Mit wenig Geld zum besten Jugendspieler der Welt

Der junge Francis Tiafoe ist mit erst 15 Jahren Juniorenweltmeister und will in die Fußstapfen von Andy Roddick treten. Seine Biographie verkörpert dabei den legendären "American Dream".

 

Von Jan Geißler

 

Francis Tiafoe – so heißt der diesjährige Sieger des Orange Bowl, der inoffizielle Tennis-Weltmeisterschaft für Junioren, die jährlich in Florida stattfindet. Im ersten rein-amerikanischen Finale seit neun Jahren besiegte der 15-Jährige den gleichaltrigen Stefan Kozlov, der im Halbfinale den deutschen Juniorenweltranglisten-Ersten Alexander Zvererv geschlagen hatte, mit 7:6 (7:3), 0:6, 6:3 und ist damit der jüngste Sieger des Einzelwettbewerbs in der 67-jährigen Geschichte des prestigeträchtigen Turniers. Hinzu kommt, dass zum ersten Mal überhaupt zwei 15-Jährige das Finale der U18-Konkurrenz bestritten haben.

 

„Zuhause“ auf elf Quadratmetern

 

Angefangen hat alles vor 14 Jahren in der Kleinstadt College Park im US-Bundesstaat Maryland. Genauer gesagt, im dort ansässigen Tennis Center. Ein privater Tennisclub mit Traumautos auf dem Parkplatz, luxuriös ausgestatteten Umkleideräumen, insgesamt 30 Tennisplätzen, Fitnessstudio und einem kleinen Büro. Dieser elf Quadratmeter große Raum, der gleichzeitig als Appartement genutzt werden konnte, wurde zu dieser Zeit von Constant Tiafoe und seinen beiden Zwillingssöhnen Francis und Franklin bewohnt. Ganze elf Jahre war dieses Zimmer für die Drei ihr, wie es der Vater nannte, „Zuhause“.

 

Während Tiafoe Senior als Hausmeister des Tennis Centers arbeitete und regelmäßig seine Runden über die Anlage drehte, sich um die Courts kümmerte, sowie die Mülleimer leerte, war es vor allem Francis, der vom Job seines Vaters letztendlich profitierte. 27.500 US-Dollar hätte das Junior-Programm des Vereins pro Jahr gekostet. Für die meisten Eltern – auch für die von Francis Tiafoe – unbezahlbar. Doch wegen des Jobs im Verein, bekamen seine Söhne die Gelegenheit, kostenlos Tennis zu spielen und mit den besten Trainern zusammenzuarbeiten. Von diesem Moment an war ein junger Tennisstar geboren, der inzwischen in seiner Altersklasse der bestplatzierte US-Amerikaner ist.

 

„Glücksfall und Wunder in einem“

 

Und das alles, obwohl die Tiafoes am Anfang unter all den Wohlhabenden nicht wirklich wahrgenommen wurden. Von wirklich langer Dauer war dieser Zustand jedoch nicht. Francis war erst vier Jahre alt, als er laut Trainer Frank Salazar schon die meiste Zeit einen Tennisschläger in der Hand hielt. „Er hat zugeschaut, wenn ältere Jungs trainiert haben. Und als wir mit dem Training fertig waren, hat er den Ballkorb erneut auf den Platz gerollt und versucht Aufschläge zu trainieren oder eine Runde Mini-Tennis gegen irgendjemanden, der gerade Zeit für ihn hatte, zu spielen“, sagt Salazar in der „New York Times“ und fügt an: „Und plötzlich begann er immer besser zu werden. Er hat wahrscheinlich mehr Tennis geschaut, als alle anderen Kinder zusammen.“

 

Als Francis acht Jahre alt war, wurde Mikhail Kouznetsov als neuer Trainer für die Junioren Mannschaft des Vereins verpflichtet. Dieser wurde wie ein zweiter Vater für die beiden Tiafoe-Brüder. Alphina Tiafoe, die Mutter der beiden Jungs, bezeichnete Kouznetsov gar als „Glücksfall und Wunder in einem“. Kouznetsov selbst sagte, dass seine Frau und er die beiden Zwillinge liebten. So sehr, dass sie sogar für deren Ernährung sorgten, ihnen Tennisklamotten kauften und auch mit ihnen zu den Turnieren fuhren.

 

„Tennis ist mein Leben“

 

Was zwar auf den ersten Blick perfekt klingt, war nicht immer so. Während auch Franklin auf dem Tenniscourt außergewöhnliche Fähigkeiten hatte, konnte er manchmal ziemlich launisch werden. „Du wusstest sofort, dass Franklin spielte, wenn du irgendwo jemanden gehört hast, der andauernd vor sich hin fluchte“, sagt Ken Brody, der Gründer des Junior Teams in College Park. Dies sei jedoch zu Juniorenzeiten auch bei Roger Federer so gewesen, fügt er an. Seinem Bruder Francis bereiteten vor allem die Schulaufgaben immer wieder Schwierigkeiten. Über diese konnte er sich genauso aufregen, wie über die Fitnesseinheiten im Tennis Center. „Er hatte seine guten und schlechten Tage.“, sagt Fitnesstrainer Frank Costello über Francis. Doch solange die Ergebnisse auf dem Platz stimmen, werden ihm diese Aussetzer gerne verziehen.

 

Francis selbst war sich schon recht früh sicher, wohin der Weg einmal gehen soll: „Seit meinem zwölften Lebensjahr weiß ich, dass ich Tennis-Profi werden will. Tennis ist mein Leben“. Ob er Recht behalten wird, muss sich erst noch zeigen. Zwei Sponsorenverträge und der Turniersieg bei „Les Petits As“, einem hochklassigen Jugendturnier in Frankreich, bei dem die größten Nachwuchstalente der Welt antreten, sprechen jedoch für sich. Und jetzt der Gewinn der berühmten Orangen-Schale, des Orange Bowl. Das US-amerikanische Tennis scheint nach langer Zeit mal wieder einen Grund zur Freude zu haben und setzt von nun an große Hoffnungen in den Nachwuchsspieler, der früher oder später einmal in die Fußstapfen von Andy Roddick treten soll – der war übrigens der letzte US-amerikanische Grand-Slam-Sieger.

 

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