale" gleicht einem Schaukampf. Einem Schaukampf zweier schwer verwundeten Stiere, die im Halbfinale bereits mehr tot als lebendig aus dem Stadion getragen werden mussten und sich für einen letzten, schlussendlich aber doch wertlosen Kampf noch einmal aufraffen müssen. Das Spiel um Platz drei ist mit einem Vorrundenduell des Gruppendritten gegen den Gruppenvierten zu vergleichen - mit dem Wissen, dass die K.O.-Runde für beide so oder so schon außer Reichweite ist. 

 

Brasilien-Coach Luiz Felipe Scolari wurde nach der 1:7-Halbfinalklatsche von brasilianischen Journalisten sogar gefragt, ob es sein letztes Spiel als Trainer gewesen sei. Der Gefragte musste erst einmal darauf verweisen, dass noch ein Spiel ansteht. Allein das zeigt den Wert dieses Vergleichs. 

 

2006 als ruhmreiche Ausnahme


Der einzig interessante Aspekt bei einem solchen Spiel ist der, zu sehen, wie sich die Halbfinal-Verlierer zum Abschluss des Turniers präsentieren. Am Samstag wird das ins Besondere bei der Selecao interessant sein. Wie fällt die Verabschiedung nach der historischen Demütigung aus? Wie wird Scolari seine Mannschaft aufstellen und motivieren?

 

Und dennoch ist fast klar, dass es bei der siegreichen Mannschaft keine Jubelstürme nach dem Abpfiff geben wird. Dafür ist der dritte Platz zu unbedeutend. Und der Verlierer? Auch hier hat van Gaal Recht - der reist mit zwei Niederlagen in Folge nach Hause und der Eindruck eines guten Turniers ist trotz des Halbfinaleinzugs getrübt. 

 

Die Annahme, dass zwei Verlierer in einem "Finale" stehen, ist bereits schyzophren. Die Veranstaltung an sich ist es auch - mit einer Ausnahme. 

 

Die stellt das Spiel um Platz drei 2006 in Deutschland dar. Nach der 0:2-Halbfinalniederlage gegen Italien grölten deutsche Fans die Parole "Stuttgart ist viel schöner als Berlin". In Anspielung an den Austragungsort des kleinen Finals eine mentale Aufbauhilfe für die frustrierte Mannschaft. In Stuttgart wurde dann eine WM mit dem dritten Platz beschlossen, die noch heute von der Stimmung ihresgleichen sucht. Eine solche Euphorie kann man sich am Samstag in Brasilien kaum vorstellen. Und das liegt nicht daran, dass "Brasilia ist viel schöner als Rio" nicht in den für Fangesänge üblichen Rhythmus passt.

 

Benefizspiel für die FIFA


Letztendlich gibt es bei dem Spiel nur die FIFA als großen Gewinner. Die erhält zusätzliche Ticket-, Sponsoren- und TV-Einnahmen. Und weil es davon während einer Weltmeisterschaft so wenig gibt, wird wohl auch in Zukunft an dem Spiel festgehalten.

 

Dennoch muss gefragt werden, ob Stuttgart tatsächlich schöner als Berlin ist - im sportlichen Sinne natürlich...

 

 

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