Nadal wandelt auf Federers Spuren - Tristesse im deutschen Tennis

Sebastian Koch blickt auf das vergangene ATP-Jahr zurück

Die Tennissaison ist so gut wie vorbei. Doch was hat sie uns gebracht? Blicken wir heute zunächst einmal auf die Herren der Schöpfung.       

Der Gewinner des Jahres ist klar auszumachen – Rafael Nadal begeisterte die Tenniswelt in diesem Jahr und wirkt nach seiner langwierigen Verletzungspause so stark wie nie zuvor. An diesem Gesamteindruck hat sich auch nach der gestrigen Niederlage im WM-Finale gegen Novak Djokovic nichts geändert. Der Spanier hat sich in diesem Jahr vom Rest des Feldes abgesetzt und dieses dominiert, wie es einst die großen Pete Sampras und Roger Federer getan haben.

Neben dem Dauertitel bei den French Open konnte sich Nadal auch bei den US Open die Tenniskrone aufsetzen und wandelt mit nun mehr 13 Grand-Slam-Titeln auf den Spuren Federers. Da der Mallorquiner wohl allein in Paris noch einige Titel sammeln wird, liegt es nahe, dass die 17-Titel-Marke des Schweizers bald fallen wird.

Doch ist Nadal dann auch der beste Spieler aller Zeiten? Meines Erachtens ist er das nicht – der Spanier ist unbestritten der größte Sandplatzspieler aller Zeiten. Um der größte Tennisspieler aller Zeiten zu werden, hätte Nadal jedoch noch mehr andere Grand-Slam-Turniere als nur das auf Sand gewinnen müssen. Acht French-Open-Titeln stehen „nur“ fünf Titel bei den drei anderen großen Turnieren gegenüber. Die Bilanz von Federer (1x French Open/4x Australian Open/7x Wimbledon/5x US Open) ist da etwas ausgeglichener, weshalb er meiner Meinung nach auch weiterhin der größte Spieler aller Zeiten bleiben wird.

 

Der Schweizer spielte derweil seine schwächste Saison seit Jahren, gewann nur ein einziges Turnier und so wurden die Rufen von (sogenannten) Experten nach einem Rücktritt immer lauter. Der sympathische Dominator des vergangenen Jahrzehnts reagierte darauf souverän und dementierte Rücktrittsgerüchte stets. Um bereits aufzuhören, „liebe ich das Tennis einfach viel zu sehr“, lässt sich der 32-Jährige in den Medien zitieren. Und das Tennis liebt Federer viel zu sehr, möchte man fast zwangsläufig ergänzen. 
An alle Experten dieser Tenniswelt! Lasst „Fedex“ doch selbst entscheiden, wann er aufhören möchte. Der Sport profitierte vom Schweizer in Bezug auf Ästhetik und Vermarktung wie von keinem anderen und ganz nebenbei ist Federer auch nach dieser Saison immer noch einer der bekanntesten und beliebtesten Sportler überhaupt. Dem Tennis wird ein Aushängeschild fehlen, wenn er zurücktritt. Warum das forcieren?    
Wie sagte Frank Buschmann im Gespräch mit uns? „Der soll abtreten, wenn er meint, es ist so weit und nicht, weil irgendwelche Kritiker meinen, dass er seinen Ruf nicht beschädigen wird.“ Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

In der Krise befindet sich auch mal wieder das deutsche Herrentennis. Das mag verwunderlich klingen, wenn man bedenkt, dass Tommy Haas das Jahr als Weltranglisten-Zwölfter beenden wird. Aber, es ist eben nur Haas in der erweiterten Weltspitze verteten und der wird gewiss nicht mehr jünger. Es ist bezeichnend, dass sich ein 35-Jähriger in dieser Saison wieder einmal in die Rolle des einzigen Hoffnungsträgers für das deutsche Herren-Tennis gespielt hat.

Man möchte sich gar nicht ausmalen, welche Rolle deutsche Spieler bei Turnieren künftig spielen werden, wenn Haas in ein oder zwei Jahren seinen Schläger endgültig an den Nagel hängen wird. Philipp Kohlschreiber, der mit Achtungserfolgen sein gewaltiges Potenzial zwar immer wieder beweist, spielt nicht konstant genug, um Haas beerben zu können. Und hinter dem Augsburger klafft sowohl in der Weltrangliste als auch in der Leistungsdichte eine große Lücke. Dem deutschen Tennis fehlt es (mal wieder) an Zukunft.

Insgesamt lässt sich sagen, dass die Spitze der ATP enger zusammengerückt ist. Vorbei sind die Zeiten, in der schon zwei Wochen vor einem Grand-Slam-Turnier sicher war, dass Nadal, Novak Djokovic, Andy Murray und Federer im Halbfinale stehen werden. Juan del Potro, Stanislas Wawrinka und David Ferrer haben dem Quartett den Kampf angesagt und sind scheinbar auch in der Lage, die Siegesserie des Vier demnächst unterbrechen zu können. Del Potro war bei den US Open 2009 im Übrigen auch der letzte Spieler, der die "Fantastischen Vier" bei einem Grand-Slam-Turnier besiegen konnte.

Wir Tennisfans können uns darauf freuen, in den nächsten Jahren wieder ein bisschen mehr Abwechslung in der Spitze erleben zu dürfen.

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