Des Dinos Todeskampf - Teil eins

Der Hamburger SV muss im wichtigsten Heimspiel der Vereinsgeschichte gegen Greuther Fürth vorlegen, um einen großen Schritt in Richtung Klassenerhalt zu machen. Doch im Vorfeld sorgt wieder einmal das Umfeld für mehr Gesprächsstoff als die sportlichen Leistungen.

 

 

Von Sebastian Koch

 

Wie oft wird in einer Saison von dem berühmten "Spiel des Jahres" geredet? Wie selten ist es das dann wirklich? Wenn der Hamburger SV heute Abend um 20.30 Uhr zum Relegationshinspiel gegen den Zweitligisten SpVgg Greuther Fürth antritt, dann ist jedoch selbst die Bezeichnung "Spiel des Jahres" nur eine Verniedlichung dessen, was das Spiel für den Klub wirklich bedeutet. Tatsächlich steht der einzig verbliebene Bundesliga-Dino vor dem wichtigsten Heimspiel der Klugeschichte. Ein Abstieg in die Zweite Bundesliga wäre für die finanziell angeschlagenen Hanseaten über das Sportliche hinaus eine Katastrophe. Und ausgerechnet vor diesem Heimspiel lodern in Hamburg mal wieder viele kleine Strohfeuer, die sich zu einem gewaltigen Flächenbrand zusammenschließen können, dessen Ausgang ungewiss ist.

 

Löw streicht Jansen, Calhanoglu flirtet mit Leverkusen

 

Symptomatisch für die Saison der Hamburger - der schlechtesten in 51 Jahren Bundesliga. Trotz drei verschiedene Trainer, unzähligen Personalquerelen in der Vorstandsebene und der meisten Gegentore der Liga schafften es die Rautenträgern letztlich doch noch in die Relegation. Nach zuletzt fünf Niederlagen in Serie wissen Fans und Verantwortliche dabei wohl selbst nicht, warum ihnen weitere 180 Minuten Gnadenfrist gewährt werden. Sportlich hätte Hamburg den Klassenverbleib zumindest keineswegs verdient.

 

"Der Dino darf nicht sterben", gab Trainer Mirko Slomka die Devise für die beiden Entscheidungsspiele heute und am Sonntag aus. Doch der Dino stirbt, wenn sich Hamburg nicht auf das besinnt, worum es geht - den puren Überlebenskampf.

 

Es passt, dass der in dieser Saison mehrfach planlos und heillos überfordert wirkende Sportdirektor Oliver Kreuzer heute lieber Bundestrainer Joachim Löw für die Streichung von Marcell Jansen aus dem erweiterten WM-Kader öffentlich kritisiert, als den Fokus voll und ganz auf das Spiel am Abend zu legen. "Erst 30 Spieler zu nominieren und dann so schnell zu streichen, dass ist nicht zu verstehen", ließ der Kurpfälzer in der "Bild-Zeitung" Dampf ab.

 

Nicht zu verstehen ist auch, dass Hoffnungsträger Hakan Calhanoglu ausgerechnet vor den wichtigen Spielen öffentlich mit anderen Klubs flirtet. Zumal der türkische Nationalspieler erst vor wenigen Wochen seinen Kontrakt in der Hansestadt verlängert hat und dem Klub auch im Falle des damals schon absehbaren Abstiegs Treue schwor. Zuletzt wurde aus Beraterkreisen bestätigt, dass "Leverkusen die Nase vorn hat" im Wechselpoker.

 

Slomka: Nicht mehr viel übrig vom Hoffnungsträger-Image

 

Doch all das passt in die verkorkste Saison der Hamburger. Es scheint so, als hätten entscheidende Figuren auch vor der Saisonverlängerung den Ernst der Lage der Blau-Weiß-Schwarzen noch nicht ganz begriffen. Auch deshalb muss gefragt werden, ob beispielsweise Sportdirektor Kreuzer oder Vorstand Carl-Edgar Jarcow auch im Falle des Klassenerhalts für den HSV noch tragbar sind.

 

Wenigstens der vom Bundestrainer ausgemusterte Jansen erweckt den Eindruck, zu wissen, was in diesen Tagen Priorität hat. "Die Situation beim HSV ist zu brisant", um sich der Enttäuschung über die wohl verpasste Weltmeisterschaft hinzugeben, stellte der 45-malige Nationalspieler klar. Eine Aussage, die nicht gänzlich falsch erscheint und auch Slomka erfreuen dürfte.

 

Denn auch die Zukunft des Trainers ist ungewiss. Sein Image als Hoffnungsträger hat in der Hansestadt nach den zuletzt fünf Pleiten in Serie zumindest stark gelitten.

 

Greuther Fürth in der Favoritenrolle?

 

Die Negativ-Serie führt dazu, dass eventuell sogar Zweitligist Greuther Fürth als Favorit in die Begegnungen geht. Mit zwei Siegen und 8:0-Toren verabschiedeten sich die Franken zuletzt aus der regulären Saison und schossen sich warm für die Relegation. "In der Relegation zählen Eigenschaften wie Mentalität und Selbstvertrauen, da sehe ich Fürth im Vorteil.", blickt Rachid Azzouzi gegenüber dem "NDR" auf die Begegnungen voraus. Der Manager des FC St. Pauli war zwischen 2008 und 2012 Manager der Fürther und drückt wohl nicht nur deshalb seinem Ex-Klub die Daumen.

 

Fußball-Deutschland erwartet ein packendes Relegations-Duell, dessen Ausgang so oder so für einige Veränderungen in der deutschen Fußball-Landschaft führen dürfte.

 

 

 

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