"Vielleicht trauen sich jetzt mehr Leute!"

Im Interview mit uns spricht Sven Wolf, der Homosexuellenbeauftragte des Badischen Fußballverbandes, über die Folgen des Coming-Outs von Thomas Hitzlsperger und seine eigenen Erfahrungen in Bezug auf Homosexualität und Fußball.

(ms/seko). Spiel, Satz und Tor: Mit Thomas Hitzlsperger hat sich heute Morgen der erste wirklich prominente Fußballer zu seiner Homosexualität bekannt. Wie haben Sie davon erfahren und darauf reagiert?    

 

Sven Wolf (33): Der Radiosender BadenFM hat mir eine Interviewanfrage geschickt und mich auf diesem Wege informiert. Ich selbst war noch mit dem Auto unterwegs und habe mich danach natürlich intensiv damit beschäftigt. Es war für mich überraschend und ich sehe das natürlich als sehr positiv an. Herr Hitzlsperger hat mit dem Schritt großen Mut bewiesen und jeder muss selbst entscheiden, wann er diesen Schritt geht. Deshalb kann ich auch die Leute nicht verstehen, die kritisieren, dass er das erst nach seinem Karriereende getan hat. Und ich hoffe, dass der heutige Tag auch ein Zeichen für jene schwule Spieler ist, die sich verstecken und sich nun trauen könnten, ein Coming-Out zu wagen.    

 

SSUT: Ja genau das ist die Frage - wie wichtig war dieses Coming-Out von Hitzlsperger?    

 

S.W.: Das kann man pauschal nicht sagen, sondern muss man differenziert betrachten. Ich denke, für ihn persönlich war es enorm wichtig, um diesen Druck loszuwerden. Und natürlich war es auch für die homosexuellen Sportler wichtig, die sich nicht trauen oder noch nicht getraut haben, reinen Tisch zu machen. Und nicht vergessen sollten wir auch die Gruppen, die bis heute das Thema "Homosexualität im Fußball" leugnen und ignorieren. Da hat Thomas Hitzlsperger ein unschätzbar großes Zeichen gesetzt und das Thema ganz oben an die Öffentlichkeit gebracht. Aber ganz besonders ist das Coming-Out natürlich ein Meilenstein, was das Thema "Fußball und Homosexualität" angeht. Das muss man definitiv so sehen.    

 

SSUT: Gerade in Bezug auf Profifußball - was für ein Kraftakt ist ein Coming-Out für einen Menschen wie Thomas Hitzlsperger?    

 

S.W.: Der Druck im Fußball ist natürlich der größte von allen Sportarten. Das ist unbestritten. Speziell bei Auswärtsspielen, das weiß natürlich Hitzlsperger, sind zigtausend anonyme Stimmen und Rufe, die beleidigend und erniedrigend auf einen wirken. Da ist es auch egal, ob du in der Bundesliga, der Nationalmannschaft oder im Ausland spielst. Nicht unterschätzt werden, darf auch der Druck auf und von den Mitspielern. Dazu kommen Familie und Bekannte. Da prasseln einige Dinge auf einen ein und das ist eine schwere Situation.  

Ich selbst bin ja auch schwul, habe mich allerdings schon mit 19 Jahren geoutet. Aber der Druck war auch damals schon da und wird immer da sein. Egal, ob Hobbyfußballer, Profi oder ganz "normaler" Mensch. Gerade deswegen gebührt Herrn Hitzlsperger der Respekt, weil er sich auch noch als Erster auf dem Niveau geoutet hat.    

 

SSUT: Sollte ein aktiver Fußballer zu seiner Homosexualität stehen?    

 

S.W.: (denkt nach). Natürlich sollte er dazu stehen. Aber derjenige muss selbst wissen, ob er in seinem Umfeld, in seinem Verein, mit seinen Mitspielern und seinen Funktionären damit umgehen und leben kann. Wenn er dann sagt, so wie es Hitzlsperger leider beschrieben hat, dass das nicht geht, dann würde ich ihm davon natürlich abraten. Aber die Frage kann ich nicht allgemeingültig beantworten, weil sie von Fall zu Fall verschiedene Antworten hat. Jeder Spieler muss für sich entscheiden, ob er bereit ist, den Druck auf sich und das Risiko in Kauf zu nehmen, dass damit eventuell auch das Karriereende droht. Wenn sich ein Aktiver outet, wäre das ein weiterer großer Meilenstein. Und wenn sich dann wirklich jeder tolerant zeigt, wäre alles wunderbar. Aber davon sind wir weit entfernt.

Hitzlsperger bekommt jetzt zwar gesagt, "wir unterstützen dich", aber genau das muss jetzt erst noch bewiesen werden. Es ist schlicht und ergreifend falsch, pauschal zu einem Coming-Out zu raten oder davon abzuraten.     

 

SSUT: Also keine ganz leichte Situation und pauschal ist es schwer, etwas zu empfehlen. Wie war es bei Ihnen? Sie haben sich mit 19 Jahren geoutet. Wie waren die Reaktionen darauf?    

 

S.W.: Unterschiedlich. Für meinen Vater war das erste Jahr danach zum Beispiel sehr schwer. Der hatte damit zu kämpfen, wobei bei ihm nicht das Schwulsein an sich das Problem war, sondern die Probleme, die er dadurch für mich gesehen und befürchtet hat. Was sagen die anderen Leuten über mich, was machen sie mit mir? Nach einem Jahr hat er gemerkt, dass das doch gar nicht so schlimm ist und sich mit der Situation abgefunden. Es hat jeder in meinem Umfeld gewusst. 

Ich bin beim VfR Mannheim seit Jahren in verschiedenen Funktionen tätig und seit einem Jahr Geschäftsführer. Und da weiß mittlerweile natürlich auch jeder über meine Homosexualität Bescheid. Auch zu Beginn meiner Zeit beim VfR, als ich noch Stadionsprecher war, war das bekannt oder wurde natürlich bekannt. Es gab auch nie irgendwelche Probleme, wie es mein Vater befürchtet hatte. Das war in dem Sinne nie ein Thema. Auch deshalb, weil ich seit jeher sehr offen und selbstbewusst damit umgehe. Und als das mein Vater das gemerkt hatte, kam er auch auf mich zu und hat mir die Tür geöffnet, sage ich jetzt mal. Heute ist das in meinem Umfeld im Sinne eines Problems gar kein Thema mehr. Aber nochmal: Ich hatte da Glück, das nicht jeder hat. Mannheim ist eine mittelgroße Stadt, aber auf dem Land können die Voraussetzungen ganz viel schlechter sein. Das möchte ich gar nicht beschönigen oder verleugnen. Da kann einiges auf einen zukommen, egal wie selbstbewusst und offen man damit umgeht. Deshalb muss sich jeder Betroffene selbst mit seinem ganz eigenen Coming-Out auseinandersetzen und Für und Wider abwägen.                 

 

SSUT: Sie haben sich beim VfR Mannheim vom Stadionsprecher zum Geschäftsführer hochgearbeitet. Gab es in all den Jahren denn nie irgendeine Art von Anfeindungen gegenüber Ihrer Person - speziell aus gegnerischen Fanlagern?    

 

S.W.: Nein, die gab es zu keiner Zeit. Nie. Ich bin seit 15 Jahren beim VfR, davor war ich beim TSV Viernheim Stadionsprecher und musste in den insgesamt knapp 20 Jahren im Fußball eigentlich nie mit Beschimpfungen oder Beleidigungen leben. Mich und meine Geschichte kennen in der Mannheimer Region mittlerweile fast alle Fußballclubs und deren Verantwortliche. Außerdem bin ich beim Badischen Fußballverband der Ansprechpartner für Homosexualität und allgemein akzeptiert.    

 

SSUT: Thema VfR Mannheim und Homosexualität. Da kommen wir zu einer tollen Sache, bei der Ihr Verein mitgewirkt hat. Der VfR hat, unter anderem auch mit Bayern München und Hannover 96, die "Berliner Erklärung" unterschrieben. Wie kam der VfR dazu und was hat es damit auf sich?    

 

S.W.: Ich habe damals, auch zum Thema Homosexualität, ein Interview gegeben und habe dieses anschließend Markus Urban auf dessen Facebook-Seite gepostet. Urban ist einer der etwas bekannteren Fußballer, die sich geoutet haben und darüber ein Buch geschrieben haben. So kam der Kontakt zu Herrn Urban zu Stande, der mich dann letztes Frühjahr zur "Berliner Erklärung" geführt hat. 

In dieser Erklärung haben sich Verantwortliche von Vereinen und Verbänden zu mehr Offenheit und Transparenz zum Thema Homosexualität und gegen Homophobie ausgesprochen. Das wurde dann gemeinsam mit der damaligen Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger präsentiert. So kam der VfR Mannheim in diesen Kreis und war der erste Amateurverein, der die Erklärung unterzeichnet hat. Mittlerweile sind wir auch zum Glück nicht mehr der einzige Amateurverein.    

 

SSUT: Sie haben vorhin schon einmal kurz angesprochen, dass Sie sich auch für den Badischen Fußballverband engagieren und dort als Ansprechpartner für Homosexualität fungieren. Was müssen wir uns darunter vorstellen, wie sieht Ihre Arbeit in der Position aus?   

 

S.W.: Im Zuge dieser "Berliner Erklärung" ist der Präsident des BFVs, Ronny Zimmermann, auf mich zugekommen und hat mir gesagt, dass der Verband gerne einen Ansprechpartner für Betroffene installieren möchte und ich dafür, auf Grund meiner eigenen Geschichte, geeignet wäre. Ich soll einfach ein Anlaufpunkt für Leute sein, die, wie Thomas Hitzlsperger, kurz vor ihrem Coming-out stehen und Rat oder Hilfe suchen. Genauso gibt es Leute, die noch gar nicht an ein Coming-Out denken, sondern einfach mal reden wollen. Das ist die eine Seite.

Auf der anderen Seite soll ich auch die Menschen beraten, die indirekt von Homosexualität betroffen sind. Sprich: Ein Spieler kommt zum Trainer und vertraut sich ihm an. Der Trainer weiß aber nicht, wie er reagieren und in Zukunft damit umgehen soll.  

Ich bin also nicht nur Ansprechpartner für Homosexuelle, sondern auch für diejenigen, die nicht wissen, wie sie einem homosexuellen Teamkameraden oder Trainer begegnen sollen. Und es ist egal, ob Mann oder Frau, Spieler oder Schiedsrichter, Trainer oder Funktionär.

Ich stehe dabei auch mit dem Berliner Fußballverband in engem Kontakt. Der Verband hat schon eine Broschüre nur für Schiedsrichter herausgebracht und druckt jetzt eine für Funktionäre. Da schaue ich, was unser Verband übernehmen könnte und organisiere Aktionen, um das Thema im Fußball gesellschaftsfähig zu machen.    

 

SSUT: Und wie ist die Resonanz unter den Mannschaften auf diesen Posten?    

 

S.W.: Es gab neulich einen Fall, in den ich involviert war, wo es einige Sachen zu klären gab. Ansonsten ist die Stelle ja aber noch relativ neu und dementsprechend gibt es noch nicht den großen Ansturm. Im Moment läuft noch vieles intern ab. Wir planen vom Verband her einige Dinge, um auf meine Person und die Stelle aufmerksam zu machen.  Wichtig ist, dass es einen Ansprechpartner gibt und der Verband und ich werden in naher Zukunft verstärkt darauf hinweisen und Veranstaltungen durchführen. Die Chance ist auf jeden Fall da.

Und wer weiß, was Hitzlsperger heute ins Rollen gebracht hat und ob sich jetzt mehr Fußballer in den oberen Bereichen trauen, sich zu outen. Das würde einen Impuls in die unteren Klassen geben. Und dann trauen sich vielleicht mehr Leute, diesen Schritt zu gehen und ich bekomme mehr Arbeit (lacht).    

 

SSUT: Eine tolle Sache, die es auf jeden Fall zu unterstützen gilt. 

Kommen wir nochmal auf den Spitzensport zurück. Hitzlsperger hat sich genau einen Monat vor den Winterspielen in Sotschi geoutet. Wie sehen Sie die Situation in Russland in Bezug auf sexuelle Freizügigkeit?    

 

S.W.: Das ist ein leider sehr unschönes Thema, das ja schon seit Wochen brandaktuell ist. Und im Moment wird sehr viel Propaganda betrieben. Das zeigen die Freilassungen von Pussy Riot und Michail Chodorkowski, die von Wladimir Putin natürlich auch als Ablenkung vom sexuellen Thema genutzt werden. In Wirklichkeit sind das in Russland ganz schlimme Zustände. Und das in einem Staat, der offiziell als demokratisch gilt.

Da finde ich es toll, wenn homosexuelle Sportler, die es ja auch in Russland gibt, offen Farbe bekennen und Flagge zeigen und für ihre Rechte und die ihrer Mitmenschen kämpfen. Ich finde auch gut, dass Thomas Hitzlsperger das wahrscheinlich mit einkalkuliert hat. Aber die Zustände in Russland sind natürlich auch trotz Hitzlsperger alles andere als schön.    

 

SSUT: Wir bedanken uns für das spontane Gespräch und überlassen Ihnen die letzten Worte. Was wünschen Sie sich in naher Zukunft für Homosexuelle im Fußball?             

 

S.W.: Dass es irgendwann einmal so normal und selbstverständlich ist, dass es kein großes Thema mehr ist. Und dann müssen wir auch kein großes Ding mehr daraus machen, wenn sich jemand outet (lacht).  

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