Liverpool vor der Krönung / Neue Ära in Manchester?

Wie die Bundesliga biegt auch die englische Premier League an diesem Wochenende auf die Zielgerade ein.

 

 

Von Sebastian Koch

 

Kenny Dalglish auf der Trainerbank, Alan Hansen mit der Kapitänsbinde und an Steven Gerrard war fußballerisch noch gar nicht zu denken - lang ist es her, als der FC Liverpool seine 19. und bislang letzte englische Meisterschaft gewinnen konnte. Am 5. Mai 1990 war das. Fast auf den Tag genau 24 Jahre, neun Trainer und Kapitäne später können die 'Reds' morgen die lange Durststrecke beenden und sich danach mit dem 20. Meistertitel wieder zusammen mit Manchester United als englischer Rekordmeister bezeichnen.

 

Vor heimische Kulisse die Chance zur Krönung


Das Team um Vereins-Ikone Steven Gerrard legte beim dramatischen 3:2-Erfolg gegen Manchester City vor zwei Wochen den Grundstein dafür, dass sich die legendäre 'Anfiel Road' am Sonntagnachmittag zu einem wahren Tollhaus verwandeln könnte. Wird Chelsea London im Spitzenspiel geschlagen, kann dem Team von Teamchef Brendan Rodgers der Titel nur noch theoretisch genommen werden. Bei aktuell fünf Punkten Vorsprung auf Chelsea würde selbst eine Niederlage oder ein Remis ausreichen, um in den letzten beiden Spielen das Titelrennen aus eigener Kraft entscheiden zu können. Für die Gäste aus London zählt indes nur ein Sieg, um im ersten Jahr nach der Rückkehrer von Star-Coach José Mourinho an die Meisterschaften aus seiner ersten Amtszeit (2005 und 2006) anknüpfen zu können.

 

Sein Pendant auf der Bank der Gastgeber hat es binnen zwei Jahren geschafft, den "schlafenden Riesen" Liverpool zu wecken. Rodgers, der zuvor Swansea City als ersten walisischen Klub in die Premier League geführt hatte, bildet so etwas wie das Spiegelbild zu Jürgen Klopp. Auch der Nordire verstand es, zu Saisonbeginn noch relativ unbekannte Spieler zu Höchstleistungen zu treiben und mit attraktiven Offensivfußball für Begeisterung über die Stadtgrenzen hinaus zu sorgen. Die bisherigen 96 Tore sind dafür mehr als nur ein Indiz. Es scheint so, als könnte Rodgers in Liverpool eine ähnliche Ära einleiten, wie einst Dalglish. Der Schotte führte Liverpool zwischen 1986 und 1991 zu fünf nationalen Titeln.

 

Kapitän Gerrard hat eine Vielzahl von Trainern in seiner Zeit in Liverpool kommen und gehen sehen. Von seinem jetzigen ist er besonders begeistert: ""Keiner meiner Trainer war derart stark in der Menschenführung,", lobt er Rodgers.

 

Gerrard vor endgültigem Heldenstatus


Eine Meisterschaft wäre für den Kapitän, die Identifikationsfigur und das Gesicht des Vereins der letzte Meilenstein einer großartigen Karriere - Gerrard führte Liverpool beriets 2005 zum Champions-League-Sieg, doch die nationale Meisterschaft wäre vielleicht sogar noch höher einzuschätzen.

 

Seit 1998 läuft der mittlerweile 33 Jahre alte Mittelfeldmotor für Liverpool auf. Obwohl er zeit seiner Karriere einer der populärsten englischen Fußballer überhaupt war, fehlten besonders nationale Titel in seiner Sammlung. Dem UEFA-Cup-Sieg 2001 und Champions-League-Titel 2005 stehen "nur"zwei FA-Cup-Titel (2001 und 2006) als große nationale Triümphe entgegen. Die englische Meisterschaft fehlt Gerrard auch nach 16 Profijahren noch in dessen Sammlung. Die Chance war noch nie so groß wie in diesem Jahr. Wohl auch deshalb meinten Zuschauer nach dem Sieg gegen City die ein oder andere Träne über das Gesicht des 109-fachen Nationalspielers laufen zu sehen. Besonders wäre die Meisterschaft für Gerrard wohl auch wegen ihrer Symbolträchtigkeit. 25 Jahre ist es her, dass bei der Stadionkatastrophe von Hillsborough 96 Liverpool-Fans starben - darunter auch ein Cousin Gerrards. 

 

Giggs vor Pflichtspieldebüt


In Liverpool wird von einer neuen Ära geträumt - und auch Erzfeind Manchester United hegt neue Visionen. Nach der Entlassung des glücklosen David Moyes gibt Vereins-Urgestein Ryan Giggs heute sein Pflichtspieldebüt auf der Trainerbank 'Red Devils'. Zunächst nur als Interimslösung gedacht, ist es ein offenes Geheimnis, dass der Waliser irgendwann einmal als feste Lösung auf der Trainerbank im 'Old Trafford' gilt. Gegen Norwich City soll der 40-Jährige, seit 1990 im Kader, den Schritt machen, um sein Team vor dem kompletten Desaster zu bewahren und den (Noch-)Meister zumindest noch die Europa-League-Plätze zu führen. Bei noch vier ausstehenden Spielen (Manchester hat ein Nachholspiel) und sechs Punkten Rückstand ein nicht ganz einfaches Unterfangen zu Beginn der Trainerkarriere.

 

Ex-Trainer Sir Alex Fergusson ist im Übrigen davon überzeugt, dass sein ehemaliger Schützling als Dauerläsung auf der Bank taugen würde. 

"Ich denke, er ist der Mann, den sie nehmen sollten", sagte der 72 Jahre Schotte, der vor Saisonbeginn nach 26 Jahren seinen Trainerposten bei United aufgegeben hatte, und weiter: "Ich habe ihn als 13-Jährigen verpflichtet. Er hat alle Emotionen in diesem Club erlebt - alle Höhen und Tiefen."

 

Insider gehen allerdings aus, dass Klubbesitzer Malcolm Glazer eine größere, prominentere Wahl als Cheftrainer sehen möchte. Louis van Gaal, Carlo Ancelotti oder Diego Simeone gelten in der englischen Presse demnach als Favorit auf den Trainerposten zu Beginn der neuen Saison.

 

Und dennoch: Liverpool als Meister und vielleicht doch der Beginn einer neuen Trainerära in Manchester? Uns erwartet ein vielleicht historischer Spieltag in England.

 

 

 

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