"Habe mich manchmal wie ein Zuschauer gefühlt" - die Titelverteidigerin ist ausgeschieden

Zum ersten Mal in der Geschichte der Australian Open steht weder in der Herren- noch in der Dameneinzelkonkurrenz der Titelverteidiger im Halbfinale. Derweil hat Rafael Nadal ein frühes Aus mit Mühe abgewendet. Im Topspiel lieferten sich Roger Federer und Andy Murray einen erbitterten und zum Teil hochdramatischen Kampf.

 

Von Sebastian Koch

 

Rumms - das muntere Favoritensterben bei den Australian Open setzte sich auch am Mittwoch fort und dieses Mal erwischte es auch bei den Damen die Titelverteidigerin. Nachdem am Vortag Novak Djokovic bei den Männern ausgeschieden ist, musste heute Viktoria Azarenka gegen die Polin Agnieszka Radwanska die Segel streichen. Eine historische Niederlage, denn in der Open-Era-Geschichte, also seit 1968, sind bei einem Grand-Slam-Turnier erstmals beide Titelverteidiger in den Einzelkonkurrenzen vor den Halbfinals ausgeschieden.  

 

"Eines meiner besten Grand-Slam-Matches"

 

Dementsprechend bedient zeigte sich die Weißrussin nach der deutlichen 1:6, 7:5, 0:6 - Niederlage gegen die polnische Weltranglistenfünfte: "Es ist nicht das Ende der Welt, aber ich bin nicht glücklich darüber, wie ich heute gespielt habe",  bilanzierte die 24-Jährige, die als Weltranglistenzweite nach dem Aus von Williams als Topfavoritin auf den Titel galt. Für Azarenka war es die erste Niederlage in Melbourne seit etwas mehr als drei Jahren.

 

Radwanska, die zuletzt dreimal in Folge in Melbourne im Viertelfinale ausgeschieden war und dort erstmals im Halbfinale steht, bezeichnete ihr Spiel gegenüber tennisnet.com als eines ihrer "besten Grand-Slam-Matches". Eine Tatsache, die auch ihre weißrussische Konkurrentin anerkannte und eingestand: "Sie hat alles ein bisschen besser gemacht als ich. Da habe ich mich manchmal wie ein Zuschauer gefühlt."

 

Neue Titelträgerin gesucht

 

Im Halbfinale trifft Radwanska auf die Slowakin Dominika Cibulkova, die Simona Halep beim 6:3, 6:0 - Erfolg nach Belieben dominierte. Dabei wirkte die Rumänin, die im Turnierverlauf unter anderem Jelena Jankovic bezwingen konnte, müde und musste wohl den harten Bedingungen der ersten Woche Tribut zollen: "Ich habe den Ball nie gespürt. Ich konnte meinen Körper nicht bewegen.", klagte die 22-Jährige, die ab Montag erstmals in den Top-Ten der WTA-Rangliste geführt werden wird, gegenüber tennisnet.com.

 

Im zweiten Halbfinale stehen sich die Kanadierin Eugenie Bouchard und Na Li gegenüber. Die Chinesin ist gemäß der Setzliste nun die Top-Favoritin. Auf Grund des bisherigen Turnierverlaufs ist es aber nicht sicher überliefert, ob sich die zweimalige Australian-Open-Finalisten über diesen Status freuen wid. Sicher überliefert ist jedoch, dass sich bei den 102. Australian Open eine neue Titelträgerin in die Siegerliste eintragen werden wird. Eventuell wird eine Spielerin sogar ihren ersten Grand-Slam-Titel überhaupt feiern - nur Li gewann bislang ein Grand-Slam-Finale.

 

Nadal wieder mit Mühe

 

Ganz so schlimm wie bei den Damen erwischte es die Favorten in der Herrenkonkurrenz noch nicht. Bislang musste sich bis heute nur Titelverteidiger Novak Djokovic aus dem Turnier verabschieden. Doch auch Branchenprimus Rafael Nadal hatte gegen den Bulgaren Grigor Dimitrov heute einige Mühe. Am Ende setzte sich der Mallorquiner zwar in vier Sätzen durch, war beim 3:6, 7:6, 7:6, 6:2 aber besonders in den beiden Tie-Break-Sätzen dem Ausscheiden teilweise näher als dem Halbfinaleinzug. So musste Nadal im dritten Satz gleich drei Satzbälle des bulgarischen Shootingstars abwehren, dem er nach der Partie entsprechend Respekt und Anerkennung zollte: "Wenn er weiter so spielt, dann kommt er ganz nach vorne." Nadal hatte schon im Achtelfinale beim 7:6., 7:5, 7:6 - Erfolg gegen Kei Nishikori viel Mühe und dürfte vor dem Halbfinalkracher gegen Roger Federer in den letzten beiden Spiele einige Kräfte gelassen haben. Im zweiten Halbfinale treffen Tomas Berdych und Stanislas Wawrinka aufeinander.

 

Immerhin mehr als dreieinhalb Stunden hatte Dimitrov dem spanischen Weltranglistenersten alles abverlangt. Letztlich aber vergeblich. Nach dem Match würdigte der bitter enttäuschte 22-Jährige Nadal als den momentan "besten Spieler" und gestand: "Ja, es gab ein paar Tränen, so eine Niederlage muss weh tun und das tut sie."

 

Wir dürfen wohl sicher sein, dass Dimitrov bereits naher Zukunft weitere Chancen bekommen wird, Nadal Paroli zu bieten. Das Ergebnis ist nach Dimitrovs heutigem Auftritt dann wieder völlig offen.

 

Federer muss trotz Matchbällen in den vierten Satz

 

Im zweiten Viertelfinale setzte sich der Schweizer Federer gegen Andy Murray in einer hochklassigen und teilweise dramatischen Partie mit 6:3, 6:4, 6:7, 6:3 durch und darf weiter von seinem fünften Australian-Open-Titel träumen. Im Halbfinale gegen Nadal dürfte Federer, auf Grund des bisherigen Turnierverlaufs, sogar als leichter Favorit gelten.

 

Dabei hätte Federer wichtige Kräfte sparen und den vierten Satz umgehen können. Beim Stand von 4:3 im dritten Satz holte sich der Schweizer das vermeintlich vorentscheidende Break, vermochte es dann allerdings nicht, seinen eigenen Service durchzubringen. Doch damit nicht genug - der Routinier vergab im Tie-Break beim Stand von 6:4 sogar zwei Matchbälle und verlor die Satzverlängerung schließlich mit 6:8.

 

"Ich bin ein Typ, der viele Breakchancen versemmelt", zeigte sich Federer nach einem kräfteraubenden Spiel mit vielen langen Ballwechsel selbstkritisch, nachdem er im vierten Satz erst nach neun (!) vergebenen Chancen das entscheidende Break holen konnte. Murray hatte dagegen im ganzen vierten Satz nicht einmal die Chance, Federer zu breaken. Im Halbfinale gegen Nadal erwartet der Schweizer ein "gutes Match", das "hart und brutal" sein wird. Na dann, viel Spaß...

 

Zverev bei den Junioren im Viertelfinale

 

Derweil hat der deutsche Jungstar Alexander Zverev in der Juniorenkonkurrenz problemlos das Viertelfinale erreicht. Der 16-jährige Junioren-Weltranglistenerste hatte beim 6:2, 6:3 - Erfolg gegen den Brasilianer Marcelo Zormann da Silva deutlich weniger Probleme als noch eine Runde zuvor, in der er kurz vor dem Ausscheiden stand. Davon war Zverev heute weit entfernt und zeigte sich gegenüber tennisnet.com dementsprechend glücklich: "Heute war alles besser als gestern. Aufschlag, Vorhand, Return." Nächster Gegner Zverevs ist der an Position elf gesetzte Südkoreaner Hyeon Chung.

 

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