Wer übernimmt das Steuer auf dem kriselnden HSV-Kahn?

Wer könnte den Hamburger SV als Trainer aus der Krise führen? Die Chefredaktion hat sich Gedanken gemacht.

 

Von Sebastian Koch und Markus Schulze

 

Der Hamburger SV steckt in der vielleicht größten Krise seiner Vereinsgeschichte. Ein Abstieg aus der Bundesliga, der erste in der ruhmreichen Historie der Norddeutschen, könnte den Hanseaten nicht nur sportlich, sondern auch wirtschaftlich teuer zu stehen kommen.

Seit Wochen tobt deshalb ein Machtkampf in den Führungsebenen des Vereins und auch die sportliche Führung um Trainer Bert van Marwijk und Sportdirektor Oliver Kreutzer ist alles andere als unumstritten. Doch mit wem sollen die Hanseaten auf der Trainerbank in die wichtigsten Wochen der Vereinshistorie gehen? Die Chefredaktion hat den Trainermarkt sondiert und sich Gedanken über einen möglichen Neuanfang in Hamburg gemacht. Dabei tauchten einige Überraschungen auf.

 

1. Möglichkeit: Status quo - Bert van Marwijk bleibt

 

Sebastian Koch:

Man muss zugeben, die Diskussion, die in den letzten Tagen vonstatten geht, hat einen faden Beigeschmack. Schließlich ist der holländische Vizeweltmeister von 2010 immer noch in Amt und Würden. Angesichts der erschreckenden Bilanz seit seinem Amtsantritt ist das durchaus verwunderlich, denn van Marwijk stach nicht unbedingt mit Erfolgen, sondern eher mit Misserfolgen, hervor. Meiner Ansicht nach wirkt der 62-Jährige angeschlagen und von Woche zu Woche ratloser.

 

Das muss eine schnelle Freistellung van Marwijks zur Folge haben. Der Gentleman kann mit seiner sympathisch aufrichtigen Art dem HSV nicht mehr weiterhelfen. Hoffentlich sehen das die zuständigen Verantwortlichen bald ein.

 

 

Markus Schulze

Mir tut Bert van Marwijk leid. Der Holländer ist ein absolut sympathischer Typ, der auch sicherlich viel Fachverstand mitbringt. Aber solche Leute sind in Hamburg leider Gottes (zurzeit) nicht gefragt. Das, was van Marwijk durchmacht, nenne ich ja liebevoll das „Jens-Keller-Syndrom“. Der Trainer ist noch im Amt, aber gefühlt ganz Deutschland diskutiert schon über den Nachfolger. Doch vielleicht ergeht ihm genauso wie Keller - die Menschen diskutieren und diskutieren, aber letztendlich sitzt weiterhin der gleiche Mann auf der Bank.

 

Zu wünschen wäre es ihm, aber ich gehe nicht davon aus. Der Mann ist angezählt und das ausgerechnet vom vereinseigenen Präsidium. Das ist auch der Grund, warum der HSV nicht mit van Marwijk in den letzten Abschnitt der Saison geht. Etwas anderes würde einfach nicht zur aktuellen Außendarstellung passen.

 

 

2. Möglichkeit: Die Rückkehr des Heilands - Felix Magath

 

Sebastian Koch

Felix Magath - er ist so etwas wie der "Running Gag" in Hamburg. Ist die Trainerposition bei den Rautenträgern vakant - und das ist sie oft -, wird die Vereinsikone ins Spiel gebracht. In den letzten Jahren war das mehr Wunschdenken als wirkliche Realität. Nun scheint eine Rückkehr des mehrmaligen Meistertrainers tatsächlich nicht ganz ausgeschlossen zu sein. Doch passt das wirklich? Magath braucht Zeit, um ein Team zu formen. Er braucht Geld und einen offenen Transfermarkt, um ein Team zusammenzukaufen. In Hamburg hat er weder Zeit, noch hat er Geld, noch hat er Möglichkeiten für Spielereinkäufe.

 

Es besteht kein Zweifel daran, dass Magath ein Fachmann aller erster Güte ist. Es besteht meines Erachtens allerdings großer Zweifel daran, dass er dem HSV in der jetzigen Situation weiterhelfen kann.

Vielmehr darf man sich fragen, ob es nicht einfach nur der Wunsch von manch nostalgischen Fans ist, den Torschützen zum Europapokalsieg 1983 wieder in den Reihen zu sehen. Doch der HSV muss mehr denn je nach vorne - und nicht zurück - schauen.

 

 

Markus Schulze

Ich schätze Felix Magath als ganz cleveren Menschen ein, der genau weiß, was er tut. Und aus diesem Grund wird er sich den hanseatischen Sauhaufen mit Sicherheit nicht antun. Magath ist ein guter Trainer, allerdings nur mit seinem Personal, welches er sich in den Transferperioden zusammenkauft. Allerdings ist diese schon vorbei. Mit der aktuellen HSV-Mannschaft wäre ein Klassenerhalt in der Verfassung nur schwer zu realisieren. Das sieht auch „Quälix“ und lehnt den Trainerposten dankend ab. Eine Einstellung im Sommer halte ich allerdings für durchaus realistisch, auch wenn dies im administrativen Bereich sprich der Managerposition passieren sollte.

 

 

3. Möglichkeit: Der Sunnyboy - Mirko Slomka

 

Sebastian Koch

Mirko Slomka ist ein exzellenter Trainer, daran besteht kein Zweifel. Ich bezweifel aber sehr wohl, dass er den Hamburgern weiterhelfen kann. Slomka ist, ähnlich wie van Marwijk, ein Trainer der Marke "Gentleman". Der ehemalige Hannover-Coach lacht gerne und sammelt Sympathien bei Fans über seine Klubgrenzen hinaus. Da stellt sich aber die Frage, ob Slomka die große Veränderung zu van Marwijk wäre. Außerdem kommt hinzu, dass Slomka in dieser Saison bereits entlassen wurde und in dieser Spielzeit alles andere als das "Winnergen" verkörpert, das der HSV jetzt so dringend braucht. Des Weiteren ist Slomka nicht unbedingt ein Lautsprecher und würde Gefahr laufen, von den derzeitigen Vorstandsquerelen zermürbt zu werden. Nein, Slomka passt im Moment einfach nicht zum HSV.

 

 

Markus Schulze

Ich bin ein absoluter Fan von Mirko Slomka und seiner Arbeit in der Bundesliga. Liebend gerne hätte ich ihn noch bei Hannover 96 im Amt gesehen. Aber wer weiß, vielleicht landet er ja jetzt beim anderen HSV. Slomka hat schon einmal bewiesen, dass er eine Mannschaft in schwieriger Lage aus dem Schlamassel führen kann. In Hannover war die Situation nach dem Tod von Robert Enke weitaus komplizierter. Dennoch sicherte er den Niedersachsen letztendlich den Klassenerhalt. Die Situation bei den Hamburgern ist natürlich so nicht zu vergleichen, aber Slomka bringt neben fachlicher Qualität auch die Komponente des Psychologen mit. Diese wird bei den Hanseaten mehr denn je gebraucht. „Selbstvertrauen“ ist zurzeit ein Fremdwort in den Katakomben der Imtech-Arena. Die Mannschaft wirkt nach den letzten Spielen total verunsichert. Der 46-Jährige kann das Team aus dem Tief rausführen und für sportlich bessere Zeiten sorgen. In meinen Augen der perfekte Mann für den HSV! Mirko, mach es!

 

 

4. Möglichkeit: Der Norddeutsche vom Erzrivalen - Thomas Schaaf

 

Sebastian Koch

Thomas Schaaf ist ein renommierter Bundesliga-Trainer. Da liegt es nahe, dass sein Name bei freien Trainerstellen immer wieder genannt wird. Aber mal ehrlich, wer glaubt denn wirklich, dass Schaaf zum HSV geht? Schaaf war Werder Bremen und Werder Bremen war Schaaf. Nein, den Meistertrainer in die Verlosung zu bringen, ist in meinen Augen Schwachsinn. Kevin Großkreutz wechselt ja auch nicht zu Schalke 04. Mal ganz abgesehen davon, arbeitete Schaaf zu Bremer Zeiten in weitaus ruhigeren Gewässern, von denen die Hamburger in der momentanen Lage so weit entfernt sind, wie der Nord- vom Südpol.

 

Markus Schulze

Ein typisches Symptom für das schon oben angesprochene „Jens-Keller- Syndrom“ sind Spekulationen um die Anstellung von Thomas Schaaf. Das war damals bei Schalke der Fall und so ist es auch dieses Mal. Doch ist der besonnene Mannheimer der richtige Mann für den Job beim Pulverfass HSV? Ich glaube nicht. Der Verein braucht jemanden, der richtig dazwischenhaut. Und das nicht nur innerhalb der Mannschaft, sondern auch in der Außendarstellung. Genau das passt einfach nicht zu Schaaf. Zudem kann ich mir schwer vorstellen, dass er nach so langer Zeit bei Werder Bremen die Seiten wechselt und beim „bösen“ Hamburger SV anheuert. Nein, ich halte nichts von dieser Variante, aber die Hanseaten wissen ja immer zu überraschen.

 

 

5. Möglichkeit: Der Rückkehrer aus der Rente - Hans Meyer

 

Sebastian Koch

Endlich darf auch ich mal einen möglichen Namen für gut heißen. Es mag auf den ersten Blick vielleicht komisch klingen, aber ich glaube durchaus, dass der knorrige Hans Meyer in Hamburg kurzfristigen Erfolg haben könnte. Der 71-Jährige gehört zu den erfahrensten Trainer, die Fußball-Deutschland besitzt und hat sich in seiner langen Karriere schon öfter als Feuerwehrmann bewiesen. Außerdem ist Meyer ein Draufgänger und könnte sich auch innerhalb des Klubs in kürzester Zeit größtmöglichen Respekt verschaffen. Wer Meyers Karriere verfolgt hat, der weiß, dass der mit (sportlich) kleineren Teams viel Erfolg hatte. Dabei war es ihm egal, ob er dem ein oder anderem Spieler mal zu sehr auf die Füße getreten ist. Meyer verkörpert das, was der HSV jetzt braucht: Erfahrung im Abstiegskampf, Souveränität und Durchsetzungsvermögen. Ganz nebenbei könnte die Presse in Hamburg mal wieder über den ein oder anderen Spruch Meyers schreiben und die Mannschaft wäre etwas aus dem Schussfeld gerückt.

 

Es fragt sich aber, ob sich Meyer das scheinbare Himmelfahrtskommando antun will und seine Präsidiumsmitgliedschaft bei Borussia Mönchengladbach zumindest kurzzeitig aufgeben könnte. Für den HSV wäre Meyer eine kurzzeitige Lösung, die im Sommer im Klassenerhalt enden könnte. Danach würde mit einem neuen Trainer ein Neuanfang beginnen.

 

 

Markus Schulze

Hans Meyer ist Kult! Hans Meyer spricht Klartext! Hans Meyer ist ein Feuerwehrmann! Das alles sind Komponenten, die mich hoffen lassen, dass der HSV diesen zugegebenermaßen verrückten Versuch startet. Hertha BSC und Borussia Mönchengladbach hat er bereits vor dem Abstieg gerettet, doch tut er sich auch nochmal den HSV an? Nein! Mit 71 Jahren hat der Mayer genug erlebt im bizarren Fußballgeschäft. Derzeit ist er Präsidiumsmitglied bei den Gladbachern und dort läuft es ja bekanntlich sehr gut. Warum sollte er diese Position aufgeben? Es hätte durchaus einen Reiz, Meyer bei den Hamburgern zu sehen. Allein die Pressekonferenzen würden mit Sicherheit (wieder) Kultstatus erlangen. Doch in Mönchengladbach sitzt man deutlich bequemer. Zudem wäre der HSV gar nicht auf eine solch gute Idee gekommen!

 

 

6. Möglichkeit: Ein Novize als unbeflecktes Blatt - Stefan Effenberg oder Mehment Scholl

 

Sebastian Koch

Ach, wäre das schön. Der Hamburger SV beweist endlich mal wieder Kreativität bei der Besetzung des Trainerposten und holt ein völlig unbeschriebenes Blatt. Der führt den taumelnden Riesen zum Klassenerhalt und ganz Hamburg huldigt Trainer und Vorstand.

Rumms - willkommen in der Realität: Natürlich kann ein solches Experiment gutgehen und natürlich gab es in jüngster Vergangenheit auch immer wieder erfolgreiche Einstände von Trainerneulingen. Thomas Doll begründetediesen Trend vor vielen Jahren sogar beim HSV. Aber mal ganz ehrlich - wer ist denn so verrückt und tritt zur jetzigen Zeit als unbeschriebenes Blatt einen Trainerposten in Hamburg an? Und wer glaubt wirklich, dass der angezählte Vorstand in Hamburg in der jetzigen Situation ein solches Risiko eingeht? Das wäre eine schöne Geschichte, ist aber reinste Fiktion. Scholl und Effenberg sind ambitionierte Ex-Profis, die auch als Trainer erfolgreich sein wollen. Das Risiko, mit einem Abstieg in die Bundesliga-Trainerkarriere zu starten, ist auch ihnen zu hoch.

 

 

Markus Schulze

Mittwoch, der 12. Februar 2014. 22.40 Uhr. Mehmet Scholl analysiert als TV-Experte die Pokalbegegnung zwischen dem Hamburger SV und dem FC Bayern München. Da kam mir die glorreiche Idee, dass Scholl mit Sicherheit den Hamburger Karren aus dem Dreck ziehen könnte. Ahnung vom Fußball hat er mit Sicherheit. Bei den Amateuren des FC Bayern München sammelte er schon erste Erfahrungen. Doch vor allem schätze ich seine knallharten, aber meist zutreffenden Analysen. Scholl ist jemand, der Klartext spricht. Das fehlt dem HSV zurzeit! Ein Mann, der dem stümperhaften Vorstand Paroli bieten kann. Gemeinsam mit Mirko Slomka wäre er mein absoluter Lieblingskandidat. Ob Scholl es wirklich machen würde, ist natürlich fragwürdig. Es ist doch um einiges angenehmer im wohltemperierten TV-Studio.

 

Bei Stefan Effenberg bin ich, was seine Eignung angeht, schon etwas skeptischer. Ich kann mir nicht vorstellen, dass „Effe“ die Nerven dazu hat, bei den Hanseaten anzufangen. Das wäre eine ganz undankbare Stelle für den ersten Trainerjob. Und auch er ist derzeit als TV-Experte bei den Kollegen von Sky tätig und macht sich dort gut. Da soll er erstmal bleiben. Es kommen mit Sicherheit Stellenangebote mit deutlich ruhigeren Arbeitsklima.

 

 

7. Möglichkeit: Vom Marmarameer an die Elbe - Christoph Daum

 

Sebastian Koch

Die Vorstellung hätte was - das Kölner Aushängeschild Christoph Daum beim närrischen HSV-Vorstand im Arbeitszimmer zur Vertragsunterzeichnung. In der Tat wäre der auch manchmal unangenehme Daum meines Erachtens ein Mann, der den Hamburgern nicht nur kurz-, sondern auch langfristig weiterhelfen könnte. Ob es dazu kommt, halte ich aber für unrealistisch. Daums letzte Trainerstation in Deutschland endete im Frankfurter Abstieg. Daher kann ich mir nicht vorstellen, dass sich der ehrgeizige Daum zum zweiten Mal als Feuerwehrmann versucht. Außerdem müsste der 60-Jährige aus einem Vertrag mit dem türkischen Klub Bursaspor freigekauft werden. Das Geld hat der HSV zur Zeit nicht. Daum ist eine völlig utopische Lösung.

 

 

Markus Schulze

Christoph Daum? Wirklich? Der Mann hatte durchaus Erfolge im deutschen Fußball zu verzeichnen, aber das war noch vor der Jahrtausendwende! Die Ausnahme bildet natürlich der Aufstieg mit dem 1. FC Köln. Seitdem verdient er sein Geld vermehrt bei türkischen Vereinen und sein Versuch, die Frankfurter Eintracht vor der Zweitklassigkeit zu bewahren, scheiterte zuletzt. Daum ist kein Feuerwehrmann und zudem sitzt er derzeit fest bei Bursaspor im Sattel. Er hat keinen Grund, aus der warmen Türkei ins unbehagliche Hamburg zu wechseln.

 

 

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