"Wir haben vier Jahre gelitten und jetzt feiern wir mit"

"Spiel, Satz und Tor" hat sich mit Anne Gellinek, der ZDF-Chefkorrespondentin in Russland, über die Olympischen Winterspiele unterhalten. Die sieht die Spiele mit gemischten Gefühlen, hat aber auch sehr viel Lob für den Gastgeber übrig. 

 

 

(ms/seko). Spiel, Satz und Tor: Frau Gellinek, am Wochenende war Halbzeit bei den Olympischen Winterspielen in Russland. Wie fällt Ihr persönliches Fazit bis jetzt aus?

 

Anne Gellinek (52): Mir fällt auf, dass die Russen in richtiger Feierlaune sind und mächtig Party machen. Sie freuen sich, dass die Spiele bis jetzt so positiv verlaufen sind und vor allem darüber, dass es für die russische Mannschaft auch sehr gut läuft. Außerdem glaube ich, dass viele russische Sportfans, die aus der Provinz nach Sotschi gekommen sind, auch überrascht sind über die gigantischen Sportstätten.

Wenn man auf die internationalen Gäste schaut, muss man bilanzieren, dass leider viel weniger ausländische Sportfans gekommen sind als angenommen. Das fällt auch mir auf. Ansonsten spielt das Wetter, mal abgesehen von den letzten zwei Tagen, gut mit und aus deutscher Sicht läuft es ja auch sehr gut.

 

SSUT: Wir fassen also zusammen, dass es alles in allem doch eine sehr positive Bilanz ist und die Spiele bisher ein Erfolg waren.

 

A.G.: Ja! Auch von den Athleten haben wir bis jetzt eigentlich durchwegs positives Feedback bekommen.

 

SSUT: Das freut uns sehr und das war in dieser Form ja auch nicht unbedingt vorhersehbar.

Sie sind seit August 2008 Leiterin des ZDF-Studios in Moskau, waren aber auch davor schon für das ZDF in Moskau tätig. Wie haben Sie die damalige Entscheidung (Juli 2007) des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) aufgenommen, Winterspiele in Sotschi auszurichten, das für Wintersportverhältnisse doch sehr warm ist und so als Wintersportort noch völlig unbekannt war?

 

A.G.: Ich habe zwar gestaunt, mich aber nicht wirklich darüber gewundert. Wenn man gesehen hat, mit welchem Elan und mit welcher Intensität sich besonders Wladimir Putin für diese Spiele eingesetzt hat, war das schon irgendwo abzusehen. Wenn Putin etwas will, bekommt er das meistens auch (lacht).

Gestaunt habe ich nicht über den Zuschlag, sondern über die Bewerbung Sotschis. Die Stadt beziehungsweise die Region war nicht bekannt für Wintersport. Da gab es einen Lift und ein Hotel. Ansonsten war da nichts. Deshalb kam die Bewerbung schon sehr überraschend und ich war auch, ehrlich gesagt, skeptisch, ob das alles rechtzeitig fertig sein würde. Außerdem bin ich nach wie vor auch nicht davon überzeugt, dass es gut war, das Tal Krasnaja Poljana völlig zuzubauen.

 

SSUT: Im Vorfeld wurde wahnsinnig viel über die Spiele diskutiert. Meistens waren das nicht unbedingt positive Themen – Menschenrechtsverletzungen, politische Verfolgung, hohe Kosten und die für Winterspiele ungewohnte Wärme bestimmten die Debatten. Innenminister Thomas de Maizière äußerte am Wochenende vor der Presse, dass die Berichterstattung zu kritisch gewesen sei. Gleichzeitig halte er aber auch eine „maßvolle Kritik“ für sinnvoll. Wie haben Sie die Debatten verfolgt?

 

A.G.: In den westlichen Medien wurden vor allem die Debatten geschildert, die sich so auch innerhalb von Russland abgespielt haben. Es ist ja nicht so, dass ich, zum Beispiel aus Mainz, die Vorgabe bekomme, „Sotschi – bitte schlecht machen“. Wir haben größtenteils wirklich die Diskussionen wiedergegeben, die so auch in Russland geführt worden sind. Das wird bei der aufkommenden Medienkritik leider sehr oft vergessen. Vor allem haben wir auch berichtet, wie die Spiele von den Menschen in Sotschi lange Zeit gesehen wurden. Die Bauarbeiten wurden sehr rigoros durchgezogen und die russische Regierung hat sich auch nicht wirklich an Naturschutzgebieten oder ähnlichem orientiert. Die Spiele sind keine „grünen Spiele“. Die gab es auch schon nicht in Peking und auch nicht in London. Das war natürlich eine gigantische Umweltzerstörung in Sotschi, die das IOC aber wohl billigend in Kauf genommen hat.

 

SSUT: Hatten Sie oder Ihre Kollegen denn in den letzten Tagen mal die Möglichkeit, abseits des Olympiageländes auch mit den betroffenen Einwohnern zu sprechen? Wie sehen die denn die Spiele in ihrer Heimat Sotschi?

 

A.G.: In Sotschi gibt es sehr viele Leute, die sagen „Wir haben die letzten vier Jahre gelitten und jetzt freuen wir uns, dass die Welt bei uns zu Gast ist, lassen es krachen und feiern mit.“ Das ist hier vor Ort und auch im Land eine ganz typische Haltung.

Ich selbst habe über die Jahre einen längeren Film gemacht, bei dem ich Leute im Laufe der Jahre immer mal wieder getroffen habe. Da ist auch eine Familie dabei, die zu Beginn der Spiele gesagt hat, dass das Schlimmste jetzt vorbei sei. Aber gleichzeitig ist die Familie nach wie vor nicht glücklich über die Spiele, weil sie sagt: „Sobald die Spiele vorbei sind, vergisst uns die Regierung wieder.“ Sie denken unter anderem auch, dass es den versprochenen Gasanschluss nie geben wird, der für die Spiele bis vor ihre Haustüre gelegt wurde, ohne das Haus aber anzuschließen. Dieses Gefühl, „wenn die Spiele vorbei sind, geraten wir wieder in Vergessenheit“, haben ganz viele Menschen in Sotschi und Krasnaja Poljana.

 

SSUT: In den Tagen vor und nach der Eröffnungsfeier wurde davon gesprochen, dass der olympische Funke noch nicht ganz auf die russische Bevölkerung übergesprungen ist. Das geht ja auch aus dem eben Gesagten hervor. Haben Sie denn trotzdem den Eindruck, dass sich das gesamte Volk in Russland inzwischen mit „seinen Spielen“ zumindest ein bisschen identifiziert hat?

 

A.G.: Für das gesamte Volk kann man das nicht sagen. Ganz einfach deshalb, weil das Land einfach so groß ist und ich das nicht pauschalisieren möchte. Aber eine große Mehrheit ist von den Spielen begeistert. Das hängt, wie schon gesagt, vor allem damit zusammen, dass die Russen viele Medaillen sammeln. Ganz wichtig wird auch sein, wie die russische Eishockeymannschaft in der Herrenkonkurrenz abschneidet. Wenn die ins Finale kommt, ist die Begeisterung und Euphorie grenzenlos. Eishockey wird in Russland als die wichtigste Disziplin angesehen.

 

SSUT: Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröder hat sich vor wenigen Tagen in der ARD-Sendung „Beckmann“ sehr positiv über Wladimir Putin geäußert. Wissen Sie, inwiefern Putin mit den Spielen bislang zufrieden ist?

 

A.G.: Ich glaube, Putin kann sehr zufrieden mit den Spielen sein. Die Bürger identifizieren sich in großer Mehrheit mit Olympia und organisatorisch läuft eigentlich auch alles perfekt. Außerdem hilft das Staatsfernsehen, das jeden Abend mit großem Patriotismus von den Geschehnissen des Tages berichtet. Wenn sich das Wetter wieder einpendelt und der Schnee nicht ganz weggetaut ist, müsste Putin sehr zufrieden sein.

 

SSUT: Ja, das Wetter in Russland kann selbst Putin nicht beeinflussen.

Beeinflussen kann er aber die Sicherheitslage. Wenige Wochen vor den Spielen wurde das Land von zwei Bombenanschlägen erschüttert. Auch, wenn kein direkter Zusammenhang zu Olympia hergestellt wurde, war die Sicherheitslage in den Tagen vor dem Start doch immer wieder ein großes Thema. Wie stark sind denn die Sicherheitsvorkehrungen auf den Olympiageländen im Vergleich zu den vorherigen Olympischen Spielen und was bekommt man davon mit?

 

A.G.: Ich persönlich kann das nicht vergleichen, weil das meine ersten Olympischen Spiele sind. Meine Sportkollegen sagen, dass die Sicherheitsvorkehrungen im Vergleich zu Vancouver und zu London nicht sonderlich schärfer, sondern ähnlich sind.

Die Sicherheitskräfte halten sich angenehm im Hintergrund, obwohl man sie trotzdem überall sieht. Vorgestern bin ich mit dem Auto nach Krasnaja Poljana zu den alpinen Wettkampfstätten hochgefahren. Da sieht man an den Straßen wirklich alle 200 Meter ein Häuschen mit Tarnnetz, in dem Soldaten sitzen und darauf achten, dass keiner eine Bombe unter die Straße legt. Das finde ich bemerkenswert. Aber das ist heutzutage bei Großereignissen eben so. Terrorgefahr gibt es immer und dafür halten sich die Sicherheitskräfte doch angenehm im Hintergrund. Das funktioniert sehr gut.

 

SSUT: Russland ist auch Austragungsort der Fußball-WM 2018. Wenn man bedenkt, dass auch die Leichtathletik-WM 2013 in Russland (Moskau) ausgetragen wurde, fällt auf, dass das Land die drei größten Massensportereignisse ausgetragen hat bzw. noch austragen wird. Was sagt die Bevölkerung zu diesem Sport-Hype, der ja durchaus auch einiges kostet?

 

A.G.: Es gibt natürlich Menschen, die sich fragen, ob das Geld in der Form gut angelegt ist. Ich glaube nicht, dass der Sport-Hype an sich kritisiert wird. Ganz im Gegenteil: Die Leute finden es gut, dass Russland Austragungsort von solch großen Ereignissen ist.

Was problematisch ist und diskutiert wird, ist die Umsetzung. Da spielt die Korruption beim Stadionbau eine große Rolle. Die ist in Russland wohl größer als anderswo. Es werden Staatsgelder „verbaut“ und Firmen meinen, dass sie von diesen Geldern einiges abzweigen können. Bei den Olympischen Spielen war es so, dass die Stadien völlig neu gebaut werden mussten. Da dachten die Firmen sich eben, man könne die Kostenvoranschläge ein bisschen höher ansetzen, und das übrig gebliebene Geld floss in die eigene Tasche. Das Problem ist in Russland allgegenwärtig und in dem Ausmaß wohl auch einmalig weltweit. Genau das – und eben nicht die Tatsache, dass die Olympischen Spiele oder eine WM in Russland ausgetragen wird – kritisieren viele Leute.

 

SSUT: Das ist für uns schön zu hören, dass nicht das Ereignis an sich polarisiert, sondern der Weg dorthin. Dass Russland als Austragungsort an sich nicht ungeeignet ist, zeigen die Olympischen Spiele ja sehr gut. Haben die Spiele denn Ihre ganz persönlichen Erwartungen bisher erfüllt und was wünschen Sie sich in den letzten Tagen?

 

A.G.: Da ich schon so lange in Russland bin, schlägt mein Herz natürlich vor allem für die Eishockeymannschaft. Insofern wünsche ich mir natürlich, dass das Team ins Finale kommt. Ich habe das Spiel gegen die USA gesehen. Ich bin natürlich keine Expertin, aber ich fand, dass die Russen durchaus noch eine Schippe drauflegen sollten. Die Amerikaner waren besonders im zweiten und dritten Abschnitt doch ziemlich überlegen. Es wäre für die Stimmung im Land einfach schön, wenn das Finale erreicht werden würde. Wenn das dann noch gewonnen wird, wäre es perfekt, aber daran glaube ich nicht wirklich.

Dann wünsche ich mir noch, dass das Wetter wieder besser wird und dass die Deutschen den ersten Platz im Medaillenspiegel verteidigen können. Aber auch das wird schwer, weil ich glaube, dass wir im zweiten Teil nicht mehr so viele Goldmedaillen holen werden.

 

SSUT: Da müssen wir uns wohl überraschen lassen und die „Daumen drücken“.

Frau Gellinek, wir bedanken uns bei Ihnen für das Gespräch und wünschen Ihnen noch ein paar schöne, spannende und stimmungsreiche Tage in Sotschi. Vielen Dank!

 

A.G.: Danke. Sehr gerne und viele Grüße nach Deutschland.

 

 

 

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