Die Geister, die er rief...

Mirko Slomka übernahm Hannover 96 in der schwersten Zeit der Vereinsgeschichte und formte die Mannschaft zu einem Spitzenteam. Das droht ihm jetzt zum Verhängnis zu werden.

 

(seko). Wenn die Bundesliga nach dem kommenden Wochenende in die Winterpause geht, sollten eigentlich auch für Spieler, Trainer und Funktionäre die besinnlichen Tage beginnen. Doch vielerorts beginnt gerade bei Trainern mit Beginn der Pause und der Weihnachtszeit das große Zittern um den Arbeitsplatz. Dann, wenn die Hinrunde von Vereinsseite analysiert wird, geht es wahrscheinlich um die Jobs von Jens Keller auf Schalke, Robin Dutt in Bremen, Gertjan Verbeeck in Nürnberg und Mirko Slomka in Hannover.

 

Besonderes Letzterer dürfte im Falle eines Misserfolges am 17. Spieltag beim SC Freiburg mehr als beunruhigt in die Feiertage gehen. Slomka steht mit Hannover aktuell "nur" auf dem zwölften Tabellenplatz und hinkt den Erwartungen der Verantwortlichen in Niedersachsen, insbesondere denen von Präsident Martin Kind, weit hinterher. Europapokal war das Ziel - ja, sogar von der Champions League war die Rede. Tristes Mittelfeld ist die Realität.

 

Schuld an jenen hohen Erwartungen ist dabei Slomka selbst, der in knapp vier Jahren aus einem Abstiegskandidat ein Spitzenteam formte und daran nun selbst zu scheitern droht.

 

Rückblick: Als Slomka Hannover 96 am 19. Januar 2010 übernimmt, befinden sich die Niedersachsen in der größten Krise ihrer Vereinsgeschichte. Der Suizid von Robert Enke im November des Vorjahres zollte bei Spielern, Trainer und Verantwortlichen seinen Tribut und die Mannschaft ist nach blutleeren Auftritten und kuriosen Pleiten seit sechs Spielen ohne Sieg. Slomka, der den glücklosen Andreas Bergmann beerbt, übernimmt die Schwarz-weiß-grünen auf dem 16. Tabellenplatz und muss in seinen ersten sechs Spielen sechs Niederlagen einstecken. Dennoch halten die Verantwortlichen an Slomka fest, der das Ruder tatsächlich herumreißen kann und Hannover sogar ohne den befürchteten Gang in die Relegation am letzten Spieltag zum direkten Klassenerhalt führt.

 

In der Folgezeit belegt Hannover sensationell den vierten Platz und die Niedersachsen träumen lange Zeit sogar von der Champions League. Ein siebter und ein neunter Platz in den Jahren danach belegen, dass sich Hannover endgültig im Fußballoberhaus etabliert hat - zum größten Teil dank Mirko Slomka, der sich vereinsintern immer wieder gegen Widerstände, insbesondere in Form langjährigen Managers Jörg Schmadtke, durchsetzen musste und soliden Offensivfußball spielen ließ. Doch all das scheint nun vergessen.

 

Es ist spekulativ zu fragen, was geschehen wäre, wenn Slomka Hannover nicht übernommen hätte. Es ist jedoch durchaus realistisch zu sagen, dass in der HDI-Arena zumindest für kurze Zeit kein Erstligafußball gespielt worden wäre, geschweige denn Spiele auf Europapokalebene. Der Hildesheimer erwarb sich in Hannover große Verdienste, die jetzt dennoch nichts mehr zählen. Schuld daran ist der mächtige Präsident. Der forcierte vor der Saison die Ansprüche und forderte, dass sich die Mannschaft am Ende der Saison zwischen dem dritten und sechsten Rang einsortieren solle.

 

Dabei fällt auf, dass Hannover vor Saisonbeginn ehemalige Leistungsträger und Spielerpersönlichkeiten wie Sergio Pinto, Mo Abdellaoue oder Konstantin Rausch ziehen ließ, diese aber nicht adäquat ersetzen konnte. Sicher, Kind ist nicht allein für das personalpolitische Versagen in Hannover. Jedoch kann man davon ausgehen, dass der 69-jährige Präsident, der seit 1997 an der Vereinsspitze steht, in etwa einschätzen dürfte, dass junge Spieler wie Edgar Prib oder Leonardo Bittencourt die Lücken kaum auf Anhieb hätten schließen können – trotz Investitionen von knapp zehn Millionen Euro.

Umso unverständlicher ist es, dass sich Kind zum einen kein klares Bekenntnis zu seinem Trainer abringen kann und zum anderen von den utopischen Zielen zu Saisonbeginn nicht öffentlich abweicht, um Mannschaft und Trainer zu entlasten. Stattdessen verflüchtigt sich Kind immer wieder in die branchenübliche Floskel, man werde in der Winterpause die Hinrunde analysieren. Um das minimalste Minimalziel von Punkten in der Hinrunde noch zu erreichen, muss Hannover im Übrigen in Freiburg gewinnen.

 

Im neuen Sportdirektor Dirk Dufner dürfte Slomka endlich einen Verbündeten auf Funktionärsebene gewonnen haben, nachdem sein Vorgänger Schmadtke vereinsintern eher gegen als mit Slomka gearbeitet hat. Dufner bekannte sich in den letzten Wochen mehrfach zu Slomka und verwies auf dessen Verdienste in den letzten Jahren. Und dennoch deutet einiges darauf hin, dass der 46-Jährige trotz der Unterstützung des Sportdirektors an seiner eigenen Arbeit scheitern wird. Die Arbeit, durch die die Ansprüche in Hannover mit dem jetzigen Kader fast unerreichbar wurden und einen mächtigen Präsidenten vollkommen desillusionierten, was die eigene Mannschaftsstärke betrifft.

 

Freiburg wird wohl das Schicksalspiel für Slomka werden. Ausgerechnet Freiburg, die nach einer grandiosen Saison nun tief im Abstiegskampf stecken, doch an Trainer Christian Streich scheinbar festhalten. Vielleicht sollte sich Martin Kind am Samstag mal mit seinen Freiburger Kollegen unterhalten...

 

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