"Aufstecken ist nicht meine Art" - Joachim Deckarm wird 60

Der ehemalige Nationalspieler galt zu aktiven Zeiten als einer der besten Handballer der Welt und wurde 1978 zusammen mit Heiner Brand Weltmeister. Nach einem Zusammenprall während eines Europapokalspiels fiel Deckarm 131 Tage ins Koma und kämpfte sich zurück ins Leben. Morgen feiert "Jo" seinen 60. Geburtstag.

 

Von Sebastian Koch

 

Es war eine scheinbar alltägliche Szene, die am 30. März 1979 das Leben des Joachim Deckarm komplett auf den Kopf stellte - die Mannschaft des damals wahrscheinlich besten Handballvereins der Welt, dem VfL Gummersbach, fängt im Europapokal-Halbfinalrückspiel gegen den ungarischen Verein Tatabánya KC einen langen Pass ab. Im Gegenangriff prallt der damals vielleicht beste Spieler der Welt mit seinem Gegenspieler Lajos Pánovics zusammen, schlägt mit dem Kopf auf den Betonboden auf und bleibt dort bewusstlos liegen.

 

131 Tage Koma und der Kampf zurück ins Leben

 

Für Joachim "Jo" Deckarm ist diese Szene die letzte Aktion seiner so hoffnungsvollen Sportkarriere. Mit gerade einmal 25 Jahren wurde Deckarm schon dreimal deutscher Meister, zweimal Europapokalsieger, absolvierte darüber hinaus 104 Länderspiele und war maßgeblich am Weltmeistertitel Deutschlands 1978 beteiligt.

 

Deckarm zog sich an jenem Tag einen doppelten Schädelbasisbruch, mehrere Gehirnquetschungen, ein schweres Schädel-Hirn-Trauma, sowie einen Riss der Hirnhaut zu und lag nach dem Unfall über vier Monate - insgesamt 131 Tage - im Koma. Nach dem Unfall ist Deckarm ein Pflegefall, sein Leben scheinbar zerstört. Das Gehirn des Mathematikstudenten ist auf den Stand eines Vierjährigen zurückgeworfen, Deckarm kann weder sprechen noch laufen.

 

Doch der ehemalige Rückraumspieler hat sich ins Leben zurückgekämpft, hat das Sprechen  wiedererlent und kann inzwischen kurze Strecken sogar ohne Hilfe laufen. Am morgigen Sonntag wird Deckarm 60 Jahre alt und ist über den Sport hinaus ein Idol - und das nicht (nur) wegen seiner Erfolge.

 

Deckarm gibt mit seinem Lebensmut Menschen Kraft. Eventuell auch ganz aktuell denen, die unter anderem die Krankengeschichte von Michael Schumacher intensiv mitverfolgen und mit diesem hoffen und bangen.

 

Das macht auch Deckarm, der laut eigener Aussage an eine Genesung des Formel-1-Redkordweltmeisters glaubt. "Jawohl, der schafft das!", soll Deckarm zu Freunden und Verwandten gesagt haben, als diese ihn auf dem ebenfalls wegen eines Schädel-Hirn-Traumas im Koma liegenden Schumachers angesprochen haben.

 

200 Meter ohne Hilfe

 

Überhaupt ist die Geschichte Deckarms eine, die Mut macht und fasziniert. Der Weltmeister scheut trotz seiner Beeinträchtigungen die Öffentlichkeit nicht in dem Maße, wie man es erwarten könnte. Er erlernte mit Mitte 20 wieder sprechen, essen, laufen und denken und sagte trotzdem jüngst gegenüber handball-world.com:  "Ich glaube, dass ich ein gutes Leben führe." 

 

An den Unfall kann sich Deckarm nicht mehr erinnern und möchte auch Videos, Filme und Bilder darüber nicht sehen. Viel lieber möchte Deckarm im Hier und Jetzt leben, auch, wenn er Spiele nicht verfolgen kann. Die sind zu schnell für ihn. 

 

Dafür pflegt er die Kontakte zu seinen ehemaligen Kameraden, wie etwa zu Heiner Brand. Der Ex-Bundestrainer bekam im November 2011 von der Deutschen Sporthilfe für seinen Einsatz und die Hilfe für Deckarm den "Joachim-Deckarm-Preis" verliehen und gilt als einer der engsten Vertrauten und Freunde des Saarländers. "Es ist großartig, was Jo aus sich gemacht hat.", sagte der Weltmeistertrainer von 2007, anlässlich der Jubiläumsfeier seines Freundes.

 

"Jo" - so dürfen ihn seine engsten Freunde nennen. Das sind in der Großzahl die, mit denen Deckarm 1978 in Dänemark sensationell Weltmeister geworden ist. Noch heute treffen sich die Helden von damals regelmäßig und Deckarm fühlt sich nach eigener Aussage in diesem Kreis am wohlsten.

 

Heute lebt er in einem Pflegeheim in der Nähe von Saarbrücken, wo in der Woche knapp 20 Stunden trainiert wird - unter anderem auch Schwimmen und Radfahren, aber auch alltägliche Dinge, wie beispielsweise das Sprechen und Laufen. "200 Meter ohne Hilfe, das ist mein Rekord im Gehen", berichtete Deckarm vor wenigen Tagen stolz gegenüber "Welt online".

 

"Aufstecken ist nicht meine Art"

 

Deckarm ist eine Frohnatur, die sich trotz seines schweren Schicksalsschlag ins Leben zurückgekämpft und neuen Lebensmut gefunden hat. Dafür ist er zu beglückwünschen und zu bewundern. "Aufstecken ist nicht meine Art.", sagte Deckarm im "Welt"-Gespräch.

 

"Spiel, Satz und Tor" wünscht Joachim Deckarm alles Gute zum Geburtstag und viel Glück auf seinem weiteren (Genesungs)Weg.     

 

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